Digitalisierung Abschied vom Acht-Stunden-Tag – Arbeitgeber erhöhen den Druck

Das Arbeitszeitgesetz ist veraltet und starr, monieren Arbeitgebervertreter. Gewerkschafter befürchten ein Leben ohne Feierabend. Nun ist der Arbeitsminister am Zug.
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Gesteigerte Konzentration, höhere Effizienz – Der 5-Stunden-Arbeitstag im Test

BerlinHans Peter Wollseifer will es, Ingo Kramer will es auch: Der Handwerks- und der Arbeitgeberpräsident erhöhen den Druck auf den neuen Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), das Arbeitszeitgesetz zu lockern.

Die starren Regelungen passten nicht mehr in das Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung, argumentieren die Wirtschaftsvertreter. Die Beschäftigten arbeiteten mit Smartphone und Tablet, aber das Arbeitszeitkorsett stamme noch aus den Zeiten von Fax und Wählscheibe.

Tatsächlich sind die einschlägigen Bestimmungen knapp ein Vierteljahrhundert alt. Laut Arbeitszeitgesetz aus dem Jahr 1994 ist im Regelfall nach einem Acht-Stunden-Tag Feierabend. In Ausnahmefällen kann auch zehn Stunden täglich gearbeitet werden.

Dann hat der Arbeitnehmer aber Anspruch darauf, an anderen Tagen früher zu gehen, so dass innerhalb eines Zeitraums von sechs Monaten die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit von acht Stunden nicht überschritten wird.

Geregelt ist im Arbeitszeitgesetz zudem, dass Arbeitnehmern nach Feierabend eine elfstündige ununterbrochene Ruhezeit zusteht. Begründet wird diese mit dem Gesundheitsschutz und der Arbeitssicherheit.

Aus Sicht der Wirtschaft sind diese Regelungen allerdings für die digitale Welt untauglich. Beispiel Ruhezeit: Nach körperlich anstrengender Arbeit oder dem Hantieren mit einer gefährlichen Maschine, die hohe Konzentration erfordert, sind die elf Stunden sicher gerechtfertigt. Aber gilt das auch für die Arbeit im Büro?

Nein, sagen die Arbeitgeber. Im Gegenteil. Die Ruhezeitregelung stehe sogar neuen Freiräumen entgegen, die die Digitalisierung den Beschäftigten biete. Denn wenn ein Beschäftigter nachmittags früher das Büro verlasse, um seine Kinder zum Sport zu bringen, sich dafür aber abends um zehn zu Hause noch eine Stunde an den Computer setze, dann dürfe er morgens erst um zehn Uhr wieder im Büro erscheinen, um nicht gegen das Gesetz zu verstoßen.

Neben einer Reform der Ruhezeit fordert die Wirtschaft auch eine Umstellung der Höchstarbeitszeit von einer täglichen auf eine wöchentliche Basis. Die EU-Arbeitszeitrichtlinie sieht hier ein Limit von 48 Stunden vor.

Die Arbeitgeber versichern, dass es ihnen nicht um Mehrarbeit gehe, sondern nur darum, die Arbeitszeit anders zu verteilen – je nach Auftragslage oder Bedarf. In der globalisierten Welt könne es wegen der Zeitverschiebung eben auch mal erforderlich sein, abends um zehn Uhr mit dem Geschäftspartner in Los Angeles zu telefonieren.

Ruhezeit verkürzen

Die Gewerkschaften hingegen fürchten eine Entgrenzung der Arbeit und ein Leben ohne Feierabend. In einzelnen Unternehmen etwa der Automobilindustrie haben die Betriebsräte deshalb bereits Betriebsvereinbarungen zum mobilen Arbeiten abgeschlossen. Beschäftigte haben etwa die Möglichkeit, von zu Hause geleistete Arbeit zu erfassen und in Arbeitszeitkonten zu verbuchen. In einigen Firmen werden dienstliche E-Mails nach Feierabend oder am Wochenende erst gar nicht mehr an die Mitarbeiter weitergeleitet.

Arbeitsminister Heil steht also unter hohem Erwartungsdruck von beiden Seiten. Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD nur geeinigt, „Experimentierräume“ zu schaffen, in denen Arbeitgeber und Gewerkschaften tarifliche Abweichungen vom Arbeitszeitgesetz beschließen können. „Auf Grundlage von diesen Tarifverträgen kann dann mittels Betriebsvereinbarungen insbesondere die Höchstarbeitszeit wöchentlich flexibler geregelt werden“, heißt es dort. Von der größeren Flexibilität sollen aber nur tarifgebundene Unternehmen profitieren können.

