Flexibler Übergang in den Ruhestand Die Flexirente fristet ein Schattendasein

Weniger als ein Prozent der Neurentner nutzt die neue Teilrente. Eine Studie nährt Zweifel, ob sie überhaupt hilft, Fachkräfte im Job zu halten.
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Die Flexirente verfehlt ihr Ziel, Menschen zum längeren Arbeiten zu bewegen. Quelle: dpa
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Die Flexirente verfehlt ihr Ziel, Menschen zum längeren Arbeiten zu bewegen.

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BerlinAls 2016 die Flexirente verabschiedet wurde, gab es Lob von allen Seiten. Die Rentenversicherung sprach von einem guten Anreiz, „jenseits der Regelaltersgrenze länger zu arbeiten“. Die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) meinte: „Auf jeden Fall hat dieses Gesetz Potenzial, ein längeres Arbeiten zu fördern.“

Etwas mehr als ein Jahr nach Inkrafttreten der Reform sieht es nicht so aus, als würde die Flexirente die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen. Vor allem die verbesserten Möglichkeiten, vor Erreichen des regulären Rentenalters bei reduzierter Arbeitszeit eine Teilrente zu beziehen, werden kaum genutzt.

Zwar lag 2017 die Zahl der Arbeitnehmer, die erstmals eine Teilrente bezogen, mit 4.826 deutlich höher als 2016 mit 2.843 Fällen. Doch damit fristet die Teilrente als Mittel zum flexiblen Übergang in den Ruhestand nach wie vor ein Schattendasein. Ihr Anteil an allen Neurenten liegt deutlich unter einem Prozent. Daran hat sich auch im laufenden Jahr nichts geändert.

Hinzu kommt, dass es sich bei den meisten neuen Teilrentnern schlicht um Bezieher einer Frührente handelt, deren Vollrenten auf eine Teilrente gekürzt wurden. Bis 2016 lag die Zuverdienstgrenze bei 450 Euro im Monat. Wurde sie überschritten, wurde die Rente um ein Drittel gekürzt. Seit 2017 liegt die Freigrenze bei 6.300 Euro im Jahr. Wer mehr verdient, kriegt nur noch 40 Prozent davon auf die Rente angerechnet.

Bewusst für eine Teilrente entschieden haben sich bislang nur 823, also weniger als jeder fünfte Versicherte mit einer Teilrente. Offensichtlich sind die Konditionen für einen flexiblen Übergang in den Ruhestand noch immer nicht attraktiv genug.

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Das muss nichts Schlechtes sein, wenn man sich die aktuellen Forschungsergebnisse zum Thema ansieht. Gerade wurde eine neue Studie der Universität Dortmund veröffentlicht. Sie kommt auf Basis der Daten aus 14 europäischen Ländern zu dem Ergebnis, dass der Versuch, die Menschen durch Verkürzung der regelmäßigen Arbeitszeit zum längeren Arbeiten zu animieren, mindestens eine Sackgasse ist.

Die Wissenschaftler vom Institut für Gerontologie stellten sogar fest, dass in allen untersuchten Ländern außer Italien und Dänemark Arbeitnehmer mit reduzierter Arbeitszeit früher in Rente gehen als die, die bis zuletzt Vollzeit gearbeitet haben. „Der Abstand zwischen beiden Gruppen ist mit knapp einem Jahr beim Rentenbeginn in Deutschland sogar besonders groß“, so Moritz Hess, Chefautor der Studie.

„Bevor jetzt über Nachbesserungen der Regelungen zur Flexirente nachgedacht wird, sollte die Politik daher innehalten,“ rät der Soziologe. „Politiker, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände sollten sehr vorsichtig sein, wenn es um Förderprogramme für einen flexiblen Übergang in den Ruhestand geht.“

Es könne nämlich gut sein, dass die beiden Ziele einer solchen Politik gerade nicht erreicht werden. „Das ist zum einen die Entlastung der sozialen Sicherungssysteme durch einen späteren Renteneintritt“, so Hess. „In vielen Unternehmen geht es aber vor allem darum, Fachkräfte angesichts eines wachsenden Nachwuchsmangels so lange wie möglich im Job zu halten.“ Das Arbeitskräftepotenzial könnte mithin durch eine erfolgreiche Flexirente eher noch schneller schrumpfen, statt wie erhofft zu wachsen.

Nur bei körperlich belastender Arbeit könne so etwas wie eine Flexirente helfen. Hier sei die Alternative zur Reduzierung der Arbeitszeit oft, dass die Betroffenen andernfalls sofort in Rente gehen, weil sie nicht mehr können. Es ist nach Ansicht der Wissenschaftler besser, für solche Gruppen maßgeschneiderte Lösungen zu entwickeln, als weiter an der Flexirente herumzuschrauben.

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