Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Schleppende Digitalisierung

Die Bedeutung der Digitalisierung spiegelt sich laut der EFI nicht in der Praxis wider.

(Foto: dpa)

EFI-Jahresgutachten Nur 14 Prozent der deutschen Hochschulen haben eine Digitalisierungsstrategie

Merkels Innovationsberater fordern eine Digitalisierungspauschale für Hochschulen, eine fixe Summe pro Student. Ansonsten bliebe der Rückstand uneinholbar.
Kommentieren

BerlinDer Digitalpakt für die Schulen ist noch nicht angelaufen, da rücken schon die Hochschulen in den Fokus: Diese stehen in puncto Digitalisierung zwar in der Forschung ganz gut da – in der Lehre und vor allem in der Verwaltung hapert es jedoch gewaltig. Lediglich 14 Prozent haben überhaupt eine Digitalisierungsstrategie.

Zu diesem Schluss kommt die Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) in ihrem jüngsten Jahresgutachten, das sie an diesem Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel übergibt. Damit die Hochschulen den akademischen Nachwuchs adäquat für das digitale Zeitalter ausbilden und sich selbst eine moderne IT-Struktur leisten können, fordern die Experten eine „Digitalisierungspauschale pro Student“ von der Bildungspolitik.

Schon jetzt erhalten Hochschulen durchaus Fördergelder für die Digitalisierung – etwa über den zwei Milliarden Euro schweren „Qualitätspakt Lehre“ des Bundes. Doch da es dabei um eine Daueraufgabe von enormer Wichtigkeit gehe, bräuchten sie dafür auch verlässliche dauerhafte Mittel. Die stets befristete Projektförderung führt laut der EFI zu einem unübersichtlichen Nebeneinander von IT-Strukturen, auf denen man keine Strategie aufbauen könne.

Dazu kommt das IT-Personalproblem: Mit geringeren Gehältern und oft nur befristeten Stellen können die Hochschulen im Wettbewerb mit der Wirtschaft und auch den großen Forschungseinrichtungen wie der Max-Planck-Gesellschaft nicht standhalten. „Uns werden aus den IT-Abteilungen permanent junge Experten von der Industrie abgeworben“, klagt Hochschulrektorenpräsident Peter-André Alt.

Die EFI fordert daher neben einer Dauerfinanzierung auch ein günstigeres Tarifrecht. Statt dem rigideren Tarifrecht der Länder müssten für die Hochschulen die günstigeren Regeln des Bundes gelten, das höhere Gehälter zulässt.

Digitalisierung findet sich kaum in Hochschulpraxis wieder

Die übergroße Mehrheit der Hochschulen ist nach einer EFI-Umfrage überzeugt von der enormen Wichtigkeit der Digitalisierung. Das „spiegelt sich jedoch nicht in der Praxis wider“, so die Gutachter.

Das liege vor allem daran, dass eine „technisch komplexe Aufgabe auf unzureichend entwickelte Steuer- und Regelungsstrukturen trifft, die sich deutlich von der Governance von Unternehmen unterscheidet“, sagt EFI-Mitglied Professor Uwe Cantner von der Uni Jena.

Erschwerend hinzu käme die massiv gestiegene Studierendenzahl, wettbewerbliche Verfahren wie die Exzellenzinitiative und die zunehmende Abhängigkeit von stets nur auf Zeit gewährten Drittmitteln, etwa von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder dem Bund, die mittlerweile gut ein Fünftel der Budgets ausmachen.

Grafik

Aktuell verfügen zwar 85 Prozent der Hochschulen über zentrale IT-Systeme zur Unterstützung der Lehre, sie werden allerdings kaum genutzt: Mobiles Lernen wird erst an jeder vierten Hochschule angeboten, soziale Medien nicht mal an jeder fünften.

Moderne Instrumente wie „inverted classroom“– eine Kombination aus Online-Selbststudium und klassischem Unterricht zur Unterstützung – nutzen nur 13 Prozent der Hochschulen stark; ganz zu schweigen von Angeboten wie adaptivem Lernen, das sich nach dem individuellen Fortschritt richtet, oder digitalen Lernspielen.

Folgerichtig spielen deutsche Hochschulen auch auf dem internationalen Markt für digitale Lehre so gut wie keine Rolle, moniert die EFI: Während sich in den USA, Asien und einigen europäischen Ländern global ausgerichtete Bildungsplattformen etabliert hätten, betrieben deutsche Hochschulen ihre primär für den Eigenbedarf. Von derzeit weltweit 6800 verfügbaren Onlinekursen werden lediglich 180 von deutschen Bildungseinrichtungen angeboten.

Dabei gibt es durchaus Vorreiter: So bietet die RWTH Aachen seit 2017 als eine der ersten Hochschulen den Erwerb eines Micro-Masters über die internationale Online-Lernplattform edX an. Micro-Master sind mehrteilige prüfungspflichtige Kurse, die im Masterstudium angerechnet werden können. Studierende der Dualen Hochschule Baden-Württemberg können einen Teil der Punkte durch Teilnahme an einem Micro-Masters-Programm des Massachusetts Institute of Technology MIT erwerben.

Online-Lernplattform würde neue Möglichkeiten eröffnen

Solche Angebote eröffnen auch ganz neue Möglichkeiten der Nachwuchswerbung: Das MIT oder auch die Uni Lausanne setzen Lehrplattformen inzwischen ein, um besonders talentierte Studierende, die in Onlinekursen erfolgreich waren, für ihre Präsenzstudiengänge zu gewinnen, berichtet die EFI.

Neben der Lehre kritisiert die EFI auch die über weite Strecken analoge Verwaltung der Hochschulen. So werden etwa Reisekostenabrechnungen oder Beschaffungsanträge nach der Befragung durch EFI an weniger als jeder fünften Hochschule komplett elektronisch abgewickelt. Deutlich weiter seien hier etwa die Hochschulen in der Schweiz.

Etwas besser sieht es bei Dienstleistungen für die rund mehr als 2,8 Millionen Studenten in Deutschland aus: Prüfungs- und Notenbescheide können immerhin schon zwei Drittel der Hochschulen rein elektronisch abwickeln, gut die Hälfte auch deren Bewerbungen. Bei fast 60 Prozent ist jedoch die Immatrikulation nicht vollständig online möglich.

Nach dem 2017 in Kraft getretenen Onlinezugangsgesetz müssen alle Verwaltungsdienstleistungen bis Ende 2022 online zugänglich sein. Um das zu schaffen, müssten die Hochschulen ihre Digitalisierung „stark beschleunigen“, formulieren die EFI-Gutachter freundlich.

Die digitale Rückständigkeit der Hochschulen zeigt sich nach der EFI-Umfrage auch in einer kaum vorhandenen Vernetzung untereinander. Ein koordiniertes Vorgehen sei auch beim Einkauf von teuren Software-Lizenzen dringend nötig. Da es aber in er Regel keine zentralisierte Beschaffung gebe, „ist es für die Hochschulen schwer, günstige Konditionen mit Software-Anbietern auszuhandeln“.

Mehr: Lesen Sie hier, warum die Digitalisierung keine Einmal-, sondern eine Daueraufgabe ist.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: EFI-Jahresgutachten - Nur 14 Prozent der deutschen Hochschulen haben eine Digitalisierungsstrategie

0 Kommentare zu "EFI-Jahresgutachten: Nur 14 Prozent der deutschen Hochschulen haben eine Digitalisierungsstrategie"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.