Die Klimalüge

Der CO2-Rückgang in Deutschland ist zum Stillstand gekommen, die Kanzlerin reißt ihre Umweltziele.

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Energiewende Die Öko-Lüge – Wie Deutschland seine Vorreiterrolle beim Klimaschutz verspielt

Einst wurde Merkel als Klimakanzlerin gefeiert. Doch der CO2-Rückgang ist zum Stillstand gekommen. Dabei könnte mehr Einsatz gegen Erderwärmung auch die Wirtschaft voranbringen.
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BerlinDer „Tag der Deutschen Industrie“ ist das jährliche Hochamt bundesrepublikanischer Wirtschaftsmacht. 1200 Geschäftsführer, Vorstandsmitglieder, Mittelständler, Familienunternehmer und Verbandslobbyisten strömen am 25. September in die „Station Berlin“, einen früheren Postbahnhof in Kreuzberg. Am Vormittag erweist Angela Merkel den Teilnehmern ihre Reverenz. Im grünen Jackett und mit forschem Schritt eilt die Bundeskanzlerin ans Rednerpult.

Der Blazer wird das einzige Stück Grün bleiben, das die Kanzlerin an diesem Tag mitgebracht hat. Im rhetorischen Gepäck trägt sie stattdessen ein schmutziges Geschenk für die deutsche Schlüsselbranche. Sie wolle die Autoindustrie bei den geplanten neuen CO2-Grenzwerten der EU nicht überfordern, sagt die CDU-Politikerin.

Die Vorschläge der EU-Kommission, die Grenzwerte bis 2030 um 30 Prozent zu reduzieren, seien eine vernünftige Grundlage. „Alles, was darüber hinausgeht, birgt die Gefahr, dass wir die Automobilindustrie aus Europa vertreiben.“

Damit wendet sie sich gegen die Forderung von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), die Grenzwerte um 50 Prozent zu senken. Kräftiger Applaus ist Merkel in diesem Moment sicher. Wieder einmal erteilt die Klimakanzlerin einst ehrgeizigen Umweltzielen eine Absage.

Merkels Auftritt ist symptomatisch für den Abstieg eines ökologischen Superstars. Noch vor zehn Jahren war Deutschland unter derselben Kanzlerin Merkel weltweites Vorbild in Sachen Klimaschutz. Doch gemessen an den hehren Ansprüchen von einst ist die Bundesrepublik klimapolitisch auf dem Weg zum Failed State. Die selbst auferlegte Obergrenze beim CO2-Ausstoß reißt die Bundesregierung inzwischen ähnlich nonchalant wie Italien sein Defizitziel.

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So findet sich im Koalitionsvertrag von Union und FDP aus dem Jahr 2009 ein 40-Prozent-Ziel: Deutschland setzte sich damit das Ziel, die CO2- Emissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um zwei Fünftel zu reduzieren. Von diesem Ziel hat sich die amtierende Bundesregierung bereits halboffiziell verabschiedet. Man tue, was man kann, aber es werde nicht reichen, sagen Regierungsmitglieder unverhohlen. Am Ende wird man froh sein, wenn man deutlich über 30 Prozent landet.

„Man muss ganz nüchtern bilanzieren, dass wir eine verlorene Dekade hinter uns haben“, sagt Ottmar Edenhofer, designierter Vorsitzender des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), im Interview mit dem Handelsblatt. „Es fehlt der politische Mut, den Strukturwandel zu gestalten“, kritisiert Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Entwicklungsorganisation Germanwatch. Seit nunmehr neun Jahren seien die CO2-Emissionen in Deutschland nicht mehr gesunken, im Verkehrsbereich sogar seit 1990 nicht mehr.

1. Warum CO2-Einsparung bislang einfach war

Dabei machte das Bezugsjahr 1990, das regelmäßig in allen Reduktionszielen auftaucht, den Klimaschutz für Deutschland bislang ziemlich einfach. Im Jahr der Wiedervereinigung qualmten in der untergehenden DDR noch die Schlote. Eine Welle der Stilllegungen fegte in den Jahren durch die neuen Länder. Der Niedergang der DDR-Industrie ließ die deutsche CO2-Bilanz glänzend aussehen. Doch diese Wendedividende ist inzwischen aufgebraucht.

