Digitale Arbeitsgesellschaft Heils Denkfabrik will kein „Ufo“ im Arbeitsministerium sein

Das Arbeitsministerium startet seine Denkfabrik zur Digitalisierung. Die Erwartungen sind hoch. Aber was ist die genaue Aufgabe der Truppe?
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Heils Denkfabrik will kein „Ufo“ im Arbeitsministerium sein Quelle: dpa
Roboter „Pepper“:

Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus?

(Foto: dpa)

BerlinDie Digitalisierung wird unsere Arbeitswelt grundlegend verändern, darin sind sich die meisten Experten einig. Aber in welche Richtung die Reise geht, ist noch keineswegs klar.

Werden mehr neue Jobs geschaffen als alte wegbrechen? Ist die Plattformökonomie eher Fluch oder Segen für die Beschäftigten? Funktionieren unsere sozialen Sicherungssysteme oder die Mitbestimmung noch, wenn Begriffe wie Arbeitnehmer oder Arbeitsplatz immer schwammiger werden?

Antworten auf Fragen wie diese soll künftig ein kleines Expertenteam im von Hubertus Heil (SPD) geführten Arbeitsministerium finden. An diesem Donnerstag nimmt die neue Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft offiziell ihre Arbeit auf. Chefin ist Heike Zirden, seit 2009 im Ministerium und zuletzt kommissarische Leiterin der Unterabteilung Zukunft der Arbeitswelt.

Zum Auftakt gibt es einen Dialog zwischen Wissenschaft, Kunst und Politik, am Freitag folgt ein Kolloquium mit rund 20 Forschungseinrichtungen. Danach beginnt die Alltagsarbeit.

Zwölf Mitarbeiter sollen sich dann in einem neu eingerichteten Großraumbüro im ersten Stock des Ministeriums Gedanken über die Zukunft machen. Sie sitzen an neuen weißen Schreibtischen, getrennt nur durch kleine Schallschutzschirme. An der Wand hängen drei riesige Flatscreens, über die Mal Echtzeitdaten und Grafiken laufen sollen. Ein Hauch von Zukunft im ehemaligen NS-Propagandaministerium, in dem das Arbeitsressort seinen Sitz hat.

Es gehe darum, Trends schneller analysieren zu können und eine strategische Vorausschau zu liefern, beschreibt Heils Staatssekretär Björn Böhning die Aufgabe der Truppe, die bislang erst aus sieben Köpfen besteht, die fehlenden sollen bald kommen.

Anknüpfend an das „Weißbuch“ zur digitalen Arbeitswelt von Heils Amtsvorgängerin Andrea Nahles wird sich die Denkfabrik vor allem um drei Fragen kümmern. Wie kann verhindert werden, dass in der Plattformökonomie ein Heer schlecht abgesicherter Soloselbstständiger entsteht?

Wie wird Künstliche Intelligenz (KI) die Abläufe in den Unternehmen verändern und was heißt das für die Beschäftigten? Hier soll die Denkfabrik auch an der KI-Strategie der Bundesregierung mitwirken. Und schließlich: Was muss für Weiterbildung und Qualifizierung getan werden, wenn im Zuge der Digitalisierung die Jobs von mindestens 1,5 Millionen Menschen in den kommenden 12 Jahren verschwinden oder sich grundlegend wandeln werden?

„Wir sollten Digitalisierung nicht nur als technologischen, sondern auch als sozialen Prozess verstehen“, sagt Böhning. Es gehe darum, Digitalisierungsgewinne gerecht zu verteilen. Der Staatssekretär will die Denkfabrik, die der von Julia Borggräve geleiteten neuen Abteilung „Digitalisierung und Arbeitswelt“ untersteht, aber nicht als abgehobenen Thinktank verstanden wissen.

