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Folgen der Coronakrise Kardinal Marx: „Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto instabiler ist sie“

Der Münchner Erzbischof sorgt sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Diskussionen über ein Hochfahren der Wirtschaft hält er für zwingend notwendig.
03.05.2020 - 08:30 Uhr 2 Kommentare
„Es wird ein großer Einschnitt und ein langer Weg werden, und das beunruhigt mich.“ Quelle: Photothek/Getty Images
Kardinal Reinhard Marx

„Es wird ein großer Einschnitt und ein langer Weg werden, und das beunruhigt mich.“

(Foto: Photothek/Getty Images)

Düsseldorf Der Erzbischof von München, Kardinal Reinhard Marx, befürchtet, dass durch die Coronakrise die Ungleichheiten in der Gesellschaft größer werden – „innerhalb der Länder, aber auch zwischen den Ländern“, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt. Der 66-Jährige, der bis vor einigen Wochen auch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz amtierte, interessiert sich seit jeher besonders für soziale und arbeitspolitische Fragen.

„Die Lasten, die die Menschen schultern müssen – nicht nur finanziell, sondern auch persönlich –, sind nicht gleich verteilt. Das muss die Politik im Auge behalten, wenn sie verantwortlich handeln will“, so Kardinal Marx. Er erkenne aber auch, dass die Politik bereits reagiere, etwa mit Kurzarbeitergeld.

Er hofft durch die Krise auf ein Umdenken in der Gesellschaft, in der Politik und in Unternehmen. „Wir prüfen jede technische Entwicklung darauf, wie viel Geld sie einbringt, wie viel Profit man damit machen kann. Wenn das aber das Einzige ist, was zählt, dann steuern wir in den Abgrund“, fürchtet Kardinal Marx.

Die sozialen, politischen und ökologischen Folgen eines ungebremsten Kapitalismus kämen jetzt verstärkt auf die Tagesordnung. Er sei kein Gegner des Kapitalismus, aber er plädiert für eine Ordnung und für mehr Mitbestimmung. „Die Fragen nach einer neuen Weltordnung mit Blick auf Handels- und wirtschaftliche Beziehungen, Anreizsysteme und ein Gemeinwohl für alle werden nun lauter denn je.“

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    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Kardinal Marx, was macht die staatlich erzwungene Isolation mit den Menschen?
    Es gibt Menschen, die allein gut zurechtkommen und sich sogar freuen, dass sie endlich einmal ihre Ruhe haben. Andere sind dagegen stärker darauf angewiesen, mit Menschen zu sprechen, sich zu begegnen.

    Grundsätzlich gilt der Satz aus der Heiligen Schrift: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“ Das gilt nicht nur für die Ehe, das gilt für jeden von uns. Menschen leben in Beziehungen, sie hören zu, antworten, sind miteinander unterwegs, feiern; ob in der Familie, mit Freunden oder Kollegen. So erleben wir Glück.

    Wie lange lässt sich der Zustand fortschreiben, ohne dass die Gesellschaft irreparablen Schaden nimmt?
    Je länger der Zustand dauert, umso besser muss er begründet werden. Und jeder weiß, dass er nicht ewig aufrechterhalten bleiben kann. Aber wir sollten nicht drängen, denn wir müssen immer zweierlei im Blick behalten: das eine ist die Gefährdung von Leben, also die Verantwortung, und das andere ist die Freiheit, ohne die Menschen nicht atmen können.

    Zwischen Verantwortung und Freiheit die Balance zu halten, das ist nicht einfach. Es gibt jene, die an dem Stillstand festhalten wollen, und diejenigen, die zum Beispiel möchten, dass die Wirtschaft wieder hochfährt. Gott sei Dank gibt es dazu öffentliche Debatten.

    Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor ein paar Tagen die Öffnungsdebatten kritisiert. Sie sagen, wenn wir Sie richtig verstehen, dass diese Debatten wichtig sind und zwingend dazugehören ...
    Frau Merkel ist von ihrem Naturell und ihrem Denken her ein analytischer Mensch, der rational und verantwortlich handeln möchte. Deswegen wäre ihr wohl ein Wettbewerb, etwa wer schneller die Geschäfte wieder öffnet, eher fremd. Verantwortung und Freiheit sind die beiden Pole, zwischen denen wir uns in einer modernen und offenen Gesellschaft bewegen – nicht nur in Coronazeiten –, und das ist in den vergangenen Wochen auch nicht wirklich aus dem Ruder gelaufen. Aber die Belastungen sind eben auch sehr unterschiedlich.

    Woran denken Sie dabei gerade?
    Ich bin zum Beispiel jemand, der im Büro arbeiten kann, viele Menschen sind ja zurzeit im sogenannten Homeoffice. Es gibt aber auch viele, die das nicht können und in Kurzarbeit sind. Und das sind leider oft die mit geringeren Einkommen, die Putzfrauen oder Pizzabäcker.

    Die Lasten, die die Menschen schultern müssen – nicht nur finanziell, sondern auch persönlich –, sind nicht gleich verteilt. Das muss die Politik im Auge behalten, wenn sie verantwortlich handeln will.

    Sie haben die Geringverdiener angesprochen. Auf welchen Feldern sehen Sie die größten gesellschaftlichen Probleme durch die Coronakrise?
    Bei Katastrophen und in Krisen, sagen Soziologen, gewinnen oft gewisse Eliten. Nehmen Sie den Mauerfall 1989 oder die Finanzkrise. Bei solchen radikalen Ereignissen und Umwälzungen besteht die Gefahr, dass diejenigen, die schnell sind und beherzt zugreifen, die mobil sind und Vermögen haben, besser durchkommen als diejenigen, die angewiesen sind auf ein kleines Gehalt, das dann womöglich noch mit Kurzarbeitergeld auf 60 Prozent sinkt. Ein großer Teil der Bevölkerung hat ja keine großen Sparreserven.

    Wenn die Wirtschaft weiter stillsteht, sind extreme Kollateralschäden für die Gesellschaft, etwa hohe Arbeitslosenzahlen, wahrscheinlich nicht zu vermeiden. Wie kann es weitergehen?
    Ich befürchte, dass die Ungleichheiten größer werden – innerhalb der Länder, aber auch zwischen den Ländern. Umwälzungsprozesse, ich denke da auch an die Klimakrise, führen zwangsläufig zu der Frage, ob wir nach der Krise einfach so weitermachen sollten wie vorher. Wir müssen sehr genau darauf achten, dass die Gesellschaft beieinanderbleibt. Nicht nur in der Isolationsphase, sondern vor allem danach.

    Dann erst zeigt sich, ob es Krisengewinner und -verlierer gibt – und ob das vernünftig aufgefangen wird und das Gefühl der gerechten Behandlung von Gruppen und Personen nicht verloren geht. Das gilt im Übrigen auch für Europa, ich habe viel Kontakt zu Frankreich und Italien.

    Die sozialen, politischen und ökologischen Folgen eines ungebremsten Kapitalismus kommen jetzt verstärkt auf die Tagesordnung.

    Und was hören Sie da?
    Gerade in Italien gibt es viele besorgte Stimmen, die sagen: Wenn Europa jetzt nicht solidarisch ist, was immer das im Einzelnen heißen mag, dann haben wir vielleicht für die nächsten zehn Jahre eine populistische Regierung von rechts – und das wäre der Zusammenbruch Europas.

    Ich sage schon seit ein, zwei Jahren immer wieder: Die sozialen, politischen und ökologischen Folgen eines ungebremsten Kapitalismus kommen jetzt verstärkt auf die Tagesordnung. Und ich spüre, wie es unter meinen Füßen brodelt, ich spüre die Unruhe.