Will Deutschland beim Klimaschutz jetzt noch relevante Fortschritte machen, fängt es an wehzutun. In jedem Fall gilt: Der Ausstoß des Klimagases CO2 müsste drastisch teurer werden, damit die Deutschen ihren Lebensstil ändern. Sie müssten weniger SUV fahren und mehr U-Bahn. Flixbus und ICE müssten die innerdeutschen Billigflüge ersetzen – und der Tofuburger zumindest hin und wieder das 1,99-Steak vom Discounter.

Alles Zumutungen, von denen höchst unsicher ist, ob die Wähler sie goutieren würden. In Umfragen genießen Umwelt- und Klimaschutz zwar regelmäßig einen hohen Stellenwert. Aber das fällt auch deshalb leicht, weil die Bundesregierung die praktischen Folgen dieser Politik von den Bürgern fernhielt. Etwa indem die enormen Subventionen für den Ausbau von Wind- und Solarkraftwerken sich nicht transparent über Steuern aus dem Bundeshaushalt speisen, sondern als Umlage auf den Stromrechnungen der Bürger versteckt werden.

Zugleich zeigt die Energiewende, so unnötig teuer sie auch in vielen Bereichen ausfällt, welch gewaltiges ökonomisches Wachstumspotenzial im Kampf gegen den Klimawandel schlummert. Die Windenergiebranche in Deutschland beschäftigt inzwischen mehr 160.000 Menschen, zumeist gut bezahlte Fachkräfte. Zum Vergleich: Der Braunkohletagebau, dessen Fortbestand in Deutschland in diesen Tagen immer auch mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen gerechtfertigt wird, beschäftigt rund 21.000 Menschen.

Doch es gehört zu den Grundregeln des Politikgeschäfts, dass etablierte Branchen, die vom Strukturwandel bedroht sind, mehr Lobbymacht besitzen als junge Geschäftsfelder, die von diesem Wandel profitieren könnten.

Symptomatisch für die Beharrungsmacht des Alten ist die Rede, die Volkswagen-Vorstandschef Herbert Diess in dieser Woche in Wolfsburg vor den versammelten Zulieferern des weltgrößten Autokonzerns hielt. Diess sprach von einem „Feldzug gegen die individuelle Mobilität und damit gegen das Auto“, der „existenzbedrohende Ausmaße“ annehme.

Was Diess nicht sagte: dass Volkswagen und Daimler, mit Abstrichen auch BMW, allzu lange die Augen verschlossen haben vor der Notwendigkeit, den CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeugflotte drastisch zu reduzieren. Allzu lange haben gerade die deutschen Konzerne auf üppig motorisierte Geländewagen mit schöngerechneten Verbrauchswerten gesetzt. Mit dem immer gleichen Argument, der Kunde wolle das halt so.

Protegiert wurde Big Auto dabei durch wechselnde Bundesregierungen, die die Branche immer wieder vor allzu großen Ökozumutungen aus Brüssel schützten.

Sicher, die Autoindustrie ist Deutschlands Schlüsselbranche Nummer eins. Kein Politiker kann es sich leisten, ihre Existenz aufs Spiel zu setzen. Doch die größte Bedrohung der Autobranche sind nicht die Klimaschützer. Sondern jene Manager, Arbeitnehmervertreter und Anteilseigner, die sich allzu lange dem notwendigen technologischen Wandel verweigert haben.

Inzwischen wird immer offensichtlicher, dass nicht nur das Handeln im Bereich Klimaschutz Kosten verursacht, sondern auch das Unterlassen. Den deutschen Steuerzahlern drohen mittlerweile Milliardenlasten, weil das Land seine Klimaschutzziele verfehlt. So hat sich Deutschland in Abstimmung mit den anderen EU-Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, die CO2-Emissionen von Gebäuden, Verkehr und Landwirtschaft deutlich zu mindern.

