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Digital Health Wie fünf Start-ups einen Hauch von Silicon Valley ins Gesundheitsministerium bringen

Fünf innovative Unternehmen zeigen Jens Spahn ihre Ideen für den Gesundheitssektor. Der Minister will daraus eine Digitalisierungsstrategie formen.
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Die Möglichkeiten für ‧IT-Technik im Gesundheitswesen sind noch lange nicht ausgeschöpft. Quelle: Blend Images/Getty Images
Wissenschaftler vor Hologramm

Die Möglichkeiten für ‧IT-Technik im Gesundheitswesen sind noch lange nicht ausgeschöpft.

(Foto: Blend Images/Getty Images)

BerlinAls Start-up-Unternehmer kann Henrik Matthies seine Geschäftsidee routiniert in einen fünfminütigen Kurzvortrag verpacken. Bei dem Pitch am Donnerstag in Berlin geht es für den Chef von Mimi Hearing Technologies, das eine Hörtest-App für Smartphones entwickelt hat, aber nicht um die Millionen eines Investors.

Es geht um die Aufmerksamkeit von Beamten, die den regulatorischen Rahmen des mehr als 330 Milliarden Euro schweren deutschen Gesundheitsmarkts setzen. Und um das Interesse ihres Chefs, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Spahn sieht die Digitalisierung des Gesundheitswesens als Chance für eine bessere und effizientere Versorgung. Vor einigen Jahren hat er das Buch „App vom Arzt“ mitverfasst, der Band liest sich wie ein Manifest der digitalen Revolution in der Medizin.

Und weil sich die Gesundheitsbürokratie jetzt auch stärker mit dem Zukunftsthema befassen soll, hat der CDU-Politiker fünf Start-up-Unternehmer in das lichtdurchflutete Atrium seines Ministeriums eingeladen. Die Veranstaltung läuft unter dem Motto „Innovation trifft Politik“. Das Ergebnis: Die Politik ist neugierig. Die Innovatoren sind ungeduldig.

„Mein Ziel ist es, kreative Wege für einen schnelleren Einsatz neuer Technologie und digitaler Entwicklungen und Produkte im Gesundheitsmarkt zu finden“, erklärt Spahn dem Handelsblatt, warum in sein Haus zumindest für einen Nachmittag ein Hauch von Silicon Valley einzieht.

„Bevor wir etwas regulieren, sollten wir es verstehen.“ Daher wünsche er sich, dass „alle Kollegen im Ministerium ein Gefühl dafür bekommen können, was da in der digitalen Gesundheitsszene abgeht“.

Einer, der weiß, was in der Szene so abgeht, ist Matthies. „Die Rahmenbedingungen im Bereich Digital Health machen es in Deutschland sehr schwierig, mit einem Start-up Erfolg zu haben“, sagt er. Seine 2014 gegründete Firma sitzt in Berlin und hat mittlerweile knapp 50 Mitarbeiter.

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Mit der Hörtest-App von Mimi werden Nutzer auch präventiv auf die Folgen von Lärmbelastung aufmerksam gemacht – und können mit der Anwendung die auf ihrem Smartphone abgespielte Musik an ihr Hörprofil anpassen.

Zwar würden digitale Lösungen im Gesundheitssektor nicht mehr als „Spielerei“ abgetan, sagt Matthies. Aber insgesamt passiere zu wenig – obwohl die Bundesrepublik eigentlich ein „Land voller Ideen“ sei, ein starker Wissenschaftsstandort, der größte Einzelmarkt in Europa. Die Diagnose des E-Health-Unternehmers: „Es fehlt am Willen, das komplizierte, behäbige System für digitale Player zu öffnen.“

Deutschland hinkt hinterher

Im internationalen Vergleich, vor allem mit Blick auf die skandinavischen Länder, hinkt Deutschland bei der Anwendung von E-Health-Lösungen hinterher. Sinnbildlich dafür steht die elektronische Gesundheitskarte. Seit fast 15 Jahren tüftelt die Selbstverwaltung aus Kassen, Ärzteschaft und Krankenhäusern an einer Vernetzung von Patientendaten.

