Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Freiwillige Gutscheine „Völlig ohne Plan“: Reisebranche empört über Regierungsbeschluss zu Corona-Stornierungen

Die Bundesregierung hat ihre Pläne für verpflichtende Reisegutscheine bei Corona-Stornierungen aufgegeben. Der Reiseverband sieht nun Insolvenzen und Stellenabbau programmiert.
20.05.2020 Update: 20.05.2020 - 16:05 Uhr 1 Kommentar
Von der Coronakrise sind mehr als 10.000 Reisebüros und 2000 Reiseveranstalter bedroht. Quelle: dpa
Demonstration in Dresden

Von der Coronakrise sind mehr als 10.000 Reisebüros und 2000 Reiseveranstalter bedroht.

(Foto: dpa)

Berlin Der Deutsche Reiseverband (DRV) hat mit scharfer Kritik auf die Regierungspläne für freiwillige Reisegutscheine in der Coronakrise reagiert. „Der Beschluss des Kabinetts täuscht eine Tatkraft der Bundesregierung vor, die in der Realität nicht vorhanden ist. Das ist eine Scheinlösung, die die Probleme der Reisewirtschaft nicht löst“, sagte DRV-Präsident Norbert Fiebig.

Gutscheine hätten nur geringe Akzeptanz. „Reiseveranstalter müssen daher weiterhin an den Großteil ihrer Kunden Geld rückerstatten, Geld, das schlicht nicht vorhanden ist“, klagte Fiebig. Die Kassen der Reiseveranstalter seien leer.

Laut DRV geht es hierbei um ein Volumen von sechs Milliarden Euro. „Die Stornierungen ziehen auch den Reisebüros den Boden unter den Füßen weg“, sagte Fiebig weiter.

Seit Wochen fordere die Branche von der Politik, etwas gegen diese existenzbedrohenden Liquiditätsengpässe zu tun. „Die Bundesregierung scheint völlig ohne Plan“, kritisierte der DRV-Präsident. „Wir werden von einer Warteschleife in die nächste geschickt.“ So seien Insolvenzen und der Verlust von vielen Arbeitsplätzen programmiert, warnte Fiebig.

Das Bundeskabinett hatte am Mittwochvormittag Eckpunkte für eine freiwillige Gutscheinlösung zur Abmilderung der Corona-Folgen für die Pauschalreisebranche beschlossen. Damit reagiert die Bundesregierung auf Empfehlungen der Europäischen Kommission.

Kern der Pläne ist, dass die Gutscheine in vollem Umfang gegen eine mögliche Insolvenz der Reiseunternehmen abgesichert werden sollen. Damit schaffe man einen „echten Anreiz, sich für Gutscheine statt Rückzahlung der Anzahlung zu entscheiden, wenn die Reise wegen der Corona-Pandemie ausfallen muss“, sagte Verbraucherschutzministerin Christine Lambrecht (SPD).

Konkret plant die Regierung für Reisen, die vor dem 8. März 2020 gebucht wurden und wegen der Pandemie nicht durchgeführt werden können, dass Reiseveranstalter Pauschalreisenden statt der sofortigen Erstattung der Vorauszahlungen Gutscheine für spätere Pauschalreisen anbieten können. „Die Gutscheine sind im ersten Schritt über die bisherige Versicherung abgesichert und für den Fall, dass die Versicherung nicht ausreicht, darüber hinaus durch eine staatliche Garantie bis zu vollen 100 Prozent des Wertes“, erläuterte Lambrecht. „Die Gutscheine gewährleisten damit die volle Werthaltigkeit des Erstattungsanspruchs auch für den Fall der Insolvenz des Reiseveranstalters.“

Kritik von den Grünen

Lambrecht betonte zugleich, dass die Gutscheine freiwillig seien. Die Reisenden könnten den Gutschein ablehnen und behielten somit ihren „sofortigen Erstattungsanspruch“. Werde der Gutschein nicht bis spätestens Ende 2021 eingelöst, so sei der Wert in Höhe des ursprünglichen Reisepreises auszubezahlen.

Lambrecht appellierte an die Reisenden sich für einen Gutschein zu entscheiden. Damit leisteten sie einen „wichtigen Beitrag dazu, die Vielfalt der Angebote und Dienstleistungen im Reisesektor zu erhalten“, betonte die Ministerin.

Auf Grundlage der Eckpunkte wird nun ein Gesetzesentwurf erarbeitet. „Für die spezifischen Bedürfnisse der Branche strebt die Bundesregierung darüber hinaus eine zügige Lösung an, die die Nutzung der bestehenden Hilfsprogramme ermöglicht“, sagte Lambrecht.

