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Achim Steiner

Achim Steiner, Chef der Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen, warnt weiterhin davor, den Klimawandel zu unterschätzen.

(Foto: picture-alliance/dpa/Martial Trezzini)

Erderwärmung „Stehen am Beginn des entscheidenden Jahrzehnts“: Neue Hoffnung im Kampf gegen die Klimakrise

Bei Experten wie UN-Diplomat Steiner kommt neuer Optimismus auf, dass sich die Erderwärmung begrenzen lässt. Dazu muss sich die EU auf ein schärferes Emissionsziel einigen.
07.12.2020 - 19:00 Uhr 1 Kommentar

Berlin Die globalen Klimaschutzbemühungen stehen an einem entscheidenden Wendepunkt: Ende der Woche treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Brüssel, um ein schärferes EU-Klimaziel für 2030 zu beschließen. Auf dem Klimagipfel der Vereinten Nationen am Samstag soll dann über neue Klimapläne weltweit beraten werden.

Das Treffen fällt auf den fünften Jahrestag des Pariser Klimaabkommens, mit dem die globale Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad im vorindustriellen Vergleich begrenzt werden soll. Bislang ist die Weltgemeinschaft nicht auf Kurs, dieses Ziel zu erreichen.

Jetzt gibt es neue Hoffnung: Der Höhepunkt bei den weltweiten Emissionen könnte bereits erreicht sein, heißt es im neuen Klimaschutz-Index von Germanwatch und NewClimate Institute. Ottmar Edenhofer, einer der weltweit führenden Klimaökonomen, ist ebenfalls optimistisch: „Die drei größten Klimagas-Verursacher China, USA und die EU nennen neuerdings allesamt das Ziel: netto null Emissionen.“ Die großen Konjunkturpakete infolge der Coronakrise böten zusätzliche Chancen, die Weichen in Richtung Nachhaltigkeit zu stellen.

Achim Steiner, Chef der Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen, warnt hingegen weiterhin davor, den Klimawandel zu unterschätzen: „Die Corona-Pandemie zeigt uns, was passiert, wenn wir die Kontrolle verlieren“, sagte der ranghöchste Deutsche bei den Vereinten Nationen im Gespräch mit dem Handelsblatt. Jetzt sei der Zeitpunkt, „schneller in neue Arbeitsplätze und Märkte von morgen zu investieren“.

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    Achim Steiner gehört seit Jahren zu den unermüdlichen Mahnern für mehr Dringlichkeit beim Klimaschutz. „Wir investieren in die nächste Generation unserer Volkswirtschaft, und das erfordert Weitsicht, mitunter Mut und auch Schnelligkeit“, sagte der langjährige UN-Diplomat auf der Klimakonferenz in Madrid im Dezember 2019.

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    Ein Jahr später ist sein Optimismus größer, trotz Corona. „Diese Pandemie ist eine in dieser Form noch nicht da gewesene Krise, aber in der Klimapolitik erleben wir gerade ein positives Momentum“, sagte der 59-Jährige dem Handelsblatt. China, Japan, Korea, Europa und die künftige US-Regierung hätten ambitionierte Ankündigungen gemacht, Großbritannien ein neues Klimaziel für 2030 verkündet. „Im Dezember 2020 sind wir näher an der Erfüllung der Pariser Klimaziele als noch vor einem Jahr gedacht.“

    Am 12. Dezember 2015, vor knapp fünf Jahren, hatte sich die Weltgemeinschaft in der französischen Hauptstadt darauf geeinigt, dem globalen Temperaturanstieg radikal Einhalt zu gebieten, um die Klimaschäden in erträglichen Grenzen zu halten. Trotz dieses historischen Abkommens liegt das Ziel für die meisten Länder bislang in weiter Ferne.

    Doch Experten erwarten, dass es bald einen Wendepunkt beim Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgasemissionen geben könnte. Viele Staaten stünden am Scheideweg, heißt es im Klimaschutz-Index 2021 der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch und des NewClimate Institute, der Montag veröffentlicht wurde.

