Fachkräftemangel Warum weniger Arbeitslose nicht nur eine gute Botschaft sind

Die sinkenden Arbeitslosenzahlen sind nicht nur ein Grund zur Freude: Sie bedeuten auch, dass bald die Fachkräfte rar werden. Und dass es für die Deutschen nicht leicht sein wird, das Wohlstandsniveau zu halten.
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Der deutsche Arbeitsmarkt ist im Wandel: Fachkräfte werden rar, und junge Akademiker haben von Jahr zu Jahr bessere Chancen. Doch das heißt nicht, dass der Wohlstand der Deutschen automatisch wächst, sobald Vollbeschäftigung erreicht ist. Denn ein Großteil der Arbeitslosen ist unterqualifiziert und nicht ohne weiteres integrierbar. Ohne erhebliche Anstrengungen in der Bildung und Fortbildung und ohne steigende Einwandererzahlen werden die Deutschen ihr Wohlstandsniveau nicht halten können.

Nach den Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamts verliert Deutschland bis 2020 etwa zwei Millionen Arbeitskräfte – jedes Jahr rücken weniger jüngere nach, als ältere in Rente gehen. Danach wächst die Lücke dann deutlich schneller, bis 2030 auf voraussichtlich fünf bis sechs Millionen Arbeitskräfte. Dabei ist sogar schon unterstellt, dass jedes Jahr per saldo 100.000 Menschen zuwandern – obwohl 2008 und 2009 noch mehr Menschen das Land verließen als hierherkamen.

Die deutsche Politik sonnt sich lieber im Aufschwung, als dieses langfristige Problem anzugehen. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) jubelt, das Land sei „auf der Schnellstraße zur Vollbeschäftigung“. Konjunkturforscher sagen für 2012 einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen auf unter 2,5 Millionen voraus. Doch das liegt mindestens ebenso an der schrumpfenden Bevölkerung wie an der florierenden Wirtschaft. Das heißt: Der Rückgang der Arbeitslosenzahlen ist nicht nur eine gute Botschaft, sondern auch ein Vorbote des bevorstehenden Arbeitskräftemangels.

„Ob Deutschland sein Wohlstandsniveau langfristig halten kann, entscheidet sich daran, ob es hierzulande genügend Wertschöpfung gibt“, sagt Klaus Schrader vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). „Und das setzt vor allem voraus, dass genügend qualifiziertes Personal verfügbar ist.“ Doch eben das wird schwieriger – vor allem, wenn die Arbeitskräftebasis rascher als die Gesamtbevölkerung schrumpft.

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17 Kommentare zu "Fachkräftemangel: Warum weniger Arbeitslose nicht nur eine gute Botschaft sind"

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  • Solange ein Ingenieur oder Informatiker in der Augen der Industrie ab dem 46ten Lebensjahr automatisch zu einem Geringqualifizierten wird, so lange ist kein Fachkräftemangel vorhanden, allenfalls Überheblichkeit in den Personalabteilungen und Manageretagen.

  • Es ist nicht immer gebildt und qualifiziert, wer das von sich behauptet...Und "alles machen zu können" ist per se schon der Gegenbeweis. Und die meisten Kommentare missachten auch das Argument des Mangel "IN DER ZUKUNFT", wenn die Prognose eintritt auf dem heutigen Wissen. Ihr müsst auch regional und nach Branchen differenzieren.

  • Dadurch, dass man öfter über den angeblichen Fachkräftemangel schreibt, wird er nicht wahrer!

    Erst letztes Jahr habe ich (promovierter Kunststoffchemiker mit langjähriger Auslandserfahrung) zahlreiche Bewerbungen abgeschickt. Ich habe inzwischen eine Stelle, habe aber auch auf eine ganze Reihe durchaus passender Bewerbungen Absagen bekommen. In einem speziellen Fall, bei dem ich höchstrelevante Berufserfahrung vorzuweisen und somit m.E. gute Aussichten hatte, wurde ich nicht mal eingeladen und auf Nachfrage stellte sich heraus, dass mehr als 50 Bewerbungen eingegangen waren!

    Für mich ist flächendeckender Fachkräftemangel von daher ein Märchen!

  • Diesen Vorwurf mache ich übrigens auch den Hochschulen, die sich immer über mangelhafte Kenntnisse der Abiturienten beschweren. Wenn ich den Gap zwischen Realität und Wunschdenken/Anspruch minimieren will, muss ich die Leute dort abholen wo sie stehen. Sprich ich muss etwas mehr an Eigeninitiative hereinstecken um die Defizite auszugleichen. Natürlich muss auch von der anderen Seite Eigeninitiative gezeigt werden, das versteht sich von selbst.

    Im Übrigen vertrete ich die Meinung (und das kann man in der Realität immer wieder beobachten), dass nur ein Papier mit Abschluss darauf nicht automatisch ein guter Mitarbeiter bedeutet. Ich bin der festen Überzeugung, dass es bei den nach wie vor viel zu vielen Arbeitslosen sehr viel Potential gibt, welches gut in Firmen gebraucht werden kann. Man muss nur ein bisschen in diese Leute investieren und Ihnen eine Chance geben, um eventuell fehlendes Grundwissen aufzuholen. Tiefergehendes Fachwissen erarbeitet man sich sowieso täglich in der Praxis.
    Nur solange die vorherrschende Meinung die ist, dass diese Leute alle nix taugen, weil sie entweder keinen Abschluss haben oder keine Berufserfahrung vorweisen können, wird sich an dem System auch nichts ändern.
    Hier ist die Politik (wie so oft) gefragt, Randbedingungen zu schaffen, notfalls auch mit Druck, damit Firmen als auch Institutionen wieder mehr Eigenverantwortung bei der Mitarbeiterentwicklung und –förderung übernehmen müssen. Leider sehe ich diese im Moment nicht bei unserer von der Wirtschaft gesteuerten Regierung….
    Ergo, da die Wirtschaft bislang immer noch nicht bereit ist etwas in Mitarbeiter zu investieren, Sie also auf das Level zu heben auf dem man sie gerne haben möchte, kann es im Moment gar keinen Fachkräftemangel geben.