Der Vizechef der Unions-Bundestagsfraktion, Thorsten Frei (CDU), lobte den Kabinettsbeschluss als „ersten Schritt auf dem Weg hin zu den dringend erforderlichen Erleichterungen für die Reisebranche“.

„Unser Ziel muss es sein, die Reiseveranstalter und Reisebüros so zu schützen, dass Insolvenzen so weit wie möglich vermieden werden“, sagte Frei. Deshalb habe das Kabinett außerdem beschlossen, dass sich die Bundesregierung und die Koalitionsfraktionen bis Juni darauf verständigen wollen, Hilfen für die Reiseveranstalter und die Reisebüros zu ermöglichen. „Uns ist die dramatische und vielfach existenzbedrohende Lage der mehr als 10.000 Reisebüros und 2000 Reiseveranstalter in Deutschland sehr bewusst“, versicherte Frei.

Die Grünen warfen der Bundesregierung vor, viel Zeit bei dem Thema verspielt zu haben. „Die Bundesregierung hat heute zwar endlich einen rechtssicheren Weg eingeschlagen, aber dieser Vorschlag hätte schon vor Wochen kommen müssen“, erklärten Markus Tressel, Sprecher für Tourismuspolitik, und Tabea Rößner, Sprecherin für Verbraucherschutz. Sie bemängelten zudem, dass eine freiwillige Gutscheinlösung den Tourismus nicht alleine retten werde.

„Was wir brauchen, sind differenzierte Lösungen, die die Vielfalt der Branche bedienen können“, sagte die Grünen-Politiker. Nötig sei daher ein „Rettungsfonds für alle Wirtschafts- und Rechtsformen der Touristik“. Notwendig sei zudem ein „Kundengeldabsicherungsfonds.“ Tressel und Rößner verlangten außerdem höhere Soforthilfen, auch für Solo-Selbstständige sowie eine monatliche Pauschale. Die Reisewirtschaft stehe finanziell am Abgrund. „Damit wir die touristische Infrastruktur nicht verlieren, müssen endlich sinnvolle Schritte gegangen werden.“

Reisebranche fordert „Kreditfonds“ für Reiseveranstalter

Kritisch äußerte sich auch Deutschlands oberster Verbraucherschützer Klaus Müller. Es sei fraglich ist, ob freiwillige Gutscheine ausreichten, die großen finanziellen Einbußen der Tourismusindustrie aufzufangen. „Daher sollte jetzt sehr schnell ein Reisesicherungsfonds errichtet werden“, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV).

„Die zu befürchtenden Insolvenzen einer Reihe von Reiseanbietern würden das Vertrauen der Pauschalreisenden nach Thomas Cook ein weiteres Mal schädigen und zu weiteren Staatshaftungsfällen führen.“ Verbraucherschutzministerin Lambrecht, Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sollten daher „endlich eine nachhaltig wirkende Lösung zur Sicherung der Kundengelder und der Reisebranche vorlegen“.

Der Deutsche Reiseverband verlangte von der Bundesregierung, die freiwilligen Gutscheine um einen „Kreditfonds“ zu ergänzen, aus dem die Reisebüros die Rückzahlungen der Provisionen für stornierte Reisen finanzieren und die Reiseveranstalter die Rückzahlungsforderungen der Kunden bedienen können. „Nur die Kombination aus freiwilligen Gutscheinen und Kreditfonds kann jetzt die Liquidität der Unternehmen sichern“, sagte DRV-Präsident Fiebig. Das finanzielle Risiko des Bundes sei dabei überschaubar: Die Unternehmen könnten die Beträge an den Fonds schrittweise zurückführen.

Mehr: Gutscheine sofort, Rückzahlungen später: Lesen Sie hier, wie Airlines ihre Kunden hängen lassen.

Startseite
Mehr zu: Freiwillige Gutscheine - „Völlig ohne Plan“: Reisebranche empört über Regierungsbeschluss zu Corona-Stornierungen
1 Kommentar zu "Freiwillige Gutscheine: „Völlig ohne Plan“: Reisebranche empört über Regierungsbeschluss zu Corona-Stornierungen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Wenn Herr Fiebig behauptet, daß das Geld aus den Anzahlungen der Kunden bei den Reisebüros schlicht nicht mehr vorhanden ist kann das ja nur zwei logische Gründe haben.
    1. Die Kundengelder sind schon zu 100% an die Reiseveranstalter durchgereicht worden (und könnten sich ja dort von den Reisebüros auch wieder zurückgeholt werden) oder
    2. die Kundengelder sind sachfremd und treuwidrig für sonstige Ausgaben der Reisebüros verwendet worden (was nichts anderes als ein Schneeballsystem darstellt).

    Sollte letzteres zutreffend sein, so sind die Reisebüros wohl eher ein Fall für die Staatsanwaltschaft als für einen Retungschrim der Bundesregierung.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%