    Die EU könne mit einem grün ausgerichteten Wiederaufbau nach der Coronakrise, einem ehrgeizigeren Klimaziel für 2030 und einer guten Umsetzung und Weiterentwicklung ihres Green Deals zum Zugpferd beim Klimaschutz werden, sagt Germanwatch-Experte Jan Burck. „Sie kann aber auch schwer ins Straucheln geraten, wenn sie Greenwashing statt Green Recovery betreibt.“

    Deutschland im Mittelfeld

    Der Index, der seit 2005 einmal jährlich erstellt wird, umfasst 57 Nationen mit dem größten Ausstoß von Treibhausgasen plus die EU. Diese Länder sind für 90 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich. Zentrales Ergebnis: Die CO2-Emissionen stiegen insgesamt nur noch leicht an, in mehr als der Hälfte der Staaten sanken sie. In zwei Dritteln der Länder werden mittlerweile mehr als zehn Prozent der benötigten Energie aus erneuerbaren Energien gewonnen, Tendenz steigend.

    Die ersten drei Plätze des Rankings bleiben wie in den Vorjahren unbesetzt, weil kein Land auf Pariskurs ist. Auf dem vierten Platz und damit Spitzenreiter ist das vierte Jahr in Folge Schweden. Es folgen auf den Plätzen fünf bis zehn Großbritannien, Dänemark, Marokko, Norwegen, Chile und Indien.

    Für Niklas Höhne vom NewClimate Institute zeigen die Platzierungen von Marokko, Chile und Indien in den Top Ten, dass Klimaschutz nicht nur Industriestaaten vorbehalten ist. Gründe für das gute Abschneiden seien vergleichsweise ehrgeizige Klimaschutzziele kombiniert mit einem ambitionierten Ausbau der erneuerbaren Energien bei einem insgesamt niedrigen Emissionsniveau.

    Der Index betrachtet vier Bereiche, die unterschiedlich stark in die Gesamtwertung einfließen: Die Menge der Treibhausgasemissionen macht 40 Prozent aus, erneuerbare Energien, Energieverbrauch und Klimapolitik schlagen mit jeweils 20 Prozent zu Buche.

    Deutschland hat sich etwas verbessert und landet auf Platz 19 (Vorjahr 23). In der Kritik steht der schleppende Ausbau der erneuerbaren Energien hierzulande, der Verkehrssektor sowie ein noch immer hoher Energieverbrauch und hohe Emissionen pro Einwohner. Die EU insgesamt konnte sich in der Gesamtwertung um sechs Plätze auf Rang 16 verbessern, allerdings fast ausschließlich dank einer besser bewerteten Klimapolitik. „In der Platzierung stecken also ein paar Vorschusslorbeeren“, so Germanwatch-Experte Burck.

    China ist der größte Emittent klimaschädlicher Emissionen und steht auf Platz 33 (Vorjahr 30). Als „desaströs“ bezeichnen Germanwatch und NewClimate Institute das Abschneiden der USA: Zum zweiten Mal in Folge liegen sie hinter Saudi-Arabien am Ende des Rankings. Mit einem künftigen US-Präsidenten Joe Biden, so die Erwartung vieler Experten, dürfte der klimapolitische Ehrgeiz der Vereinigten Staaten wieder größer werden und andere Länder zum Nachziehen anspornen.

    EU sucht nach Klimaziel

    Die EU könnte Ende der Woche ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen: „Das neue EU-Klimaziel wird der Welt zeigen, wie ernst Europa das Pariser Abkommen und die sich beschleunigende Klimakrise tatsächlich nimmt“, sagte Martin Kaiser, Geschäftsführer der Umweltorganisation Greenpeace, dem Handelsblatt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) müsse sich für eine ehrgeizige CO2-Reduktion einsetzen, die in Branchen wie Verkehr und Energie eine rasche Transformation weg von Öl, Kohle und Gas anschiebe.

    Laut Klimawissenschaftlern sei es unbedingt notwendig, die Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 65 Prozent zu reduzieren, sagte Kaiser. Die EU-Kommission hatte ein Minus von 55 Prozent vorgeschlagen, das EU-Parlament 60 Prozent ins Gespräch gebracht. Dagegen hatte das frühere EU-Mitgliedsland Großbritannien erst vor wenigen Tagen angekündigt, seine Emissionen um mindestens 68 Prozent im Vergleich zu 1990 senken zu wollen.

