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Europa-Wahlkampf der CDU Merz pirscht sich bei Auftritt mit Kramp-Karrenbauer näher an die Macht

Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer demonstrieren im Sauerland Einigkeit. Die ehemaligen Kontrahenten wissen: Sie brauchen einander.
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CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit dem CDU-Parteitag. Quelle: dpa
CDU Europawahlkampf in Eslohe

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit dem CDU-Parteitag.

(Foto: dpa)

Eslohe, DüsseldorfHunderte Stühle scharren über das Parkett, als die CDU-Vorsitzende die Halle betritt. Die Leute erheben sich, Festmusik, Einmarsch. Annegret Kramp-Karrenbauer begrüßt einige Parteifreunde mit Händedruck, lächelt und winkt. Erst weit hinter ihr folgt der zweite Star des Abends: Friedrich Merz.

Sofort schnellt in einer der hinteren Reihen ein orangenes Plakat in die Höhe, „Kanzler Merz“ steht darauf. Der 63-Jährige ist hier in Eslohe in seinem Element. Heimspiel. Viele kennen ihn persönlich. Merz lebt in Arnsberg, nur 30 Kilometer entfernt.

Während der Lokalmatador im dunklen Anzug die Bühne für sein Grußwort betritt, pfeifen und applaudieren die Besucher. Merz senkt sein Kinn beinahe bis auf die Brust, blickt bedächtig durchs Publikum. Dann bedankt er sich artig bei Kramp-Karrenbauer für die „gemeinsamen sechs Wochen“ vor dem Bundesparteitag. Lacher im Saal. So ganz will man ihm das offenbar nicht glauben. Damals, im November 2018, waren die beiden noch Kontrahenten um den CDU-Chefposten.

Bei den Regionalkonferenzen tourten sie durch die ganze Republik. Gesundheitsminister Jens Spahn war auch mit dabei, doch am Ende war das Rennen um Angela Merkels Nachfolge ein Zweikampf. Merz gegen AKK. Sauerländer gegen Saarländerin. CDU-Comebacker gegen Generalsekretärin. Aber auch: ein Parteiabstinenzler, der sich zehn Jahre auf seine Wirtschaftskarriere konzentriert hatte, gegen die Parteisoldatin mit Regierungserfahrung.

Kramp-Karrenbauer gewann die Stichwahl denkbar knapp, mit nur 18 Stimmen Vorsprung. Auch, weil die 56-Jährige die packendere Rede auf dem Hamburger Parteitag hielt, weil sie die Basis mitriss, während Merz, eigentlich ein routinierter Rhetoriker, einen seiner schlechtesten Auftritte hatte.

„Ich hätte mir auch vorstellen können, dass diese Wahl anders ausgeht“, sagt Merz am Freitagabend in Eslohe. Er versucht diesen Satz humorvoll zu betonen, offenbart damit aber auch, wie verletzt sein Stolz noch immer ist. Er möchte, fügt er dann noch schnell hinzu, dass die CDU Deutschlands, „dass Annegret Kramp-Karrenbauer als unsere Vorsitzende erfolgreich ist“.

Dazu möchte er beitragen. Es ist ein demonstrativer Schulterschluss, ein Treueschwur. Dann ist Merz schnell bei seinem Kernthema: Wirtschaft. Er erklärt, wie wertvoll die Global Player rund um Eslohe für Deutschland sind, mahnt ein offenes Europa an, mit freien Zugängen zu den Weltmärkten.

Der Hochsauerlandkreis ist politisch tiefschwarz. Die CDU gehört hier zum Leben dazu wie das Vaterunser beim Gottesdienst. Seit Jahrzehnten gewinnt die Partei den Wahlkreis verlässlich, von 1994 bis 2009 hieß der Sieger Friedrich Merz.

Auch heute soll es eigentlich um die nächste wichtige Abstimmung gehen – der Abend in der 2900-Einwohner-Gemeinde war als Wahlkampfauftakt für die Europawahl geplant. Spitzenkandidat für NRW ist Peter Liese, der seit 1994 im Europaparlament sitzt. Auf allen Stühlen und Tischen der Festhalle grinst der Politiker von Infobroschüren. Als wolle man noch einmal an den ursprünglichen Sinn der Veranstaltung erinnern. Der ist aber in den Hintergrund gerückt.

Seit Tagen sprechen sie in Eslohe über drei Buchstaben: AKK. Und plötzlich auch über Merz, der schon als neuer Wirtschaftsminister gehandelt wird.

Auftritt von Merz überrascht die Veranstalter

Warf man vor einigen Wochen einen Blick auf die Ehrengastliste, war der Name „Friedrich Merz“ dort nicht zu lesen. Eingeladen war er zwar, aber bloß wie jedes andere Mitglied des Kreisverbandes auch, erzählt Christian Siewers, Chef der Esloher CDU. Als die Anmeldung des Wirtschaftsexperten bei der Zentrale einging, waren sie überrascht, fragten noch einmal nach, ob Merz denn wirklich kommen wolle. Natürlich, war die Antwort. Wenn Kramp-Kartenbauer ins Sauerland käme, dann auch er.

400 bis 500 Gäste hatten sie hier erwartet, nur für AKK. Mit der Merz-Kombi sind es nun 1100 geworden. Zu eng für die Halle, es gibt nun sogar eine Videoübertragung im Nebenraum. Merz und Kramp-Karrenbauer bemühen sich immer wieder krampfhaft, den Spitzenkandidaten Liese zu erwähnen. Letztlich sprechen sie aber davon, was sie selbst wollen.

