Deutsch-Intensivklassen Wenn Flüchtlingskinder Deutsch lernen

In der Intensivklasse der Wiesbadener Riehl-Schule lernen Kinder vieler Nationen gemeinsam Deutsch. Mit Händen und Füßen – aber auch bei Gesprächen über ernste Themen. Auch über die Zukunft der Kinder wird gesprochen.
Kommentieren
Im Deutschunterricht wird auch über die Zukunft der Kinder in Deutschland gesprochen. Quelle: dpa
Fremde Sprache, große Pläne

Im Deutschunterricht wird auch über die Zukunft der Kinder in Deutschland gesprochen.

(Foto: dpa)

WiesbadenDer 14-jährige Montasar ist mit seiner Familie aus dem Irak geflüchtet. Seit neun Monaten lebt er in Deutschland. Inzwischen reichen seine Deutschkenntnisse schon eindeutig aus, um selbstbewusst von seinen Plänen für die Zukunft zu erzählen: „Ich liebe Fußball. Ich möchte Fußballer werden.“ Profi wohlgemerkt. Auch seine zwölfjährige Klassenkameradin Lena aus Serbien hat sehr konkrete Ziele: Immobilienmaklerin - „und Volleyballspielen“.

Montasar und Lena besuchen die Deutsch-Intensivklasse der Wiesbadener Wilhelm-Heinrich-von-Riehl-Schule. Dort sitzen am Morgen acht Kinder aus sieben Nationen in einer kleinen Gruppe im Kreis. Die Schüler stammen unter anderem aus dem Iran, Griechenland oder Polen. Ihre Lehrerin Silke Knorr hat ein durchaus brisantes Thema aufgerufen: Es geht um gleiche Rechte für Frauen und Männern. Knorr sagt ihre Meinung dazu: „Dass in manchen Ländern für Mädchen fast alles verboten ist, und für Jungs erlaubt, das ist nicht in Ordnung. Alle Menschen sind gleich.“ Die Kinder nicken.

„Es gibt für mich nichts Schöneres, als mit der Gruppe morgens den Tag zu besprechen“, sagt Knorr. Eine gute Gesprächskultur sei das wichtigste, auch gegen Vorurteile. Innerhalb der bunt gemischten Gruppe gebe es - außer den üblichen Reibereien unter Schülern - keine Konflikte, sagt Knorr. Im Gegenteil. „Ich beobachte einen großen Zusammenhalt.“

Den Eindruck bestätigt auch Direktor Thomas Schwarze. An der Riehl-Schule lernen Kinder aus mehr als 40 Staaten. Natürlich gibt es Streit oder Mobbing über Internetplattformen. „Den Nationalitätenmix sehe ich aber dafür als vernachlässigbar an“, sagt Schwarze. Seine Schule hat bereits seit mehr als 20 Jahren Erfahrungen mit Deutsch-Intensivklassen. „Früher saßen dort überwiegend Einwandererkinder aus EU-Ländern.“ Das wichtigste Ziel sei es, die Zuwanderer in die Regelklasse zu übernehmen, betont der Direktor. Normalerweise klappe das nach etwa einem halben Jahr.

Vom Asylpaket zur Willkommenskultur
Asylpakete
1 von 8

...schnürt die Bundesregierung seit der Krise zwei. In einem ersten ging es noch um viele organisatorische Fragen, etwa die Verteilung von Flüchtlingen und Finanzfragen. Im zweiten Asylpaket wurden dagegen vor allem Verschärfungen vereinbart - Abschiebungen wurden erleichtert, der Familiennachzug wurde ausgesetzt, die Residenzpflicht verschärft.

Die Balkanroute
2 von 8

...wurde zunächst zur Route der Hoffnung für Flüchtlinge und später zum Symbol einer Rückkehr zu scharfen Grenzsicherungen. Genau genommen handelt es sich um die Westbalkanroute. Im vergangenen Jahr kamen fast 770.000 Flüchtlinge von Griechenland über Mazedonien, Serbien und Ungarn in die Staaten Westeuropas. Ungarn baute zur Abwehr der Flüchtlinge als erstes Land einen Grenzzaun, in der Folge schlossen auch die anderen Länder ihre Grenzen und damit im Wesentlichen die Balkanroute.

Entscheider
3 von 8

...werden Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) genannt. Ihre Jobbeschreibung lautet zu entscheiden, ob ein Asylbewerber in Deutschland bleiben kann oder nicht. Diese Mitarbeiter gibt es schon lange - angesichts der Vielzahl unerledigter Fälle musste das Bamf aber zahlreiche neue Entscheiderstellen schaffen.