Den Unternehmen geht das nicht weit genug. „Die deutsche Wirtschaft braucht mehr als bloße Experimentierräume, wir fordern mit Nachdruck ein grundlegendes Update des Arbeitszeitgesetzes“, sagte Arbeitgeberpräsident Kramer der „Rheinischen Post“.

Neben der wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden fordert die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) die Möglichkeit, die vorgeschriebene gesetzliche Ruhezeit von elf auf neun Stunden zu verkürzen. Diese soll den Beschäftigten zudem in zwei Blöcken gewährt werden, so dass etwa das abendliche Telefonat mit dem Geschäftspartner in den USA oder die Beantwortung einiger dienstlicher Mails kurz vor dem Schlafengehen nicht ins Gewicht fällt.

Die FDP hat bereits einen Gesetzentwurf für eine weitreichende Lockerung des Arbeitszeitgesetzes in den Bundestag eingebracht. Die Liberalen wollen den Sozialpartnern erlauben, per Tarifvertrag anstelle einer täglichen Höchstarbeitszeit ein wöchentliches Limit von durchschnittlich 48 Stunden und eine Verkürzung der vorgeschriebenen Ruhezeit von elf Stunden vereinbaren zu dürfen.

Der Entwurf geht damit über die Pläne hinaus, die die damalige Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) schon in der vergangenen Legislaturperiode vorgelegt hatte. Sie wollte etwa die Öffnungsklauseln im Arbeitszeitgesetz nur zeitlich befristet erlauben. Auch sollten für Abweichungen vom geltenden Recht neben einem Tarifvertrag auch eine Betriebsvereinbarung und die Zustimmung der betroffenen Arbeitnehmer erforderlich sein.

Die FDP will als Bedingung dagegen nur den Tarifvertrag, auf den dann auch nicht tarifgebundene Unternehmen Bezug nehmen könnten. Zudem soll eine Verkürzung der Ruhezeit unabhängig von der Tätigkeit möglich sein – und nicht nur dann, „wenn die Art der Arbeit dies erfordert“, wie es heute im Gesetz heißt.

Der Bundestag hatte Mitte März über den FDP-Gesetzentwurf debattiert und ihn dann an den Ausschuss für Arbeit und Soziales überwiesen. Nun ist Arbeitsminister Heil am Zug, die Pläne aus dem schwarz-roten Koalitionsvertrag zu konkretisieren. 

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  • Es soll weniger belastend sein, 8 h am PC zu sitzen ohne Effizienz- und Konzentrationsverlust? Das wäre mir neu und nicht allzu realitätsnah.

  • Schon interessant, dass Digitalisierung immer dann ins Feld geführt, wenn die Arbeitnehmerrechte ausgehöhlt werden sollen... Warum pendeln denn so viele Arbeitnehmer tagtäglich zwischen Wohnung und Arbeitsplatz? Weil viele Unternehmen (gerade auch solche mit den angeblich leichten Bürojobs) immer noch der antiquierten Vorstellung vom Absitzen der Arbeitszeit nachhängen, anstatt nach Arbeitsleistung zu gehen!? Weil es so eine tolle digitale Infrastruktur gibt und so viele Home Office-Arbeitsplätze!?

    Und die vorbildhaften Chefs, sollten dann bitte auch mal ihre Gehaltszettel mit denen ihrer Mitarbeiter vergleichen. Es wird nämlich sonst genau darauf hinauslaufen, dass die große Zahl an Chefs, die nicht in der Lage sind sich selbst vernünftig zu organisieren, alle lästigen Mitarbeiterangelegenheiten auf den Abend verschiebt ud regelmäßig ins Privatleben der Mitarbeiter reingrätscht. Von wegen, Ausnahmen...

