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Frühkindliche Bildung Bertelsmann-Studie: Die meisten Kitas sind nicht kindgerecht

Die Kitas wechseln von der Notbetreuung zurück in den Regelbetrieb. Defizite treten nun wieder offen zutage – wie eine aktuelle Studie zeigt.
25.08.2020 - 05:00 Uhr Kommentieren
Bei 1,7 Millionen Kita-Kindern fiel der Personalschlüssel zuletzt nicht kindgerecht aus. Quelle: dpa
Regal für Gummistiefel in der Kita

Bei 1,7 Millionen Kita-Kindern fiel der Personalschlüssel zuletzt nicht kindgerecht aus.

(Foto: dpa)

Berlin Nachdem Kitas in der Coronakrise monatelang nur eine Notbetreuung haben anbieten dürfen, kehren die Einrichtungen nun zum Regelbetrieb zurück. Damit rücken auch die grundsätzlichen Probleme der frühkindlichen Bildung wieder in den Fokus.

Und die sind nicht unerheblich. Das belegt eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung. Demnach sind die Bedingungen für die pädagogische Arbeit vielerorts noch immer unzureichend. „In einem Großteil der Kitas sind die Personalschlüssel und die Gruppengrößen nicht kindgerecht“, heißt es im Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme 2020.

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, fordert darum, den Ausbau der frühkindlichen Bildung nicht schleifen zu lassen: „Auch wenn in den vergangenen Jahren schon viel für die Kitas gemacht wurde. Es reicht noch nicht.“ Gute pädagogische Arbeit für die Kleinsten gehe nur mit zusätzlichen Mitteln und brauche neben der Finanzierung durch die Länder auch eine angemessene und dauerhafte Finanzierungsbeteiligung des Bundes.

Drei Kriterien hält die Bertelsmann Stiftung maßgeblich für eine gute Bildungsarbeit in Kitas: „Nur ein Zusammenspiel von kleinen Gruppen, genügend Personal und hohem Qualifikationsniveau ermöglicht eine kindgerechte Bildungspraxis“, erklärt Bertelsmann-Bildungsexpertin Kathrin Bock-Famulla.

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    Das Fazit der Studie: Für 74 Prozent der Kinder in amtlich erfassten Kita-Gruppen stand nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung. Bei 1,7 Millionen Kita-Kindern also fiel der Personalschlüssel nicht kindgerecht aus. In Ostdeutschland betraf dies 93 Prozent der Kinder, in Westdeutschland 69 Prozent.

    Personalsituation verbesserte sich im Vergleich zu 2013

    Nach Empfehlungen der Bertelsmann Stiftung sollten in Krippengruppen rechnerisch drei Kinder auf eine Fachkraft kommen und in Kindergartengruppen maximal 7,5. Die Realität sieht indes anders aus. Demnach kamen in Krippengruppen 4,2 Kinder auf eine Fachkraft, in Kindergartengruppen waren es 8,8 Kinder.

    Ausgewertet wurden zum Stichtag 1. März 2019 amtliche Statistiken. Im Vergleich zu den Werten von 2013 verbesserte sich die Personalsituation immerhin. Damals kam in Krippengruppen eine Fachkraft auf 4,6 Kinder und in Kindergartengruppen auf 9,6 Kinder.

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    Die Bertelsmann Stiftung weist darauf hin, dass die reale Personalsituation selbst bei einem leidlichen Personalschlüssel häufig noch angespannter ist, „da Arbeitszeiten für Aufgaben ohne Kinder, Urlaubszeiten, unbesetzte Stellen oder fort- und weiterbildungsbedingte Abwesenheiten der Fachkräfte den Kita-Alltag noch erschweren“.

    Zudem fällt die Lage in den Bundesländern sehr unterschiedlich aus. Die rund 54.000 Kita-Kinder in Mecklenburg-Vorpommern trifft es besonders hart. Für fast alle Kinder (96 Prozent) stand nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung. „Damit steht Mecklenburg-Vorpommern neben Sachsen im bundesweiten Vergleich am schlechtesten da“, heißt es in der Studie.

    Konkret kamen in Mecklenburg-Vorpommern in Krippengruppen durchschnittlich sechs Kinder auf eine Fachkraft – also doppelt so viele wie empfohlen. In Kindergartengruppen waren es 12,9 Kinder.

    Das lässt umso mehr aufhorchen, da Mecklenburg-Vorpommern die gesamten Mittel aus dem „Gute-Kita-Gesetz“ für die Beitragsbefreiung eingesetzt hat – und eben nicht für die Qualität der frühkindlichen Bildung, also etwa für eine Verbesserung des Personalschlüssels.

    Mit dem „Gute-Kita-Gesetz“ hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) den Ländern 5,5 Milliarden Euro für die Verbesserung der Kindertagesbetreuung bis zum Jahr 2022 bereitgestellt.

