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„Feindliche Übernahme“ „Im Islam ist eine Tendenz zum Beleidigtsein angelegt“ – Sarrazin stellt sein neues Buch vor

In seinem neuen Buch kritisiert der Ex-Finanzsenator den Islam und Muslime auf Grundlage des Korans. Experten halten nur wenig von seinen Thesen.
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Thilo Sarrazin stellt sein Buch „Feindliche Übernahme“ vor Quelle: dpa
Thilo Sarrazin

Kritik an seinen Thesen bringt den Bestsellerautor nicht aus der Ruhe.

(Foto: dpa)

BerlinVon vorne bis hinten habe er die Übersetzung des Korans gelesen, erklärt Thilo Sarrazin mit Stolz. An vielen Stellen sei das Buch „kaum verständlich“, es gebe „keine Gliederung, keinen erkennbaren roten Faden“. Trotzdem kommt der Ex-Bundesbanker zu einem Schluss: „Im Islam ist eine Tendenz zum Beleidigtsein und Angegriffensein angelegt“, findet der 73-Jährige. Und zählt noch weitere Eigenschaften auf, wohlbemerkt nur negative: Terrorismus, Kopftuchzwang, die Rückständigkeit in den Herkunftsländern.

Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator, ehemaliges Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, ist an diesem Donnerstagvormittag wieder voll in seinem Element. In Berlin stellt er vor Journalisten sein neues Buch vor.

Sarrazin trägt einen grauen Anzug, ein hellblaues Hemd und eine dunkelblaue Krawatte. In der Ecke steht ein Personenschützer, hinter ihm hängt das grüne Cover seines Buchs. „Feindliche Übernahme“ heißt das 496 Seiten starke Werk, „Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ der Untertitel. Darin wirft der Autor dem Islam Rückständigkeit vor und den Muslimen Integrationsunwilligkeit. Für Sarrazin die derzeit größte Gefahr: die „schleichende Islamisierung durch Einwanderung und Geburtenzahl“.

Der Krawallautor ist zurück. Unverändert kampfeslustig, kaum gealtert – und immer noch SPD-Mitglied. Auf den Tag genau acht Jahre ist es her, dass Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ auf den Markt brachte. Darin warnte der Volkswirt vor der wachsenden Unterschicht in der Bundesrepublik – und in einem Kapitel auch vor den Folgen der Einwanderung.

Das Buch wurde zum Bestseller, verkaufte sich millionenfach, gehört noch heute zu einem der meistgelesenen deutschen Sachbücher. Geschrieben hat es Sarrazin einst, weil er sich als Bundesbank-Vorstand intellektuell unterfordert und zeitlich nicht ausgelastet fühlte. Nun also Islamkritik 2.0, die Fortsetzung, mit teils noch steileren Thesen.

Sarrazin hält sich mit beiden Händen am Pult fest, schaut viel auf seine mitgebrachten Papiere, ab und an gerät er beim Vortragen ins Stocken. Sein Ziel – das er auch am Ende des Buches formuliert: die muslimische Einwanderung komplett zu verhindern. Eine sehr utopische Forderung, findet der Moderator der Pressekonferenz. „Wir leben in einer Demokratie“, antwortet Sarrazin. Aus einer profunden Analyse würden sich politische Forderungen ableiten lassen. „Wenn sich Mehrheiten finden, ist es auch umsetzbar.“

Auf kritische Nachfragen reagiert Sarrazin trocken, lässt sich kaum reizen. Eine Kollegin vom „Tagesspiegel“ bemängelt die Zahlen in seinem Buch – eine Kritik, die sich der Autor auch schon mehrfach bei „Deutschland schafft sich ab“ gefallen lassen musste. So schreibt Sarrazin nun von 65 Prozent Deutschtürken, die beim Verfassungs-Referendum in der Türkei für die Vorschläge des türkischen Präsidenten gestimmt hätten.

