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EnergiekostenHohe Preise bedrohen den Standort Deutschland

Der deutschen Industrie stehen auch nach 2030 höhere Energiepreise bevor. Einige Unternehmen werden abwandern. Millionen Jobs sind bedroht. Aber das ist nicht nur ein Nachteil.Julian Olk 05.09.2023 - 11:23 Uhr Artikel anhören

Besonders die Metall- und Kunststoffunternehmen sind den Studienergebnissen zufolge betroffen.

Foto: dpa

Berlin. Die deutsche Industrie steht vor großen Umbrüchen. Die hohen Preise für Strom und Gas durch die Energiekrise sind wohl erst der Anfang: Deutschland drohen langfristig Wettbewerbsnachteile durch hohe Energiekosten.

Das legt eine neue Studie vom Beratungsunternehmen IW Consult des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und Frontier Economics nahe, die im Auftrag der Denkfabrik Dezernat Zukunft erstellt wurde. Die Studie sowie das zugehörige Politikpapier der Denkfabrik lag dem Handelsblatt vorab vor.

Die Studie zeigt, dass in Deutschland bis 2045 weitaus höhere Preise für Strom und Wasserstoff verlangt werden dürften als in anderen Ländern. Das ergibt sich aus dem Vergleich mit sieben anderen Ländern, die stark um Industrieunternehmen buhlen oder die aufgrund ihrer Energiesituationen für die Betriebe besonders attraktiv werden dürften: Norwegen, Spanien, Australien, Chile, Marokko, USA und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Wanderten Unternehmen deshalb ab, dann wären bis zu 120 Milliarden Euro weniger Wirtschaftsleistung und der Wegfall von 1,3 Millionen Arbeitsplätzen wahrscheinlich, so die Studie.

Die Untersuchung liefert Hinweise für die politische Diskussion um die Zukunft der Industrie. Die Sorge in der Bundesregierung vor Verlusten im industriellen Sektor ist groß. Das Thema war auch zentral bei der Kabinettsklausur am Dienstag und Mittwoch in Meseberg. Dort hieß es von der Bundesregierung: „Die sichere Versorgung mit bezahlbarer Energie ist entscheidend für den deutschen Wirtschafts- und Industriestandort.“

Industrie in Deutschland: Veränderungen sind unausweichlich

Die Auftraggeber vom Dezernat Zukunft malen weder Abstiegsszenarien um die Industrie, noch reden sie die Probleme des Sektors klein. Sie zeigen vielmehr: Durch die hohen Energiepreise wird es größere Veränderungen in der Industrie geben. Diese werden sich nicht vollständig verhindern lassen. Wenn Importe von Industriegütern günstiger sind als die Herstellung hierzulande, müsse man das teilweise zulassen, heißt es.

Gleichzeitig müsse es gelingen, den Schaden durch die Abwanderungen möglichst gering zu halten. Ein vollständiges Ende der Industrieproduktion in Deutschland sei demnach keine Option.

Ein Mittel könnte nach Ansicht des Dezernat Zukunft auch ein Industriestrompreis sein, mit dem man allerdings behutsam umgehen müsse. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte einen Industriestrompreis vorgeschlagen, konnte sich damit bislang aber nicht gegen Finanzminister Christian Lindner (FDP) und Kanzler Olaf Scholz (SPD) durchsetzen.

Die Energiekosten: Auch in kommenden Jahrzehnten deutlich höher

Energie war in Deutschland schon immer teurer als in anderen Ländern. Die Industrie konnte bisher trotzdem wettbewerbsfähig produzieren. In Zukunft dürfte die Lücke bei den Energiepreisen aber größer ausfallen als in der Vergangenheit, zeigt die Studie.

Selbst an günstigen Standorten in Deutschland nahe der Küsten, wo es große Mengen Strom aus den dortigen Windparks gibt, könnte der Unterschied deutlich ausfallen. 2045 soll der Strom für die Industrie in Deutschland 75 Prozent teurer sein als im Durchschnitt der Vergleichsländer. Im Vergleich zu den günstigsten Orten wie Australien oder Chile wäre Energie hierzulande sogar doppelt so teuer.