  • Die Mär vom Fachkräftemangel ist nur dann korrekt, wenn man diese aus der sehr engen Sichte der Wirtschaft betrachtet, sprich:
    - Der Absolvent/Arbeitnehmer muss ganz genau die Fachkenntnisse haben die in meiner Firma gebraucht werden
    - Der Absolvent/Arbeitnehmer muss neben den üblichen 3-4 Europaischen Fremdsprachen (fließend) zumindest auch noch perfekt Chinesisch, Japanisch, Russisch, und Indisch lesen, schreiben und sprechen können
    - Der Absolvent/Arbeitnehmer muss jung, flexibel, nicht lokal gebunden und möglichst ohne Familie sein, aber er muss mindestens 25 Jahre Berufserfahrung in genau unserer Branche mitbringen
    - Der Absolvent/Arbeitnehmer darf keine anspruchsvollen Gehalts- und Karriereziele haben und muss zwingend ein klassischer Ja-Sager sein, eine eigene Meinung wird nicht gewünscht

    Das Problem ist doch, dass die Industrie in keiner Weise bereit ist, sich selber auch nur ein bisschen zu engagieren. Man möchte perfekte passende Leute haben in die man möglichst keinen Cent an Weiterbildung und Horizonterweiterung steckt. Die Leute sollen von Anfang an möglichst viel Geld erwirtschaften. Aus dieser Sicht haben wir natürlich einen absoluten Fachkräftemangel (und ich bin froh darüber – den Gedanken weiterspinnen führt dann zum geklonten Arbeitnehmer).
    Die Wirtschaft muss endlich mal begreifen, dass Sie auch investieren muss in die Belegschaft, um die gewünschten Resultate zu erhaltem. Wieder mehr hin zu Human Capital, in die ich investiere um gute Ergebnisse zu bekommen, und weg von Human Ressources, die ich nach Belieben wieder austauschen kann, wenn die Ressource ausgelaugt ist oder nicht so funktioniert wie ich mir das vorstelle.

  • Es ist doch ganz einfach. Es sollte mal vernènftig in Kinderkrippenplàtze investiert werden, damit qualifiziert und gut ausgebildete Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfègung stehen kénnen, und nicht nur auf die reine Animalfunktion des Kinderwerferns und Hochfètterns à la Steinzeit reduziert werden.
    Danach koennen wir sehen, ob es immer noch ein Fachkràftemangel gibt.

  • Deutschland ungeschminkt? Ja wenn man sich dieser verzerrten Propagandalügen ansieht wäre es besser von "Handelsblatt unverschämt" zu sprechen. Was in diesen angeblich aufklärenden Artikel zusammengelogen wird, ist nicht mehr schön. Fachkräftemangel, Arbeitlosenzahlen, Demographischer Wandel. Alles zu Worthülsen verkommene Felder der Falschinformation und marktschreierischen Meinungsmache. Glauben die Redakteuere deutscher Wirtschaftszeitungen immer noch, ihre neoliberale Suada wäre satisfaktionsfähig? Der Markt und seine Schreier haben mit der Finanz- und Wirtschaftskrise abgewirtschaftet. Dass sie das nicht wahrhaben wollen, ist verständlich, aber kein probates Mittel Leser aufzuklären. Da ist ja jeder Blog besser, als diese dümmliche Rede wider besseres Wissen der Steingart-Truppe.

  • Ist nicht mein Problem das die Wirtschaftsopas jeden Tag Erfindungen hinterher hecheln die keine sau braucht und dafür paar dumme sklaven suchen die an denn arbeiten und ganz groß rausbringen damit die Konsumviecher da zugreifen

  • Die Fachkräftelüge beherrscht die Medien und die entsprechenden Propagandamaschine arbeitet.

    In wirklichkeit haben wir keinen Fachkräftemangel sondern einen Mangel an bezahlten Stellen. Solange die Sklavenhändler noch Menschen für Hungerlöhne bekommen ist keine Not. Auch am Einkommen ist noch nichts zu merken, und das obwohl ja nun auch die z.B. Renten- und Gesundheitsbeiträge immer mehr von den Versicherten selbst und nicht mehr von den Unternehmen gezahlt werden - allein da wäre viel Luft nach oben.

    Logisch, daß solche Kleinstaaten wie Sachsen, die immer nur mit "Billigkräften" geworben haben nun das Nachsehen haben. Wer will schon für Niedriglöhne arbeiten.

  • Wenn dies langfristig absehbar ist, dürfte der Auftrag an eine vorausschauende Politik wohl klar sein.
    Es fehlen qualifizierte Fachkräfte in absehbarer Zeit, jetzt gilt es zu handeln und nicht abzuwarten, bis eine akute Notlage Zuwanderung zur einzigen Option macht.

    Jetzt gilt es, alles in Weiterbildung der hier lebenden Menschen zu investieren. Zuwanderung von ausländischen Fachkräften ist ultima ratio! Für andere Länder, die meist dann noch rückständiger sind als Deutschland ist es wichtig, eigene Fachkräfte zu haben und zu behalten, ebenso wie das für Deutschland wichtig ist.

    Von Unternehmen ist es verantwortungslos, um kostengünstigster Produktionsbedingungen wegen eine langfristige Gesellschaftsproblematik in Kauf zu nehmen.
    Hier verhält es sich ähnlich, wie bei der Kernkraft.

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