    Momentan geht es noch darum, wie es mit Corona weitergeht und wann wir wieder ein normales Leben führen können. Aber die Fragen nach einer neuen Weltordnung mit Blick auf Handels- und wirtschaftliche Beziehungen, Anreizsysteme und ein Gemeinwohl für alle werden nun lauter denn je.

    Bitte noch etwas konkreter: Wenn es jetzt zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommen würde, sehen Sie dann darin eine große Gefahr für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft in unserem Land?
    Man wird das nicht von Europa trennen können, aber natürlich ist es so. Eine hohe Zahl von Menschen, die in ihrem Einkommen beschnitten werden und das Gefühl haben, zu Unrecht ein Opfer der Krise zu sein, führt zu Spannungen innerhalb einer Gesellschaft. Da muss die Politik reagieren, und das tut sie ja auch, zum Beispiel mit Kurzarbeitergeld. Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto instabiler ist sie. Und es besteht dann auch wieder die Gefahr, dass die Populisten vermehrt Gehör finden.

    Millionen arbeiten derzeit im Homeoffice. Kommuniziert wird über digitale Kanäle aller Art. Wie sehen Sie die Zukunft der Arbeit? Wird es zu größeren Veränderungen nach der Krise kommen? Manch Arbeitgeber wird auf die Idee kommen, zum Beispiel künftig Bürofläche einzusparen.
    Das mag sein. Alle technischen Entwicklungen sind zwiespältig, müssen genau beobachtet und sorgsam begleitet werden. Zum Glück haben wir einerseits all die Tools, und wir können den Gottesdienst live streamen oder die Oma kann mit dem Enkel skypen.

    Was wir andererseits tun sollten, ist, die permanente Mobilität zu hinterfragen und herunterzufahren. Wir müssen nicht an alle Ecken der Welt reisen und Sitzungen, Tagungen und Kongresse immer woanders stattfinden lassen, bei denen manchmal noch nicht einmal etwas Produktives herauskommt. Da wäre ein bisschen Entschleunigung und Konzentration hilfreich. Ich befürchte, dass wir, wenn wir dann mal loslegen, gleich wieder ins alte Fahrwasser geraten.

    Bei der Mobilität mag das stimmen, aber bei der Digitalisierung ist es ja nach wie vor so, dass uns die großen amerikanischen Internetkonzerne, die sich selbst ohne jede Demut gerne als die neuen Evangelisten bezeichnen, immerzu vor sich hertreiben. Werden sie nach der Krise noch mehr erhört werden?
    Mittlerweile sind da schon auch andere Töne zu hören. Da hilft eine solche Krise, die noch mal deutlich macht, dass wir auch die Folgen einer Entwicklung abschätzen müssen. Wir prüfen jede technische Entwicklung darauf, wie viel Geld sie einbringt, wie viel Profit man damit machen kann. Wenn das aber das Einzige ist, was zählt, dann steuern wir in den Abgrund.

    Das meine ich mit einem ungebremsten Kapitalismus. Ich bin nicht gegen den Kapitalismus oder die freie Marktwirtschaft, das wäre töricht. Aber es braucht eine Ordnung, einen Rahmen und das klare Votum der Gesellschaft, was wir wollen und was nicht. Solange wir uns einfach nur evolutiv anpassen an den jeweils größten Gewinn, ist das eine verheerende Entwicklung, die uns etwa in die Klimakrise geführt hat.

    Woher nehmen Sie die Einschätzung, dass die Töne fortan leiser sein werden?
    Ich habe bei einer Reise ins Silicon Valley mitunter sehr viel Selbstkritik wahrgenommen, auch wenn ich nicht weiß, wie ernst das gemeint war. Im letzten Jahr bin ich zum Thema Künstliche Intelligenz durch die Vereinigten Staaten gereist und habe mit vielen Wissenschaftlern und Gründern gesprochen. Da habe ich doch sehr viel Bereitschaft erlebt, ethische Konsequenzen des Tuns zu bedenken.

