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Fridays for Future Der Wohlstand treibt die Jugend auf die Straße

Proteste für Klimaschutz und gegen Uploadfilter. Die Jugend macht wieder Politik – aber auf der Straße. Das liegt auch an einer guten Konjunkturphase.
6 Kommentare
Inzwischen haben sich 155 Ortsgruppen der Bewegung gebildet. Quelle: Gerhard Westrich/laif
Schülerprotest in Berlin

Inzwischen haben sich 155 Ortsgruppen der Bewegung gebildet.

(Foto: Gerhard Westrich/laif)

Berlin Zwei Wochen sind es noch bis zur ersten Abiturprüfung. Doch Lernen steht heute nicht auf der Tagesordnung von Jakob Blasel. Anstatt in den Unterricht geht der 18-Jährige auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. So wie jeden Freitag.

„Wenn ich mir den Klimawandel so anschaue, habe ich Angst um meine Zukunft“, sagt Blasel. Deshalb hat er die Schülerprotestbewegung „Fridays for Future“ mitinitiiert.

Im Dezember hatte er in seiner Heimat Kiel per Kettennachricht 500 Leute zum Protest zusammengetrommelt, mittlerweile gehen in der Landeshauptstadt jeden Freitag mehrere Tausend auf die Straße.

Die Bewegung hat sich derweil auf ganz Deutschland ausgedehnt, 155 Ortsgruppen haben sich gebildet. „Dieses politische Engagement der Jugend wird sich jetzt so richtig verstetigen“, sagt Blasel.

Es ist nicht lange her, da war mehr von Politikverdruss der Jugend als von Protest die Rede. Keine Altersklasse beteiligte sich so wenig an der Bundestagswahl 2017 wie die 18– bis 29-Jährigen. Doch nun wirkt die Jugend gar nicht mehr politikmüde.

Nachdem an diesem Freitag für Klimaschutz protestiert worden ist, zieht am Samstag die „Generation Youtube“ auf die Straße. Angekündigt ist ein europaweiter Protest gegen Artikel 13 der geplanten EU-Urheberrechtsreform.

Die vorrangig jungen Demonstranten fürchten, dass Videoplattformen auf die Reform mit Uploadfiltern reagieren, wodurch eine Zensur des Internets einsetze. In mehreren deutschen Großstädten kam es bereits zu Protestmärschen.

Der Aufstand ist so massiv wie selten zuvor

Der derzeitige Aufstand vieler junger Menschen ist so massiv wie selten zuvor. Wo kommt der politische Gestaltungswille so plötzlich her? Und wie lange bleibt er?

„Es ist ein politisches Interesse zu sehen wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr“, sagt Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler an der Hertie School of Governance. Das bestätigen auch die Zahlen. Laut Shell-Jugendstudie gaben 1991 noch 57 Prozent der 12- bis 25-Jährigen an, sich politisch zu engagieren, 2002 waren es nur noch 34 Prozent.

Bei der letzten Umfrage 2015 stieg die Zahl wieder auf 46 Prozent – und aktuell steige die Tendenz klar, sagt Hurrelmann, der Mitautor der Studien ist. Das liege auch daran, dass erstmals Schüler so zahlreich beteiligt seien: „Das ist historisch neu.“

Vor allem aber hänge politisches Engagement eng mit der wirtschaftlichen Perspektive der Jugendlichen zusammen. Als Deutschland zur Jahrtausendwende als kranker Mann Europas dastand, sei die Jugend komplett auf die eigene Karriere fokussiert gewesen, so Hurrelmann: „Da war gar keine Zeit, um sich um Politisches zu sorgen. Jetzt wissen die jungen Menschen, dass sie dank der wirtschaftlichen Lage auf jeden Fall in Arbeit und Beruf kommen.“

Seit der Jahrtausendwende hat sich die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland auf heute 4,7 Prozent mehr als halbiert. Nicht mehr Erwerbslosigkeit, Inflationsängste oder wirtschaftlicher Abschwung stehen oben auf der Liste der Zukunftsängste junger Menschen, sondern Terrorismus, Gewalt und Kriminalität.

Parallelen zu Studentenprotesten von 1968

Es gibt Parallelen zu 1968: Damals folgte auf das Wirtschaftswunder eine Studentenbewegung mit Aufmärschen gegen den Vietnamkrieg und mit dem Ziel der Entnazifizierung politischer Institutionen.

„Klimaschutz ist was für Profis – nicht für Kids auf der Straße“, hatte FDP-Chef Christian Lindner in einem Zeitungsinterview gesagt. Die demonstrierenden Schüler tobten. Lindners Aussage finde er „ziemlich lächerlich“, sagt auch „Fridays for Future“-Initiator Blasel. Die Kluft zwischen der Jugend und den Parteien und Parlamenten ist groß.

Das spiegelt sich auch in den Mitgliederzahlen der politischen Jugendorganisationen wider. Hatten Junge Union und Junge Sozialisten 1990 zusammen noch 365 000 Mitglieder, sind es mittlerweile nur noch 172 000. Allein an den Rändern des politischen Spektrums zeigt sich ein gegenteiliges Bild.

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„Die Jugend ist traditionell etwas radikaler eingestellt“, erklärt Martina Gille vom Deutschen Jugendinstitut. „Und die zugehörigen Organisationen sind erst spät gegründet worden und hatten daher erst mal einen natürlichen Zulauf.“

Am Mitgliederschwund der großen Jugendorganisationen wird wohl auch die aktuelle Repolitisierung der Jugend nicht viel ändern. „In Parteien muss man Kompromisse machen. Bei den Protesten wird es bei einzelnen Themen bleiben, die immer mal wieder aufpoppen, mehr wird da nicht kommen“, sagt Bernhard Heinzlmaier, Vorsitzender des Instituts für Jugendforschung.

