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Tierwohl-Label

Ferkel auf einem Bio-Hof: einzige Alternative für artgerechte Tierhaltung?

Fleischindustrie Was bringt das neue Tierwohl-Label? Wir machen den Test

Auf Fleisch-Verpackungen in der Kühltheke steht neuerdings, wie das Tier gehalten wurde. Unser Autor hat das Angebot im Supermarkt gecheckt – und kauft jetzt anders ein.
02.04.2019 - 11:05 Uhr Kommentieren

Dieser Artikel ist am 02. April 2019 bei Orange - dem jungen Portal des Handelsblatts - erschienen.

Das gelbe Preisschild leuchtet schon von Weitem. Ein halbes Pfund gemischtes Hackfleisch für 1,11 Euro – macht weniger als fünf Euro pro Kilogramm. Mit diesem Sonderangebot lockt die Supermarktkette Rewe in Düsseldorf in dieser Woche Kunden. Ich frage mich schon länger, wie solche Preise möglich sind. Oder besser, wie ein Tier gelebt haben muss, damit sein Fleisch für so wenig Geld verkauft werden kann.

Tierwohl-Label: Was besagt Haltungsform 1 bis 4?

Seit diesem Montag gibt Rewe im Regal eine Antwort auf diese Frage. Der Konzern hat gemeinsam mit Aldi, Lidl, Edeka, Kaufland, Penny und Netto eine neue Kennzeichnung entwickelt. Damit sollen Kunden auf einen Blick erkennen können, wie das Tier gehalten wurde, dessen Fleisch sie kaufen. Auf Fleisch-Verpackungen in der Kühltheke findet man neuerdings einen Kreis mit vier Feldern – die stehen für vier verschiedene Haltungsformen:

  • Haltungsform 1: Stallhaltung
  • Haltungsform 2: Stallhaltung Plus
  • Haltungsform 3: Außenklima
  • Haltungsform 4: Premium

Die erste Stufe entspricht lediglich den gesetzlichen Anforderungen. Bei Fleisch, das mit der Stufe 2 gekennzeichnet ist, müssen Tieren unter anderem mindestens zehn Prozent mehr Platz und zusätzliches Beschäftigungsmaterial gehabt haben. Nach Stufe 3 hatten die Tiere noch etwas mehr Platz und Frischluft-Kontakt. Bei Stufe 4 durften sie außerdem zum Auslauf ins Freie. Auch Biofleisch soll in diese Stufe eingeordnet werden.

So wenig Platz hat ein Tier in verschiedenen Haltungsformen

Welche Haltungsformen findet man tatsächlich im Supermarkt? Und was schreiben die Haltungsformen genau vor? Das will ich herausfinden – und mache je eine kleine Einkaufstour und eine durch die Webseite des neuen Haltungs-Labels. Die Infos findest du zusammengefasst in der Grafik oben.

Rewe: Hackfleisch für 1,11 Euro aus Haltungsform 1

Das Billig-Hackfleisch bei Rewe für 4,40 Euro pro Kilogramm trägt auf dem Etikett die Nummer 1. Das bedeutet: Das Schwein, das dafür sterben musste, hatte gerade mal 0,75 Quadratmeter Platz zum Leben. Das ist weniger als die Bodenfläche eines Dixi-Klos. Ziemlich wenig für ein Tier, das mehr als 200 Kilogramm schwer wird. Tierschützer kritisieren diese Haltungsform seit Jahren. Doch bei meiner Einkaufstour finde ich jede Menge Fleisch der Stufe 1, vor allem vom Schwein und vom Rind.

Hackfleisch für 1,11 Euro bei Rewe: Das Schwein lebte auf 0,75 Quadratmetern.

Bei Hähnchenfleisch liegen vor allem Packungen mit der Nummer 2 auf dem Etikett im Regal. Rewe verkauft in dieser Woche ein Kilogramm Hähnchenbrustfilet für 5,99 Euro. Haltungsform 2 heißt: Ein ausgewachsenes Hähnchen, das 1,6 Kilogramm wiegt, hat 0,05 Quadratmeter Platz, das ist weniger als ein DIN A4-Blatt. Und es geht noch billiger: Ein Kilogramm Hähnchen-Oberschenkel, die noch drei Tage haltbar sind, liegen für 3,99 Euro im Regal. Auch hier lebten die Tiere nach Haltungsform 2.

Der Rewe-Markt in Düsseldorf bietet auch Fleisch von Tieren an, die ein besseres Leben hatten. Allerdings nur in Bio-Qualität. Hähnchenbrustfilet kostet 29,90 Euro pro Kilo, Rinderhackfleisch ist für 15,98 Euro pro Kilo zu haben. Dafür wurden die Tiere in der Haltungsform 4 gehalten. Die garantiert einem Hähnchen fast anderthalb DIN A4-Blätter Platz und außerdem etwas Auslauf im Freien. Rinder (Jungbullen) müssen mindestens 1,5 Quadratmeter Platz und ebenfalls Auslauf an der frischen Luft haben.

Bio-Siegel: Was besagt das Bio-Siegel?