Weil diese Ziele in den nächsten Jahren verfehlt werden, muss Deutschland bis 2030 Emissionsrechte von anderen EU-Ländern zukaufen, was sich Schätzungen zufolge auf bis zu 60 Milliarden Euro addieren könnte.

2. Wie Merkel zur Klimakanzlerin wurde

Nun bekommt Merkel die Quittung dafür, dass sie den Klimaschutz einst selbst ganz oben auf die politische Agenda hievte, ehrgeizige Reduktionsziele durchzusetzen half – und dann die Umsetzung schleifen ließ.

So beschloss die Europäische Union 2007 unter deutscher Präsidentschaft ein 20-Prozent-Reduktionsziel für Treibhausgase bis 2020. Im selben Jahr rang Merkel beim G8-Treffen in Heiligendamm dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush ab, „ernsthaft in Betracht zu ziehen“, die weltweiten CO2-Emissionen bis 2050 um 50 Prozent zu senken. Ein Bild brannte sich 2007 ins kollektive Gedächtnis ein: die Kanzlerin im roten Anorak am schmelzenden Eqi-Gletscher in Grönland.

Noch 2015, beim Gipfel auf Schloss Elmau, schaffte sie es, die Regierungschefs auf ein Abschlussdokument einzuschwören, in dem der Kampf gegen die Erderwärmung breiten Raum einnimmt. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts, so die Botschaft, soll die Weltwirtschaft komplett auf fossile Energieträger wie Kohle, Erdgas und Erdöl verzichten. Bereits bis 2050 sollen die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen gegenüber 2010 um 40 bis 70 Prozent reduziert werden.

Die von Merkel geprägte Abschlusserklärung von Elmau trug maßgeblich dazu bei, dass sich die Weltgemeinschaft Ende 2015 in Paris dazu bekannte, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad im Vergleich zu vorindustrieller Zeit zu begrenzen. Und noch beim G20-Gipfel 2017 in Hamburg – direkt nach der Ankündigung des US-Präsidenten Donald Trump, aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen zu wollen – schaffte es Merkel, die anderen 19 Staaten in Sachen Klimaschutz bei der Stange zu halten.

Bis heute hält die Kanzlerin flammende Appelle, etwa in diesem Juni beim „Petersberger Klimadialog“ in Berlin. „Wir in Deutschland müssen zugeben, dass wir besser werden müssen“, erklärte die Kanzlerin, die wenige Monate zuvor die Erderwärmung noch als „Schicksalsfrage für die Menschheit“ bezeichnet hatte.

Um heiße Worte wider das Global Warming ist die ehemalige Umweltministerin Merkel selten verlegen. Doch es folgt daraus allzu oft kein Handeln. „Die Bundesregierung sendet keine Signale, dass sie zu einer zukunftsweisenden Klimapolitik bereit ist“, sagt Michael Schäfer, Klimaexperte des World Wildlife Fund (WWF).

Für Ernst Rauch, Klimaexperte des Rückversicherers Munich Re, fehlt die „radikal eindeutige Botschaft“, was es konkret bedeute, die Erderwärmung auf unter zwei Grad begrenzen zu wollen: nämlich dass spätestens 2050 alle mit fossilen Energien betriebenen Technologien „tabu sind“. Erst dann, so Rauch, werde man nicht nur Adjustierungen vornehmen, in der falschen Hoffnung, dass diese eine ausreichende Wirkung entfalteten, sondern sich wirklich auf den Weg machen.

Bislang verliert sich die deutsche Klimapolitik im Klein-Klein, schießt an der einen Stelle übers Ziel hinaus, ist an anderer Stelle mut- und wirkungslos. Sie ist zudem unverhältnismäßig teuer, weil sie nicht konsequent dort CO2 einspart, wo das zu vergleichsweise geringen Kosten möglich wäre – etwa bei der Wärmedämmung von Wohnungen. Die einzige Kontinuität, die sich erkennen lässt: Tabu ist alles, was dem Wähler oder der Wirtschaft wehtun könnte.

