Egon Bahr ist tot Leise, aber hartnäckig

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„Wandel durch Annäherung“

Die Ära Brandt-Scheel hebt an und mit ihr die Aufsehen erregende, intensive und polarisierende neue Ostpolitik Brandts und Bahrs. Für die Ostverträge mit der Sowjetunion, Polen, der DDR und der CSSR zollt zwar alle Welt Brandt Beifall, doch in der Bundesrepublik ist lautstark und diffamierend vom „Ausverkauf deutscher Interessen“, ja: von „Vaterlandsverrat“ die Rede. Die CDU führt eine Hasskampagne gegen die „roten Vaterlandsverräter“. Egon Bahr ist prominenteste Zielscheibe des aggressiven Furors der Konservativen, hatte er doch das Wort „Wandel durch Annäherung“ geprägt. Es gab Zeiten, da stand der „Architekt der deutschen Einheit“ wochenlang am Pranger der deutschen Öffentlichkeit.

Baumeister der deutschen Ostpolitik
Willy Brandt und Egon Bahr
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Die Karriere des 1922 im thüringischen Treffurt geborenen Sozialdemokraten war eng mit dem ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt verknüpft. Bahr galt als einer der Wegbereiter der neuen deutschen Ostpolitik unter Brandt (1969 bis 1974).

Abrüstungsexperte
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SPD-Abrüstungsexperte Bahr (li.), Karsten Voigt, damaliger Obmann der SPD im außenpolitischen Ausschuss des Bundestags, und SED-Politbüromitglied Hermann Axen debattierten am 21. Oktober 1986 in Bonn über Abrüstungsfragen.

Langjährige Vertraute
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Willy Brandt, 1963 noch Regierender Bürgermeister Berlins, begrüßte im Rathaus Schöneberg die mit Vertretern der Sowjetzone getroffene Regelung in der Passierscheinfrage. Links mit dabei Senatspressechef Egon Bahr.

Besuch in der Sowjetunion
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Visite auf dem Roten Platz: Bahr reiste 1970 mit Bundeskanzler Willy Brandt, Außenminister Walter Scheel, Rüdiger von Wechmar und Staatssekretär Paul Frank (von links) in die sowjetische Hauptstadt Moskau.

Politischer Spätstarter
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Egon Bahr bei einem Außerordentlichen Bundesparteitag der SPD in Bonn-Bad Godesberg im Jahr 1971. Erst im Alter von 44 Jahren war er in die Partei eingetreten.

Empfang in Bonn
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Bahr (vorne links), Innenminister Hans-Dietrich Genscher und CDU-Bundesvorsitzender Rainer Barzel empfingen 1971 den japanischen Kaiser Hirohito in Bonn.

An der Krimküste
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Der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew (li.) erläuterte dem deutschen Bundeskanzler Willy Brandt 1971 während einer Fahrt mit der sowjetischen Regierungsjacht bemerkenswerte Punkte der Krimküste. Mit dabei: Staatssekretär Egon Bahr (SPD).

Ostberlin war offiziell ebenso wenig amused und sprach von „Aggression in Filzlatschen“, weil man hinter dem Eisernen Vorhang eher eine Verführung durch Annäherung fürchtete. Doch Bahr betrieb die Ostpolitik Willy Brandts still, leise und hartnäckig weiter wie ein Geheimdiplomat im 19. Jahrhundert: Geheimkanäle, ja hermetische Heimlichtuerei gehörten zu seinen Mittel, zumeist aus der sehr berechtigten Angst, seine politische Gegner würden ihm seine Strategie und das ganze Ziel vermasseln. Da er auf das uneingeschränkte Vertrauen des Bundeskanzlers setzen konnte, nutzte er die größtmögliche Freiheit für seine Geheimerhandlungen mit der DDR, mehr aber noch mit der damaligen UdSSR.

