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DGB-Studie Gewalt gegen Beschäftigte im Öffentlichen Dienst nimmt zu

Eine Studie des DGB zeigt auf, dass zwei Drittel der Beschäftigen bereits Anfeindungen während ihrer Arbeit hinnehmen mussten. Der DGB startet eine Initiative dagegen.
20.02.2020 - 13:53 Uhr Kommentieren
Der Verband will die Gewalt gegenüber allen Berufsgruppen im Dienstleistungssektor stoppen.
Initiative des DGB

Der Verband will die Gewalt gegenüber allen Berufsgruppen im Dienstleistungssektor stoppen.

Berlin „Ich bringe dich sicher ans Ziel. Und du nennst mich Wichser?“, oder: „Ich schaffe Ordnung in deinem Viertel. Und du hetzt deinen Hund auf mich?“ Zwei weiße Slogans auf schwarzem Hintergrund. Daneben das Foto von zwei Personen in Dienstuniform: Sandro Hänel und Janine Jäger. Beide arbeiten im öffentlichen Dienst. Er bei der DB Regio in Leipzig, sie beim Ordnungsamt Berlin. Beide wurden bereits mehrfach Opfer von Anfeindungen am Arbeitsplatz.

So wie ihnen ergeht es mehr als zwei Drittel der Beschäftigten im öffentlichen Dienst: 67 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im öffentlichen und privatisierten Sektor wurden in den vergangenen beiden Jahren während ihrer Arbeit beleidigt, bedroht oder angegriffen. 57 Prozent sagen, dass die Gewalt in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat. Das hat eine Studie ergeben, die der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat.

Bereits das dritte Jahr in Folge tagt der DGB zum Thema Gewalt am Arbeitsplatz. Die diesjährige Konferenz markiert zugleich den Startpunkt der Initiative „Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch“. Die dazugehörigen Plakate mit den Gesichtern von sieben Betroffenen verteilt der DGB ab sofort bundesweit. Hänel und Jäger gehören dazu.

Mit seiner Initiative möchte der DGB die Gewalt gegenüber allen Berufsgruppen im Dienstleistungssektor stoppen. Beschäftigte sollen sich im Job wieder sicher und respektiert fühlen.

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    Die am Mittwoch präsentierte Umfrage sei ein erster, wichtiger Schritt in diese Richtung, meint die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack. „Bisher werden die Übergriffe nur unzureichend erfasst. Die Polizeiliche Kriminalstatistik, der Sicherheitsbericht der Bahn und die Unfallkassen liefern nur unvollständige und schwer vergleichbare Zahlen.“ Daher fordert der DGB über seine eigene Studie hinaus eine Art allumfassende Datenbank. „Nur mit einer soliden Datenbasis lassen sich Prävention und Nachsorge effektiv stärken“, fordert Hannack.

    Insgesamt 2000 Beschäftigte hat das Umfragezentrum Bonn im Auftrag des DGB zu ihren Erfahrungen mit Übergriffen und Respektlosigkeiten am Arbeitsplatz befragt: darunter zum Beispiel Polizisten, Rettungskräfte, Feuerwehrleute, Lehrkräfte und Krankenpfleger.

    Der Azubi der DG Regio fordert mehr Deeskalationsschulungen.
    Sandro Hänel

    Der Azubi der DG Regio fordert mehr Deeskalationsschulungen.

    Mehr als die Hälfte von ihnen wurde in den vergangenen zwei Jahren beleidigt oder angeschrien. Einem knappen Drittel wurde mit Gewalt gedroht. Während der Arbeit angespuckt wurden 13 Prozent aller Befragten und zehn Prozent gaben an, in den vergangenen beiden Jahren sexuell belästigt worden zu sein. Sogar die formal seltenste Form, Angriffe mit Waffen, hat jeder Zwanzigste in diesem Zeitraum bereits erlebt.