Vielmehr soll sie auch eine „Inhouse-Beratung“ für andere Abteilungen sein. Etwa wenn es um die Frage gehe, welche digitalen Assistenzsysteme Behinderten das Leben erleichtern könnten. Die Denkfabrik wolle „kein Ufo im Haus sein“, sagt Böhning.

Dass sie aber von vielen Mitarbeitern im Arbeitsministerium genau so gesehen wird, ist kein Geheimnis. Und auch der Bundesrechnungshof hatte schon im Mai in seinem Bericht an den Haushaltsausschuss des Bundestags Zweifel angemeldet – damals noch unter der Annahme, dass in der Denkfabrik nur neun Mitarbeiter arbeiten sollen.

So bestehe die neue Organisationseinheit aus vier Führungskräften und fünf Mitarbeitern, heißt es im Bericht der Rechnungsprüfer. Der Leitung der Abteilung „Digitalisierung und Arbeitswelt“ und ihrer Vertretung seien lediglich vier Referate, der Leitung der Denkfabrik lediglich drei Referatsleitungen mit insgesamt fünf Beschäftigten untergeordnet.

„Mit dieser Struktur sind die jeweiligen Leitungsspannen und damit die Verantwortungsbereiche ausgesprochen minimalistisch ausgeprägt“, schreibt der Rechnungshof. Übersetzt heißt das: Es gibt zu viele Häuptlinge für zu wenige Indianer.

Staatssekretär Böhning verteidigt die neue Struktur. Man habe die bewilligten neuen Stellen nicht einfach bestehenden Abteilungen zuschlagen, sondern in einem schlagkräftigen Team bündeln wollen. Aus dem Vollen schöpfen kann die Denkfabrik ohnehin nicht. Stimmt der Bundestag dem neuen Haushalt zu, liegt ihr Etat bei drei Millionen Euro.

Denkfabrik hin oder her – die Wirtschaft wie auch Unionspolitiker fordern, dass sich das Arbeitsministerium jetzt nicht in strategischen Zukunftsdebatten verliert, sondern zentrale Fragen der digitalen Arbeitswelt direkt angeht.

„Arbeitgeber haben nichts gegen eine Denkfabrik, jedenfalls dann nicht, wenn dem Denken sinnvolles Handeln folgt“, sagte der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Steffen Kampeter, dem Handelsblatt.

Bei etlichen Themen gebe es jedoch kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Ein prominentes Beispiel sei das Arbeitszeitgesetz: Jeder wisse, dass die starren Regeln nicht mehr zeitgemäß seien und die dringend benötigte Flexibilität von Arbeitgebern und Arbeitnehmern einschränkten, sagte Kampeter. „Hier brauchen wir keinen Gesprächskreis, sondern endlich einen mutigen Zukunftsentwurf der Großen Koalition.“

Ähnlich äußerte sich auch CSU-Arbeitsmarktexperte Stephan Stracke: Österreich habe es im Sommer dieses Jahres mit seiner Novelle des Arbeitszeitgesetzes vorgemacht. „Dort hat es auch keinen Volksaufstand gegeben. Was unsere Nachbarn schaffen, sollte Ansporn auch für den deutschen Gesetzgeber sein“, sagte Stracke dem Handelsblatt. Er erwarte von Arbeitsminister Heil konkrete gesetzgeberische Vorschläge zur Umsetzung des Koalitionsvertrages und nicht endlose Diskussionsprozesse.

Staatssekretär Böhning bittet bei diesem Thema aber weiter um Geduld. Das Ministerium werde „zum nächsten Jahr“ Vorschläge für eine Novellierung des Arbeitszeitgesetzes machen. Mehr Freiraum könne es aber nur „in einer engen tarifgebundenen Arena geben“.

Union und SPD hatten im Koalitionsvertrag versprochen, im Arbeitszeitgesetz „Experimentierräume“ für tarifgebundene Unternehmen zu schaffen. Sie sollen unter bestimmten Voraussetzungen von täglichen Höchstarbeits- oder Ruhezeiten abweichen können.

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