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Handys im Unterricht

Smartphones können sinnvoll in den Schulalltag eingebaut werden. Vokabeln beispielsweise können ganz einfach nachgesehen werden.

(Foto: dpa)

Digitalisierung Warum das Smartphone in den Unterricht gehört

Nahezu alle Jugendlichen haben heute ein Handy. Auch in der Schule bietet es sich als Ressource an. Bisher nutzen sie aber nur wenige Lehrer.
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BerlinNeulich in Berlin: Der Gymnasiast Julian (16) sitzt hinter der letzten Bank auf dem Boden und telefoniert – die Klassenkameraden stehen um den Chemielehrer, der ein Experiment vorführt. Julian hat Pech: Ein Fachbereichsleiter sieht ihn durch die offene Tür – und konfisziert das Handy.

Der Fall zeigt, welche Rolle das Handy in den Schulen spielt: den Störenfried. Schüler simsem und surfen, Lehrer agieren hilflos. Frankreich hat daher kürzlich Handys an Schulen generell verboten – Ausnahme: wenn sie im Unterricht genutzt werden.

Die Möglichkeiten dazu wären enorm. „Mit dem Handy könnten Schüler nicht nur Fakten recherchieren und Vokabeln nachsehen, es liest ihnen sogar die Aussprache vor“, sagt die Professorin für Schulpädagogik der Uni Paderborn, Birgit Eickelmann, Autorin einer Studie zum Thema.

„Sie könnten mit ihren Handys Filme für Projektarbeiten drehen, sie gemeinsam bearbeiten oder Fotodokumentationen erstellen“, sagt Eickelmann. „Doch die Chance wird vielfach vertan.“

Das liegt auch daran, dass Schulen kaum Unterstützung bekommen: Bei einer Umfrage des Handelsblatts in den Bundesländern gaben nahezu alle Kultusministerien an, es sei Sache der Schulen, den Umgang mit dem Handy zu regeln.

Das Ministerium in Rheinland-Pfalz hat immerhin eine Muster-Handyordnung bereitgestellt – und sticht so schon positiv heraus. Auf die Frage, ob und wie Mobiltelefone konstruktiv im Unterricht eingesetzt werden, kommt aus den meisten Ministerien nur Unverbindliches.

Auch in der neuen Strategie der Kultusminister „Bildung in der digitalen Welt“ findet sich nur die Soll-Bestimmung, jeder Lehrer und jeder Schüler könne „sukzessive ein mobiles Endgerät nutzen“. Details sollen die Länder regeln.

„Schulen können ständige oder partielle Handyverbote erlassen, wenn sie pädagogisch sinnvoll sind“, heißt es bei der KMK. Ansonsten warten alle auf den milliardenschweren Digitalpakt der Bundesregierung – obwohl der für die Nutzung bereits existierender Handys nicht nötig wäre.

Kaum WLAN an Schulen

Von einer flächendeckenden Versorgung mit Computern sind die Schulen Lichtjahre entfernt. Doch die Ausstattung mit privaten Handys ist exzellent: „Ab 14 Jahren kann man mit 98 bis 99 Prozent Smartphonebesitz von einer Vollausstattung sprechen“, heißt es in der JIM-Studie 2017 zur Mediennutzung Jugendlicher des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest.

Selbst von den 12- bis 13-Jährigen besitzen 92 Prozent ein Handy. Doch sie werden fast nicht genutzt: Schon die JIM-Studie 2016 hatte gezeigt, dass lediglich 22 Prozent der 12- bis 19-jährigen Schüler ihr Handy im Unterricht einsetzen dürfen. Selbst bei den Volljährigen sind es nur 45 Prozent.

Kein Wunder: WLAN gibt es nach Angaben der Schüler zwar an vier von zehn Schulen – „meist ist es jedoch nicht zur Nutzung für die Schüler gedacht“, schreiben die JIM-Autoren. 29 Prozent dürfen das WLAN an der Schule generell nicht nutzen, fünf Prozent ist das in der Pause erlaubt.

