Feuerkatastrophe in London Gefährliche Dämmstoffe?

Die Brandkatastrophe in einem Londoner Wohnturm löst in Deutschland eine Diskussion über die Brennbarkeit von Dämmmaterialien aus. Wie sieht es hierzulande mit den Sicherheitsanforderungen an Fassadendämmung aus?
Update: 16.06.2017 - 07:52 Uhr Kommentieren
Die Brandursache ist noch unklar. Quelle: dpa
Großbrand im Londoner Grenfell-Tower

Die Brandursache ist noch unklar.

(Foto: dpa)

BerlinBislang ist unklar, weshalb es zu dem Brand in dem Londoner Wohnturm kam und warum sich das Feuer so schnell ausgebreitet hat. Nichtsdestotrotz löst das Feuer auch hierzulande Fragen über die Brennbarkeit von Dämmstoffen aus. Gebäudefassaden werden gedämmt, um die Energiebilanz von Häusern und Wohnungen zu verbessern – ein wichtiger Baustein in der Klimapolitik der Bundesregierung. Immer wieder gibt es aber den Verdacht, dass von den Materialien eine hohe Brandgefahr ausgeht.

„Hauseigentümer und Mieter dürfen nicht die Versuchskaninchen der Baustoffindustrie sein“, so kommentierte der Chef des Eigentümervereins Haus & Grund, Kai Warnecke, am Donnerstag die Brandkatastrophe in London. Es liege die Vermutung nahe, dass eine polystyrolähnliche Fassadendämmung ein wesentlicher Grund für das rasche Ausbreiten des Brandes war. Deshalb sei der Einsatz von Polystyrol zur Dämmung von Gebäudefassaden sofort auszusetzen.

Hochhaus im Flammenmeer
24-stöckiges Wohngebäude
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Im Zentrum Londons steht ein 24-stöckiges Hochhaus in Flammen. Die Polizei bestätigt den Tod von zwölf Menschen. Es werde aber befürchtet, dass die Zahl der Todesopfer noch steige, teilt sie mit. Bis zum frühen Mittwochabend waren nach Angaben der Rettungskräfte mindestens 79 Patienten in Kliniken behandelt worden. Einen Terroranschlag schließt Scotland Yard aus.

Zahl der Toten dürfte steigen
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Die Londoner Polizei geht von weiteren Todesfällen aus. „Es werden noch Menschen vermisst“, sagte Stuart Cundy von Scotland Yard am Mittwoch. Teams suchen in dem 24-stöckigen Gebäude nach Opfern. Der Brand in dem Hochhaus ist noch nicht gelöscht.

Gebäude ist derzeit stabil
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Trotz der Feuerkatastrophe in dem Londoner Hochhaus halten die Einsatzkräfte das Gebäude derzeit für stabil genug, um weiter darin nach möglicherweise eingeschlossenen Menschen zu suchen. Ein Experte überprüfe laufend die Statik des Grenfell Towers, sagte die Londoner Feuerwehrchefin Dany Cotton am Mittwoch in der Nähe des Gebäudes, aus dem immer noch Rauchschwaden emporstiegen. Einsatzkräfte seien bislang bis zum 19., 20. Stockwerk gelangt.

Mangelnder Feuerschutz?
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In dem Hochhaus soll es bereits Beschwerden über unzureichenden Feuerschutz gegeben haben. Mehrere Anwohner hatten darauf hingewiesen, dass es nur einen Notausgang gäbe und Menschen bei einem Feuer eingeschlossen werden könnten. Augenzeugen sagten zudem, das Feuer sei im unteren Teil des Gebäudes mit mehr als 20 Stockwerken ausgebrochen und habe sich dann nach oben durchgefressen.

Baufirma reagiert schockiert
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Die Baufirma Rydon hat schockiert auf den Hochhausbrand in London reagiert. Sie war für die Sanierung des 24-stöckigen Grenfell Towers zuständig. Alle erforderlichen Kontrollen, Bestimmungen im Brandschutz und sonstigen Sicherheitsstandards seien eingehalten worden, teilte die Firma am Mittwoch mit.

Auswirkungen auf Brexit-Gespräche
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Die Verhandlungen zwischen den Tories von Premierministerin Theresa May und den nordirischen Unionisten verzögern sich wegen des Feuers der BBC zufolge. Eine Einigung werde nicht mehr am Mittwoch bekanntgegeben, sondern könnte bis kommende Woche verschoben werden. Das bedeute, dass sich auch der Beginn der Verhandlungen über einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union verzögern könne.

Bürgermeister verspricht Aufklärung
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Londons Bürgermeister Sadiq Khan hat nach dem Brand in einem Hochhaus umfassende Aufklärung versprochen. „Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben und ich möchte den Londonern versichern, dass wir dazu alle Antworten bekommen werden“, teilte Khan am Mittwoch über Twitter mit. Die entsetzlichen Bilder hätten ihn schwer getroffen. Es habe Tote gegeben, Rettungskräfte hätten mehr als 50 Menschen mit Verletzungen in Kliniken gebracht. Die Feuerwehr müsse mit einer Lage klarkommen, die sich ständig verändere, schrieb Khan. Die Zahl könne daher weiter steigen.

Das Bundesumweltministerium (BMUB) widerspricht. In Deutschland müssten aufgrund bestehender Brandschutzvorschriften, die bauordnungsrechtlich von den Ländern eingeführt wurden, hohe Sicherheitsstandards eingehalten werden, heißt es in einem Papier, das anlässlich der Brandkatastrophe in London erstellt wurde. Bei Einhaltung der Vorschriften „kann es nach menschlichem Ermessen zu einer derartigen Katastrophe nicht kommen“.

Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht keine Sicherheitslücken. Zwar setzt sich die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation seit Jahren für den Einsatz von Naturdämmstoffen ein. Das erfolgt jedoch vor allem aus Gründen des Umweltschutzes – nicht aus Sicherheitsaspekten. „In Deutschland gelten für Dämmstoffe strenge Vorschriften, um die Brandgefahr zu minimieren“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner dem Handelsblatt.

Es gibt in Deutschland eine Vielfalt eingesetzter Dämmstoffe – die im Wesentlichen unter die drei Kategorien synthetische Dämmstoffe wie Polystyrol, mineralische Dämmstoffe wie Steinwolle und Naturdämmstoffe wie Holzfasern oder Schilf fallen. Materialien, die bei der Fassadendämmung eingesetzt werden, dürfen entweder gar nicht brennbar sein (wie etwa Steinwolle) oder nur schwer entflammbar (wie etwa Holz).

Dämmplatten aus Polystyrol, die leichter entflammbar sind, müssen mit Flammschutzmitteln behandelt werden, bevor sie an Fassaden aufgebracht werden dürfen. Bei Hochhäusern dürfen in Deutschland ab einer Höhe 22 Metern nur noch nicht brennbare Dämmmaterialien eingesetzt werden – quasi als doppelte Sicherheit: bis zu dieser Höhe können Menschen noch mit einer Drehleiter der Feuerwehr gerettet werden.

Die Deutsche Umwelthilfe hält weiter an der Notwendigkeit fest, Fassaden zu dämmen. „Um die Klimaschutzziele zu erreichen, brauchen wir die Wärmedämmung“, sagt Müller-Kraenner. „Und da haben alle in Deutschland eingesetzten Dämmstoffe ihre Berechtigung. Naturdämmstoffe haben jedoch einen besseren CO2-Fußabdruck und lassen sich später auch umweltgerecht entsorgen.“

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