    30 Prozent für Senkungen von Elternbeiträgen

    Die Mittel können zum Beispiel für die Ausweitung der Betreuungszeiten, einen besseren Betreuungsschlüssel, mehr Sprachförderung für die Kinder, die Gestaltung von Räumen, besseres Essen, die Weiterbildung von Erziehern oder die Stärkung der Kitaleitung eingesetzt werden.

    Auf Druck der Länder wurde zudem vereinbart, dass mit den Geldern auch Kitagebühren reduziert oder abgeschafft werden können. Bundesweit wurden schließlich gut 30 Prozent der Gesamtmittel für solche Senkungen von Elternbeiträgen eingeplant – und nicht für die Kita-Qualität. Unter Experten sorgte das für Kritik.

    Auch im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen war der Personalschlüssel laut Bertelsmann-Studie zuletzt unzureichend und nicht kindgerecht. Für 322.200 Kita-Kinder (78 Prozent) stand nicht genügend Fachpersonal zur Verfügung. In Krippengruppen kamen durchschnittlich 3,7 Kinder auf eine Fachkraft, in Kindergartengruppen waren es 8,6 Kinder.

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    Ähnlich sieht es in Bayern aus. „Viele Kitas in Bayern können ihren Bildungsauftrag aufgrund unzureichender Rahmenbedingungen nicht oder nur eingeschränkt umsetzen – trotz des Ausbaus der Kita-Plätze und der Investitionen in zusätzliches Personal in den vergangenen Jahren“, heißt es in der Bertelsmann-Auswertung. Betroffen sind hier rund 237.000 Kita-Kinder, die nicht kindgerecht betreut werden.

    Die Ergebnisse des Ländermonitorings zeigen auch, dass die Bildungschancen stark vom Wohnort abhängen. Beispiel Rheinland-Pfalz: In Pirmasens (1 zu 11,5) ist eine Fachkraft für fünf Kindergartenkinder mehr verantwortlich als eine im Landkreis Germersheim (1 zu 6,6). „Dies ist die größte regionale Streuung im Bundesvergleich“, heißt es in der Studie.

    54 Prozent aller Kita-Gruppen zu groß

    Auch die Gruppengröße entspricht laut Ländermonitoring in vielen Kitas nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen. Demnach sollten Gruppen für jüngere Kinder nicht mehr als zwölf Kinder umfassen, für die Älteren nicht mehr als 18. „Zu große Gruppen bedeuten für die Kinder und das Fachpersonal übermäßigen Stress, etwa durch Lautstärke, und können dazu führen, dass entwicklungsangemessene Aktivitäten nicht ausreichend durchgeführt werden“, heißt es in der Studie.

    Der Befund: Bundesweit sind 54 Prozent aller Kita-Gruppen zu groß. Zudem ist die Qualifikation des Kita-Personals bundesweit sehr unterschiedlich. In den westdeutschen Bundesländern arbeitet demnach deutlich mehr Personal auf Assistenzniveau, beispielsweise als Kinderpflegerin oder Sozialassistentin.

    Beispiel Bayern: Von den gut 91.600 pädagogisch arbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind nur 49 Prozent als Erzieherin beziehungsweise Erzieher ausgebildet. „Dies ist unter allen Bundesländern der geringste Anteil“, heißt es in der Studie.

    Hier stehen die ostdeutschen Bundesländer deutlich besser da: Der Anteil des als Erzieherinnen und Erzieher ausgebildeten Personals liegt hier bei 82 Prozent. Im Westen beträgt er im Schnitt nur 66 Prozent. „Insbesondere bei einem Personalmangel steigt damit das Risiko einer niedrigeren Bildungsqualität“, heißt es in der Studie.

    Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, fordert darum eine Gesamtstrategie: „Dem Personalmangel müssen wir mit Bündnissen von Bund, Ländern, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften begegnen.“ Diese müssten gemeinsam attraktive Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen schaffen, eine angemessene Bezahlung durchsetzen und berufsbegleitend Unterstützungs- und Beratungsstrukturen anbieten. Das Kita-Personal müsse zudem durch Hauswirtschafts- und Verwaltungskräfte entlastet werden.

    Was der Personalmangel und die unzureichenden Kompetenzen des Personals ganz konkret bedeuten, zeigt auch eine bundesweite Befragung von Kita-Teams der Fernuniversität in Hagen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Dort heißt es: „Die durch Stress, Hektik und Ungeduld geprägten Überlastungssituationen und prekären Arbeitsbedingungen der pädagogisch Tätigen übertragen sich auf die Kinder und äußern sich dort in Form von hohen Stresszuständen, Angst, nicht ausreichend unterstützter Bindungssicherheit und Gereiztheit sowie Konflikten.“

    Mehr: Der Direktor des Deutschen Jugendinstituts hält nichts von einer Kita-Pflicht.

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