Nicht anders sieht es beim Wasserstoff aus. Den wird Deutschland in großen Mengen brauchen, für die Stromerzeugung, vor allem aber für die Umstellung der Industrie als Ersatz für Gas und Öl.

2045 soll grüner Wasserstoff in Deutschland 30 Prozent teurer sein als in den Vergleichsländern. Gegenüber den günstigsten Standorten wie Australien oder den USA sind bis zu 65 Prozent Aufpreis denkbar. Immerhin ist Deutschland schon vergleichsweise weit bei Speicherlösungen. Berücksichtigt man das, liegt der Nachteil laut Studie beim Strompreis noch bei bis zu 67 Prozent und beim Wasserstoffpreis bei bis zu 43 Prozent.

Das liegt vor allem am ungünstigeren Wetterprofil in Deutschland, zudem wird das Land seinen Bedarf an Strom und Wasserstoff nicht selbst decken können. „Ein Großteil wird zu höheren Kosten oder gebunden in Grundstoffen importiert werden müssen“, sagt Janek Steitz von Dezernat Zukunft.

Die energieintensive Industrie: Grundstoffe werden zunehmend aus dem Ausland kommen

Die hohen Energiekosten sind vor allem ein Problem für die energieintensive Industrie, die Grundstoffe wie Stahl oder Aluminium herstellt. Der Aufschlag in der Herstellung durch die hohen Energiepreise könnte 2045 je nach Grundstoff bei 25 bis 80 Prozent liegen, geht aus der Studie hervor.

Das könnte bedeuten, dass immer mehr Unternehmen ihre Produktion in Deutschland aufgeben: „Je mehr Produktion in das Ausland verlagert wird, desto größer ist der Kostenvorteil“, heißt es vom Dezernat Zukunft. Der Transport von Wasserstoff per Schiff etwa ist deutlich teurer, als einfach die für die Herstellung benötigten Zwischenprodukte zu importieren. Und noch günstiger wäre es, die fertigen Metalle oder Chemikalien direkt einzuführen. „So oder so wird eine Verlagerung der energieintensiven Produktion kommen“, bestätigt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm die Studienergebnisse.

Der Kostenaufschlag ist für Aluminium mit rund 60 Prozent besonders hoch. Die Ammoniak-Produktion ist in Deutschland etwa 30 Prozent teurer. Für Stahl liegt der Aufschlag bei knapp 25 Prozent.

Besonders die energieintensiven Unternehmen dürften ihre Produktion teilweise ins Ausland verlagern.

Foto: dpa

Der Kostennachteil entsteht oft bei der Produktion der Zwischenprodukte. Beim Stahl etwa macht der erste Produktionsschritt, die Herstellung von Eisenschwamm, rund die Hälfte der höheren Kosten aus. Aus Sicht von Dezernat-Zukunft-Ökonom Steitz ist das eine wichtige Erkenntnis: „Der Import gut transportierbarer Zwischenprodukte ist eine zentrale Strategie, um mit den gestiegenen Energiekosten umzugehen.“

Die übrige Industrie: Autohersteller ebenfalls betroffen

Überraschend ist: Der Energiekosten-Nachteil würde vor allem die Unternehmen treffen, die die Grundstoffe weiterverarbeiten. 13 Prozent der Wirtschaftsleistung der nachgelagerten Wirtschaftszweige würden dauerhaft verloren gehen, wenn große Teile der Grundstoffindustrie abwandern. Die Studienautoren halten das für wahrscheinlich.

Das läge vor allem daran, dass regionale Netzwerk- und Verbundeffekte verloren gingen. Beispielsweise kooperieren viele Automobil- und Maschinenbauzulieferer eng mit regionalen Stahl- und Aluminiumherstellern.

Hinzu kommt: Die Grundstoffhersteller, die bleiben, würden wohl viele Kunden verlieren. Denn die Abnehmer sehen nur bei moderaten Aufschlägen bei den Grundstoffpreisen von bis zu fünf Prozent die Möglichkeit, diese in größerem Umfang abzufedern, durch Preisweitergabe oder Effizienzfortschritte.

