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Energie-Alternativen Bundesregierung vertagt Beschluss zu Wasserstoff-Strategie

Die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung lässt auf sich warten. In den Unternehmen wird an konkreten Projekten schon gearbeitet. Doch die Verunsicherung wächst.
17.03.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Bundesregierung vertagt Beschluss zu Wasserstoffstrategie Quelle: dpa
Wasserstoff-Tankstelle

Die Große Koalition ringt noch um einen Kurs bei ihrer Wasserstoff-Strategie.

(Foto: dpa)

Berlin Als die Ministerpräsidenten der Länder Ende vergangener Woche mit der Kanzlerin zusammentrafen, wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die strittigen Punkte der Nationalen Wasserstoffstrategie zu klären. Doch Teilnehmer berichten, das Thema sei gar nicht erst zur Sprache gekommen.

Nun soll sich eine Arbeitsgruppe mit den noch zu klärenden Fragen befassen und möglichst bis Ostern Ergebnisse liefern. Auch die beteiligten Bundesministerien können sich an entscheidenden Stellen nicht verständigen. Der ursprünglich für Mittwoch vorgesehene Kabinettsbeschluss über die Wasserstoffstrategie wird daher voraussichtlich vertagt.

Damit gerät die Nationale Wasserstoffstrategie immer weiter in Verzug. In den Unternehmen wächst die Unruhe. „Entscheidend ist, was wir in den kommenden zwölf bis 24 Monaten schaffen“, sagt Urban Keußen, Technik-Vorstand beim Oldenburger Energieversorger EWE. Nach Überzeugung Keußens muss es daher schnell vorangehen.

Wasserstoff gilt als das große Zukunftsthema der Energiewende. Er kann vielfältig eingesetzt werden, etwa im Schwerlastverkehr oder in der Industrie. Wird er mittels Strom aus erneuerbaren Quellen durch Elektrolyse hergestellt, spricht man von „grünem Wasserstoff“. Dagegen wird „blauer Wasserstoff“ auf der Basis von Erdgas hergestellt. Das bei der Herstellung von blauem Wasserstoff frei werdende CO2 wird abgeschieden und unterirdisch gespeichert (Carbon Capture and Storage, kurz CCS).

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    EWE arbeitet wie viele andere Unternehmen in Deutschland an konkreten Projekten zur Produktion und zum Einsatz von grünem Wasserstoff, denen im Moment aber noch die wirtschaftliche Grundlage fehlt. Ziel der Nationalen Wasserstoffstrategie ist es, einen Markt für klimaneutralen Wasserstoff zu organisieren und den Markthochlauf anzureizen.

    Keußen hat klare Vorstellungen davon, wie das gelingen kann: „Es geht jetzt vordringlich darum, in Deutschland die Voraussetzungen für den Bau und Betrieb von Elektrolyseuren zu schaffen. Nach unserer Überzeugung geht das nur, wenn der grüne Strom, der für die Wasserstoff-Elektrolyse eingesetzt wird, von staatlichen Preisbestandteilen – mindestens der EEG-Umlage – befreit wird“, sagte Keußen.

    Die Forderung, Strom aus erneuerbaren Quellen, der für die Elektrolyse eingesetzt wird, von Abgaben und Umlagen zu befreien, hat aus Sicht vieler Unternehmen absolute Priorität. In dem jüngsten Entwurf der Nationalen Wasserstoffstrategie trägt die Bundesregierung dieser Forderung aber nur sehr halbherzig Rechnung. Dort ist lediglich davon die Rede, man wolle „Reformen der staatlich induzierten Preisbestandteile prüfen“. Aus Sicht der Unternehmen ist das viel zu vage.

    Als halbherzig empfinden die Unternehmen auch die Ankündigung aus dem Entwurf der Strategie, bis 2030 Elektrolysekapazitäten von „mindestens drei, möglichst fünf Gigawatt“ zu schaffen. Aus Sicht von EWE-Manager Keußen reicht das nicht aus: „Wir brauchen in Deutschland bis 2030 Elektrolyseur-Kapazitäten in einer Größenordnung von fünf bis zehn Gigawatt“, sagt er.