Eine der wichtigsten Ursachen für Deutschlands Lustlosigkeit im Klimaschutz dürfte das gewandelte internationale Umfeld sein. Über viele Jahre hegten gerade die Deutschen die Hoffnung, die Weltgemeinschaft werde den Kampf gegen den Klimawandel zum ganz großen gemeinsamen Projekt machen. Seit US-Präsident Donald Trump den Ausstieg seines Landes aus dem Pariser Abkommen ankündigte, haben auch die größten Optimisten wieder große Zweifel, ob jemals ein echter Durchbruch gelingen kann.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Die USA haben ihren CO2-Ausstoß in den vergangenen Jahren prozentual wie absolut deutlich stärker reduziert als Deutschland – und in spätestens sechs Jahren wird Trump wieder Geschichte sein.

3. Wo sich Wirtschaft und Umweltschützer einig sind

Alles spricht also dafür, dass Deutschland und Europa gemeinsam mit einer weltweiten Koalition der Willigen nicht nachlassen in ihren Klimaschutzanstrengungen. „Es ist im Interesse der Wirtschaft, Deutschland auf einen vernünftigen, klimafreundlichen und nachhaltigen Innovationskurs zu bringen“, sagt Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Um dann hinzuzufügen: „Die Politik muss aber die Komplexität dieses Kurses und die damit verbundenen Herausforderungen anerkennen. Die Umsetzung darf nicht allein auf dem Rücken der Wirtschaft geschehen.“

In der Tat wäre dem Klimaschutz nicht gedient, wenn jetzt alle energieintensiven Branchen aus Deutschland vertrieben würden – um dann in Ländern mit laxeren Umweltauflagen neu zu entstehen.

Lösch beklagt, dass es der Bundesregierung „an Konsequenz bei der Umsetzung von Klimazielen“ fehle. „Sie befindet sich in einem permanenten Zielkonflikt mit anderen wichtigen Interessen wie Wachstum, Beschäftigung, Strompreisen, aber auch den Interessen von Immobilienbesitzern oder Pkw-Haltern“, so der Befund Löschs. „Welcher Politiker stört schon gerne im Vorgarten seiner Wähler? Am Ende stehen dann oft unglückliche Kompromisse.“

Nur zur Erinnerung: Das ist nicht die Wortmeldung eines Ökoverbands, sondern die offizielle Position der mächtigsten Lobbyorganisation der deutschen Industrie. Lange Zeit waren große Teile der Wirtschaft skeptisch, war ihr Beharrungsvermögen beachtlich.

Das hat sich zumindest leicht gewandelt. Auch deshalb, weil das Gewicht von Zukunftsbranchen wie der Windenergie innerhalb der Wirtschaftsverbände zunimmt. Weil auch traditionelle Branchen wie die Elektrotechnik das Wachstumspotenzial entdeckt haben, das weltweit im Klimaschutz steckt. Und nicht zuletzt weil bei vielen Industrievertretern der Ärger über die Autobosse mit ihren Schummeldieseln inzwischen ähnlich groß ist wie einst nach der Finanzkrise der Zorn auf die Zockerbanker.

Mittlerweile zeigt der BDI selbst Pfade zur Erreichung der Klimaschutzziele bis 2050 auf, die er für gangbar hält. Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Utz Tillmann, plädiert für eine Art Klimakabinett, eine Runde mindestens auf Ebene der Staatssekretäre, in der man mit Unternehmen zusammen die Frage diskutiert: Was bedeutet es für die Industrie, wenn sie 2050 klimaneutral aufgestellt sein muss?

