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Das frisch gekürte DFB-Präsidium

Von Vielfalt keine Spur – Hannelore Ratzeburg ist die einzige Frau in dem Gremium.

(Foto: ddp images/Sven Simon)

Diversity Geschlossene Gesellschaft: Im Sportbusiness sind Managerinnen eine Seltenheit

Weibliche Führungskräfte sind in der Branche noch seltener als in Dax-Konzernen. Das stört mittlerweile nicht nur die Frauen.
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Frankfurt Vielfalt sei ihm ein persönlich wichtiges Anliegen. Das hatte der neue Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Fritz Keller, noch am Morgen vor seiner Wahl Ende September in Frankfurt betont. Doch das Bild des neu gewählten DFB-Präsidiums, das wenig später die Runde machte, passte nicht so ganz zu dieser Aussage. Es zeigt siebzehn Männer, allesamt in dunklen Anzügen – und eine Frau im gelben Blazer.

Es ist Hannelore Ratzeburg, eine von Kellers vielen Vizepräsidenten. Als der Verband das Bild veröffentlicht, bricht auf Twitter ein Shitstorm los. Ein hämischer Kommentar lautet: „Finde super, dass ihr die Quotenfrau farblich markiert habt.“

Die Wahl des neuen DFB-Präsidiums zeigt: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft beim Thema Diversity im Sportbusiness eine Riesenlücke. Denn Fakt ist: An den Schalthebeln der Macht in Deutschlands größtem Sportverband mit rund sieben Millionen Mitgliedern sitzen nach wie vor altgediente männliche Funktionäre mit ausgeprägtem Beharrungswillen. Für Präsident Keller, dem viele Fußballexperten im Land eine hohe Glaubwürdigkeit attestieren, gibt es also noch viel zu tun.

Doch nicht nur beim DFB, auch anderswo im Spitzensport fühlen sich Frauen bei der Besetzung von Top-Positionen in Verbänden und Vereinen ausgegrenzt, wie jetzt eine Befragung der Personalberatung Odgers Berndtson und der Sportmarketingagentur Jung von Matt/Sports zeigt, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Für die Studie wurden 120 Frauen in Führungspositionen aus dem Sportbusiness kontaktiert, 69 von ihnen haben geantwortet und sich zum Teil in längeren Gesprächen erklärt.

In den daraus entstandenen Tiefeninterviews ist von „unüberwindbaren Männerbündnissen“ die Rede, von „unflexiblen Arbeitsbedingungen“ und „null Talententwicklung“. Letzteres scheint auf den ersten Blick nur schwer nachvollziehbar. Schließlich beginnt die Förderung des sportlichen Nachwuchses bereits im Kindergartenalter.

Katja Kraus, einst mächtigste Frau im deutschen Fußball und als geschäftsführende Gesellschafterin bei Jung von Matt/Sports Initiatorin der Befragung, empfindet die Missstände im Management großer Sportvereine und -verbände als fatal.

Laut der Ex-Managerin des Hamburger SV werden Frauen im Spitzensport maximal in Marketing, Kommunikation oder Personal als Führungskraft toleriert. Ein weiblicher Sportvorstand? Für viele Männer auf Funktionärsseite noch immer undenkbar, meint Kraus.

„Männliche Entscheidungsträger müssen sich für Veränderungen öffnen.“ Quelle: Bongarts/Getty Images
Katja Kraus (Chefin von Jung von Matt/Sports)

„Männliche Entscheidungsträger müssen sich für Veränderungen öffnen.“

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Ein ähnliches Gefühl haben offenbar auch die Befragten der Studie: Nur knapp 13 Prozent der Teilnehmerinnen nehmen bei ihren Arbeitgebern überhaupt eine Bereitschaft zur Verbesserung der Rahmenbedingungen wahr. „Veränderung beginnt bei den Verantwortungsträgern“, sagt Managerin Kraus. „Es braucht Menschen, die aus Überzeugung vorangehen.“

Die Interviews decken sich mit der Faktenlage im deutschen Spitzensport. Auch wenn insgesamt knapp die Hälfte der Mitarbeiter in der Branche Frauen sind, so haben es nur sehr wenige von ihnen bis ganz oben geschafft. Löbliche Ausnahmen sind Veronika Rücker, Chefin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Nicole Fetting, Generalsekretärin des Volleyball-Verbands, oder Sandra Schwedler, Aufsichtsratschefin beim Bundesliga-Zweitligisten FC St. Pauli.