Er beschreibt damit die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen konventioneller Politik, also in Parteien, NGOs oder Verbänden, und unkonventioneller. Letztere umfasst die Teilnahme an Demonstrationen, die Mitarbeit in Bürgerinitiativen und Online-Protestaktionen.

„Wellness-Themen“ machen Protest einfach

Unkonventionelle politische Teilhabe sei in der Jugend beliebt, weil es sich um „Wellness-Themen“ handele, bei denen man sich nicht „die Hände schmutzig zu machen“ brauche, sagt Heinzlmaier: „Man legt sich einfach ins warme Becken der Gemeinschaft.“ Das funktioniere in der konventionellen Politik aber nicht, deswegen werde die Stimme der Jugend dort auch nicht durch „Fridays for Future“ oder Demos gegen Uploadfilter mehr an Gehör finden.

Um die Parteien zu verjüngen, hält Forscher Hurrelmann von der Hertie School of Governance eine selbstverpflichtende „Jugendquote“ für denkbar: „Parteien müssen sich einen Ruck geben, dass sie endlich damit beginnen, Politik auch für die Jugend zu machen.“

Der erste Schritt müsse aber darauf abzielen, mehr junge Leute zum Wählen zu bewegen. „Die Fähigkeit, politische Interessen zu beurteilen und den Vorgang von Wahlen zu verstehen, setzt nicht erst mit der Volljährigkeit ein, sondern eigentlich schon etwa mit dem 12. Lebensjahr“, sagt Hurrelmann.

Eine Absenkung des Wahlalters in Deutschland wird schon lange diskutiert. Bei Landtagswahlen in vier Bundesländern darf schon ab dem 16. Lebensjahr gewählt werden. Auch Jugendforscher Heinzlmaier unterstützt diese Idee. Doch: „Die institutionelle Politik wird dadurch nicht beeinflusst“, glaubt er.

Klimaaktivist Blasel hält eine Wahlalterabsenkung für den entscheidenden Schritt: „Wenn wir die Möglichkeit hätten, die Verantwortlichen bei der nächsten Wahl gleich abzuwählen, dann würde uns die Politik auch ausnahmslos ernst nehmen.“

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6 Kommentare zu "Fridays for Future: Der Wohlstand treibt die Jugend auf die Straße"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Jürgen Schröder
    "Unsere Generation hat den Karren in den Dreck gefahren - wir sollten den jungen Menschen wenigstens helfen ihn wieder heraus zu ziehen."

    Wenn Sie zur 68er Generation gehören, dann haben Sie Recht. ;-)
    Ich hatte Glück: die 68er-Lehrer waren zu meiner Schulzeit noch in der Minderheit. Das waren die "Kumpel"-Typen, mit denen man auch rasch per Du war, natürlich bereits damals stark "sozial engagiert" - aber gelernt hat man bei denen (natürlich mit Ausnahmen) fast nix.
    Wirklich was gelernt hat man dagegen von den Lehrern der Wiederaufbaugeneration (und von den wenigen verbliebenen der Kriegsgeneration noch viel mehr).
    Heute jedoch besteht das "Lernen" überwiegend aus Indoktrination. Und die verantwortlichen "Chefideologen" aus Politik und Bildung glauben allen Ernstes, dass mit Ideologie statt Wissensvermittlung der Wohlstand des Landes gesichert werden könnte.
    Ich habe in letzter Zeit häufiger Berichte gelesen, wie - und vor allem auch wieviel - Schüler in Asien (und speziell in China) lernen. Und mein ganz klares Urteil: die deutsche Schülergeneration wird nicht den Hauch einer Chance gegen die asiatische (und speziell chinesische) haben...

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Es handelt sich nach meinen Beobachtungen, vor allem, um eine sehr langweilige und uninteressante Generation. Sie ist stark fremdgesteuert, leicht manipulierbar und auch ein wenig gefallsüchtig.
    Soziologisch macht sie dieser Umstand natürlich dann doch interessant. Ich freue mich darauf, diese Altersgruppe, dabei beobachten zu dürfen, wie sie mit den Widrigkeiten der Zukunft fertig wird. (und damit meine ich nicht die Umweltproblematik, die zur Zeit ihre größte Sorge zu sein scheint)

  • Unsere Generation hat den Karren in den Dreck gefahren - wir sollten den jungen Menschen wenigstens helfen ihn wieder heraus zu ziehen.

  • Warum wird immer an der heutigen Jugend genörgelt, diese als wohlstandsverzogen tituliert, von mangelnder Ernsthaftigkeit gesprochen? Laßt uns doch froh sein, das sie - wenn auch sehr idealistische - Ziele hat, für die sie auf die Straße geht. Seien wir doch einmal ehrlich: wir haben das Protestieren doch längst verlernt. Wir finden uns mit der schleichenden Veränderung einfach ab, könnes es uns ja leisten. Und ohne jetzt den Generationenkonflikt, die Macht der Grauen wieder hervorzuheben: die aus Sicht der heutigen Jugend aktuell regierenden "Scheintoten" haben naturgegeben einen wesentlich geringeren Planungshorizont als die heutigen Teens & Twens. Denn sie und ihre Kinder haben in 50 Jahren das auszubaden, was wir jetzt falsch machen. Das sollte es uns wer sein!

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