Die technische Lösung gilt schon als veraltet, bevor sie Anfang kommenden Jahres überhaupt den ersten Mehrwert bringen soll. Der bislang einzig geplante Zugang zu den Daten läuft über ein Kartenlesegerät mit PIN-Nummer. Spahn will Smartphone-Apps als weitere Anschlussstelle an das sichere Gesundheitsdatennetz ermöglichen, die gesetzlichen Grundlagen dafür könnten noch in diesem Jahr geschaffen werden.

Bei seinem Amtsantritt im März kündigte Spahn außerdem an, einmal im Quartal Jungunternehmer mit Vertretern aus dem politischen und regulatorischen Bereich des Gesundheitswesens zusammenzubringen. Bei der Auftaktveranstaltung von „Innovation trifft Politik“ bemüht sich das Gesundheitsministerium um eine lockere Atmosphäre. Statt auf symmetrische Stuhlreihen können sich die Gäste auf bewusst unordentlich verteilte weiße Lederhocker setzen. Die meisten Teilnehmer stehen ohnehin lieber und lassen sich farbenfrohe Schorlen servieren.

„Fünf Start-ups bekommen die Chance zu zeigen, was sie können“, sagt Spahn und bewegt sich mit dem Mikrofon in der Hand über die Bühne. Ein bisschen wirkt er wie der Moderator einer Fernsehsendung, der am Ende über das Schicksal der Kandidaten zu befinden hat. Bis zum Ende kann der Minister dann aber gar nicht bleiben. Eine Abstimmung im Bundestag, entschuldigt er sich. Da laufe alles noch so analog.

Dem Handelsblatt sagt Spahn, dass sich die Politik der Start-up-Szene „noch stärker öffnen“ müsse. „Die meisten Anwendungen der Digitalisierung finden nicht im klassischen System, sondern im freien, sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt statt.“ Diese Innovationen müssten nun schneller im Versorgungsalltag der Menschen ankommen.

Die Hürden für Start-ups im digitalen Gesundheitssektor, mit ihren Angeboten in die Regelversorgung aufgenommen zu werden, sind hoch. „Es ist ein Kampf um den Kuchen“, sagt Matthies mit Blick auf das dreistellige Milliardenvolumen des Marktes. „Es gibt die, die drinnen sind, und die, die draußen sind.“

Drinnen sind für den Gründer die Krankenkassen, Ärzte, die anderen Einflussgruppen der Selbstverwaltung. Sie alle entscheiden im sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), was in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen wird. Das Erprobungs- und Beschlussverfahren für neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden dauert Jahre.

„Das bisherige System ist nicht geeignet, mit der Geschwindigkeit der Innovation mitzuhalten“, kritisiert Matthies. Der Aufwand in den G-BA-Verfahren ist aber durchaus sinnvoll: Nicht zuletzt die Versicherten haben ein Interesse daran, dass der medizinische Nutzen einer Anwendung wissenschaftlich belegt ist, ehe die Anbieter an die Geldtöpfe der Krankenkassen gelassen werden.

Wenn Spahn vor Verbänden im Gesundheitswesen spricht, wie im Mai beim Deutschen Ärztetag, macht er immer wieder deutlich, dass sich die digitale Entwicklung nicht aufhalten lasse. Die Frage sei nur, ob in einigen Jahren heimische Unternehmen oder US-Branchenriesen wie Apple oder Google den E-Health-Markt in Deutschland dominieren werden.

Entscheidend sei dabei auch, was mit den Gesundheitsdaten der rund 82 Millionen Bundesbürger geschieht. Nutzt das deutsche Gesundheitswesen diesen Schatz für Forschung und Entwicklung selbst und garantiert dabei die strengen europäischen Datenschutzbestimmungen – oder fließt der digitale Rohstoff in andere Weltregionen ab?

Firmengründer Matthies sieht das ähnlich. „Digital Health passiert. Völlig egal, ob sich deutsches Gesundheitssystem damit beschäftigt oder nicht“, sagt er. „Die Patienten, bei uns heißen sie eigentlich User, machen das sowieso.“

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