Kramp-Karrenbauer hält ein kämpferisches Plädoyer für Europa, will ein Auseinanderfallen des Kontinents verhindern. Auch über den „lieben Friedrich“ verliert sie einige Worte. Die CDU-Chefin erzählt von den harmonischen Regionalkonferenzen, betont die Gemeinsamkeiten von Sauer- und Saarländern. Von den Lappen, die in beiden Regionen neben der Fußmatte liegen, damit diese nicht so schnell abgenutzt werden.

Es klingt fast so, als seien die beiden ehemaligen Kontrahenten befreundet. So viel Harmonie ginge vielleicht zu weit. Aber regelmäßig abstimmen sollen sich Kramp-Karrenbauer und Merz schon länger. Auch, weil sie sich gegenseitig brauchen.

Rückzug aus Aufsichtsrat ein Indiz für Ambitionen in der Politik

Merz war für viele Unternehmer, vor allem im Mittelstand, der Wunschvorsitzende. Nach seiner Niederlage zog er sich erst einmal aus der Verantwortung, kandidierte weder fürs Präsidium noch für den Parteivorstand. Doch nicht mal zwei Wochen später tauchte er wieder spektakulär auf – und brachte sich via „FAZ“-Interview selbst für höhere Ämter ins Spiel. Auf die Frage, ob er sich ein Ministeramt vorstellen könne, antwortete er: „Ein solches Amt würde ich mir aufgrund meiner Erfahrung in der Wirtschaft und Politik zutrauen.“

Seitdem lässt Merz kaum eine Gelegenheit aus, seine Ambitionen zu betonen. Langsam aber sicher arbeitet er sich zurück in die erste Parteireihe. Erst am Donnerstag wurde er als Vize des CDU-Wirtschaftsrates nominiert. Auch bei den anstehenden Landtagswahlkämpfen im Osten Deutschlands soll Merz auftreten. Dass Merz im Juni den HSBC-Aufsichtsrat verlassen wird, werten Beobachter als ein weiteres Indiz für eine Rückkehr in die Politik.

Für Kramp-Karrenbauer ist das ein Gewinn. Merz spricht eine wirtschaftsliberalere und konservativere Klientel an als sie selbst. Der „Spiegel“ schrieb gar von einer Vereinbarung, die Merz und AKK geschlossen haben sollen: Sollte sie Merkel im Kanzleramt beerben, werde er Minister.

In der vergangenen Woche kochten daher auch Spekulationen hoch, Merz könne Wirtschaftsminister Peter Altmaier beerben. Vor allem der deutsche Mittelstand, angeführt von Reinhold von Eben-Worlée, Präsident der Familienunternehmer, hat den Saarländer gerade unter Beschuss genommen.

Der Affront via „FAS“: Altmaier habe „das Wirtschaftsministerium beschädigt“. Selbst zur 70-Jahr-Feier des Verbands im Mai haben sie den Minister nicht eingeladen. Eben-Worlée kritisiert vor allem Altmaiers „Nationale Industriestrategie 2030“. Aus dem Strategiepapier lasse sich nichts Gutes mehr machen, erklärte der Verbandschef im Handelsblatt.

Nicola Leibinger–Kammüller, Chefin des Maschinen- und Anlagenbauers Trumpf, betonte, dass der Mittelstand in Altmeiers Überlegungen praktisch nicht vorkomme. Der Wirtschaftsminister wird von vielen als Mann für die Großindustrie wahrgenommen.

Eine Kabinettsumbildung will gerade niemand in der Union

Doch selbst die ist nicht mit ihm zufrieden: Dieter Kempf, Chef des Branchenverbands BDI, wirft Altmaier Versäumnisse vor. „Der Minister muss entschieden mehr tun, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu stärken“, sagte Kempf der Deutschen Presse-Agentur.

Der mitschwingende Unterton bei all den Vorwürfen: Friedrich Merz wäre der bessere Mann für den Job. Doch eine Kabinettsumbildung will gerade niemand in der Union, weder Angela Merkel noch Kramp-Karrenbauer. In dieser Woche schloss die Union dann auch schnell ihre Reihen, Fraktionschef Ralph Brinkhaus und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sprangen Altmaier bei. In Eslohe geht indes niemand auf die Personalspekulationen ein.

Im Publikum ist man von Kramp-Karrenbauer begeistert, sie bekommt minutenlang stehende Ovationen. Einige sehen in ihr schon die nächste Kanzlerin: „Die Ära Merkel war gut, aber irgendwann muss sie auch zu Ende gehen“, meint Theo-Josef Nagel, der am Nebentisch sitzt und selbst in einer der umliegenden Ortsverbände tätig ist. Für ihn wäre die Saarländerin auch fürs Kanzleramt eine gute Nachfolgerin Merkels: „AKK wird unterschätzt, aber das wurde Merkel auch.“

Und Merz? Wird nicht von allen gefeiert. Klar, er ist hier immer noch ein Lokalheld. Aber nach der Veranstaltung erzählt ein Mann, was ihn an Merz stört: Kramp-Karrenbauer habe verstanden, dass man erst einmal die Partei als Basis überzeugen muss, um nach vorne zu kommen. „Merz ist das egal. Er will einfach nur an die Macht.“ Der könnte er an diesem Abend schon wieder ein großes Stückchen näher gerückt sein.

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