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Digitalisierung Der Mangel an IT-Kräften bremst die Wirtschaft

Der Branchenverband Bitkom fordert 10.000 zusätzliche Ausbildungsplätze für Informationstechnik. BDI und Grüne starten Initiative für mehr Frauen in der IT. 
29.11.2020 Update: 29.11.2020 - 14:15 Uhr Kommentieren
IT-Fachleute werden händeringend gesucht. Der Verband Bitkom fordert zusätzliche Ausbildungsstellen. Quelle: dpa
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IT-Fachleute werden händeringend gesucht. Der Verband Bitkom fordert zusätzliche Ausbildungsstellen.

(Foto: dpa)

Berlin Vor dem Digitalgipfel der Bundesregierung an diesem Montag schlägt der Präsident des Branchenverbandes Bitkom, Achim Berg, Alarm: „Der fehlende IT-Nachwuchs ist ein riesiges Problem für die Gesamtwirtschaft. Wir hatten schon Ende 2019 124.000 offene Stellen. Das waren 40.000 mehr als 2018 – und es kann gut sein, dass wir in zwei Jahren die 200.000er-Marke reißen“, sagte er dem Handelsblatt.

Großes Potenzial für mehr Nachwuchs sieht Berg in den Lehrberufen: „Von größeren Unternehmen – mit IT-Abteilungen ab etwa zehn Mitarbeitern – kann man durchaus erwarten, dass sie mehr ausbilden. Da darf auch das Corona-Jahr keine Ausrede sein.“ Das Ziel müsse sein, „10.000 zusätzliche neue Ausbildungsplätze in den IT-Berufen zu schaffen“. 

2019 starteten insgesamt 20.000 Azubis in einem IT-Beruf. An den Hochschulen beginnen zwar mittlerweile 75.000 Erstsemester ein Informatikstudium, doch weil die Abbrecherquote enorm ist, gibt es nur 27.000 Absolventen. „Zudem kommt knapp jeder vierte Studienanfänger aus dem Ausland und geht nach dem Abschluss womöglich dorthin zurück“, schildert Berg das Dilemma. 

Auch der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Friedrich Hubert Esser, appelliert daher: „Alle größeren Betriebe sind aufgerufen, auch in ihren IT-Abteilungen Azubis aufzunehmen.“ Bisher „läuft der Strukturwandel hin zur digitalen Wirtschaft der Ausbildung weit voraus – mit der Folge, dass viele Unternehmen nicht ausbilden, weil ihnen selbst die Ausbilder fehlen“, sagte Esser dem Handelsblatt. „Aber wenn wir nicht weit mehr Ressourcen in die Ausbildung stecken – und dafür eben auch die knappen IT-Spezialisten abstellen –, bremst das die Wirtschaft insgesamt.“

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    Die bis vor Kurzem noch veralteten IT-Ausbildungsberufe wurden 2020 modernisiert. Fachinformatiker, der häufigste Lehrberuf, lernten heute, mit neuen Technologien wie etwa Virtual Reality oder Edge-Computing umzugehen, sagt Berg. 

    Es habe sich aber sicher noch nicht überall herumgesprochen, dass die fünf IT-Berufe „nun wirklich fit sind für die digitale Wirtschaft“, vermutet der BIBB-Präsident. 

    So sagte etwa Daimler-Chef Ola Källenius vor Kurzem im Handelsblatt-Interview auf die Frage nach dem Abbau von Lehrstellen bei Daimler: „Perspektivisch brauchen wir in traditionellen Berufen, zum Beispiel im Verbrenner-Bereich, weniger Leute. Und noch gibt es leider keine Ausbildungsplätze für Softwareprogrammierer. Das sollte in meinen Augen dringend geändert werden.“

    Esser räumt aber ein, dass das staatliche System nun schnell auch die Fortbildungen in den IT-Berufen zum „Bachelor Professional“ und „Master Professional“ modernisieren muss. Das soll 2021 passieren. „Dann wird es sicher auch hier mehr Interessenten geben – auch als Alternative zum Studium, das so viele abbrechen.“ 

    VW bildet seinen IT-Nachwuchs aus

    Volkswagen ist schon selbst aktiv geworden: Der Autokonzern bildet seit 2019 in seiner „Fakultät 73“ selbst 100 Software-Entwickler aus. Das Besondere: Es wird im Prinzip kein formeller IT-Abschluss vorausgesetzt – selbst Englisch- und Programmierkenntnisse sind „wünschenswert, aber keine Bedingung“. Entscheidend seien dagegen „das Potenzial und die Leidenschaft für IT und Software“, wirbt VW.

