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Der Herbst der Reformen Protokoll einer Entfremdung

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Die Blitzlichter tauchen den mittelgroßen Mann in ein blendendes Licht, als komme er gerade von einem anderen Stern. Mit „Herr Bundeskanzler, schauen Sie hierher!“ oder „Gerd!“ feuern ihn die Fotografen an, die an diesem Donnerstagabend das gesellschaftliche Ereignis dieser Woche auf ihren Digitalchips speichern. Noch immer debattiert der Bundestag, inzwischen ohne Besucher. Die Arbeitslosenzahlen sind von Nürnberg aus verkündet und von den Parteizentralen je nach Interessenlage interpretiert worden. Richtig: Es waren 55 100 weniger als im Vormonat: Genauso richtig: Es waren 222 000 mehr als im Vorjahresmonat. Jedenfalls aber sind es 4 151 800 Arbeitslose. In diesem Moment jedoch, als der Kanzler die Treppe zur Eröffnung der neuen Lobbyzentrale von Bertelsmann „Unter den Linden 1“ hoch geht, spielt das nicht die große Rolle. Boris Becker ist da, Verona Feldbusch auch und fast alles, was wichtig ist in Politik und Medien.

Man isst Carpaccio vom Schwertfisch oder getrüffelte Spaghetti oder Sushi, gereicht auf einer CD-Attrappe und nicht nur wegen des ausgezeichneten Chardonnay aus der Steiermark ist die Stimmung bald eine ganz andere, als man sie draußen im Lande so spüren mag. Gerade hat Bertelsmann die Fusion seiner Musiksparte mit der Sonys verkündet, alle haben den Eindruck, die Firma habe das Gröbste hinter sich – und ist damit weiter als die SPD. „Wenn Sie die Reformen durchbringen, dann ist die Wirtschaft begeistert“, ermuntert Bertelsmann-Chef Gunter Thielen den Kanzler.

Der schaut Angela Merkel an, die vor ihm steht, und sagt: „Jetzt geht es darum, dass wir zu vernünftigen Lösungen kommen.“ Gerne hätte sich Gerhard Schröder mit der CDU-Parteichefin an diesem Tag in kleinerem Kreis getroffen, bei einem Steuergipfel, auf dem sie sich idealerweise über die Modalitäten der Steuerreform im kommenden Jahr geeinigt hätten. Sie hätten sozusagen, nach dem Unternehmensvorbild, ihre Steuersparten zusammengelegt. Aber sie mochte nicht. Wenigstens zeigt er ihr an diesem Abend, wer der Chef im Ring ist. Das Gespräch am Caféhaustisch mit der Unternehmensspitze dominiert nur einer.

Als Angela Merkel gegen acht Uhr das Weite sucht, zieht er um in die Lounge im ersten Stock. Und wer ihn da in seinem Ledersessel sitzen sieht, Zigarre rauchend und entspannt nach hinten gelehnt, so dass sich alle anderen vorbeugen müssen, um ihn zu verstehen, wer das also gesehen hat, der weiß, dass der Kanzler noch lange nicht genug von der Macht gekostet hat. Egal, wie oft er seinen Rücktritt auch androhen mag.

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