„Es gibt 2,8 Millionen Deutschtürken, nur 1,4 Millionen waren wahlberechtigt, weniger als die Hälfe sind zur Wahl gegangen“, rechnet die Journalistin vor. Da komme man auf einen viel niedrigeren Wert. Sarrazins Antwort: „Ich operiere nirgendwo mit falschen Zahlen. Es gibt keine Indikation, dass die Deutschtürken, die nicht abgestimmt haben, anders abgestimmt hätten.“ Hohnendes Gelächter im Saal.

Sowieso könne er alles empirisch belastbar belegen. Auch den „Bevölkerungsaustausch“, der sich in seinen Augen vollziehe wie der „Anstieg des Wassers in einem undichten Schiff, wenn das Leck nicht abgedeckt wird“. 50 Prozent der Einschulungen im Berliner Stadtteil Neukölln entfielen auf Kinder mit muslimischem Migrationshintergrund. „Wiesbaden hat acht Prozent Muslime, aber 20 Prozent aller Geburten entfallen auf Muslime“, rechnet Sarrazin vor.

Dann spricht ein Journalist den rechten Mob in Chemnitz an, der sich inhaltlich auch aus Sarrazins Büchern bediene. „Natürlich muss man gegen Rechtsradikale ganz hart vorgehen“, sagt Sarrazin. Und erklärt gleichzeitig aber auch: „Bisher wurde keine einzige Zahl aus ‚Deutschland schafft sich ab‘ widerlegt. Sie wurden übertroffen.“ Die Politik habe das nicht zur Kenntnis genommen. Und wenn die Politik die Lösung nicht aufgreife, dann täten das eben andere Gruppen.

Der Islamwissenschaftler Mathias Rohe hält Sarrazins Kernthese indes für nicht haltbar. Sarrazin gehe fälschlicherweise davon aus, dass muslimische Zuwanderer ihre Einstellungen nicht veränderten, „dass sie sich gar nicht auf die deutsche Gesellschaft einlassen“, sagte Rohe der Deutschen Presse-Agentur. Eine breit angelegte Untersuchung habe ergeben, dass die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unter Türken in der Türkei höher sei als unter türkischstämmigen Migranten in Deutschland.

Auch ignoriere Sarrazin in seinen Prognosen zum künftigen Anteil der Muslime an der Bevölkerung Daten, die zeigten, dass die Geburtenrate muslimischer Zuwanderer durch Zugang zum Bildungssystem in den Folgegenerationen sinke. Das Buch sei auf „Angstmache“ angelegt, erklärte Rohe, der an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt.

Schon vor dem Druck stand das Buch in der Kritik. Sarrazins Hausverlag Random House, der zum Bertelsmann-Konzern gehört, wollte es nicht herausbringen. Dem Verlag war „meine Kritik am Islam zu grundsätzlich und nicht weichgespült genug“, meint Sarrazin. Für den eingesprungenen Finanzbuch Verlag aus München, eine Tochter der schwedischen Bonnier-Gruppe, dürfte sich das Engagement vorerst lohnen: In der Amazon-Bestsellerliste ist das Buch schon jetzt auf den ersten Platz hochgeschossen.

Noch bevor das Buch im Handel war, forderten einige SPD-Politiker das nächste Ausschlussverfahren gegen den Autor. „Thilo Sarrazin ist ein verbitterter Mann, der nur noch in der SPD ist, um seine absurden Thesen zu vermarkten“, sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil der Deutschen Presse-Agentur. „Herr Sarrazin hat mit den Grundwerten der SPD schon lange nichts mehr zu tun“, ergänzte Juso-Chef Kevin Kühnert. Noch immer ist Sarrazin Mitglied bei den Sozialdemokraten, zwei Versuche ihn loszuwerden sind bisher gescheitert.

Und Sarrazin selber denkt gar nicht daran auszutreten. Er fühle sich noch immer wohl in der Partei – und behauptet: „Die SPD steht auch deshalb da, wo sie steht, weil sie meine Analysen verdrängt hat.“ Jedwede Kritik perlt an ihm ab, das macht er zum Schluss noch einmal klar: Er sei für den Rest seines Lebens materiell abgesichert, sagt Sarrazin. „Mir könnte nicht gleichgültiger sein, was andere Menschen von mir denken.“

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