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Ex-Amazon-Chefwissenschaftler Andreas Weigend Tech-Konzerne erlauben sich eine „unerträgliche Arroganz“

Der frühere Amazon-Chefwissenschaftler Andreas Weigend kritisiert die Tech-Konzerne für ihren Umgang mit Daten. Einen Preis dafür, wie Merkel ihn fordert, lehnt er aber ab.
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BerlinAndreas Weigend war Chefwissenschaftler beim Onlinehändler Amazon. Heute lehrt der Leiter des Social Data Lab und Wahlkalifornier in Stanford und in Berkeley und ist Autor des Buches „Data for the People“.

Kanzlerin Angela Merkel hat vergangene Woche gesagt, dass die „Bepreisung“ von Daten, besonders die der Konsumenten, aus ihrer Sicht das „zentrale Gerechtigkeitsproblem“ der Zukunft sei. Macht es Sinn, Daten einen Preis zu geben?
Nein. Das hat einen einfachen Grund: Einzelne Datensätze sind für sich genommen zunächst einmal nicht werthaltig. Der Wert von Daten hängt davon ab, was mit den Daten gemacht wird. Erdöl in der Ostsee ist auch so lange wertlos, bis jemand kommt und es fördert und verkauft. Und es wird umso wertvoller, je mehr man den Rohstoff verfeinert. Ähnlich verhält es sich mit Daten.

Sie haben beim Onlinehändler Amazon als Chefwissenschaftler gearbeitet, wissen also um den Wert der Daten des Einzelnen. Wenn Sie eine Schätzung abgeben müssten: Wie viel Geld würde ich für meine Daten von einem Tech-Unternehmen bekommen?
Nehmen wir das aktuelle Beispiel Facebook. Das Unternehmen würde Ihnen vielleicht zehn Euro für Ihre Daten pro Jahr geben, mehr sind sie für den Konzern nicht wert. Auch für Google insgesamt machen die spezifischen Daten des Einzelnen nicht viel aus. Im Gegensatz dazu macht es für Sie einen großen Unterschied, ob Sie auf die Dienste zugreifen können, oder nicht. Der Nutzer profitiert in diesen Fällen mehr davon, was er von den Firmen bekommt, als die Firma von dem profitiert, was sie von ihm an Daten erhält. Es ist ein Teufelskreis: Wir als Einzelne haben keine Möglichkeit, unsere Daten zurückzuziehen, weil wir auf die Dienste angewiesen sind.

Ist den Unternehmen im Umgang mit den Daten zu trauen?
Ich habe die Tech-Konzerne lange Zeit verteidigt, aber das, was jetzt zutage kam, hat eine Grenze überschritten. Die Tech-Unternehmen gehen respektlos mit unseren Daten um. Das zeigt sich am aktuellen Fall Facebook ganz deutlich. Ich, wie viele meiner Kollegen im Silicon Valley, glauben Mark Zuckerberg kein Wort von seinem „We at Facebook care ...“. Ihm ist doch der Einzelne total egal. Es darf nicht sein, dass er den Wunsch der Nutzer, dass ihre Daten nicht an Dritte weitergegeben werden, einfach wegwischen kann, mit dem Argument, dass der Nutzer ja austreten kann, wenn er irgendwas nicht will. Das ist eine unerträgliche Arroganz gegenüber Menschen und eine Missachtung der sozialen Strukturen, die wir da inzwischen haben. Das soziale Leben vieler Menschen hängt ganz wesentlich davon ab, dass sie Netzwerke wie Facebook oder Dienste wie WhatsApp zur Kommunikation nutzen. So einfach mal kurz austreten geht nicht. Es gibt aber noch eine viel größere Gefahr als den Missbrauch von Nutzerdaten.

Welche ist das?

Google und Facebook können die Identität von Menschen vernichten. Wenn Sie etwas schreiben und veröffentlichen, das dem Konzern oder einem Staat nicht passt, ändert der Konzern den Algorithmus so, dass Sie in den Suchergebnissen nicht mehr auftauchen. Und dann sind Sie weg vom Fenster. Oder Sie werden ganz einfach rausgeschmissen. Das ist eine große Macht, die da in den Händen der Unternehmen liegt.

Hat die Politik zu lange zu wenig eingegriffen, sodass die Konzerne so mächtig werden konnten?
Ich bin da vorsichtig. Man hätte es nicht absehen können, welche Macht die Tech-Konzerne haben werden würden.

Wie ist dieses Dilemma zu lösen, dass wir den Tech-Konzernen mit unseren Daten so ausgeliefert sind?
Es bringt jedenfalls nichts, zu sagen: Ihr bekommt meine Daten jetzt nicht mehr. Als Individuum haben wir keine Chance, damit etwas zu verändern. Viel wichtiger ist, dass die Nutzer mehr Mündigkeit in Bezug auf ihre Daten bekommen.

Das heißt zum einen: Der Nutzer muss die Konsequenzen seiner Entscheidungen kennen, wenn er Daten freigibt, oder wenn er sie einsperrt. Das muss sich auch in der Bildung niederschlagen: In unseren Schulen muss Datenkunde gelehrt werden. Zum anderen müssen die Unternehmen transparenter machen, was sie speichern. Das hat die neue Datenschutzgrundverordnung in Europa gelöst. Der Nutzer hat jetzt die Möglichkeit, einzusehen, welche Daten über ihn gespeichert sind. Das ist ein sehr großer Schritt zu mehr Souveränität der Bürger über ihre Daten

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