    Ob das alles umgesetzt wird, sei dahingestellt. Das kann man übrigens nicht dem Einzelnen überlassen, sondern es braucht Gesetze und eine klare Orientierung. Wir hatten lange die Diskussion, dass die Internetkonzerne zwar global tätig sind, aber nicht überall Steuern zahlen, was sich sehr negativ auswirkt. Über Steuern werden die Unternehmen schließlich an den sozialen Herausforderungen des jeweiligen Landes beteiligt, sie sind ein Ausdruck der Korrektur, der Gerechtigkeit.

    Eine hohe Zahl von Menschen, die in ihrem Einkommen beschnitten werden und das Gefühl haben, zu Unrecht ein Opfer der Krise zu sein, führt zu Spannungen innerhalb einer Gesellschaft.

    Was sagen Sie den Menschen in diesen Tagen, um ihnen neue Kraft und Zuversicht zu spenden?
    Ich habe vor ein paar Tagen einen Gottesdienst für Familien und ganz besonders für die Kommunionkinder per Livestream gefeiert und zu ihnen gesagt: Schaut, uns ist verheißen, wir sind nicht allein. Gott geht in Jesus Christus, in jeder Situation, mit uns. Wir haben zwar vielleicht noch keine Lösung, aber Hoffnung. Wir schauen, wie wir bestmöglich zurecht- und vorankommen mit der Zuversicht, dass jemand an unserer Seite ist, der uns Mut macht; der sagt: „Du kannst etwas tun, du musst dich nicht hängen lassen, du kannst aufstehen.“

    Aufstehen und auferstehen, das hängt ja zusammen. Bei der Auferstehung geht es auch um die Überwindung des Todes. Aber die beginnt schon vor dem Tod, in der Haltung, ob man sich in die Hoffnungslosigkeit ziehen lässt oder sich wieder aufrichtet. Das können wir als gläubige Menschen weitergeben.

    Hilft womöglich auch ein Blick in das Evangelium, mithin in die Bibel, um neuen Mut und neue Zuversicht zu gewinnen? Welche Textstellen würden Sie da zur Lektüre empfehlen?
    „Ich bin bei euch, alle Tage, bis zum Ende der Welt.“ Der, der dein Leben geschaffen hat, steht zu dir und geht an deiner Seite. Was auch immer passiert. Es ist jemand, der stärker ist als alle Mächte des Todes. Das heißt nicht, dass Gott all unsere Probleme löst, aber das Gefühl und auch die Erfahrung, dass wir nicht allein sind, ist eine der größten Kraftquellen.

    Das ist in der Familie so, in der Freundschaft – vor allem jetzt in der Krise. Natürlich gibt es in vielen Familien auch Spannungen, aber viele spüren auch einen großen Zusammenhalt. Wir können Krisen, Angst und Not nicht allein bewältigen.

    Manch einer glaubt das aber vielleicht schon …
    Denken wir an den Zweiten Weltkrieg, 75 Jahre ist das nun her. Ich weiß das noch aus den Erzählungen meiner Eltern und Verwandten. Als sie die Trümmer und das Leid der Menschen sahen, dachten sie, dass es keine Zukunft gibt. Aber sie haben erlebt, dass es, wenn alle zusammenhalten und fest daran glauben, eine Hoffnung gibt, die stärker ist als all das, was wir sehen. Das hat viele angetrieben, und der Wiederaufbau lässt uns ja heute noch staunen.

    Wenn man sich die sogenannte „Stunde null“ 1945 ansieht und dann schaut, wie Deutschland unter großer solidarischer Leistung wieder vorangekommen ist, ist das schon beeindruckend.