Es geht um Langfristigkeit und Verlässlichkeit, da sind sich die Industrielobbyisten verblüffend einig mit den Umweltschützern: „Die Politik war und ist nicht konsequent genug, klimapolitische Pfade über die jeweilige Legislaturperiode hinaus zu planen und so auch Investitionssicherheit zu geben“, meint Kai Niebert, Präsident des Umweltdachverbandes Deutscher Naturschutzring (DNR).

Der Handlungsunwille zeige sich nicht zuletzt darin, dass es ein Jahr nach der Bundestagswahl noch immer keinen Energiestaatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium gebe, kritisiert Niebert. Der bisherige Energiestaatssekretär Baake ist Anfang März zurückgetreten – nach eigenem Bekunden, weil das Grünen-Mitglied Baake die lasche Klimaschutzpolitik im neuen Koalitionsvertrag nicht mittragen wollte. Aber mutmaßlich auch, weil Baake unter dem neuen Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ohnehin abgelöst worden wäre.

Für die deutschen Restambitionen in Sachen Klimaschutz ist in der Bundesregierung Umweltministerin Svenja Schulze zuständig. Der Sozialdemokratin oblag es, sich nach Brüssel aufzumachen, um den anderen Umweltministerin in der EU die wenig anspruchsvolle Position der Bundesregierung bei den CO2-Grenzwerten für Pkws zu übermitteln.

Es sei ja „kein Geheimnis“, dass sie mehr Ehrgeiz für möglich und richtig gehalten hätte, wand sich Schulze. Entscheidend sei, dass jetzt der Weg frei sei für neue Flottengrenzwerte.

Doch vor allem bleibt in Erinnerung, dass sie sich innerhalb der Bundesregierung nicht durchsetzen konnte. Umweltschützer vermissen mehr Rückgrat der 50-jährigen Ministerin, deren Art als „gewinnend und kooperativ“ beschrieben wird, doch die in der Frage des Kohleausstiegs selbst von ihrer eigenen Partei ausgebremst wird. Kein Wunder, denn wenn es um den Erhalt von Arbeitsplätzen in Traditionsbranchen geht, sind die Sozialdemokraten im Zweifel noch konservativer als die Union.

Doch Schulze will hartnäckig bleiben, damit wenigstens das nächste Etappenziel der Bundesregierung erreicht werden kann: die Reduktion des CO2-Ausstoßes bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990. „Wir sollten den Hebel umlegen, es ist höchste Zeit“, sagt sie dem Handelsblatt. „Wir müssen in der Klimapolitik verbindlicher werden und alle Bereiche – Verkehr, Gebäude, Landwirtschaft, Industrie und Energie – in die Pflicht nehmen.“ Dafür bereite sie gerade das Klimaschutzgesetz vor.

4. Was Klimaschutz so kompliziert macht

Man darf gespannt sein, was davon übrig bleibt. Denn Klimaschutz gehört politökonomisch zu den vertracktesten Problemen überhaupt: Er verursacht kurzfristig Kosten, garantiert langfristig eine enorme Rendite, weil er verhindert, dass weite Teile des Planeten unbewohnbar werden. Doch diese Rendite tritt nur ein, wenn ein Großteil der Volkswirtschaften koordiniert handelt. Wobei vom Ausbleiben des Klimawandels auch jene Staaten profitieren würden, die sich an den Anstrengungen nicht beteiligt haben.

„Free-Rider-Problem“ nennen Ökonomen dieses Dilemma.

Für Martin Faulstich, den ehemaligen Vorsitzenden des Sachverständigenrats für Umweltfragen, ist der Klimawandel „eine Bedrohung, die wir – abgesehen vom Hitzesommer – zumindest in Deutschland noch nicht unmittelbar spüren“. Das führe zu einer Sorglosigkeit, „die wir uns nicht erlauben können“.

Fest steht: Allein das Vertrauen auf den technischen Fortschritt wird nicht ausreichen. Denn in fast allen klimaschutzrelevanten Sektoren sind sogenannte Rebound-Effekte zu beobachten. Was an Energieeinsparung möglich ist, wird durch höheren Konsum zunichtegemacht. Ein Beispiel: Zwar verbraucht ein moderner Flachbildfernseher nur einen Bruchteil des Stroms, den sich ein alter Röhrenapparat genehmigt. Aber dafür haben die Menschen heute viel mehr Bildschirme in ihrer Wohnung stehen.