  • Digitalisierung hat nichts mit dem 8 Stundentag zu tun. Es ist heute schon möglich 10 Stunden zu arbeiten und die Mehrarbeit zu bezahlen oder auf ein Gleitzeitkonto zu buchen dann erfolgt auch kein Ausgleich innerhalb von 3 Monaten.
    Es waren wissenschaftliche Studien die zum 8 Stundentag geführt haben und nicht die Freundlichkeit der Unternehmer. Die Konzentration ist nach 8 Stunden einfach nicht mehr da, egal ob an der Maschine oder Büro gearbeitet wird. Die Fehler können in allen Bereichen zu fatalen Folgen führen.
    Was mit 20, 30 Jahren eventuell noch geht, geht mit 50, 60 Jahren nicht mehr. Also ein Programm ältere Mitarbeiter dann zu entlassen wegen fehlender Leistungsfähigkeit.
    Die Kosten des Arbeitsplatzes wollen die Arbeitgeber auf den Mitarbeiter verlagern, arbeiten von Zuhause eigenes Arbeitszimmer, geschäftstauglicher Computer (darf Familie nicht benutzen es sind ja Geschäftsunterlagen darauf) usw..
    Hier soll es zurück ins 19te Jahrhundert gehen 12 Stundentag, keine Nachtruhe, kein Schutz bei Schwangerschaft, alles damit die exorbitanten Managergehälter in Zweistelliger Millionenhöhe noch weiter erhöht werden können.
    Von der Ausbeutung früherer Jahre, heute zur Selbstausbeutung.
    Die Nieten in Nadelstreifen mit ihrer kriminellen Energie siehe Bankenskandal, Dieselskandal, usw. machen nicht in den Vorstandsetagen tabula rasa, nein hier wollen diese Manager weitermachen wie bisher auf Kosten der Arbeitnehmer. Was aber noch skandalöser ist, die Politik macht da auch noch mit und die SPD spielt mal wieder den Vorreiter bei der Arbeitnehmerverarsche wie bei der Agenda 2010. Also Genossen auf gehts 10% ist auch ein Ziel.

  • Gott sei Dank hab ich das hinter mir.

    Gut bezahlte Ex-Kollegen über 50zig bekommen Burnout bzw. werden rausgemobbt, da zu teuer.

    Niedriglohnempfänger können von Ihrem Lohn kaum Leben. Über die zu erwartende
    Rente brauchen wir erst gar nicht reden.

    Es gilt immer mehr: Leben um zu Arbeiten anstatt Arbeiten um zu Leben!

    Schöne neue Arbeitswelt! Wenige Gewinner.. Massen an Verlierern!

  • Mein Vater sagte mir als Kind: von 8 h/Tag Arbeit ist noch keiner wohlhabend geworden. Und wer gesund ist und nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Dies hat alles gestimmt und ich bin heute in Rente. Das Leben ist nun mal hart.

  • Arbeitszeitgesetz hin oder her..........
    Was soll der deutsche Arbeitnehmer noch alles erdulden und hinnehmen????
    Ruft mal einen Streik aus oder noch besser,
    fahren Sie alle nach Frankreich........., falls Sie ankommen.
    Mit 52 Rentenanspruch ohne Abzüge und der deutsche Michel zahlt, zahlt und zahlt.
    the stupid germans

  • Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Diskutieren erwünscht – aber richtig“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Wer den Arbeigebern glaubt, der ist verloren.
    Wir brauchen einen 6 Std Tag und nicht 8 und mehr.
    Wir brauchen Leute die sich Konzentrieren bei der Arbeit.
    Wenn Chefs sich selber als Beispiel bezeichnen und von 50 oder 60 std
    Wochen reden, dann kann ich nur sagen,
    Einfach mal anschauen wie viel Unsinn aus den Chef Etagen kommt.
    Wie viel Firmen die in den Sand gesetzt haben, durch Fehlentscheidungen.
    Das sagt doch wohl ganz klar, das das der Falsche Weg ist

  • Wieso hier auf einen FDP Gesetzentwurf bezugsgenommen wird ist mir schleierhaft. Die FDP hat sich gegen das Regieren und für die Opposition entschieden; Aussicht auf Erfolg kann man dem Entwurf also nicht wirklich zugestehen.
    Einen SPD Minister der derart weitreichende Einschnitte in den Arbeitnehmer Schutz vornimmt kann ich mir nicht so recht vorstellen. Im übrigen ist mein Eindruck, dass in meinem Bekanntenkreis bereits regelmäßig auf die Einhaltung derartiger Arbeitsschutzvorschriften "verzichtet" wird, mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf die geistige Gesundheit.

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