Der Gesamteffekt: Bis zu 155 Milliarden Euro weniger Wertschöpfung

Bewahrheiten sich die Einschätzungen, wäre der Effekt auf die gesamtwirtschaftliche Leistung in Deutschland enorm. Im mittleren Szenario, das die Studienautoren für besonders wahrscheinlich halten, beliefe sich der Rückgang der Wertschöpfung auf rund 120 Milliarden Euro. Das wären 3,5 Prozent der gesamten Wertschöpfung. Die beschriebenen Effekte dürften über einen Zeitraum von zehn bis 15 Jahren anfallen.

Mit je etwa 20 Prozent Rückgang würden die Branchen Gummi/Kunststoffe, Metallerzeugung und Metallerzeugnisse die stärksten Rückgänge verzeichnen. Rund 1,3 Millionen Arbeitsplätze würden im mittleren Szenario verloren gehen. Nur 25 Prozent davon würden in den energieintensiven Branchen wegfallen, der Großteil in den nachgelagerten Sektoren.

Im extremsten Szenario, das die Wissenschaftler durchgespielt haben, läge der Verlust der Wertschöpfung bei 155 Milliarden Euro, 1,7 Millionen Arbeitsplätze wären betroffen.

Die Politik: Industriestandort stärken, ohne Strukturwandel zu bremsen

Die Ökonominnen und Ökonomen halten eine ausbalancierte politische Reaktion für wichtig. Neben Abwanderungssorgen gehe es darum, „dauerhaft nicht-wettbewerbsfähige Strukturen nicht zu konservieren“. Steitz kritisiert: Der politische Fokus auf energieintensive Branchen sei verengt. Schließlich zeige sich in den nachgelagerten Branchen der größte Schaden.

Um den wirtschaftlichen Schaden generell gering zu halten, schlägt die Denkfabrik allgemeine Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise vor: stärkere Integration des europäischen Strommarkts; mehr flexible Gas- beziehungsweise Wasserstoffkraftwerke; Stromsteuern auf das europäische Mindestmaß absenken.

Die von der Bundesregierung geplante Streichung des Spitzenausgleichs der Stromsteuer sollte annulliert oder zumindest verschoben werden. Die Investitionsprämie, die die Bundesregierung am Mittwoch in Meseberg beschlossen hat, sei gut, falle aber „deutlich zu klein aus“.

Der Import von Zwischenprodukten könnte den Energiepreisnachteil reduzieren.

Foto: imago images/Frank Ossenbrink

Was die energieintensiven Branchen betrifft, müsse der Staat eine „Sockelkapazität“ sichern, um geopolitisch unabhängig zu bleiben und den Netzwerken in den nachgelagerten Branchen nicht zu sehr zu schaden. Die Vorschläge dafür: zielgenaue Investitions- und Betriebskostenzuschüsse; grüne Produktstandards für Grundstoffe, etwa im Rahmen öffentlicher Ausschreibungen; langfristige Stromverträge für mehr Investitionssicherheit.

Der Industriestrompreis

Nach Ansicht von Dezernat Zukunft könnte auch der von Wirtschaftsminister Habeck aufgebrachte Industriestrompreis bei der Sicherung der Sockelkapazität helfen. Die von Habeck vorgeschlagene Vergünstigung auf sechs Cent je Kilowattstunde für 80 Prozent des Verbrauchs energieintensiver Unternehmen halten sie jedoch für zu niedrig angesetzt.

Zudem müsse berücksichtigt werden, dass die Vergünstigung für diese Unternehmen zwar den Strompreis senkt, aber ihre Nachfrage steigert und damit für den Rest der Wirtschaft die Strompreise erhöht.

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Die Berechnungen der Denkfabrik zeigen aber: Selbst bei einem 20 Prozent höheren Börsenstrompreis wäre der Effekt durch den abgewendeten wirtschaftlichen Schaden höher. Erst bei einem 40 Prozent höheren Strompreis wäre die Subvention gesamtwirtschaftlich schädlich, so die Schätzung.

Erstpublikation: 30.08.2023, 10:44 Uhr.

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