    „Die Ergebnisse sind erschreckend“, so Hannack. „Die Zahlen und auch die täglichen Erfahrungen der Beschäftigten zeigen, dass Gewalt für diejenigen, auf die sich unsere Gesellschaft tagtäglich stützt, Alltag geworden ist.“ Nach den Übergriffen kämpft jeder Zweite mit Angst, Stress und Schlafstörungen. 15 Prozent gehen in stationäre medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Mehr als ein Drittel erwägt sogar, die Tätigkeit zu wechseln.

    Für Arno Dick, Bundesfachgruppenleiter Feuerwehr in der Verdi Bundesverwaltung, ist das gleich doppelt alarmierend – denn: „In vielen öffentlichen Dienststellen mangelt es schon heute an Personal“, sagt Dick. „Viele Mitarbeiter sind gestresst und können sich dadurch nicht so schnell und ausgiebig um einen Kunden kümmern, wie sie das sonst machen würden.“

    Das wiederum frustriere die Bürger und erwecke den Eindruck, sich nicht mehr auf öffentliche Institutionen verlassen zu können. Dick weiter: „Weil sie als Repräsentanten des Staates gelten, werden dann vor allem Beamte schnell zum Blitzableiter für aufgestaute Aggressionen.“

    Diesen Eindruck teilen über 70 Prozent der Befragten in der DGB-Studie. Sie machen personelle Engpässe in ihrem Job dafür verantwortlich, dass sie zunehmend dem Frust und den Attacken von Mitmenschen ausgesetzt sind. Fast alle Betroffenen (91 Prozent) vermissen den gesellschaftlichen Respekt gegenüber anderen. „Die Verrohung der Gesellschaft insgesamt“ sei, so Hannack „einer der Hauptgründe für Gewalt gegenüber all jenen, die der Öffentlichkeit dienen.“

    Forderungen nach Deeskalationsschulungen

    Das bestätigen auch die beiden Kampagnen-Gesichter Sandro Hänel und Janine Jäger. „Dass ich, wenn ich durch die Wagons gehe, Wichser geschimpft werde, passiert mir jeden Tag“, erzählt der DB Regio-Azubi Hänel auf der Tagung. „Solche Aussagen lächle ich einfach weg.“

    Und auch Jäger berichtet: „Beleidigungen oder abwertende Kommentare gegenüber meiner Tätigkeit fürs Ordnungsamt höre ich schon gar nicht mehr. Erst wenn dann wieder einmal krassere Dinge passieren und man beispielsweise mit Urin bekippt wird oder der Hund auf einen losgehetzt wird, merkt man, dass da einiges schiefläuft.“

    Unterstützung wünschen sich die Betroffenen vor allem von der Politik und ihren Dienstgebern. Über 80 Prozent fordern konkrete Handlungsanweisungen für Notfälle, Schulungen zu Deeskalationsmaßnahmen und den Einsatz von Sicherheitstechniken wie Alarmknöpfe oder Personenschleusen.

    „Wenn ich genau wissen würde, wie man mit aggressiven Fahrgästen umgeht oder ich mich im Notfall auch besser selbst verteidigen könnte, würde ich mich im Zug deutlich wohler fühlen“, sagt Hänel.

    Neben einem Anspruch auf Weiterbindungsangebote zum Umgang mit Gewalt, will der DGB auch regelmäßig Gefährdungsanalysen von Führungskräften durchführen lassen und mehr Geld von Bund, Länder und Kommunen für Personal, Material und Sicherheitsausrüstung einfordern.

    Allen voran möchte er aber einen Wandel im öffentlichen Bewusstsein erreichen: „Auch wenn wir häufig von den Leistungen des Staates enttäuscht sind – die körperliche und seelische Unversehrtheit der Beschäftigten ist zu wahren“, fordert Hannack. Das müsse im öffentlichen Bewusstsein wieder klar verankert werden. „Ab sofort darf keiner mehr vergessen: Hier arbeitet ein Mensch!“

    Mehr: Auch sexuale Belästigung zählt zu den weit verbreiteten Problemen am Arbeitsplatz.

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