    „Es ist völlig nachvollziehbar, dass ein Unternehmen wie VW sich selbst hilft“, sagt der BIBB-Präsident dazu. Das könne aber durchaus dazu führen, „dass sich hier ein Parallelsystem zu Berufsbildung und Hochschule entwickelt und damit auch die Gefahr, dass das Bildungssystem als Ganzes zerfasert“, mahnt Esser.

    Endlich auch mehr Frauen für IT-Jobs zu begeistern ist das Ziel der Initiative „#SheTransformsIT“, die auf dem Digitalgipfel startet. „Deutschland liegt mit einem Frauenanteil von 17 Prozent in der IT-Branche in Europa auf einem der Schlussplätze“, sagte Iris Plöger, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), dem Handelsblatt. Nur wenn die deutsche Wirtschaft es schaffe, mehr Frauen zu gewinnen, „werden wir künftig die wesentlichen Innovationen mitgestalten und bleiben international wettbewerbsfähig“. 

    „Wir müssen mit verstaubten Stereotypen aufräumen. Mädchen können Technik“, sagte Co-Initiatorin Anna Christmann, digitalpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, dem Handelsblatt. „Auf dem Bildungsweg dürfen wir sie für dieses Thema nicht verlieren. Und in der stark männlich geprägten Digitalbranche brauchen wir ein Umdenken.“ 

    Prominente Fürsprecherinnen

    Zu der fraktionsübergreifenden Initiative erklärte die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Nadine Schön: „Wir wollen Frauen motivieren, Start-ups zu gründen und Verantwortung in allen digitalen Bereichen zu übernehmen – ob in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik.“

    Prominente Vorbilder sollen das Thema in die Gesellschaft tragen und qualifizierte Mädchen und Frauen schon frühzeitig in ihren Potenzialen und in ihrer Karriere unterstützen. Derzeit gebe es 50 Erstunterzeichnerinnen, darunter Staatsministerin Dorothee Bär (CSU), Katja Suder (FDP), Anke Domscheit-Berg (Linke), Sigrid Nikutta, Chefin der Güterverkehrsparte der Deutschen Bahn AG, und Gründerin Verena Pausder.

    „Frauen stellen die Mehrheit in der Mathematik, in der Informatik aber sind sie eine absolute Minderheit. Aber wer ein Mathestudium schafft, kann ebenso gut Informatik studieren“, meint Berg. Es fehle allerdings an bekannten „role models“. „Jeder dritte männliche Schüler nennt Mark Zuckerberg, Bill Gates, Steve Jobs oder Elon Musk als Vorbild. Wir müssen also die erfolgreichen IT-Frauen viel mehr ins Rampenlicht stellen. Der erste Mensch, der als Programmierer bezeichnet wurde, war Ada Lovelace – eine Frau.“

    Generell würden sich viel mehr junge Menschen für IT-Berufe begeistern, „wenn die Länder endlich flächendeckend Informatik in den Schulen anbieten würden, und zwar ab der 5. Klasse“, fordert der Bitkom-Präsident. Dann wäre auch das Vorwissen größer, sodass der Einstieg in Studium oder Ausbildung leichter falle. „Die knappste Ressource im Informatikunterricht sind übrigens nicht Notebooks oder PCs, sondern qualifizierte Informatiklehrer“, mahnt Berg. 

    Aktuell gibt es ein Pflichtfach Informatik nach Bitkom-Angaben nur in Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, wenn auch teilweise nur in einzelnen Klassenstufen. NRW startet 2021 damit für Klasse fünf und sechs, Niedersachsen 2023 bei älteren Schülern. 

    Dass im Informatik-Studium heute jährlich Zehntausende Studierende verloren gehen, hat verschiedene Ursachen: „Ein kleiner Teil wird sicher schon vorzeitig abgeworben, aber die meisten geben auf“, sagt Berg. Das liege am mangelnden Vorwissen und der fehlenden Unterstützung durch die Hochschulen. „Viele Abiturienten glauben, sie würden an der Uni Spiele entwickeln und werden dann von Mathe überrollt. Und so mancher Lehrstuhl versteht sich besser aufs Rausprüfen als aufs Fördern.“

    Zudem müsse IT breiter aufgestellt und in die Ingenieurwissenschaften, BWL und selbst die Landwirtschaft integriert werden, fordern neben Bitkom etwa auch der Stifterverband. „Das schafft gesundes Grundwissen über die Möglichkeiten der Digitalisierung – und es gibt vielleicht den einen oder anderen, der sich dann sogar in IT spezialisiert“, hofft Berg.

    Mehr: Was sich Schulen in Sachen Digitalisierung von der Wirtschaft abschauen können.

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