Ex-SAP-Vorstand Henning Kagermann wird für die Bundesregierung die „Plattform Zukunft der Mobilität“ leiten

Der ehemalige SAP-Vorstand und Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel wird ab September für die Bundesregierung einen Plan für klimafreundliche Mobilität entwickeln.
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Der „Mister Elektro“ mehr Ladestationen und eine Kaufprämie, um die E-Mobilität in Deutschland salonfähig zu machen. Quelle: dpa
Henning Kagermann

Der „Mister Elektro“ mehr Ladestationen und eine Kaufprämie, um die E-Mobilität in Deutschland salonfähig zu machen.

(Foto: dpa)

BerlinHenning Kagermann hätte fast schon aufgegeben, als die Bundesregierung einfach nicht bereit zu sein schien, E-Mobile im Land so zu fördern, wie er, der Chef der Nationalen Plattform Mobilität (NPE), es sich erwartet hatte. Er griff zum Hörer und rief die Kanzlerin an, warnte davor, die Chance zu verspielen, Autos mit Stromantrieb zum Durchbruch zu verhelfen.

Mehr Ladestationen im Land forderte der gern als „Mister Elektroauto“ titulierte ehemalige SAP-Manager – und obendrein noch eine Kaufprämie, um die Deutschen weg vom Benziner hin zum Stromer zu locken. „Ohne eine Kaufprämie erreichen wir das Millionenziel nicht“, warnte Kagermann 2017.

Das Ziel hatte Angela Merkel (CDU) 2010 für das Jahr 2020 ausgerufen. Zwar gibt es mittlerweile eine Kaufsubvention, doch der erhoffte Run aufs E-Mobil blieb bislang aus. Tempi passati. Nun soll der promovierte Physiker Kagermann ein viel größeres Ziel erreichen, das letztlich auch mit dem ersten zusammenhängt: „Mister Elektroauto“ wird zu „Mister Mobilität“, vom Chef der NPE zum Chef der NPM: der nationalen Plattform Zukunft der Mobilität. Sie soll im September 2018 ihre Arbeit aufnehmen, wie das Handelsblatt aus Regierungskreisen erfuhr.

Deutschland will den Straßenverkehr bis 2050 weitestgehend dekarbonisieren, allein bis 2030 sollen Autos, Busse, Lkws, Bahnen, Schiffe und Flugzeuge 40 Prozent weniger CO2 ausstoßen. 2019 soll der Instrumentenkasten vorliegen, den die Regierung in einem Klimaschutzgesetz festschreiben will. Zudem soll über die Legislaturperiode hinaus am Verkehr von morgen gearbeitet werden – mit Kagermann an der Spitze, einem bekennenden E-Mobil-Fahrer. Trotz seiner 71 Jahre „brennt er noch für das Thema“, heißt es in Regierungskreisen zur Wahl Kagermanns.

Der Mobilität verpflichtet

Der Vertraute der Kanzlerin, der seit neun Jahren den Innovationsdialog der Bundesregierung leitet und im Ethikrat zum autonomen Fahren saß, war bis Mai Co-Chef der deutschen Akademie für Technikwissenschaften (Acatech) und fühlt sich der Mobilität verpflichtet.

Auch der digitalen Vernetzung widmet er sich, die er mit dem Begriff „Industrie 4.0“ prägte. Bei seiner Verabschiedung als Präsident war eigens Merkel gekommen und hatte gesagt, sie mache sich „keine Sorgen, dass Ihnen nicht irgendetwas einfällt, was Sie sonst noch tun können“. Heute wirkt das prophetisch.

Nun also die NPM. Bei der neuen Plattform wird wie schon bei der NPE auch ein Lenkungskreis eingerichtet, dem Kagermann vorsteht. Mit dabei sind Vertreter von sechs Ministerien (Verkehr, Wirtschaft, Forschung, Umwelt, Arbeit, Finanzen), der Länder und Kommunen sowie der Wirtschaft, der Gewerkschaften und Umweltverbände – sowie die Leiter der sechs Arbeitsgruppen. Darüber hinaus soll es eine beratende Kommission geben, in der Vertreter der Fraktionen des Bundestages sitzen.

Henning Kagermann gilt als Vertrauter der Kanzlerin. Quelle: Reuters
Angela Merkel und Henning Kagermann

Henning Kagermann gilt als Vertrauter der Kanzlerin.

(Foto: Reuters)

Die Arbeit leisten die Arbeitsgruppen (AG). Der AG I wird die schwierigste Aufgabe zuteil: Sie muss binnen weniger Monate Lösungen für den Klimaschutz erarbeiten. Alle Fragen rund um die Elektromobilität, Kraftstoffe und Antriebe berät die AG II anstelle der alten NPE. Sie wird weiter das Ziel verfolgen, möglichst schnell eine Million E-Autos auf die Straße zu bringen, wobei Kagermann dies nicht ideologisch sieht: „Das Elektrofahrzeug war nie das Allheilmittel, aber es trägt seinen Teil dazu bei“, sagt er.

