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Energie Vorsprung gefährdet: Deutschland lässt auf seine Wasserstoff-Strategie warten

Die Bundesregierung muss die Entscheidung über ihre Wasserstoff-Strategie erneut vertagen. Nun werfen die Länder Deutschland Tatenlosigkeit vor.
20.04.2020 - 17:32 Uhr 1 Kommentar
Blauer Wasserstoff wird aus Erdgas produziert, das dabei frei werdende CO2 wird unterirdisch gespeichert (Carbon Capture and Storage, kurz CCS). Quelle: imago/Florian Schuh
Wasserstofftankstelle

Blauer Wasserstoff wird aus Erdgas produziert, das dabei frei werdende CO2 wird unterirdisch gespeichert (Carbon Capture and Storage, kurz CCS).

(Foto: imago/Florian Schuh)

Berlin In den Bundesländern wächst die Sorge, dass Deutschland beim Thema Wasserstoff ins Hintertreffen geraten könnte. „Wenn wir nicht aufpassen, überholt uns der Rest der Welt“, sagte der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD) dem Handelsblatt.

„Es geht hier nicht darum, mit ein paar Reallaboren in kleinen Schritten voranzukommen. Wir müssen in langen Linien denken und brauchen ein klares, ein ambitioniertes Zielszenario 2050“, ergänzte der Minister.

Auch der Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart (FDP), macht Druck: „Wir müssen zügig den Einstieg in eine Wasserstoffwirtschaft schaffen und hierfür einen verlässlichen Rahmen gestalten“, sagte er dem Handelsblatt.

Die Bundesregierung ist mit ihrer Wasserstoff-Strategie seit Monaten in Verzug. Nach ursprünglicher Planung hätte das Bundeskabinett die Strategie Ende 2019 verabschieden sollen. Die für den Jahresbeginn vorgesehenen Termine für eine Beschlussfassung verstrichen ergebnislos, das Thema wurde immer wieder vertagt.

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    Nun heißt es, am 29. April werde das Kabinett die Strategie beschließen. In Regierungskreisen räumt man allerdings ein, es sei noch nicht klar, ob sich der Termin halten lasse. Möglicherweise brauche man bis Mai.

    Grüner oder blauer Wasserstoff?

    Die Befürchtung des niedersächsischen Umweltministers Lies, Deutschland könne ins Hintertreffen geraten, ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Niederländer beispielsweise haben ihre Wasserstoffstrategie bereits verabschiedet. Das Nachbarland legt ein Ambitionsniveau vor, von dem Deutschland weit entfernt ist.

    Die Debatte in Deutschland ist geprägt von zwei Grundsatzfragen: Welche Elektrolysekapazitäten für die Produktion von grünem Wasserstoff werden bis 2030 angestrebt? Und ist neben grünem Wasserstoff auch blauer Wasserstoff Bestandteil der Strategie?

    Die Konfliktlinie verläuft dabei zwischen dem SPD-geführten Umweltministerium und dem CDU-geführten Forschungsministerium auf der einen Seite und dem CDU-geführten Wirtschaftsressort auf der anderen Seite. Umwelt- und Forschungsministerium wollen allein auf grünen Wasserstoff setzen.

    Zugleich strebt das Forschungsressort eine hohe Elektrolysekapazität bis 2030 an. Das Wirtschaftsministerium dagegen will blauem Wasserstoff zumindest für den Übergang eine Chance geben.
    Grüner Wasserstoff wird mittels Strom aus erneuerbaren Quellen durch Elektrolyse CO2-frei hergestellt.

    Blauer Wasserstoff dagegen wird aus Erdgas produziert, das dabei frei werdende CO2 wird unterirdisch gespeichert (Carbon Capture and Storage, kurz CCS). Nach Definition des Wirtschaftsressorts ist blauer Wasserstoff CO2-neutral.

    Wasserstoff spielt Schlüsselrolle

    Daran entzündet sich Kritik, weil in der Prozesskette von der Erdgasförderung bis zur Speicherung CO2 in die Atmosphäre gelangt. Zudem ist die CCS-Technologie umstritten. Mit blauem Wasserstoff werde das Problem nur verschoben, hatte Forschungsministerin Anja Karliczek kürzlich gesagt.

    Wasserstoff spielt eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung. Bestimmte Prozesse, die mittels Strom aus erneuerbaren Quellen nicht oder nur mit extrem hohem Aufwand darstellbar sind, könnten künftig mittels Wasserstoff funktionieren.

    So könnte Wasserstoff in der Industrie, im Schwerlastverkehr, aber auch im Wärmesektor oder als Medium zur Speicherung oder zum Transport von Strom aus erneuerbaren Quellen künftig eine Schlüsselrolle spielen.

    Voraussetzung ist, dass Produktionskapazitäten nebst der dazugehörigen Infrastruktur entstehen. „Wasserstoff birgt energie- und industriepolitisch großes Potenzial. Für Nordrhein-Westfalen wird dieser Energieträger immer wichtiger und kann, klimaneutral erzeugt, eine Schlüsselrolle für eine zukunftsfähige Industrie einnehmen“, sagt NRW-Minister Pinkwart.

    Wasserstoff ins Gasnetz

    Viele Unternehmen teilen diese Auffassung. Aber sie sind auf einen politischen Rahmen angewiesen, den die Bundesregierung setzen muss. Dabei geht es nicht nur um die großen Linien für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Für den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur etwa ist die schnelle Anpassung der geltenden Regulierung erforderlich.