Das Bio-Siegel fordert aber noch mehr. Das Label ist durch die EG-Öko-Verordnung gesetzlich geregelt. Darin steht unter anderem:

  • Die Tiere müssen ständigen Zugang zu Freigelände, vorzugsweise zu Weideland, haben (…)
  • Die Dauer von Tiertransporten muss möglichst kurz gehalten werden.
  • Die Tiere sind mit ökologischen/biologischen Futtermitteln zu füttern (…)
  • Die Verwendung von Wachstumsförderern und synthetischen Aminosäuren ist untersagt.
  • (…) Antibiotika dürfen erforderlichenfalls unter strengen Bedingungen verwendet werden (…)

Fazit nach dem Besuch im Rewe-Markt: Herkömmliches Fleisch finde ich vor allem von Tieren, die in den schlechtesten Formen gehalten wurden. Dafür ist es teilweise extrem billig. Wer Wert auf bessere Tierhaltung legt, muss Bio-Fleisch kaufen. Das ist deutlich teurer, sollte aber weniger Antibiotika und keine Wachstumshormone enthalten.

Warum bietet Rewe kein herkömmliches Fleisch mit tierfreundlicherer Haltung an? Das frage ich den Pressesprecher der Supermarktkette. Schriftlich erhalte ich als Antwort:

„Richtig ist, dass Rewe verpacktes Fleisch nach der branchenübergreifenden Haltungskennzeichnung der Stufen 1, 2 und 4 anbietet. Dass aktuell kein Fleisch der Stufe 3 dazugehört, ist der begrenzten Warenverfügbarkeit geschuldet.“

Fakt ist: Stufe 4 gibt’s bei Rewe laut meiner Recherche nur in Bio – und damit sechs Mal teurer als die herkömmliche Haltung.

Aldi: Schweine-Schnitzel für 2,99 Euro aus artgerechter Haltung?

Ich will wissen, wie es beim Discounter aussieht und gehe zu Aldi. Auch hier finde ich extrem billiges Fleisch: 500 Gramm Schweine-Schnitzel oder Rinderhack für jeweils 2,99 Euro (beides aus Haltungsform 1) und ein Kilogramm Hähnchenbrustfilet (Haltungsform 2) für 5,79 Euro.

Fleisch von glücklicheren Tieren (Haltungsform 4) gibt es auch hier nur in Bio-Qualität – allerdings deutlich günstiger. So kostet das Bio-Hack vom Rind bei Aldi Süd nur 8,98 Euro pro Kilo und damit nur etwas mehr als die Hälfte des Rewe-Preises. Bio-Hähnchenbrustfilet verkauft der Discounter für 19,99 Euro pro Kilo – ein Drittel günstiger als Rewe.

Bio-Fleisch von Aldi Süd: deutlich billiger als bei Rewe

Wieder wende ich mich an die Pressestelle, diesmal bei Aldi Süd. Ich frage, warum es in meiner Filiale kein konventionelles Fleisch der Haltungsform 3 gibt. Die erlaubt Schweinen immerhin 40 Prozent mehr Platz, Hähnchen einen Zugang einem „Außenklimabereich“ und Rindern (Jungbullen) einen „Laufstall mit Außenklima oder Weide“.

Schriftlich erhalte ich von einer Aldi-Süd-Sprecherin als Antwort:

„Die Stufe 3 „Außenklima“ stellt zusätzliche Anforderungen an die landwirtschaftlichen Betriebe, die mit einem Mehraufwand sowohl zeitlich als auch finanziell verbunden sind – daher sind sie nicht in jedem Betrieb umsetzbar. Bislang ist die Anzahl der Landwirte in Deutschland, die die Kriterien der Stufe 3 erfüllen, sehr gering. Daher kann es vorkommen, dass Produkte der Stufe 3 nicht in all unseren Filialen verfügbar sind.“

Außerdem erklärt die Sprecherin, dass mehr als 90 Prozent der Tierzüchter in Deutschland „konventionelle Tierhaltung“ nach den gesetzlichen Standards (Stufe 1) oder nach Stufe 2 betreiben. Aldi Süd habe 61 Prozent seiner Frischfleischartikel mit mindestens Stufe 2 gekennzeichnet.

Und: In vielen Filialen führe Aldi Süd auch Fleisch der Haltungsform 3, so die Sprecherin. Anfang 2018 habe der Discounter dafür eine eigene Marke mit dem Namen „Fair & Gut“ eingeführt. Das Fleisch liege sowohl preislich als auch bei den Kriterien für die Haltungsbedingungen zwischen konventioneller und Bio-Ware.

Für mich persönlich steht am Ende meiner Einkaufstour eines fest: Im Supermarkt werde ich nur noch selten, in jedem Fall aber bewusster Fleisch kaufen. Und wenn, dann möglichst Biofleisch.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, dass wir von Aldi Süd zunächst keine Antwort bekamen. Inzwischen hat der Discounter unsere Anfrage beantwortet, wir haben den Artikel aktualisiert.

Mehr: Kükentöten soll ab 2022 verboten sein – Noch strengere Regeln ab 2024

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