Ähnliches gilt bei Autos: Zwar werden Verbrennungsmotoren immer effizienter, die Autos aber zugleich immer schwerer und leistungsstärker. Zwei-Tonnen-Monster mit 500 PS werden sich niemals mit drei Litern Sprit auf 100 Kilometern begnügen. Und bei Gebäuden sinkt bei Neubauten zwar der Energiebedarf pro Quadratmeter, doch die Wohnfläche je Einwohner steigt seit Jahren kontinuierlich.

Eine drastische Steuer auf jede Form des CO2-Ausstoßes könnte diesen Teufelskreis ebenso durchbrechen wie eine deutliche Verknappung von CO2-Zertifikaten. Beide Maßnahmen würden es teurer machen, das Treibhausgas in die Welt zu setzen.

Damit würden sich Einsparungen ebenso lohnen wie ein weniger umweltfeindlicher Lebensstil – ganz ohne dirigistische Verbote. Doch beide Wege wären politisch hochriskant, weil sie sowohl die lieb gewonnenen Konsumgewohnheiten der Bürger verteuern würden als auch die Produktionskosten der Industrie.

Auf der andern Seite gäbe es auch etwas zu gewinnen. Deutschlands Bürger könnten eine neue Form der Lebensqualität für sich entdecken. Sie könnten zum Beispiel merken, wie schön unsere Innenstädte sind, wenn die Bürgersteige nicht mehr von monströsen Geländewagen zugeparkt werden. Wie überflüssig der zweite und der dritte Fernseher wirklich sind. Und wie entspannend Urlaubsreisen mit der Bahn sein können.

Auch für die Wirtschaft gilt: Kurzfristig mögen deutlich höhere Kosten für den CO2-Ausstoß einzelne Branchen in ihrer Wettbewerbsfähigkeit beschädigen. Doch bereits innerhalb weniger Jahre könnte konsequenter Klimaschutz zum Innovationsmotor für die deutsche Wirtschaft werden, der den überfälligen Umbau hin zu künftigen Wachstumsbranchen beschleunigt. Die deutsche Volkswirtschaft wäre damit in der Poleposition für das neue Zeitalter eines klimaneutralen Kapitalismus.

Eine Ära, die innerhalb der kommenden Jahre anbrechen muss, wenn sich die Menschheit nicht selbst zu Tode kochen will. „Die Zeit rennt uns davon“, mahnt Klimaforscher Edenhofer.

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8 Kommentare zu "Energiewende: Die Öko-Lüge – Wie Deutschland seine Vorreiterrolle beim Klimaschutz verspielt"

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  • Könnte auch ein eher grüner Politiker geschrieben haben, oder ein Umwelt-Verein, die Medien sind wieder mal nur Sprachrohr bestimmter politischer Richtungen. Das hat man schon vor Jahren bei der Solarenergie einfach mal so behauptet, dass dann Deutschland die führende Solarenergienation ist, als ob es keine anderen in der Welt gibt. Und wieder das Gerücht, dass ein SUV Schuld ist, die PS-Zahl ist maßgeblicher, Sportwägen brauchen mehr Sprit. Ein BMW 3er braucht als X3 etwa nur 0,5 l mehr, was spielt das für eine Rolle. Die Klimaanlage braucht ja schon so viel mehr. Typisch deutsche Überheblichkeint, so wie ich es mache, müssen es alle anderen auch machen, also her mit Verboten und Vorschriften.
    Und in Europa ist es dann anderen Europäern egal oder mit Schadenfreude bedacht, wenn die deutsche Autoindustrie geschwächt wird, weniger verdient und die Arbeitslosigkeit steigt. Und die Autohersteller anderer Länder weltweit freuen sich über die strauchelnde Konkurrenz. Wenn das so kommt, ist Autofahren das Privileg der Wohlhabenden, wird einfach zu teuer, die ärmeren müssen bei Bus oder Bahn in Schlangen anstehen.