    Darauf weisen die Betreiber der Ferngasleitungen (FNB Gas), der BDI, der Energiebranchenverband BDEW, der Industrieverband VIK und der DIHK in einem noch unveröffentlichten Positionspapier hin, das dem Handelsblatt vorliegt.

    So dürfen die Betreiber von Ferngasleitungen derzeit gar keinen Wasserstoff in ihrem Netz transportieren, weil das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) lediglich den Transport von „Erdgas“ zulässt. In dem Positionspapier schlagen die Verbände nun vor, den Begriff „Erdgas“ an verschiedenen Stellen durch „Gas“ zu ersetzen, womit Wasserstoff erfasst wäre.

    Es bestehe „ein breiter industrie- und energiepolitischer Konsens“ darüber, „dass bereits heute die Infrastrukturen so vorbereitet werden müssen, dass vor allem der Transport von reinem Wasserstoff“ spätestens ab Mitte des Jahrzehnts „zu einer real verfügbaren Option werden muss“, schreiben die Autoren. Die geforderten Änderungen gesetzlicher Regelungen müssten daher „zwingend bereits in dieser Legislaturperiode auf den Weg gebracht werden“, schreiben sie weiter.

    Die Betreiber der Ferngasleitungen hatten vor einigen Wochen bereits einen konkreten Plan für ein deutsches Wasserstoff-Transportnetz mit einer Länge von 5 900 Kilometern vorgelegt; es soll die künftigen Erzeugungszentren von Wasserstoff im Norden Deutschlands mit den großen Abnehmern im Westen und Süden verbinden. Dabei wollen die Betreiber zum ganz überwiegenden Teil auf vorhandene Erdgasleitungen zurückgreifen. Sie können aber erst damit beginnen, ihren ehrgeizigen Plan umzusetzen, wenn das EnWG den Transport von Wasserstoff im regulierten Netz überhaupt zulässt.

    Geforderte Gesetzesänderungen

    In ihrem Papier fordern die Verbände außerdem, Wasserstoff technologieneutral zu definieren. Die bisherige Technologiebindung für „grünen“ Wasserstoff müsse aufgehoben und „stattdessen der Transport und die Speicherung unabhängig von der Art seiner Erzeugung erlaubt werden“, schreiben sie.

    Mit den geforderten Gesetzesänderungen werde eine „Ausgangsbasis für die Entwicklung eines wettbewerblichen Wasserstoffmarktes geschaffen, die allen Marktakteuren Planungs- und Investitionssicherheit gibt“, schreiben die Verfasser des Papiers.

    Nicht nur der Aufbau eines Wasserstoffnetzes gehört zu den Voraussetzungen, die Bedingung für den Hochlauf der Wasserstoffproduktion sind. Auch die Speicherung von Wasserstoff gehört auf die Tagesordnung. „Der Erdgasspeicher von heute ist der Wasserstoffspeicher von morgen“, sagte Minister Lies.

    Die in der Initiative Erdgasspeicher (Ines) zusammengeschlossenen Unternehmen fordern daher „mehr politisches Engagement“. Gasspeicher seien eine „Schlüsseltechnologie für eine Wasserstoffwirtschaft“. Deutschland habe die Chance, zum „Energiespeicher Europas“ zu werden. Die deutschen Gasspeicherkapazitäten böten dafür ein riesiges Potenzial.

    „Die Gasspeicherbranche kann sich um die Technik und den Betrieb kümmern. Die rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen müssen aber von der Politik gesetzt werden“, sagte Ines-Geschäftsführer Sebastian Bleschke. Im Bereich der Umlagen, Abgaben und Netzentgelte müssten die Voraussetzungen für einen unverzerrten Wettbewerb der Sektoren Gas und Strom geschaffen werden.

    Der niedersächsische Umweltminister Lies teilt diese Auffassung: „Bei der Netzplanung müssen wir Strom und Gas gemeinsam denken“, sagte der Minister. „Die Regulierung muss der Bedeutung von Speichern Rechnung tragen. Weder die Produktion von grünem Wasserstoff noch das Ein- und Auslagern von grünem Wasserstoff dürfen mit Abgaben belastet werden.“

    Mehr: Die Wirtschaft hat klare Vorstellungen von einer Wasserstoff-Strategie – und pocht auf diese. Doch die Große Koalition ringt noch um einen Kurs.

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    1 Kommentar zu "Energie: Vorsprung gefährdet: Deutschland lässt auf seine Wasserstoff-Strategie warten"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Elektrolyse in Deutschland macht nur dort Sinn, wo grüner Strom sonst wirklich ungenutzt bliebe. Wo und wie viel ist das? Und müsste es den ungenutzten Strom überhaupt geben, wenn man endlich die Verteilnetze erweitern würde? Von der Nordsee nach Bayern.
      Alles an Strom muss immer zuallererst dafür eingesetzt werden, dass wir im Netz fossile Erzeugung und Fossilstrom-Import reduzieren. Das bringt CO2-Ersparnis. Elektrolyse vernichtet hingegen kostbaren Grünstrom. Schön zu sehen bei der Elektromobilität. Da kommen über die Kette Elektrolyse-Brennstoffzelle bestenfalls 30% auf die Straße. Wie kann man sowas propagieren?
      Wasserstoff in der Sahara erzeugt, ja das ginge.

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