Friedensnobelpreis für die Kanzlerin? Verbände trommeln gegen Merkel

Zwei Drittel der Deutschen sind der Ansicht, dass Merkel keine gute Kandidatin für den Friedensnobelpreis ist. Mehrere Verbände finden das auch, aber nicht weil die Kanzlerin plötzlich Favoritin für den Preis ist.
Angela Merkel - soll sie den Friedensnobelpreis bekommen? Viele Deutsche sagen: nein. Quelle: AFP
Kanzlerin Merkel.

Angela Merkel - soll sie den Friedensnobelpreis bekommen? Viele Deutsche sagen: nein.

(Foto: AFP)

BerlinMehrere Verbände sind der Meinung, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Friedensnobelpreis nicht bekommen sollte. Die Kanzlerin habe weder den Ukraine-Konflikt noch die Flüchtlingsfrage „zu einem guten Ende gebracht“, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, dem Handelsblatt. „In der Flüchtlingssituation stellt sich zudem die Frage, ob ihr Handeln nicht erst zu einem Anwachsen des Problems geführt hat.“ Es wäre ähnlich wie bei US-Präsident Barack Obama, sagte Kraus weiter, „der den Preis quasi als Vorschusslorbeeren erhalten hat“.

Auch der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, nahm Bezug zur „zweifelhaften“ Verleihung des Friedensnobelpreises an Obama, der allen eine „Mahnung“ sein sollte. „Sollte Angela Merkel irgendwann einem nicht mehr Kanzlerin sein, kann man gerne ihre Leistungen rückwirkend bewerten und dann vielleicht den Friedensnobelpreis verleihen“, sagte Zimmermann dem Handelsblatt. Das Nobelkomitee in Oslo solle daher „aufhören mit der Preisvergabe Politik machen zu wollen und besser rückblickend eine Leistung bewerten. Schuster bleib bei deinen Leisten, möchte ich dem Komitee zurufen“.

Ähnlich äußerte sich der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel. „Einer Verleihung des Friedensnobelpreises an aktive Politiker stehe ich sehr skeptisch gegenüber“, sagte Holznagel dem Handelsblatt. „Auch in der aktuellen Krisenpolitik muss man schließlich sehen, wie sie langfristig wirkt.“

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, stößt in dasselbe Horn. Bei aller gebotenen Wertschätzung für die Bundeskanzlerin und Anerkennung ihrer Leistungen in der Ukraine- und Flüchtlingskrise sei er der Ansicht, dass der Friedensnobelpreis „grundsätzlich nicht an Berufspolitiker und Berufspolitikerinnen vergeben werden sollte, die ohnehin qua Amt ganz selbstverständlich einer friedensstiftenden Politik verpflichtet sein sollten“, sagte Schneider dem Handelsblatt. Insofern habe ich auch die Auszeichnung des amerikanischen Präsidenten oder auch der EU als „unglücklich“ empfunden. „Der Friedensnobelpreis sollte meines Erachtens grundsätzlich den Akteuren der Zivilgesellschaft vorbehalten bleiben“, betonte Schneider.

Der Tag der Preisvergabe
Wirtschaftsnobelpreis für Angus Deaton
1 von 26

Wer beim Wirtschaftsnobelpreis auf einen US-Bürger als Gewinner tippt, liegt selten falsch –  keine andere Nation hat so häufig den höchsten Preis für Wirtschaftswissenschaften abgeräumt. Auch der diesjährige Preisträger besitzt die US-Staatsbürgerschaft, geboren wurde Angus Deaton  allerdings im schottischen Edinburgh.

Individuellen Konsumentscheidungen verstehen
2 von 26

Deaton lehrt an der US-Eliteuniversität Princeton. Im Zentrum seiner Arbeit  stehen Fragen der Entwicklungs-, Wohlfahrts- und Gesundheitsökonomie. Deaton nutzt für seine Ergebnisse unter anderem die Befragung von Haushalten in Entwicklungsländern. Von der Nobelpreis-Jury ausgezeichnet wird er nun für seine Analyse von Konsum, Armut und Wohlfahrt.

„Um eine Wirtschaftspolitik zu entwerfen, die das Wohlergehen fördert und Armut reduziert, müssen wir zuerst die individuellen Konsumentscheidungen verstehen“, lobte das Komitee die Arbeit des 69-Jährigen. „Mehr als jeder andere hat Angus Deaton dieses Verständnis verbessert.“

Friedensnobelpreis für tunesisches Dialogquartett
3 von 26

Das tunesische Quartett für einen nationalen Dialog wird mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der Gruppe werde der Preis für ihre Bemühungen für den „Aufbau einer pluralistischen Demokratie“ zuerkannt, so das Nobelpreiskomitee in Oslo. Dem Dialogquartett gehören der tunesische Gewerkschaftsverband, der tunesische Arbeitgeberverband, die Menschenrechtsliga des Landes und die Anwaltskammer an.

Im Bild die Chefs der vier Organisationen: Wided Bouchamaoui, Präsidentin des Arbeitgeberverbandes; Houcine Abbassi, Generalsekretär des Gewerkschaftsverbandes; Abdessattar ben Moussa, Präsident der Menschenrechtsliga; Mohamed Fadhel Mahmoud, Präsident der nationalen Anwaltskammer (v. l.).

Ausgangsland des Arabischen Frühlings
4 von 26

Tunesien war Ausgangsland des sogenannten Arabischen Frühlings, bei dem in Volksaufständen mehrere Machthaber arabischer Länder gestürzt wurden. Das tunesische Quartett für einen nationalen Dialog bemühte sich nach dem Sturz des langjährigen tunesischen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali 2011, einen Übergang zur Demokratie zu ermöglichen. „Sie begründete einen alternativen, friedlichen politischen Prozess in einer Zeit, in der das Land am Rande des Bürgerkriegs stand“, heißt es in der Begründung der Nobel-Jury.

Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch
5 von 26

Swetlana Alexijewitsch (67) ist mit einem ganz eigenen literarischen Stil zum moralischen Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums geworden. Die weißrussische Schriftstellerin hat mit ihren Collagen das Leid, die Katastrophen und den harten Alltag der Menschen in ihrer Heimat aufgearbeitet. 2013 erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Jetzt wurde sie mit den Literaturnobelpreis geehrt.

Romane in Stimmen
6 von 26

Alexijewitschs Werke sind „Romane in Stimmen“. Erstmals wandte die gelernte Journalistin ihre literarische Methode 1983 im Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ an. Mit Interviews dokumentierte sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

Für „Zinkjungen“ (1989) sprach sie mit mehr als 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten. Genauso porträtierte sie 1997 die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als ihr Großwerk gilt „Secondhand-Zeit“ von 2013 – eine Sammlung von Stimmen über die erschütternden Erfahrungen des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion.

Swetlana Alexijewitsch bei der Friedenspreis-Verleihung 2013
7 von 26

Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren. Sie arbeitete nach einem Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als Lehrerin. Da sie unter dem autoritären Regime in Weißrussland öffentlich kein Gehör fand und ihre Werke nicht verlegt wurden, hielt sie sich viele Jahre im Ausland auf.

2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. „Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen“, sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. „Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache“, sagt Alexijewitsch.

Buchmacher sehen Merkel beim Friedensnobelpreis vorn
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Friedensnobelpreis für die Kanzlerin? - Verbände trommeln gegen Merkel

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%