Hinzu kommen Fragen der Digitalisierung (AG III), des Produktionsstandorts und der Zukunft der Arbeitsplätze (AG IV), der Netzinfrastruktur und der Verbindung mit dem Energiesektor (AG V) sowie nach Normen und Patenten (AG VI).

Die Struktur der Plattform soll im August offiziell verkündet werden. Die Wirtschaft atmet schon jetzt auf, dass es nun endlich losgeht. Wertvolle Monate sind bereits verloren gegangen, nicht etwa wegen der langwierigen Regierungsbildung, sondern weil sich das Wirtschafts- sowie das Verkehrsministerium uneins waren, wer die Federführung bei der Plattform hat, ressortierte doch die NPE beim Wirtschaftsminister.

Künftig wird nun das Verkehrsressort zuständig sein. Holger Lösch vom Bundesverband der Deutschen Industrie lobt die Struktur, die sich an der der NPE orientiert. „Heute ist die deutsche Industrie eine der internationalen Leitanbieter für Elektromobilität“, sagt der Vizehauptgeschäftsführer und mahnte auch in Zukunft „Technologieoffenheit und Marktorientierung“ an.

„Bei den ehrgeizigen Zielen ist es besser, rechtzeitig anzufangen, als kurzfristig eine Kehrtwende vollziehen zu müssen“, mahnt Heike van Hoorn, Geschäftsführerin des Deutschen Verkehrsforums. In dem Verband sind alle großen Verkehrsunternehmen organisiert, von der Deutschen Bahn über die Lufthansa und Daimler, bis hin zu Siemens und Fraport.

Allerdings warnt sie bereits davor, eine „One-Size-Fits-All-Lösung“ zu erwarten. „Es wird länger einen Mix aus Antriebsarten und Kraftstoffen geben, als manchem Umweltschützer lieb sein mag.“ Das Verkehrsministerium sieht in Null- und Niedrigemissionsfahrzeugen „einen Schlüssel für eine langfristig klimaneutrale Mobilität“.

Offen ist, wer die Arbeitsgruppen leitet

Auch die Förderung der E-Mobilität sei wichtig. „Wir wollen den Weg aufzeigen, wie der Verkehrssektor die Klimaziele erreichen kann und gleichzeitig über die Legislaturperiode hinaus darüber diskutieren, wie wir unsere Mobilität ökologisch, bezahlbar und zum Wohle von Unternehmen und Arbeitnehmern gestalten“, sagt der parlamentarische Staatssekretär Steffen Bilger (CDU). Er freue sich, „dass jetzt alle offenen Fragen geklärt sind und wir uns mit den Fragen beschäftigen können, die sich mit der Zukunft der Mobilität verbinden“.

Offen ist nur noch, wer die jeweiligen Arbeitsgruppen leiten wird. Namen sind im Gespräch, doch sind noch keine Entscheidungen gefallen. Allein in der kurzfristig bedeutsamen AG Klimaschutz hält sich ein Name wacker: Franz Loogen, Chef der E-Mobil BW, eine Plattform des Landes Baden-Württemberg. Sie koordiniert auch den Strategiedialog mit der Automobilwirtschaft im Ländle und hat in der Startphase der NPE eines der „Schaufenster“ zur Elektromobilität geleitet.

Loogen kennt und schätzt Kagermann, beide treffen sich regelmäßig auf der Hannover Messe und auf Podien zur Zukunft der Mobilität. Loogen will „einen CO2-armen und umweltfreundlichen Verkehr, der sich auch marktwirtschaftlich rechnet“, wie er sagt. „Diesen Dualismus haben wir noch nicht aufgelöst.“ 

Seit 2010 leitet der Ingenieur die Plattform im Ländle. Der 55-Jährige ist wie Kagermann auch ein Freund der vernetzten Diskussionen. Bei einer großen Plattform seien „eine kluge Arbeitsteilung und Vertrauen nötig“. Nicht alles müsse „mit allen in einem Raum“ diskutiert werden.

Allerdings werden politische Entscheidungen nötig sein. „Mit den Fahrzeugen im Bestand alleine werden wir es nicht schaffen, die Emissionen in den kommenden 15 Jahren um 40 Prozent zu senken“, ist sich Loogen sicher. In vielen Fällen seien größere, gut ausgelastete Fahrzeuge die Lösung, „wie Busse in der Stadt und der Zug auf weiteren Strecken“. Und weil sich beide Systeme nicht rechneten, müsse die Politik entscheiden, „was wir uns leisten wollen, um unsere ökologischen Ziele zu erreichen“. Der Wille sei auf allen Seiten da.

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