In einem Interview sprach er über diese Art der „Geheimdiplomatie“ im 20. Jahrhundert. „Wir hatten im Auswärtigen Amt bereits alle Fragen und Antworten durchgespielt. Man gewinnt nicht gegen, sondern nur mit jemandem, man gewinnt nur zusammen. Erst dann bildet sich zwischen Partnern Vertrauen. Man darf niemals mit gespaltener Zunge reden. Ich habe Henry Kissinger in aller Offenheit erzählt, was wir wollten und ebenso hielt ich es mit Andrej Gromyko.“

Bundeskanzler Willy Brandt wusste deshalb stets, dass er ohne das Verhandlungsgeschick Egon Bahrs weit weniger erfolgreich gewesen wäre in der deutschen Frage. Und auch der ihm 1971 verliehene Friedensnobelpreis dürfte ohne die agile Kärrnerarbeit Bahrs mit dem Osten kaum möglich gewesen sein. Mit Brandt verband ihn nicht nur das Angefeindetsein, sondern auch eine tiefe Freundschaft. Für Brandt war es wohl die engste Freundschaft überhaupt.

Als Brandt am 7. Mai 1974 wegen der Guillaume-Affäre aus dem Amt schied – Guillaume war ein DDR- Agent, der ins engsten Umfeld bis hin in die Privatsphäre Brandts geschleust worden war - , weinte Bahr hemmungslos vor allen Kameras der Welt.

„Gott, sei Dank, du hast es überlebt“
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6 Kommentare zu "Egon Bahr ist tot: Leise, aber hartnäckig"

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  • Leider verlassen uns all die, die noch großen Anstand hatten.
    Solche Politikr bräuchten wir wieder. Denn die Enkel und Urenkel taugen ja leider nichts, so sagte Willy Brandt mal.
    Egon Bahr wird in Erinnerung bleiben

  • Der Egon hat sich rechtzeitig vom Acker gemacht
    und sich erspart, was uns noch blüht.

  • Ich schließe mich den Vorrednern in allen Belangen an!!

    Aber werden denn nicht die aktuellen SPD Größen wie Gabriel, Oppermann etc. nicht ebenfalls als Vordenker, Protagonisten, Pragnatiker oder Visionäre in die Analen der Süd-Ost- Griechenland Politik eingehen??
    Meine Antwort steht schon mal fest: Bei mir nicht !!

  • Ein großer Vordenker, Denker und Pragmatiker war E. Bahr.
    Vergleicht man sein großes Können mit den Leistungen seiner selbsternannten "Enkel" wird mir Angst und Bange.
    Ehre wem Ehre gebührt!

  • Als Egon Bahr und Willy Brandt ihre neue deutsche Ostpolitik konzipierten, die letztlich ein maßgeblicher Baustein und die Grundlage zur deutschen Einheit bildeten, wurden beide von den kalten Kriegern der CDU/CSU auf eine Weise angefeindet, die schon grenzwertig war. Einer der damaligen Protagonisten und Scharfmacher war v. Guttenberg der Großvater des bekannten Plagiators.

    Bahrs neue Ostpolik war wegweisend, genauso wie heute eine Verständigungspolitik mit Russland wegweisend wäre und nicht eine Neuauflage des kalten Krieges, die zu nichts anderem führte und schon führt, als einer russisch-chinesischen strategischen Allianz auf allen Gebieten, nicht zuletzt einer militärischen Allianz.

  • Es ist schade, dass es aktuell weder in den Reihen deutscher noch europäischer Regierungen Politiker von der politischen Größe eines Willy Brandt und eines Egon Bahr gibt. Das ist traurig. -- Dass es einen gestandenen Kämpfer mit 93 Jahren wohlverdient in die ewigen Jagdgründe zieht, eher nicht.
    Hut ab Egon, Du hast ganz sicher viel für Deutschland und den Frieden in Europa beigetragen.
    Leider hat es den Anschein, dass die europäische Friedenspolitik, die maßgeblich von Willy Brandt und Egon Bahr realisiert wurde, von heutigen Sozialdemokraten mit Regierungsverantwortung mit Füßen getreten wird. Nach unten treten und nach oben buckeln ist offensichtlich der Trend, der in politischen Riegen heutzutage das Tagesgeschäft von Politikern bestimmt.

    Mach es gut Egon, Gruß an Willy ;-)

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