Flüchtlingsdeal
4 von 8

... heißt ein im März geschlossenes Abkommen zwischen der Europäischen Union und der Türkei. Dieses sieht vor, dass die Türkei auf den griechischen Ägäisinseln ankommende Flüchtlinge zurücknimmt. Nach einem besonderen Mechanismus nehmen die EU-Staaten für jeden zurückgebrachten Syrer einen syrischen Flüchtling aus der Türkei auf. Als Teil des Deals stellte die EU unter anderem Visafreiheit für Türken in Aussicht - gewährt wird diese aber noch nicht. Damit wackelt das als zentrales Instrument zur Bewältigung der Krise geltende Abkommen nach wie vor.

Integrationsverweigerer
5 von 8

...ist eine aus der Politik kommende Charakterisierung für bestimmte Gruppen, die ein hartes Vorgehen der Behörden treffen soll. So wollen die Unionsinnenminister Flüchtlinge, die sich der Integration in Deutschland verweigern, bis hin zur Ausweisung bestrafen. Allerdings ist umstritten, ob es ein solches Verhalten überhaupt gibt - Fachleute bemängeln eher, dass noch immer zu wenige Kurse zur Integration angeboten werden.

Obergrenzen
6 von 8

...für die Aufnahme von Flüchtlingen wurden in der Bundesregierung von der CSU gefordert. Parteichef Horst Seehofer verlangte eine Obergrenze von maximal 200.000 Menschen, konnte dies aber nicht durchsetzen. Allerdings entspannte sich die Lage inzwischen deutlich. So erwartet auch Österreich, das für dieses Jahr eine Obergrenze von 37.500 Asylanträgen setzte, dass diese nicht ausgeschöpft wird.

Subsidiärer Schutz
7 von 8

...wird Menschen gewährt, denen kein individuell begründeter Flüchtlingsstatus zuerkannt wird. Diese erhalten – etwa wegen einer Bürgerkriegssituation in ihrem Land – trotzdem vorerst ein Bleiberecht. Allerdings haben sie einen niedrigeren Status als unter die Genfer Flüchtlingskonvention fallende Menschen. Subsidiär geschützte Flüchtlinge können zwar auch nicht abgeschoben werden, sofern sie keine Straftaten begangen haben, aber sie haben auch kein Recht auf den Nachzug Familienangehöriger. Inzwischen bekommt ein wachsender Anteil von Syrern nur noch subsidiären Schutz.

Ganz gleich, ob die Schüler aus einer Zuwandererfamilie stammen oder nicht: Von den Kindern der Riehl-Schule machen nur wenige Abitur. „Viele haben kaum Unterstützung aus dem Elternhaus“, sagt Schwarze. Aber auch wenn es bei den schulischen Leistungen manchmal hapert - „ganz stark sind viele unserer Kinder im Miteinander und im Emotionalen“.

Was mag die Lehrerin Silke Knorr besonders an ihren Deutsch-Intensivklassen? „Die Freude, mit der die Schüler in die Schule kommen. Und die Offenheit.“ In ihrer Deutsch-Stunde müssen die Kinder auch mal aufstehen und sich bewegen. „Vor dem Gesicht, neben den Ohren, auf dem Kopf“, ruft Knorr - und die Kinder zeigen die Bedeutung der Vokabeln mit ihren Händen.

„Ich möchte Deutsch lernen, schreiben lernen“, erzählt Montasar. Inzwischen klappt es schon einigermaßen mit den lateinischen Buchstaben. Aber sie sehen ein bisschen verschnörkelt aus, erinnern an die Schriftzeichen, die Montasar in der Schule im Irak gelernt hat. Lena hatte schon in ihrer serbischen Heimat Deutsch-Unterricht. Stolz berichtet sie: „Ich kann jetzt Englisch, Deutsch, ein bisschen Russisch und Serbisch.“

Wie sieht Silke Knorr die Zukunft ihrer Schüler? „Man sollte nicht immer nur an das Abitur denken“, für viele könnte sie sich gut einen Job im Handwerk vorstellen. Außerdem brächten die Kinder oft Qualitäten mit, die in Deutschland teilweise etwas aus dem Blick geraten seien. „Die meisten jungen Menschen sind sehr gut erzogen, sehr freundlich.“ Denn in den Familien gebe es oft einen großen Zusammenhalt und liebevolle Unterstützung, sagt die Lehrerin.

  • dpa
Startseite

Mehr zu: Deutsch-Intensivklassen - Wenn Flüchtlingskinder Deutsch lernen

0 Kommentare zu "Deutsch-Intensivklassen : Wenn Flüchtlingskinder Deutsch lernen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%