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DIW-Studie Rückschlag für Geschlechtergerechtigkeit: Frauen sind von Coronakrise stärker betroffen

Frauen leisten in Deutschland nach wie vor den höheren Anteil an der Sorgearbeit. Das hat auch Auswirkungen auf die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern.
02.11.2020 - 14:16 Uhr Kommentieren
Insgesamt leisten Frauen nach wie vor den deutlich höheren Anteil an der Sorgearbeit, also etwa bei der Kinderbetreuung. Quelle: dpa
Geschäftsfrau

Insgesamt leisten Frauen nach wie vor den deutlich höheren Anteil an der Sorgearbeit, also etwa bei der Kinderbetreuung.

(Foto: dpa)

Berlin Noch ist kaum konkret zu sagen, welche Arbeitsmarktwirkungen die Coronakrise auf Frauen und Männer hat. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) deuten erste Erkenntnisse aber darauf hin, dass „im Vergleich zu vergangenen Wirtschaftskrisen“ Frauen diesmal stärker betroffen sind. Das sei vor allem beim Rückgang der geringfügigen Beschäftigung der Fall. Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit belasteten Frauen und Männer etwa gleichermaßen.

Schul- und Kitaschließungen oder deren stark eingeschränkter Betrieb würden zudem den zeitlichen Aufwand für Kinderbetreuung und weitere Bereiche der „Sorgearbeit“ deutlich erhöhen. Schon vor Corona hatten Frauen im Verhältnis zu den Männern deutlich mehr Sorgearbeit übernommen.

Daran hat auch die Pandemie nichts geändert, geht aus der Expertise „Gleichstellungspolitische Antworten auf die Arbeitsmarktwirkungen der Covid-19-Pandemie“ hervor, die das DIW im Auftrag von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) erstellt hat.

Es deute zwar einiges darauf hin, dass auch Männer einen Teil der zusätzlichen Betreuungsarbeit übernommen hätten, insgesamt leisteten aber Frauen nach wie vor den deutlich höheren Anteil an der Sorgearbeit.

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    Das hat laut DIW auch Auswirkungen auf den Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. Der Gender Pay Gap hänge „sehr stark“ mit dem Gender Care Gap zusammen, sagte Katharina Wrohlich, die am DIW die Forschungsgruppe Gender Economics leitet. „Aus gleichstellungspolitischer Perspektive sollten Maßnahmen ergriffen werden, die stärkere Anreize für eine partnerschaftlichere Aufteilung der unbezahlten Sorgearbeit setzen“, sagte Wrohlich.

    Die DIW-Studie ist an diesem Montag zum Auftakt der „Equal Pay Day“-Kampagne vorgestellt worden, die auf die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern aufmerksam machen will. Der nächste Equal Pay Day findet am 14. März 2021 statt.

    Symbolisch markiert er die statistische Lohnlücke: Bis zum 14. März müssen Frauen quasi umsonst arbeiten, während Männer seit dem 1. Januar 2021 für ihre Arbeit bezahlt werden. Die sogenannte Entgeltlücke zwischen den Geschlechtern liegt bei rund 22 Prozent und hat seit 2013 nur leicht abgenommen.

    Wandel nicht nur per Gesetz

    Die Kampagne wird vom Verband Business and Professional Women (BPW) Deutschland initiiert. „Um den Gender Pay Gap zu verringern, muss sich gleichzeitig an vielen Stellen in unserer Gesellschaft etwas bewegen“, sagte BPW-Präsidentin Uta Zech.

    Dies könne durch Männer geschehen, die als Vorreiter sechs Monate Elternzeit in ihrem Unternehmen durchsetzten oder Frauen, die entgegen tradierten Rollenbildern in MINT-Berufe strebten oder Unternehmen, die gleiche Bezahlung und paritätische Besetzung von Führungspositionen auf ihre Agenda setzten.

    Jeder könne im eigenen Umfeld etwas ändern, damit die Lohnlücke geschlossen werde, forderte Zech. Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium sagte: „Gesellschaftlicher Wandel ergibt sich nicht allein per Gesetz.“

    Bundesfamilienministerin Giffey hatte angekündigt, das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst (FüPoG) reformieren zu wollen, um die Geschlechtergerechtigkeit in deutschen Unternehmen zu erhöhen.

    Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) twitterte zum Start der Kampagne: „Wir meinen: Ohne tradierte Rollenbilder mit Wertschätzung & Potenzial für mehr Erfolg in der Wirtschaft.“

    Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist für die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) den Ursachen für die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern nachgegangen. Demnach ist der Gender Pay Gap „unbereinigt“ und lasse außer Acht, dass das Verhalten von Frauen und Männern bei der gewählten Arbeitszeit, bei der Berufswahl oder bei Erwerbsunterbrechungen sehr unterschiedlich sei, sagt VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt: „Eine Debatte über Lohndiskriminierung ist auf dieser Grundlage unsachlich.“

    So zeigen die IW-Forscher Jörg Schmidt und Oliver Stettes mit Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), dass zwar das Bildungsprofil von Frauen und Männern relativ ähnlich ist. Die beruflichen Karrieren unterscheiden sich aber deutlich, was schon bei der Berufswahl anfängt.

    So sind Männer beispielsweise in der Industrie überrepräsentiert, während das für Frauen in Erziehung und Unterricht, Gesundheits- und Sozialwesen, aber auch Handel und Gastronomie gilt – alles Bereiche, in denen tendenziell weniger verdient wird als im verarbeitenden Gewerbe.

    Die Forscher thematisieren aber ebenfalls den Gender Care Gap: Frauen, vor allem Mütter, arbeiten deutlich häufiger in Teilzeit und pausieren für die Kinderbetreuung länger im Arbeitsleben als Männer. Ihre durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist neun Stunden kürzer als bei Männern. Ein zentraler Faktor für die Entgeltunterschiede ist also die Arbeitszeit.

    Frauen im Alter von 50 bis unter 65 Jahren weisen durchschnittlich rund 15 Jahre weniger Berufserfahrung in Vollzeittätigkeit auf als Männer, wenn sie Kinder haben. Ohne Nachwuchs beträgt die Differenz dagegen nur knapp drei Jahre.

    Bereinigte Entgeltlücke

    Zum Gender Pay Gap trägt aber auch bei, dass Frauen in hochbezahlten Führungspositionen weiter unterrepräsentiert sind. So liegt der Frauenanteil in hochqualifizierten Tätigkeiten sowie Leitungsfunktionen nur bei rund 26 Prozent, während sie nach der amtlichen Statistik rund 46 Prozent aller Beschäftigten stellen.

    Rechnet man all diese Unterschiede heraus, verbleibt für Deutschland im Jahr 2018 eine bereinigte Entgeltlücke von rund 5,3 Prozent. „Die Erwerbsverläufe von Frauen und Männern unterscheiden sich vor allem, sobald Kinder betreut werden“, sagt Brossardt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei deshalb eine zentrale Stellschraube, um Verdienstunterschiede weiter zu reduzieren.

    Anhand aktueller Daten und Studien haben die IW-Forscher zudem untersucht, welche geschlechterbezogenen Unterschiede am Arbeitsmarkt es in der Coronakrise gibt. Hier zeigt sich, dass Frauen und Männer in etwa gleich stark von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen sind. Auch die Wahrscheinlichkeit, wegen der Pandemie den Job zu verlieren, ist bei Frauen nicht signifikant höher als bei Männern.

    In der DIW-Studie heißt es abschließend: „Eine wesentliche Lehre der Corona-Pandemie ist die extrem hohe Bedeutung der externen Kinderbetreuung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.“ Langfristig sollte die Politik mehr Anreize für eine partnerschaftliche Aufteilung der bezahlten Erwerbs- und unbezahlten Sorgearbeit setzen, zum Beispiel durch eine sukzessive Ausweitung der Partnermonate beim Elterngeld, eine Reform des Ehegattensplittings und eine Reform der Minijobs.

    Berufe in der Pflege und der frühen Bildung sowie der sozialen Arbeit, in denen der Frauenanteil sehr hoch sei, sollten aufgewertet werden, etwa durch höhere Tariflöhne, Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Verbesserung der Weiterentwicklungsmöglichkeiten.

    Mehr: Die öffentliche Hand muss während der Pandemie Milliarden klug investieren.

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