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Digitales Gesundheitswesen Krankenkassen haben Milliarden für IT ausgegeben – und müssen bald nochmal zahlen

Die staatlich verordnete Digitalisierung des Gesundheitssystems weist einen Konstruktionsfehler auf. Auf die Krankenkassen kommen hohe Kosten zu.
26.11.2020 - 08:02 Uhr 1 Kommentar
Der Gesundheitsminister wird für sein Tempo bei der Digitalisierung viel gelobt – macht sich dabei aber auch Feinde. Quelle: Reuters
Jens Spahn

Der Gesundheitsminister wird für sein Tempo bei der Digitalisierung viel gelobt – macht sich dabei aber auch Feinde.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Mehr als eintausend Euro kosten die kleinen Boxen jeweils. Unscheinbar stehen sie in Arztpraxen sowie Krankenhäusern und muten kaum spezieller als ein Internetrouter an. Doch sie stellen den zentralen Baustein für die Digitalisierung des Gesundheitswesens dar. Die sogenannten Konnektoren ermöglichen den Zugang zur Telematikinfrastruktur (TI).

Das verschlüsselte staatliche Netzwerk ermöglicht den deutschen Gesundheitsinstitutionen den Austausch von Daten; das sind derzeit Notfalldaten, Medikationspläne und Arztbriefe, im nächsten Jahr außerdem digitale Patientenakten, Rezepte und Krankschreibungen. Eine Hardwarebox für den Datenaustausch, das klingt in Zeiten von Smartphones und Cloud-Computing aus der Zeit gefallen – und ist es auch. Das Konzept für den Konnektor ist zwei Jahrzehnte alt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will das System deshalb neu aufstellen. Entwickelt werden soll ein „Zukunftskonnektor“. Damit sollen Ärzte oder Therapeuten auch von unterwegs auf die TI zugreifen können und Patienten sich digital anstatt mit Chipkarten anmelden können.

Doch was die Politik als visionäre Neuaufstellung des Gesundheitssystems verkauft, ist auch die Reaktion auf einen vor Jahren begangenen elementaren Konstruktionsfehler des gesamten Systems – was deshalb nun für Aufruhr bei denjenigen sorgt, ohne die der Minister seine Digitalstrategie nicht umsetzen kann.

Hintergrund ist, dass die heute eingesetzten Hardwareboxen nach fünf Jahren schrottreif sind, weil dann ihr Sicherheitszertifikat ausläuft. Das Konnektor-Sterben wird bald beginnen, zeigt eine Kleine Anfrage der Grünen, die dem Handelsblatt vorliegt. Ab September 2022 werden die ersten Konnektoren unbrauchbar, bis Ende 2023 sind es voraussichtlich 39 Prozent aller Geräte.

Geschätzte zwei Milliarden Euro Kosten – bis jetzt

Vertreter der gesetzlichen Krankenversicherung, die die Konnektoren für Ärzte und Co. bezahlen muss, toben. Sie stehen wegen der Corona-Pandemie vor einer milliardenschweren Finanzlücke, über eine Verdopplung der Zusatzbeiträge wird diskutiert. Da kommt die Nachricht über eine Rechnung für etwas, das sie schon einmal bezahlt haben, reichlich ungelegen. Dass es einen moderneren Konnektor geben muss, daran gibt es keinen Zweifel. Doch hätte man auf diesen warten oder andere Regeln für die Erstattung einführen sollen.

Die Politik war zwar nicht maßgeblich für die fehlende Erneuerbarkeit der Konnektor-Zertifikate verantwortlich, wollte aber Tempo in das Projekt bringen und nicht auf einen Zukunftskonnektor warten. Die Sorge: Wenn Patienten nicht das Projekt mit deutschen Regeln zur Verfügung hätten, würden sie auf digitale Gesundheitslösungen aus dem Ausland wie von Amazon oder Alibaba setzen.

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Schätzungsweise zwei Milliarden Euro haben die Ausstattung und der Betrieb mit den alten Konnektoren bis heute schon gekostet. Bis der Zukunftskonnektor startet, müssen noch weitere Tausende Ärzte und Apotheker angeschlossen werden. „Die Kosten für die Ausstattung mit Hardwarekonnektoren sind viel zu hoch. Das ist nicht im Sinne der Beitragszahler“, findet etwa Martin Litsch, Chef des AOK-Bundesverbands.

Der Konnektor wird so zum Symbol des Widerstands gegen Spahns Digitalisierungspläne. Alle sind sich einig: Spahn mache einen guten Job, den digitalen Rückstand des deutschen Gesundheitswesens aufzuholen. Doch ist sein Weg umstritten, das gilt nicht nur für den Konnektor.