  • Dieser Artikel demonstriert eindrucksvoll wie wenig wissenschaftlch und wie sehr grün-rot-links ideologisiert sich die Autoren mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Ein Grund mehr, das Handelsblatt nicht mehr zu lesen! Mein Gott, und Ihr wundert Euch warum Eure Auflage imm weiter sinkt...!? Es sind nicht alle Leser intellektuell so subilluminiert, wie Ihr es gerne hättet...uns braucht!

  • Das klingt natürlich sehr vielversprechend Frau @Nicole Bartels.
    Jedoch ist so eine Energie Revolution von einer Methode, die die meisten Wissenschaftler,
    noch als unmöglich bezeichnen kein kurzfristiges Unterfangen. Nehmen wir, an ein Durchbruch in dieser Forschung gelingt in den nächsten 5 Jahren. Es würde trotzdem bis 2050 oder sogar länger dauern den wechsel durchzuführen. Dazu kommt noch das Neutrino ein fast masseloses Partikel ist, dass heißt es so gut wie unmöglich Energie daraus zu gewinnen. Neutrinos sind um einiges leichter als Elektrons, falls man jedoch Energie von Neutrinos gewinnen könnte stellen sich zwei Fragen:
    Zu welchem Preis? Und wie praktisch ist es?
    Trotzdem denken viele Wissenschaftlicher, dass die alleinige Energiegewinnung aus Neutrinos unmöglich ist.

    Um ein paar Beispiele zu nennen: Dr. Bartłomiej Ciapała AGH University of Science and Technology in Kraków: "Diese Partikel beeinflussen die Atommasse fast nicht und es ist praktisch unmöglich,
    eine Vorrichtung zu bauen, die aus ihnen Energie gewinnen könnte."

    Dr.Jacques Roturier Université Bordeaux: "Die Hauptspezifikation der Neutrinos ist, dass sie ihre Interaktionswahrscheinlichkeit mit jedem anderen Partikel haben und natürlich jede Materie mehr als unendlich schwach ist.
    Es besteht keine Chance, dass ein Energietransfer stattfindet, der es Neutrinos ermöglicht, eine Energiequelle im menschlichen Maßstab zu sein."

    Also hören Sie auf unter jeden Artikel vom Handelsblatt, der mit dem Thema Energie zu tuen hat, Neutrino Energy zu vermarkten.

  • Sehr mutig, dass sich das Handelsblatt so intensiv und ohne die notwendige ökonomische Perspektive zu verlieren mit dem unausweichlichem Umbau zu einer emissionsarmen WIrtschaft und Gesellschaft auseinandersetzt.

  • Die Aussage, die Windenergiebranche in Deutschland beschäftigt inzwischen mehr 160.000 Menschen, Diese Menschen werden zu 100% aus der Stromsteuer finanziert also Sozialhilfeempfänger auf höchstem Niveau.
    Es waren doch die Grünen die vehement die Abschaltung der Kernenergie-Kraftwerke forderten und Frau Merkel nur aus Machterhalt diesem Ansinnen nach Fukushima nachgab ohne Plan wie es weiter geht. Dafür kommt mehr Strom aus den Kohle und Gaskraftwerken die alle mehr oder weniger CO2 ausstoßen. Frankreich produziert munter weiter Atom-Strom.
    Frankreich hat zu 90% Strom aus seinen Kernkraftwerken, damit ist CO2-Reduzierung kein Problem.

    Mit Windenergie und Solarenergie ohne Speichertechnik ist keine gesicherte Energieversorgung in einem Industriestaat möglich. Mit dieser Technologie können wir max 30 Mio. Menschen versorgen, und der Rest??

