Egon Bahr ist tot Leise, aber hartnäckig

Er hatte ein Lebensthema: die deutsche Einheit. Dafür nahm die SPD-Größe Egon Bahr auch in Kauf, wochenlang am Hasspranger in Deutschland zu stehen. Nun ist der Architekt der deutschen Ostpolitik gestorben. Ein Nachruf.
Update: 20.08.2015 - 11:44 Uhr 6 Kommentare

Egon Bahr ist tot

BerlinEine Packung Marlboro und eine Thermoskanne mit Filterkaffee fehlten nie auf Egon Bahrs Schreibtisch im Berliner Willy-Brandt-Haus. Ehe er auf Fragen seines Gegenübers reagierte, nahm er einen Zug von seiner Zigarette, trank einen Schluck Kaffee – und schwieg. 30 Sekunden lang, oder auch mal eine Minute. Seine Antworten waren dann präzise und druckreif. Bis zuletzt analysierte er die politische Entwicklung klug und nachdenklich. Warnte davor, Putin zu isolieren, hielt aber immer auch kritische Distanz zu Russland.

„Tricky Egon“, wie er gerne genannt wurde, beherrschte wie kaum ein Zweiter das Spiel mit feinsten sprachlichen Nuancen. Geschult hatte er es in endlosen geheimen Verhandlungsrunden mit den Emissären Moskaus, Warschaus oder Ost-Berlins. Stets konziliant, oft mit feiner Ironie erklärte er seine Sicht der Dinge. Auf die Frage des Handelsblattes, ob man Putin trauen könne, hatte er im August vergangenen Jahres eine knappe und schöne Antwort parat: „Ich kenne ihn nicht persönlich.“

Egon Bahr wäre am liebsten Musiker geworden, doch das galt seiner Familie als brotlose Kunst. Keine Zukunft für Egon! Dochd er hatte noch ganz andere Talente. „Ich bildete mir ein, schreiben zu können“, sagte Bahr einmal. Das Talent war nicht nur eingebildet. Er schreibt für verschiedene Zeitungen, landet schließlich in Berlin beim Rias, dem „Rundfunk im amerikanischen Sektor“. Er wird Chefredakteur und eine bekannte und wichtige politische Stimme.

Im zerstörten und zerrütteten Nachkriegsberlin drängt sich dem Journalisten schnell sein Lebensthema auf: die deutsche Frage. Bahr tritt 1956 in die SPD ein. Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt macht ihn 1960 zum Pressesprecher des Senats. Der Beginn einer großen Freundschaft. Bahr begleitet Brandt dann 1966 in der Großen Koalition ins Auswärtige Amt und war ab 1969 auch im Bundeskanzleramt an dessen Seite.

„Wandel durch Annäherung“
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6 Kommentare zu "Egon Bahr ist tot: Leise, aber hartnäckig"

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  • Leider verlassen uns all die, die noch großen Anstand hatten.
    Solche Politikr bräuchten wir wieder. Denn die Enkel und Urenkel taugen ja leider nichts, so sagte Willy Brandt mal.
    Egon Bahr wird in Erinnerung bleiben

  • Der Egon hat sich rechtzeitig vom Acker gemacht
    und sich erspart, was uns noch blüht.

  • Ich schließe mich den Vorrednern in allen Belangen an!!

    Aber werden denn nicht die aktuellen SPD Größen wie Gabriel, Oppermann etc. nicht ebenfalls als Vordenker, Protagonisten, Pragnatiker oder Visionäre in die Analen der Süd-Ost- Griechenland Politik eingehen??
    Meine Antwort steht schon mal fest: Bei mir nicht !!

  • Ein großer Vordenker, Denker und Pragmatiker war E. Bahr.
    Vergleicht man sein großes Können mit den Leistungen seiner selbsternannten "Enkel" wird mir Angst und Bange.
    Ehre wem Ehre gebührt!

  • Als Egon Bahr und Willy Brandt ihre neue deutsche Ostpolitik konzipierten, die letztlich ein maßgeblicher Baustein und die Grundlage zur deutschen Einheit bildeten, wurden beide von den kalten Kriegern der CDU/CSU auf eine Weise angefeindet, die schon grenzwertig war. Einer der damaligen Protagonisten und Scharfmacher war v. Guttenberg der Großvater des bekannten Plagiators.

    Bahrs neue Ostpolik war wegweisend, genauso wie heute eine Verständigungspolitik mit Russland wegweisend wäre und nicht eine Neuauflage des kalten Krieges, die zu nichts anderem führte und schon führt, als einer russisch-chinesischen strategischen Allianz auf allen Gebieten, nicht zuletzt einer militärischen Allianz.

  • Es ist schade, dass es aktuell weder in den Reihen deutscher noch europäischer Regierungen Politiker von der politischen Größe eines Willy Brandt und eines Egon Bahr gibt. Das ist traurig. -- Dass es einen gestandenen Kämpfer mit 93 Jahren wohlverdient in die ewigen Jagdgründe zieht, eher nicht.
    Hut ab Egon, Du hast ganz sicher viel für Deutschland und den Frieden in Europa beigetragen.
    Leider hat es den Anschein, dass die europäische Friedenspolitik, die maßgeblich von Willy Brandt und Egon Bahr realisiert wurde, von heutigen Sozialdemokraten mit Regierungsverantwortung mit Füßen getreten wird. Nach unten treten und nach oben buckeln ist offensichtlich der Trend, der in politischen Riegen heutzutage das Tagesgeschäft von Politikern bestimmt.

    Mach es gut Egon, Gruß an Willy ;-)

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