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Firmen in Schieflage Pleiten, Zombies, stilles Ende – Wie sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen entwickelt

Experten erwarten Insolvenzen auf einem hohen Niveau. Besonders betroffen: Einzelhandel, Gastgewerbe und Reisesektor. Doch es gibt auch Zombiefirmen und die stille Aufgabe des Geschäfts.
17.06.2021 - 15:02 Uhr Kommentieren
Vor allem die Gastronomie leidet unter der Krise. Quelle: dpa
Restaurant in Frankfurt

Vor allem die Gastronomie leidet unter der Krise.

(Foto: dpa)

Berlin Sieben Wochen ist es nun her, dass die Bundesregierung den Insolvenzschutz für Unternehmen in der Coronakrise hat auslaufen lassen. Seitdem ist die Antragspflicht für Firmenpleiten wieder komplett und bedingungslos scharfgeschaltet.

Doch bei der Zahl der Unternehmensinsolvenzen macht sich das noch nicht bemerkbar: Bisher sei es nicht „zu einem messbaren Anstieg“ der Insolvenzen gekommen, teilte der Kreditversicherer Euler Hermes dem Handelsblatt auf Anfrage mit.

Gerade hat das Statistische Bundesamt die Zahlen für den Monat Mai bekanntgegeben: Trotz eines leichten Anstiegs bei den Firmenpleiten liegen die Zahlen zehn Prozent unter dem Niveau des Vorkrisenjahres 2019. Die „von vielen prognostizierte Insolvenzwelle“ bleibe weiterhin aus, stellt der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) fest.

Dabei ist schon eingepreist, dass es einige Tage dauert, ehe ein Antrag auf Insolvenz tatsächlich in die Statistik einfließt. Denn erst einmal müssen die Amtsgerichte das Antragsverfahren prüfen, bis dann schließlich die Richter über eine Insolvenz entscheiden.

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    „Das Insolvenz-Paradox verlängert sich“, sagt Lucas Flöther, einer der bekanntesten Insolvenzverwalter Deutschlands, dem Handelsblatt. „Es ist offensichtlich, dass die Corona-Pandemie in einigen Branchen und Unternehmen viele Krater in den Bilanzen hinterlassen hat.“ Dennoch steige die Zahl der Firmenpleiten nicht.

    Flöther, der auch Vorsitzender des Gravenbrucher Kreises ist, in dem Deutschlands führende Insolvenzverwalter und Sanierungsexperten zusammengeschlossen sind, sieht dafür zwei Gründe:

    Zum einen läuft noch das Kurzarbeitergeld, und staatliche Hilfen wurden verlängert. „Die Möglichkeit für Unternehmen in Schieflage, an Liquidität zu kommen, besteht also weiterhin“, erklärt Flöther. „Und dieses Füllhorn wird unabhängig von der Frage ausgeschüttet, ob Firmen ein gesundes Geschäftsmodell haben.“ Zum anderen gingen viele Unternehmen fälschlicherweise davon aus, dass die Antragspflichten derzeit noch immer pauschal ausgesetzt seien.

    Zombieunternehmen - Die „Untoten der Wirtschaft“

    „All das spricht für die Zombiefizierung zahlreicher Unternehmen“, sagt Flöther. Er geht davon aus, dass es im Herbst und gegen Ende des Jahres eine Veränderung geben wird: „Ich erwarte keinen Tsunami, aber die Insolvenzen werden stufenförmig steigen, in mehreren Etappen.“ Vielleicht werde es auch viele kleine Wellen geben.

    Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform warnt ebenfalls vor unrentablen und überschuldeten „Zombieunternehmen“, die infolge der Coronakrise durch staatliche Hilfen künstlich am Leben gehalten werden. „Diese Zombies sind in mehrfacher Sicht problematisch“, sagt der Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch, dem Handelsblatt. Je länger sie am Markt agieren könnten, desto höher seien die möglichen Verluste, die sie bei anderen Marktteilnehmern verursachten.