    Ist es für Sie durch die physische Distanz nicht auch schwieriger, eine Verbindung zu den Menschen, zu den Kindern aufzubauen? Diesen Mut, diese Zuversicht zu transportieren?
    Ja, absolut. Ich stehe in einem leeren Dom und spreche in eine Kamera. Ich versuche, mir Menschen und Gesichter vorzustellen. Ich denke an Familien, Großeltern, Alleinerziehende mit ihren Kindern, ältere Menschen. Ich versuche, ganz präsent zu sein und Kontakt herzustellen. Jesus stellt diese Präsenz in einer ganz außergewöhnlichen Weise her, indem er sagt: „Ich bin bei euch in dem gemeinsamen Mahl.“ Das ist ja der Höhepunkt, das Zentrum einer jeden Heiligen Messe, für mich immer wieder eine faszinierende Erfahrung der Gegenwart Jesu.

    Wie fällt Ihre persönliche Zwischenbilanz aus, was die Wirksamkeit und die Folgen der politischen Entscheidungen angeht?
    Ich habe zwar gefühlt mittlerweile alle Virologen Deutschlands schon im Fernsehen gesehen, aber ich habe keine medizinischen Kenntnisse. Ich kann dazu fachlich nichts sagen, aber ich habe ein großes Vertrauen. Ich kenne ja manche Politiker, seit Jahrzehnten zum Teil, und weiß, dass sich keiner von ihnen die Sache leicht macht.

    Natürlich mache ich mir Sorgen, wenn ich diese astronomischen Summen sehe, die jetzt für die Rettung der Wirtschaft aufgebracht werden müssen – und Gott sei Dank auch aufgebracht werden können. Das sieht ja weltweit ganz anders aus. Unser Erzbistum hat Ecuador als Partnerland, ein Hotspot der Coronakrise, der wenig Beachtung findet. Wenn ich mir die Situation dort anschaue, dann wird mir etwas mulmig, zumal wir gar nicht wissen, wie sie sich noch entwickeln wird, auch in anderen Ländern.

    Glauben Sie, dass die Krise uns noch lange begleiten wird?
    Es wird ein großer Einschnitt und ein langer Weg werden, und das beunruhigt mich. Die Maßnahmen in Deutschland, soweit ich das beurteilen kann, scheinen ja zu greifen. Die Infektionen gehen zurück, das Gesundheitssystem ist stabil, sodass wir jetzt Schritt für Schritt zu einem normaleren Leben zurückkehren können. Das ist bei uns der Fall, in anderen Ländern aber nicht. Auch die Wirtschaft hat am Anfang alles im Konsens mitgemacht. Klar aber ist: Sobald es weitere Lockerungen gibt bei Begegnungen und Zusammenkünften, wird es schwieriger.

    Natürlich gibt es Versuche von Politikern weltweit, die Krise als Einfallstor für den politischen Durchmarsch zu nutzen. Aber für unsere Gesellschaft kann ich das nicht erkennen.

    Warum?
    Ein Lockdown hat zunächst Akzeptanz. Aber mit der Lockerung kommen stärkere Ungleichheiten auf, das weckt Begehrlichkeiten – und dann wird es schwieriger. Deutschland aus dem Stillstand herauszuführen ist eine viel kompliziertere und schwierigere Entscheidung, als ihn zu beschließen. Das zeigt sich jetzt in der Politik, darum beneide ich die Verantwortlichen nicht.

    Wie sehen Sie die Kritik, Grundrechte würden allzu leichtfertig zur Bewältigung der Krise quasi geopfert?
    Natürlich gibt es Versuche von Politikern weltweit, die Krise als Einfallstor für den politischen Durchmarsch zu nutzen. Aber für unsere Gesellschaft kann ich das nicht erkennen. Auch in Nicht-Corona-Zeiten schauen bei uns Journalisten wie Sie und andere genau hin; gibt es Diskussionen über Datenschutz, die Befugnisse der Polizei, Pressefreiheit, Selbstbestimmung. Sicher werden Rechte eingeschränkt, wir haben noch nie erlebt, dass wir keine öffentlichen Gottesdienste in den Kirchen feiern dürfen. Aber wir leben ja zum Glück nicht in einem Land, in dem der Staat der Religion feindlich gegenübersteht.