Im Unterricht darf der WLAN-Zugang, etwa zur Recherche, lediglich von sieben Prozent genutzt werden. Zu Hause sieht das ganz anders aus: Gut 40 Prozent ihrer Lern- und Hausaufgabenzeit arbeiten die Schüler am Computer oder im Internet.

Das Fazit der einschlägigen Studien ist denn auch vernichtend: „Ein konzeptionelles und technisches Vakuum“ mit Blick auf die digitale Welt attestierte unlängst der Monitor Digitale Bildung der Bertelsmann Stiftung. Danach setzen nicht mal zehn Prozent der Lehrer digitale Medien ein, die kreatives, individuelles oder interaktives Lernen fördern.

Das liege auch daran, dass die meisten Lehrer ihre Fortbildungen dazu selbst zahlen müssen. „Schule nutzt das pädagogische Potenzial des digitalen Wandels noch nicht“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Das größte Problem sei nicht die Technik, sondern das Denken.

Die übergroße Mehrheit von Lehrern und Rektoren sieht die Chancen des digitalen Wandels nicht in einem Nutzen für die Pädagogik – sondern vor allem darin, dass sie Verwaltungsaufgaben besser bewältigen können.  Lichtblicke gibt es: So hat die preisgekrönte Gemeinschaftsschule Neumünster in Schleswig-Holstein schon vor vielen Jahren mit den Schülern gemeinsam ein Konzept entwickelt.

„Handy-Gebot statt Handy-Verbot“

Anstoß war schon 2007 der Vorstoß der Schülervertretung, dass man doch die Geräte der Schüler nutzen könne. Heute gibt es eine Plattform, die intensiv genutzt wird, und mit dem 2017 installierten Glasfaseranschluss können auch die vielen unterschiedlichen Geräte integriert werden, berichtet Professorin Eickelmann.

Auch Hamburg hat sich auf den Weg gemacht: Im September geht dort ein „digital learning lab“ an den Start, das Lehrer mit der TU Hamburg erarbeitet haben: Die Plattform bietet Lehrern zunächst 60 digitale Anwendungen fürs Handy. Natürlich finde sich im Netz alles nur Erdenkliche, doch „wir wollen Lehrern aus der unüberschaubaren Masse sinnvolle Anwendungen herausfiltern und sie informieren, wie sie sie einsetzen können“, sagt Martin Brause von der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung.

Bayerns neuer Kultusminister Bernd Sibler (CSU) hat soeben verkündet, in den Schulen des Freistaates herrsche „Handy-Gebot statt Handy-Verbot, das dem Auftrag der digitalen Bildung gerecht wird“. Wie das genau funktionieren kann, probieren derzeit acht Schulen im Land aus – ab 2020 sollen alle anderen profitieren.

„Von unseren 740 Schülern haben 737 ein Handy oder Tablet“, erzählt der Konrektor der Projekt-Realschule im ländlichen Schöllnach, Andreas Oswald, „wir erheben das jährlich“. Inzwischen würden die Geräte im Schnitt mindestens einmal am Tag genutzt, etwa „um mal schnell das Amazonas-Delta anzuschauen oder einen kleinen Film zum Aufbau einer Zelle zu drehen“.

Oswald beschäftigt sich seit 15 Jahren mit Digitalisierung in der Schule: „Es ist wie beim Radfahren: Wer nur über die Ausstattung redet, kommt nie vom Fleck – wir müssen losfahren.“ Er warnt zugleich vor übertriebener Hoffnung: „Schlechter Unterricht wird auch mit Handy nicht gut – aber vieles wird anregender und viel schneller als mit Computern, und die Schüler können selbst aktiv sein.“

Mit Blick auf die vielen Einzelaktionen im Bildungsföderalismus findet Schulpädagogin Eickelmann es jedoch „besorgniserregend, dass viele das Rad ständig neu erfinden, anstatt Netzwerke zu bilden und voneinander zu lernen“.

Auch Verweigerer gibt es noch immer: „Eine weiterführende Schule in unserer Nähe hat sich bis vor Kurzem aus Angst vor Strahlung geweigert, ein WLAN einzurichten“, erzählt Konrektor Oswald. „Nachgegeben hat sie erst auf massiven Druck der Eltern.“

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