    Ob eine solche Art der Ankündigung überhaupt erfolgreich sein kann, dafür hält UN-Diplomat Steiner das kommende halbe Jahr für entscheidend.
    Dass in den ersten Monaten der Coronakrise die Wirtschaft von gestern und heute stabilisiert wurde, sei richtig gewesen, sagte er. Jetzt dürfe es aber nicht darum gehen, alte Strukturen zu zementieren. Dass nur ein Bruchteil der Gelder bislang in nachhaltigere Infrastruktur und Technologien von morgen investiert wurde, sei ein Warnsignal.

    Viele Staaten stehen beim Klimaschutz am Scheideweg. Quelle: AFP
    Luftverschmutzung in Indien

    Viele Staaten stehen beim Klimaschutz am Scheideweg.

    (Foto: AFP)

    „Wir stehen am Beginn des entscheidenden Jahrzehnts“, heißt es auch bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). „Nur wenn uns in den kommenden zehn Jahren eine deutliche Trendwende bei den weltweiten Treibhausgasemissionen gelingt, haben wir eine Chance, die globale Erwärmung zu begrenzen – und damit eine Katastrophe für unsere Zivilisation zu verhindern.“ Emissionen müssten hierzulande um rund 65 Prozent bis 2030 sinken – das sei das Mindeste, was Deutschland als Anteil für einen globalen Zwei-Grad-Pfad zusagen müsste.

    Steiner sieht einen Bewusstseinswandel, auch wegen der Coronakrise: „Die Pandemie bringt Menschen dazu, mehr darüber nachzudenken, in was für einer Welt sie künftig leben wollen“, sagt Steiner. „In Deutschland war die Soziale Marktwirtschaft über Jahrzehnte das Leitbild – nun wird es zunehmend eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft werden.“ Steiner forderte zudem die Abkehr vom Fokus auf das Bruttoinlandsprodukt.

    Statt etwa Bildung, Gesundheit und die Umwelt stärker zu gewichten, „sind wir vom Wachstumsparadigma gefangen“, sagte Steiner „Eine Weltwirtschaft, die ihre Zukunft nur über ihr Wirtschaftswachstum definiert, wird uns an den Abgrund führen.“ Klimawandel, Artenschwund, jährlich sieben Millionen vorzeitige Todesfälle durch Luftverschmutzung: „Das ist die Bilanz einer Wachstumspolitik, die nicht erkennt, dass sich Erfolg und Fortschritt eben nicht nur über diese sehr enge Perspektive Bruttoinlandsprodukt messen lässt.“

    Es wirke absurd, dass an der Wall Street in der Pandemie Rekorde gefeiert würden, so Steiner: „Wie passt das zusammen mit einer Welt, die im Augenblick zumindest vielerorts vor dem Bankrott steht?“ Es sei zu überlegen, „wie wir unsere Wirtschaft wieder in Gang kriegen – aber ohne dass wir uns neue Probleme schaffen“.

    Mehr: „Gift für die Wirtschaft“ – Union warnt vor zu hohen EU-Klimazielen

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    1 Kommentar zu "Erderwärmung: „Stehen am Beginn des entscheidenden Jahrzehnts“: Neue Hoffnung im Kampf gegen die Klimakrise"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Deutschland liegt jetzt wahrscheinlich unter 2% Co2. Wie verändert sich das Klima, wenn
      wir nur einen Co2-Wert von 0,9% haben und bei Null - Kann keiner sagen.
      Alle Welt läuft einen Gespent hinterher; die Co2 Werte sinken weltweit - wie verändert sich
      das Klima???? Kann kein Mensch sagen. Alles nur Hypothesen, die nicht beweisbar sind.

      Eine merkwürdige Welt geworden. Sachliche Fakten werden nicht zur Kenntnis genommen sondern bewußt negiert. Die Angst, die Manipulation als Mittel, um die Menschen zu beeinflussen. Die Kirche hatte Jahrhunderte gute Erfolge mit ihren Methoden, Menschen
      zu unterdrücken, zu töten, zu manipulieren. Übrigens, was Corona mit der Klimakrise zu tuen.Durch die sog. saubere Welt werden wir immer mehr mit Viren zu kaempfen haben.

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