    Hinzu komme, dass die „Untoten der Wirtschaft“ in ihrer jeweiligen Branche Start-ups und leistungsfähigen Unternehmen den Weg versperrten, weil durch ihre Präsenz Weiterentwicklungen verhindert, Kapital gebunden und Fachpersonal in maroden Strukturen gehalten würden.

    Die massiven staatlichen Hilfsmaßnahmen hätten „den Nährboden für die Zombiefizierung der Wirtschaft gedüngt“, sagt Hantzsch. Das Prinzip „Hilfen aus der Gießkanne“ sei vielfach auch unrentablen, ertragslosen Unternehmen zugutegekommen, gesunde Unternehmen hätten sich teilweise stark verschuldet, die Bilanzqualität habe gelitten. „Das macht die Betriebe weniger widerstandsfähig für kommende Krisen und führt zu einer größeren Abhängigkeit von Fremdkapital.“

    Hantzsch kritisiert in diesem Zusammenhang, dass durch die vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht eine „geordnete Marktbereinigung“ lange verhindert worden sei. „Vielen Unternehmen wird es dann in der Post-Corona-Zeit an Kraft fehlen, sich dem Wettbewerb unter realen Bedingungen zu stellen.“

    Der Experte rechnet ab dem Auslaufen der staatlichen Hilfsmaßnahmen mit einem „Insolvenzgeschehen auf einem hohen Niveau“. Nicht zuletzt werde eine große Anzahl kleiner Unternehmen „still, das heißt ohne Regelverfahren, aus dem Markt ausscheiden“.

    Fiskus und Kassen verhalten sich ruhig

    Eine Studie von Creditreform und dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) geht von einem Insolvenzrückstau von rund 25.000 Unternehmen aus. Betroffen seien insbesondere kleine, finanziell schwache Firmen, „die unter normalen wirtschaftlichen Umständen mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Insolvenz gegangen wären“, erläutert Hantzsch.

    Diese Unternehmen stammten vorwiegend aus unmittelbar betroffenen Branchen wie dem Einzelhandel, dem Gastgewerbe oder dem Reisesektor. Wenn Moratorien, Hilfsgelder und Stützungsmaßnahmen auslaufen, „werden wir viele Pleiten sehen“.

    Bleiben Zahlungen aus, beantragen normalerweise auch Gläubiger die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Doch derzeit gibt es solche Fremdanträge selten. VID-Chef Christoph Niering sagt: „Vor der Corona-Pandemie haben die Finanzbehörden und die Sozialversicherungsträger die meisten Fremdanträge gestellt.“

    Bei der Geschäftsaufgabe wird häufig nicht förmlich Insolvenz angemeldet. Einzelunternehmer, Freiberufler oder auch der „eingetragene Kaufmann“ schließen einfach, obwohl sie auf vielen Schulden sitzen. Quelle: dpa
    Schaufenster eines Ladens in Hannover

    Bei der Geschäftsaufgabe wird häufig nicht förmlich Insolvenz angemeldet. Einzelunternehmer, Freiberufler oder auch der „eingetragene Kaufmann“ schließen einfach, obwohl sie auf vielen Schulden sitzen.

    (Foto: dpa)

    Doch Fiskus und Kassen hätten sich sehr früh auf eine Praxis fortlaufender Stundungen verständigt, um die staatlichen Hilfsmaßnahmen nicht durch Zwangsvollstreckungen und Insolvenzanträge zu unterlaufen. Dies verhindere nun zahlreiche Fremdanträge bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Sollte sich das ändern, werde sich dies auch in den Insolvenzzahlen widerspiegeln.

    Insolvenzverwalter, die als Frühwarnsystem ein Ohr an Unternehmensberatern oder den Restrukturierungsabteilungen der Banken haben, berichten, es sei auffällig und unterdurchschnittlich ruhig im Vergleich zur Vor-Pandemie-Zeit.

    Nach Einschätzung der Bundesregierung ist im Jahr 2021 „von einem deutlichen Anstieg der Insolvenzen auszugehen“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion, die dem Handelsblatt vorliegt. Es sei jedoch nicht abschätzbar, welcher Anteil des Insolvenzgeschehens auf größere Unternehmen entfalle und wie sich das Volumen der Gläubigerforderungen entwickle.

