Fachkräftemangel: Baustellen ohne Bauarbeiter? Personalmangel bringt Wohnungsbau- und Klimaziele in Gefahr
Die Babyboomer gehen in Rente, das Personal auf den Baustellen wird knapp.
Foto: dpaBerlin. Die Erwartungen an die Baubranche sind riesig: 400.000 neue Wohnungen will die Bundesregierung jährlich bauen lassen – auch um den Mietpreisanstieg zu dämpfen. Hinzu kommen die Klimaziele, die ohne eine energetische Sanierung des Gebäudebestands kaum zu schaffen sein werden. Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft (GdW), zeigt sich besorgt. „Die Generation der Babyboomer geht in Rente, allein diese Lücke gilt es erst einmal auszufüllen“, sagt er. „Vom Aufbau neuer, zusätzlicher Kapazitäten zu träumen ist deshalb aus heutiger Sicht weltfremd.“
In der Bau- und Ausbaubranche herrscht schon heute akuter Fachkräftemangel. Allein im Berufsfeld Sanitär, Heizung und Klimatechnik würden im Moment nur 18 Prozent der freien Stellen besetzt, sagt Michael Voigtländer, Immobilienökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Die entsprechenden Berufsverbände warnten kürzlich in einem gemeinsamen Aufruf mit der IG Metall, schon heute fehlten 190.000 Elektroinstallateure, Sanitärtechniker, Metallbauer oder Schreiner.
Allerdings setzen momentan auch der Ukrainekrieg, Lieferengpässe und der starke Preisauftrieb der Branche zu. Die Bauunternehmen, die das Münchener Ifo-Institut regelmäßig für das Beschäftigungsbarometer befragt, waren deshalb zuletzt bei Neueinstellungen eher zurückhaltend.
Ifo-Experte Klaus Wohlrabe berichtet von einer Vielzahl von Stornierungen in der Baubranche. Zusammen mit den Lieferengpässen bei den Baustoffen lasse das die Unternehmen bei der Personalplanung vorsichtiger werden. „Paradoxerweise gibt es aber weiterhin einen großen Fachkräftemangel“, sagt Wohlrabe. Rund 38 Prozent der befragten Firmen klagten über entsprechende Probleme.
Das Dilemma kennt auch GdW-Chef Gedaschko. Es gebe Gewerke, in denen bereits sehr viele Fachkräfte fehlten – etwa bei der technischen Gebäudeausstattung, Wärmepumpen und Photovoltaik. „Auf der anderen Seite kommt es durch die Absage von Neubau- und Modernisierungsprojekten aufgrund der sehr schlechten Baubedingungen zunehmend zu Kurzarbeit.“
Der hessische Bauunternehmer Thomas Reimann fürchtet, dass diese Maßnahme schon bald nicht mehr ausreichen könnte. Reimann sieht schwierige Monate oder gar Jahre auf den Bau zukommen. „Seit 14 Tagen bekomme ich Bewerbungen hochqualifizierter Facharbeiter, deren bisherige Unternehmen Kapazitäten abbauen oder ganz schließen“, berichtet der Chef der Alea Hoch- und Industriebau AG.
Branche fordert weniger Bürokratie
Bislang seien überwiegend Projektentwickler und Bauunternehmen betroffen. Reimann befürchtet aber, dass auch die Ausbaugewerke in eine Krise rutschen könnten. Fensterbauer, Elektrotechniker oder Installateure seien zwar im Moment noch schwer zu bekommen. „Aber innerhalb der nächsten zwölf Monate ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch von ihnen viele nach Arbeit rufen werden. Das kann ein ganz schwieriger Winter werden.“
Reimann, der sich vom Neubaugeschäft auf die Revitalisierung, Sanierung und Bauen im Bestand verlegt hat, fordert den dringenden Abbau bürokratischer Hürden: kurze Wege, schnelle Genehmigungen und deutlich weniger Vorschriften. „Die Politik muss das nun endlich angehen, sonst müssen wir über ausreichend Wohnraum in den nächsten Jahren nicht mehr reden.“
In der Politik geht man derzeit eher von einem längerfristigen Personalproblem als von Überfluss aus. Beim Tag der Bauindustrie warnte die Staatssekretärin im Arbeitsministerium, Leonie Gebers (SPD), kürzlich, der Fachkräftemangel dürfe nicht zur „Dauerbaustelle“ für die Branche werden. Sie rief die Unternehmen auf, Praktikumsplätze anzubieten, in den Schulen und den sozialen Medien für Bauberufe zu werben und Allianzen mit Kammern oder Arbeitsagenturen zu schmieden.
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GdW-Präsident Gedaschko betont, neben dem Versuch, Arbeitskräfte aus dem Ausland zu gewinnen, müssten auch Anstrengungen unternommen werden, mit weniger Personal auszukommen – durch Automatisierung, Robotik oder den großflächigeren Einsatz von industriell gefertigten Bauelementen.
Auch IW-Ökonom Voigtländer fordert, schnellstmöglich die Bauordnungen zu überprüfen und zu vereinfachen, um Potenziale für günstigeres und serielles Bauen zu schaffen: „Damit könnte dann auch mit weniger Personal gebaut werden.“
In den Ausbaugewerken fehlen schon heute bis zu 190.000 Elektroinstallateure, Sanitärtechniker, Metallbauer oder Schreiner.
Foto: imago/photothekWas die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland angeht, hat sich für die Baubranche vor allem die Westbalkanregelung ausgezahlt. Diese war auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsmigration nach Deutschland in Kraft getreten und diente ursprünglich dem Ziel, das Asylverfahren zu entlasten.
Seither haben Bürger aus Albanien, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, der Republik Nordmazedonien, Montenegro und Serbien Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt, wenn sie ein konkretes Jobangebot vorweisen können. Eine vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Auftrag des Arbeitsministeriums vorgenommene Evaluation der Regelung zeigt, dass mit 44 Prozent das Gros der so eingereisten Arbeitskräfte für die Baubranche tätig war.
Wegen der großen Nachfrage hatte die Regierung die ursprünglich bis Ende 2020 befristete Regelung bereits um drei Jahre verlängert. Das Arbeitsministerium kündigte an, das Instrument in dieser Wahlperiode zu entfristen.
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Staatssekretärin Gebers versprach beim Tag der Bauindustrie, die Koalition werde sich auch darüber hinaus für erleichterte Zuwanderung einsetzen. Dank des seit März 2020 geltenden Fachkräfteeinwanderungsgesetzes könnten erstmals Fachkräfte ohne Hochschulabschluss in allen Berufen in Deutschland arbeiten. „Für die Baubranche und ihre Unternehmen ist das eine wichtige Erleichterung“, sagte Gebers. Sie sehe aber, „dass wir hier nachbessern müssen“. So sollten Anerkennungsverfahren auch im Inland möglich sein.
Als „beste Werbung für einen Job in der Baubranche“ sieht die Staatssekretärin gute Arbeitsbedingungen – also Arbeitsschutz und angemessene Entlohnung. Tatsächlich werden in der Baubranche die Jobs häufiger gewechselt als in der Gesamtwirtschaft insgesamt. Im Hoch- und Tiefbau etwa beträgt die jährliche Fluktuationsquote nahezu 50 Prozent. Die Ursachen: gesundheitliche Gründe oder ein als zu niedrig empfundenes Gehalt. So hatten sich die Bau-Arbeitgeber und die Gewerkschaft IG Bau jüngst noch einen langen Tarifkonflikt um den Branchenmindestlohn geleistet, der erst in der Schlichtung beendet werden konnte.