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Folgen der Pandemie Unter dem virusbedingten Schulausfall leiden die Schüler – und die Wirtschaft

Wenn die Schüler die versäumten Inhalte nicht nachholen, droht ihnen später ein geringeres Einkommen, wie Studien zeigen. Deutschland kostet der Ausfall Wachstum.
10.06.2020 - 04:03 Uhr Kommentieren
Wegen des Lockdowns waren die Schulen mehrere Wochen geschlossen. Quelle: dpa
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Wegen des Lockdowns waren die Schulen mehrere Wochen geschlossen.

(Foto: dpa)

Berlin Fast zehn Wochen ist die Schule ganz ausgefallen – und auch bis zu den Sommerferien wird nicht mehr viel passieren. Das schadet nicht nur den Schülern. Es kostet auch Wirtschaftswachstum, warnen Ökonomen. 

Noch kann man das ganze Ausmaß nur vermuten. Klar jedoch ist, dass sehr viele Schüler in der Coronakrise zu Hause sehr viel weniger gelernt haben als in regulärem Unterricht.

So gab Anfang April fast jeder zweite Grundschullehrer in einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung an, während der Schließzeit nur zu weniger als der Hälfte der Schüler regelmäßigen Kontakt zu haben. Eine ebenfalls im April durchgeführte Untersuchung von Infratest Dimap im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland zeigt, dass 80 Prozent der Schüler weniger als einmal pro Woche Videounterricht haben.

In einer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) veröffentlichten Umfrage unter mehr als 1000 Oberstufenschülern aus acht Bundesländern gaben 37 Prozent an, während der Schulschließung täglich weniger als zwei Stunden gelernt zu haben. Und nur 27 Prozent machten mindestens vier Stunden etwas für die Schule – auch nicht gerade ein üblicher Schultag plus Hausaufgaben. 

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    „Für einen nennenswerten Teil fällt das Lernen während der Schulschließung offensichtlich nahezu ganz aus“, fasst Ludger Wössmann, Bildungsökonom des Ifo-Instituts, die Lage zusammen.

    Doch die Schüler haben laut dem Wirtschaftswissenschaftler nicht nur viel weniger gelernt: „Aus vielen Untersuchungen ist bekannt, dass beim Lernen Stillstand Rückschritt bedeutet“, so Wössmann.

    Schulausfall könnte 5,4 Billionen Euro kosten

    Ein nicht aufgeholter Rückstand hat laut Wössmann erhebliche Konsequenzen. „Geht etwa ein Drittel des Schuljahres verloren, geht das übers gesamte Berufsleben im Schnitt mit drei bis vier Prozent geringerem Erwerbseinkommen einher“, schreibt der Ökonom in einer Untersuchung.

    Für Menschen mit einer Lehre bedeutet das mindestens 18.000 Euro weniger Einkommen, bei Akademikern beträgt das Minus 30.000 Euro. Hierbei sind die künftigen Einbußen allerdings abgezinst, sonst wäre der Verlust noch viel größer.

    Das sei nicht nur individuelles Pech. Denn es gebe in der Bildungsforschung „wenig robustere Befunde als den Zusammenhang zwischen Schulbesuch und wirtschaftlichem Wohlstand“. Daran ändere sich auch nichts, wenn alle gleichermaßen betroffen sind, denn dann „schrumpft der gesamte volkswirtschaftliche Kuchen“, warnt der Ökonom. Dazu kommen noch wegfallende Steuereinnahmen und höhere Sozialkosten.

    Unterm Strich kommt das Ifo-Institut daher auf der Basis des Corona-Schulausfalls für die kommenden Jahrzehnte auf einen gesamtwirtschaftlichen Verlust von 5,4 Billionen Euro – oder 2,8 Prozent des künftigen Bruttosozialprodukts.

    Negative Effekte der 1960er-Kurzschuljahre

    Grundlage für diese Berechnungen des Ifo-Instituts sind Daten über den Effekt der Kurzschuljahre in den 60er-Jahren in Deutschland, über Schulstreiks in Belgien und die monatelangen Schulferien in den USA.