    Vielleicht setzen wir heute selbst den Morgenthau Plan von 1944 um und deindustrialisieren Deutschland. Beispiel wären die Amischen in den USA, die leben wie vor 300 Jahren, mit allen Unannehmlichkeiten. Wenn das die Mehrheit in Deutschland so will, well and good, aber ich bezweifle ob der Rest der Welt so leben will. Deutschland ist in punkto CO2 Reduzierung so bedeutend wie wenn in China ein Sack Reis umfällt. Die verkaufen der Bevölkerung nur Scheinlösungen, aber die Volle Wahrheit wird verschwiegen, dass die Mehrheit in bitterer Armut leben wird bei dieser Philosophie. Nur die oberen 20-30% werden weiterhin so weiter leben können wie bisher. Unsere Politiker werden schon dafür sorgen, dass sie zu den oberen 30% gehören, z.B. en Bundesminister/in erhält nach 4 Jahren bereits 4350,-Euro Rentne, im Gegensatz ein Normanlverdiener stolze 124,-Euro.. Die Zeche vom CO2 Hype werden die restlichen 70-80% der Bevölkerung bezahlen.
    Der CO2 Hype wird von Umwelt-Gurus, NGO's ohne Sackenntnis mit dubiosen Expertiesen befeuert.
    Aber wie heißt es so schön: Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Aber wer wählt die NGO's??

  • Man sollte mal damit anfangen, nicht alles gleichzeitig und unstrukturiert zu beginnen.

    ZB. jetzt die Stromwende vernünftig und systematisch zu Ende zu bringen. Da fehlt es noch an allen Ecken und Enden: ZB. Stromautobahnen, Förderung von kleinteiligerer Energiegewinnung, intelligente Steuerungen etc...

    Eine Versachlichung der Diskussion um das Auto (ZB. ganzheitliche Betrachtung des E-Autos (Stichwort Lithiumgewinnung)) wäre auch von Nöten. Aktuell wird nur unsachlich und emotional fast schon verteufelt.

    Wir brauchen keine Klimakanzler, sondern kontinuierliche Sacharbeit.

  • "... welch gewaltiges ökonomisches Wachstumspotenzial im Kampf gegen den Klimawandel schlummert. "

    Genau, der "Klimawandel" ist ein neues Geschäftsfeld, wo man viel Geld mit verdienen kann. Daher auch die unverantwortlichen Dramatisierungen bezgl. des "Alleinschuldigen" CO2. Man hat also in einem System von schier unbegreiflicher Komplexität DEN Faktor identifiziert den es zu bekämpfen gilt. Man hat dann sogar mit einigen Modellen berechnet, was genau zu tun ist um die globale Temperatur von 2,0 auf 1,5 Grad zu begrenzen. Darüber kann man doch nur lachen!

    Gegen den Klimawandel zu kämpfen ist völlig sinnlos, denn eine Klimastabilität hat es nie gegeben und wird es auch nie geben. Man könnte auch gegen die Plattentektonik kämpfen.

    Wie wäre es einfach mal mit verantwortungsbewußtem Umgang knapper Ressourcen? War das nicht mal die Aufgabe der Ökonomie?


  • Der Beitrag fasst hervoragend zusammen, vor welchen Herausforderungen wir stehen und was zu tun ist. Von Deutschland hängt sichetlich nicht das Schicksal auf der Erde ab. Aber als eines der führenden Industrieländer weltweit und das ökonomisch stärkste Land in Europa haben wir eine besondere Verantwortung. Dass dies auch eine Chance ist, scheint sich langsam herumzusprechen. Die GroKo-Parteien verschließen sich leider solchen Einsichten und verspielen so unsere Zukunft - und ihre eigene vermutlich zuerst. Ja, wir können etwas tun, um die Folgen des Klimawandels noch zu begrenzen. Noch. Der Preis ist bezahlbar. Wenn wir das Handeln nicht mit falscher Rücksicht auf Automobilindustrie, Kohleindustrie und andere Fossilien aufschieben. Für unsere Kinder und Enkel wird's sonst wirklich teuer.

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