    Keußen steht mit dieser Einschätzung nicht allein da. Die Ziele der Strategie entsprächen „in keiner Weise einem ambitionierten Vorgehen“, kritisiert etwa Werner Diwald, Chef des Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verbandes (DWV). Diwald rechnet unter Verweis auf Zahlen der Nationalen Plattform Mobilität vor, dass allein zur Herstellung klimaneutraler Kraftstoffe, die auf der Basis von Strom aus erneuerbaren Quellen hergestellt werden, nur für den Verkehrssektor bis 2030 Elektrolysekapazitäten von fünf bis 18 Gigawatt erforderlich sind.

    Ministerien streiten über Elektrolysekapazitäten

    Unter den Bundesministerien kommt das Bundesforschungsministerium solchen Überlegungen noch am ehesten entgegen: Es spricht sich für den Aufbau von Elektrolysekapazitäten im Umfang von „zehn bis 15 Gigawatt“ aus. Der Wert steht im Entwurf jedoch in eckigen Klammern und ist somit unter den Ministerien bislang nicht mehrheitsfähig.

    Großen Diskussionsbedarf gibt es innerhalb der Bundesregierung beim Thema blauer Wasserstoff. Während das Bundeswirtschaftsministerium blauen Wasserstoff im ersten Entwurf der Wasserstoffstrategie noch als Teil der Lösung aufgebaut hatte, ist er im jüngsten Entwurf allenfalls noch geduldet. Darin heißt es nun, aus Sicht der Bundesregierung sei „nur Wasserstoff, der auf Basis erneuerbarer Energien hergestellt wurde (grüner Wasserstoff), auf Dauer nachhaltig“.

    Die Bundesregierung gehe davon aus, dass sich in den nächsten zehn Jahren ein globaler und europäischer Wasserstoffmarkt herausbilden werde. Auf diesem Markt werde auch blauer Wasserstoff gehandelt werden. Aufgrund der engen Einbindung Deutschlands in die europäische Energieversorgungsinfrastruktur werde daher auch hierzulande blauer Wasserstoff eine Rolle spielen „und, wenn verfügbar, auch übergangsweise genutzt werden“, heißt es in der jüngsten Fassung der Strategie. Mehr Distanz zu blauem Wasserstoff ist kaum denkbar.

    Nach Definition des Wirtschaftsressorts ist blauer Wasserstoff CO2-neutral. Daran entzündet sich Kritik, weil in der Prozesskette von der Erdgasförderung bis zur Speicherung CO2 in die Atmosphäre gelangt. Zudem ist die CCS-Technologie umstritten. Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) klammern daher blauen Wasserstoff in ihren Überlegungen aus. Mit blauem Wasserstoff werde das Problem nur verschoben, hatte Karliczek kürzlich gesagt.

    Die Erdgasbranche sieht das kritisch. „Der Streit zeigt, dass die Regierung die Wasserstoffmengen, die wir in Deutschland benötigen werden, drastisch unterschätzt. Selbst wenn wir einen sehr ambitionierten Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung und der Elektrolysekapazität in Deutschland erreichen, lässt sich so nur ein geringer Teil des Verkehrs-, Wärme- und Industriesektors dekarbonisieren“, sagte Timm Kehler, Vorstand des Verbandes „Zukunft Erdgas“. „Grüner Wasserstoff im Gasnetz wird eine wichtige Rolle in der Speicherung von Erneuerbaren spielen, wenn beispielsweise an einem sonnigen, stürmischen Tag keine Abnehmer zur Verfügung stehen“, sagte Kehler.

    Für eine stabile Versorgung mit Wasserstoff seien aber unbedingt noch weitere Technologierouten erforderlich, also etwa blauer Wasserstoff. Die Gasbranche sei daher „sehr besorgt“, dass der Grundsatz der Technologieoffenheit verlassen werde und die CO2-neutrale Produktion von Wasserstoff aus Erdgas in der Strategie nicht berücksichtigt werde.

    Mehr: Heilsbringer oder Illusion? Das Potenzial von Wasserstoff im Faktencheck

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