Gerade im Fußball ist die Männerdichte beachtlich. Nach einer Studie des Antidiskriminierungsnetzwerks „Football Against Racism in Europe“ – kurz Fare – sind nur 3,7 Prozent der Führungspositionen im europäischen Fußball mit Frauen besetzt. In der Bundesliga sind laut „Welt am Sonntag“ 201 von 210 Posten in Aufsichtsräten, Präsidien und Vorständen mit Männern besetzt. Macht einen Frauenanteil von gut vier Prozent. Zum Vergleich: Der Frauenanteil in den Vorständen der 200 umsatzstärksten deutschen Unternehmen liegt bei rund acht Prozent. Und deren Entscheider müssen sich regelmäßig für ihre begrenzt wirksamen Diversity-Strategien rechtfertigen.

Angesichts dieser düsteren Faktenlage fordert Jung-von-Matt-Geschäftsführerin Kraus ein radikales Umdenken im Sportgeschäft: „Die männlichen Entscheidungsträger in Klubs und Vereinen müssen sich endlich für tief greifende Veränderungen öffnen.“ Ausreden wie „Fans akzeptieren keine Frauen an der Vereinsspitze“ dürften Funktionäre nicht länger gelten lassen. „Die Arbeit im Sportbusiness ist keine Zauberei“, sagt Kraus. Notfalls müsse eine Quote her. Doch sie sagt ebenso: „Auch die Frauen müssen ihre Glaubenssätze verändern und Lust daran haben, Strukturen aufzubrechen, auch wenn es Kraft kostet.“

Wie zäh der Aufstieg von Frauen im Spitzensport ist, zeigt auch die Karriere der DFB-Vizepräsidentin Ratzeburg. Fleiß statt Strahlkraft, Arbeiterin statt Anführerin: Das kennzeichnet die Pionierin, die sich in vier Jahrzehnten von der Spielerin über die Rolle der Referentin ins DFB-Präsidium hochgeackert hat.

Dass sie sich jahrzehntelang mit ihren männlichen Kollegen arrangierte, dürfte vermutlich auch daran liegen, dass die heute 68-Jährige im Präsidium seit 2007 einen Bereich vertritt, der die Herren lange Zeit herzlich wenig interessierte: Frauenfußball. Noch heute heißt es beim DFB: „Wenn es um Frauen geht, dann ruft doch die Ratzeburg.“

Experten wissen, dass dieses Verhalten auf Dauer den Talent- und Innovationspool einer Organisation schmälert. Bei der fortlaufenden Professionalisierung und Kommerzialisierung der Sportbranche reicht es heute längst nicht mehr aus, altgedienten Fußballern in den Büroräumen der Vereine einen Schreibtisch zu überlassen – und dazu motivierte Generalisten einzustellen, die sich um das Ticketing und die Fanpost kümmern. Noch vor ein paar Jahren waren HR-Abteilungen in der Branche rühmliche Ausnahmen. Doch es braucht auch mehr Finanz- und Steuerexperten, Juristen, Betriebswirte, Informatiker, Buchhalter, Data-Scientists. Männlich wie weiblich.

Und: Bundesliga-Vereine müssen sich damit beschäftigen, wie attraktiv sie als Arbeitgeber sein wollen. „Es geht auch darum, ein Bewusstsein zu schaffen“, sagt Ewald Manz von Odgers Berndtson. Und zwar auf beiden Seiten: „Die Sportbranche braucht hochqualifizierte Mitarbeiter, und diese müssen die Vereine und Verbände als Unternehmen auch wahrnehmen.“ Heißt: In Zukunft entscheidet immer auch die richtige Mannschaftsaufstellung im Management über den Erfolg als Ganzes.

Doch nicht nur Experten fordern ein Umdenken im Spitzensport, um ihn zukunftsfähig zu machen. Bei ihrem Wunsch nach tief greifenden Veränderungen erhalten Frauen überraschend Unterstützung – und zwar von einflussreichen Männern im Sportbusiness. Das Handelsblatt hat mit drei von ihnen über Zu- und Missstände in den Managementetagen des deutschen Spitzensports gesprochen und Einblicke in ihre Talentstrategien erhalten.

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