    So zeigten die Daten des sogenannten „Erwachsenen-Pisas“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass die Deutschen, die durch die beiden Kurzschuljahre 1966/67 ein Dreivierteljahr weniger Unterricht hatten, noch im Alter zwischen 50 und 70 messbar geringere mathematische Kompetenzen haben – und in ihrem Erwerbsleben über fünf Prozent weniger Einkommen als vergleichbare Gruppen verfügen.

    Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) forderte daher schon Ende März für den Fall anhaltender Schulschließungen bundesweite Konzepte, um die Rückstände besser aufzuholen. Wenn es wieder losginge mit dem Unterricht, bräuchten gerade die Schwächeren „speziellen Förderunterricht“, mahnen die IW-Ökonomen Christina Anger und Axel Plünnecke.

    Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) forderte schon vor Ostern intensive Anstrengungen der Schulen, um nach dem Lockdown das Versäumte nachzuholen. Nötig seien nicht nur mehr Schulstunden, sondern auch kostenlose Angebote und Nachhilfe in den Ferien, schrieben die DIW-Experten Mathias Huebener und Laura Schmitz. 

    Einig sind sich alle Experten, dass vor allem die Kinder Nachhilfe brauchen, deren Eltern sie nicht gut unterstützen können: sei es, weil die Eltern selbst nicht gut gebildet sind, weil sie nicht gut Deutsch sprechen oder nicht einmal einen Laptop und Internet zu Hause haben. „Wenn die Bundesländer jetzt nicht gegensteuern, dann werden diese Kinder den Rückstand nicht mehr aufholen können“, warnt die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), Jutta Allmendinger.

    Aktionen der Kultusminister, etwa Extra-Förderunterricht oder Ferienkurse, mit denen Kinder die Inhalte nachholen können, sind allerdings bisher nicht in Sicht. Das zeigte eine Länderumfrage des Handelsblatts. Obwohl die Ferien in vielen Bundesländern schon in wenigen Wochen beginnen, gibt es in den allermeisten Schulministerien allenfalls vage Überlegungen dazu.

    IW: Bildungsungerechtigkeit wird sich verschärfen

    Ändert sich das nicht noch grundlegend, „dürften sich die bereits in den letzten Jahren zunehmenden Probleme bei der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland weiter verschärfen“, warnt das IW. Dass der Schulerfolg extrem vom Elternhaus abhängt, ist ein zentrales Problem des deutschen Schulsystems.

    Die Pisa-Studien haben gezeigt, dass die meisten anderen Staaten es viel besser schaffen, Nachteile von Kindern aus bildungsfernen Familien auszugleichen und so das Bildungsniveau zu heben. Einige Jahre lang besserte sich die Situation in Deutschland durch vielfältige Anstrengungen der Kultusminister, etwa durch gute Ganztagsschulen. Doch in der jüngsten Pisa-Studie ist die Bundesrepublik hier erneut zurückgefallen. 

    In der Coronakrise dürfte sich diese Entwicklung verschärfen. „Die Forschung zeigt, dass die Unterschiede in der anschließenden Schulzeit eher noch weiter zunehmen“, so das DIW.

    Wie unterschiedlich sich eine Schulschließung auf Schüler auswirken kann, zeigen Studien zu den äußerst langen Sommerferien von zwei bis drei Monaten in den USA. Im Schnitt verlieren die Schüler in dieser Zeit ungefähr ein Drittel des Wissens, das sie sich im Schuljahr zuvor angeeignet haben, so Wössmann vom Ifo-Institut. Dies gelte besonders für Mathematik. Auch im Lesen lassen zumindest Schüler aus benachteiligten Elternhäusern deutlich nach. Ihre Schulkameraden aus besseren Verhältnissen hingegen lernen im Sommer sogar dazu.

    Wössmann geht in Deutschland davon aus, dass „clevere und gut geförderte Kinder zu Hause im Selbststudium womöglich sogar mehr lernen als in der Schule“, wo sie im Zweifel unterfordert sind. Auch diese Gewinner-Gruppe brauche anschließend aber eine individuelle Förderung, damit sich die Schüler in der Klasse nicht langweilen und wieder zurückfallen.

    Mehr: Schulen: Förderpläne für Corona-Verlierer sind bisher Mangelware.

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