    Ich habe nicht den Eindruck, dass in Deutschland in den vergangenen Wochen Grundrechte mit Füßen getreten wurden, sondern dass sehr behutsam vorgegangen und an der einen oder anderen Stelle auch korrigiert wird. Dazu haben auch die Gerichte beigetragen. Unser Gemeinwesen ist robust, die Gesellschaft funktioniert.

    Die Aussage von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, dass nicht alles dem Schutz des Lebens untergeordnet werden sollte, wurde viel diskutiert. Wie sehen Sie das?
    Man muss genau abwägen, ob der Schutz vor dem Virus in allen Punkten und immer alle anderen Grundrechte einschränken kann. Es gibt immer wieder Situationen, in denen das Leben von Menschen in Gefahr gerät oder riskiert wird. Diese Fragen sind nicht neu. Grundsätzlich gilt mit Blick auf die Würde des Menschen die Gleichheit – und dass das Leben zu schützen ist.

    Eine ganz andere Situation, die mit der jetzigen mitnichten vergleichbar ist: Die Alliierten sind in den Zweiten Weltkrieg gezogen und wussten genau, dass in diesem Krieg Millionen Unschuldige – auch auf ihrer eigenen Seite – sterben werden. Doch vom Grundsatz her stellt sich auch bei dieser Entscheidung die Frage nach dem unbedingten Schutz des Lebens und der Abwägung zwischen den Rechten des Einzelnen und den Rechten etwa einer Gemeinschaft, die nicht einfach gegeneinander ausgespielt werden können.

    Inwiefern?
    In der Coronakrise geht es ja darum: Nehmen wir wirtschaftliche Einbußen und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit in Kauf, um Menschen zu schützen? Darauf gibt es leider keine ultimative Antwort. Das Dilemma ist nicht aufzulösen, und trotzdem müssen Entscheidungen getroffen werden. Insofern hat Wolfgang Schäuble recht, wenn er sagt, die Würde des Menschen ist unantastbar, aber es kann Situationen geben, wo Leben in Konflikt gerät mit anderen Zielen. Nehmen Sie einen ganz anderen Bereich: Wir akzeptieren mit Blick auf den Schutz des Lebens auch den hohen Preis, der in dieser Hinsicht etwa im Straßenverkehr oder der Luftfahrt bezahlt wird.

    Gerade in Ihrer bayerischen Umgebung hat sich Ministerpräsident Markus Söder ja als Treiber eines rigorosen öffentlichen Stillstands besonders hervorgetan. Wie zufrieden sind Sie mit dem Krisenmanagement der CSU?
    Wir sind in einem guten Kontakt. Ich habe das Vertrauen, dass – jedenfalls in dieser Frage – die Übereinstimmung sehr groß bleibt.

    Auch die Kirchen waren über Wochen mehr oder weniger geschlossen, das Grundrecht auf Ausübung der Religion war stark eingeschränkt. Geschäfte dagegen dürfen teilweise wieder öffnen. Fühlen Sie sich diesbezüglich eigentlich ungerecht behandelt?
    Die Kirchen waren offen, aber öffentliche Gottesdienste waren nicht möglich. Für uns war das eine bittere Situation. Aber es sollte nicht der Eindruck entstehen, dass wir beim Kampf gegen die Pandemie Sonderrechte gegenüber anderen haben wollen – und seien es kleine Läden oder Restaurants, die um ihre Existenz ringen.

    Wir sollten in einer solchen Krisensituation nicht nur an uns denken – und hier nicht zu sehr drängen. Ich kann überall beten, mir kann keiner, auch kein Staat, Gott wegnehmen. Natürlich tun wir alles, um den Gottesdienst wieder feiern zu dürfen.

    Ich freue mich auf den vollen Dom und das Singen, mit oder ohne Mundschutz.