    Die Regierung verweist auf Daten, nach denen seit Jahresbeginn vermehrt Selbstständige Insolvenz angemeldet haben. Auch hat es demnach bis März insgesamt knapp 150.000 Gewerbeabmeldungen gegeben.

    Das Geschäft still und leise abwickeln

    Der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Reinhard Houben, der die Kleine Anfrage gestellt hat, sagt: „Durch die langsame Auszahlung der Corona-Hilfen und die willkürliche Wiedereinführung der Insolvenzantragspflicht ist die Existenz Tausender Unternehmen bedroht.“ Nicht zu vergessen seien die vielen kleinen und mittleren Betriebe, die pandemiebedingt hätten schließen müssen „und ihr Geschäft jetzt still und leise abwickeln“.

    Tatsächlich ist die Geschäftsaufgabe die „kalte“ Insolvenz, ohne dass förmlich Insolvenz angemeldet wird. Denn die Antragspflichten treffen nur die Geschäftsführer etwa von GmbHs oder Aktiengesellschaften. Einzelunternehmer, Freiberufler oder auch der „eingetragene Kaufmann“ schrauben einfach ihr Schild von der Tür, obwohl sie auf vielen Schulden sitzen. Wenn kein Gläubiger vollstreckt, dann gehen die Betroffenen erst Jahre später in ein Insolvenzverfahren.

    Flöther, der sich als Sachwalter von Condor und als Insolvenzverwalter von Air Berlin einen Namen gemacht hat, erinnert an die Hochwasserkatastrophe 2002, bei der die Insolvenzantragspflicht für hochwassergeschädigte Unternehmen ausgesetzt wurde und ebenfalls staatliche Hilfen flossen. „Auch hier gab es zunächst kaum Firmenpleiten“, sagt Flöther. „Erst Jahre später landeten viele der Unternehmen beim Insolvenzverwalter.“

    Der Grund: Gerade kleine und mittlere Unternehmen wollen die Pleite oft gar nicht wahrhaben. „Sie stopfen die Löcher mit allem, was sie kriegen können, mit eigenen Reserven, staatlichen Geldern und anderen Bankdarlehen“, erzählt Flöther. „Die Auswirkungen sind dann erst Jahre später zu merken.“

    Laut Flöther wird das in vielen Fällen dazu führen, dass die Unternehmen erst kommen, „wenn schon alles aus ihrer Speisekammer aufgebraucht und das Vertrauen bei Angestellten und Lieferanten verspielt ist“. Dann könne ihnen auch der beste Sanierer nicht mehr helfen.

    Neues Sanierungsverfahren wird kaum genutzt

    Oder stellen sich nun doch viele Unternehmen mithilfe des Restrukturierungsgesetzes (Starug) neu auf, das zum Jahresbeginn in Kraft getreten ist? Dies würde außerhalb eines Insolvenzverfahrens und damit unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschehen.

    Euler Hermes gibt auf Anfrage an, die Regelungen würden „nur von sehr wenigen Unternehmen genutzt“. In der Saniererszene ist zu vernehmen: Deutschlandweit habe es bislang keine zehn Fälle gegeben.

    Firmen können hierbei bei Zustimmung der Mehrheit der Gläubiger ihre Schulden reduzieren. Das Sanierungsverfahren kann aber nur von Unternehmen genutzt werden, die nicht bereits zahlungsunfähig sind.

    Zudem lässt es sich nicht auf Forderungen der Arbeitnehmer, zum Beispiel Gehälter, oder Pensionskassen, also Pensionszusagen, anwenden. Auch eine einseitige Beendigung von Dauerschuldverhältnissen, etwa Mietverträgen, ist nicht möglich. Euler Hermes sagt dazu: „Dies könnte eine Rolle dabei spielen, dass bisher nur wenige Unternehmen diese Sanierungsoption genutzt haben.“

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