Die Daten etwa für Notfälle und Medikationspläne werden auf den Gesundheitskarten der Patienten gespeichert, die Projekte laufen gerade an. Jetzt plant der Minister bereits, diese Daten ab 2023 schrittweise in ein anderes System zu bringen, um sie von den Karten unabhängig zu machen – eine weitere doppelte Rechnung für die Kassen.

Die größte Rechnung bleibt aber wohl die für den Konnektor – auch weil es sein kann, dass einige Ärzte ein zweites Mal einen alten Konnektor finanziert bekommen müssen. Laut einem aktuellen Gesetzentwurf soll der Zukunftskonnektor 2023 zur Verfügung stehen. Dann aber sind die ersten alten Konnektoren wie erwähnt nicht mehr funktionsfähig.

„Der Zukunftskonnektor scheint bislang wenig ausgereift zu sein“, kritisiert Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen. Markus Leyck Dieken, Chef der Gematik, die mehrheitlich zum Gesundheitsministerium gehört und für die TI verantwortlich ist, entgegnete kürzlich auf einer Handelsblatt-Veranstaltung, der Zeitplan sei „ausreichend“ für eine zufriedenstellende Lösung.

Die Geräte verschiedener Hersteller ermöglichen den Zugang zum Gesundheitsdaten-Netzwerk – bisher per Hardware. Quelle: T-Systems
Konnektor

Die Geräte verschiedener Hersteller ermöglichen den Zugang zum Gesundheitsdaten-Netzwerk – bisher per Hardware.

(Foto: T-Systems)

Bislang hatten die politisch Verantwortlichen versucht zu besänftigen, dass immerhin die neuen Konnektoren auf Softwarebasis deutlich günstiger würden. Doch Regierungs- und Industriekreise sind sich sicher, dass man sich nicht vollständig von Hardware verabschieden könne. Sicherlich werde sie verschlankt und besser integriert. Doch ganz ohne werde es nicht gehen.

„Ich glaube nicht, dass wir den Hardwarekonnektor so schnell einfach abschaffen können. Das wäre aus Gründen der Datensicherheit nicht zumutbar“, findet auch SPD-Parlamentarier Dirk Heidenblut. Zudem sorgt man sich wegen der Betriebssicherheit. Den gesamten TI-Zugang einer Praxis über eine Software laufen zu lassen sei, als „schieße man sich mit der rechten Hand in das linke Knie“, sagt ein Insider.

Von der Gematik hieß es hingegen auf Anfrage, dass eine solche Lösung denkbar sei. Dabei würden nicht ganze Netzwerke angeschlossen, sondern jeweils einzelne Dienste angesprochen: „Solche Lösungen ermöglichen es besser, dem Kommunikationsbedarf mit anderen Diensten im Internet entgegenzukommen, zum Beispiel Videosprechstunde oder Fernwartung der Praxis-IT-Infrastruktur.“ Zur finanziellen Frage könne noch keine Aussage getroffen werden.

Anschuldigung in interner Sitzung

Fragwürdig erscheint auch, ob innerhalb eines halben Jahres aus einem Konzept tatsächlich ein einsatzfähiges System entstehen kann. Denn die Gematik soll die Zukunftskonnektor-Vorgaben erst Mitte 2022 fertigstellen. Aufgrund dieser Zeitplanungen kommt selbst in der Industrie, die den Zukunftskonnektor voraussichtlich bauen soll, Unmut auf. Das mag zwar finanziell lukrativ erscheinen. Doch der Markt ist komplex und der Druck hoch, denn die hochgelobte Digitalisierungsoffensive Spahns funktioniert nur, wenn die IT-Wirtschaft mitspielt.

Unternehmensvertreter berichteten dem Handelsblatt von einem kürzlichen Treffen zwischen der Gematik und Industriespitzen. Die Industrie müsse einfach mehr Ressourcen für die Projekte einplanen, soll ein Gematik-Vorstand dabei gefordert haben. Ein Unternehmenschef soll geantwortet haben: „Ich kann mit einer Frau ein Kind zeugen, dann dauert es bis zur Geburt neun Monate. Ich kann aber nicht mit neun Frauen ein Kind zeugen und erwarten, dass es dann einen Monat dauert.“

Mehr: Gesundheitsminister Spahn arbeitet an einem weiteren Digitalgesetz

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1 Kommentar zu "Digitales Gesundheitswesen: Krankenkassen haben Milliarden für IT ausgegeben – und müssen bald nochmal zahlen"

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  • Der Gesundheitsfond als Beitragstopf der gesetzlich/freiwillig Versicherten in der gesetzlichen Krankenkasse wird seit Bestehen an den jeweiligen Regierungen, besonders von der jetzigen, permanent für irgendwas angezapft. Insofern wundert mich nicht, dass das digitale System auch wieder von den Beitragszahlern bezahlt wird. Der Nutzen dieser ganzen Aktion erschließt sich mir noch nicht, besonders im Hinblick auf unsere Datenschutzbestimmungen.

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