    Hat die Krise die um Halt und Rat suchenden Menschen eigentlich wieder näher an die Kirche herangeführt? Anders gefragt: Sehen Sie endlich wieder steigende Mitgliederzahlen?
    Die Nachfrage nach den neuen Angeboten im Internet, zum Beispiel nach Gottesdiensten per Livestream, hat unsere Erwartungen eher übertroffen. Das ist ein Signal für uns, dass wir in diesem Bereich mehr tun müssen. Generell denken die Menschen in solchen Zeiten mehr über den Sinn ihres Lebens nach. Sie lesen mehr und stellen mehr Fragen. Aber die grundsätzlichen Probleme der Religionen in der modernen Gesellschaft werden sich durch die Krise nicht lösen.

    Worauf werden Sie bei Ihrem ersten Gottesdienst nach Wiedereröffnung der Kirchen Anfang Mai den Schwerpunkt Ihrer Predigt legen?
    Ich werde auf jeden Fall Worte der Ermutigung und der Zuversicht sprechen. Ich persönlich bin nicht in einer traurigen oder depressiven Stimmung. Ich weiß, dass diese Ausnahmesituation vorübergehen wird. Auch wenn ich nicht genau abschätzen kann, wann. Aber ich weiß, dass sich viele auf den Gottesdienst freuen – und das macht mir Mut.

    Was fehlt Ihnen persönlich am meisten in der Krise?
    Das ist eindeutig der gemeinsam mit anderen gefeierte Gottesdienst. Ich bin seit über 40 Jahren Priester und feiere jeden Tag die Messe. Ich bin oft mit großen und kleinen, eben ganz unterschiedlichen Gruppen zusammen. Das fehlt mir, die Begegnung, das Singen, das frohe, ermutigende Miteinander!

    Und sosehr ich manchmal mit Sorge auf die Situation und die ganze Ungerechtigkeit in der Welt blicke, so sehr macht es mich glücklich, mit Menschen zusammenzukommen und die Nähe Gottes zu erfahren. Das vermisse ich sehr, und ich freue mich auf den vollen Dom und das Singen, mit oder ohne Mundschutz.

    Kardinal Marx, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Vorsicht, Staatswirtschaft! – Das sind die Nebenwirkungen der Coronakrise

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    2 Kommentare zu "Folgen der Coronakrise: Kardinal Marx: „Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto instabiler ist sie“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Der Umkehrschluß wäre dann wohl: "Je gleicher eine Gesellschaft ist, desto stabiler ist sie". So schön ist der Kommunismus schon lange nicht mehr verharmlost worden. Dass ein "katholischer Prinz" dies sagt, verwundert sehr!

    • Wenn Karl Marx, sorry Kardinal Marx behauptet: "Die sozialen, politischen und ökologischen Folgen eines ungebremsten Kapitalismus kämen jetzt verstärkt auf die Tagesordnung."
      Von welchem Land redet er da??
      Sicher nicht von Deutschland. Deutschland ist dem Sozialismus näher als dem Kapitalismus und hat nur eine bedingte freie Marktwirtschaft. In Deutschland ist alles und jedes reguliert zum größten Teil überreguliert.
      Was dann noch verwundert, dass die kath. Kirche mit Aktienpaketen in Mrd.-Höhe gerade in dem kritisierten Kapitalismus prächtige Gewinne macht, diese aber nicht unter ihren Schäfchen verteilt sondern für sich behält. Wasser predigen und Wein trinken.
      Ist das nicht derselbe Kardinal Marx der auf dem Tempelberg sein Kreuz abgelegt und somit seinen Glauben und die kath. Kirche verraten hat?? Jesus ist dafür am am Kreuz gestorben dass er seinen Glauben nicht verleugnet hat.

      Jetzt bzw. spätestens nach der Krise würde uns etwas mehr Kapitalismus und freie Marktwirtschaft sehr helfen.
      Was wir brauchen sind gut verdienende Unternehmen und starke Gewerkschaften, damit die Arbeitnehmer ihren fairen Anteil vom Gewinn bekommen und keinen Sozialismus, der nur eins kann, das Elend gleichmäßig verteilen.

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