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Garri Kasparov „Wir sind nicht ambitioniert genug, was Künstliche Intelligenz angeht“

Ex-Schachweltmeister Garri Kasparov spricht über drohende Jobverluste, digitale Ethik und die Erlösung von stupider Arbeit.
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„Wir sollten uns nicht durch ein paar Schlagzeilen über Risiken und Jobverluste verunsichern lassen.“ Quelle: BDA
Schachlegende Garri Kasparov

„Wir sollten uns nicht durch ein paar Schlagzeilen über Risiken und Jobverluste verunsichern lassen.“

(Foto: BDA)

1996 verlor er seine erste Partie gegen den IBM-Computer „Deep Blue“, ein Jahr später ein ganzes Turnier: Trotzdem sieht Ex-Schachweltmeister Garri Kasparov Künstliche Intelligenz (KI) eher als Chance denn als Bedrohung. Das gilt auch auf dem Arbeitsmarkt, wie Kasparov im Handelsblatt-Interview erläutert.

Lesen Sie hier das ganze Interview.

Herr Kasparov, viele Menschen erinnern sich an Ihre Duelle mit „Deep Blue”. Wenn Sie die Fähigkeiten des Schachcomputers von damals mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) von heute vergleichen – zu welchem Schluss kommen Sie?
Es ist, wie einen Heißluftballon mit einer Boeing 747 zu vergleichen – oder einer ganzen Flotte davon. „Deep Blue“ hat seinen Job gemacht und den Schach-Weltmeister geschlagen.
Aber er war – obwohl zehn Millionen Dollar teuer – so intelligent wie Ihr Wecker heute. KI umfasst heute eine ganze Bandbreite von Applikationen, die die Welt verändern. Lange vor „Deep Blue“ haben KI-Forscher erkannt, dass nicht echte Künstliche Intelligenz erforderlich ist, um einen Menschen im Schach zu besiegen, sondern nur die immer schnellere Anwendung menschlichen Wissens. Es war immer noch herausfordernd genug, aber es war nicht das, was man heute unter KI versteht. Auf dem Gebiet des Schachs zeigte „Alpha Zero” im Jahr 2017 die Überlegenheit von KI-Technologien wie neuronalen Netzen gegenüber bisherigen Brachialmethoden wie bei „Deep Blue“ und allen anderen bisher erfolgreichen Programmen, die einfach alle möglichen Kombinationen durchgehen.

Wenn Sie an die jüngste Entwicklung Künstlicher Intelligenz denken – sind Sie beeindruckt oder besorgt?
Oft beeindruckt, manchmal enttäuscht und fast nie besorgt. Meine Hauptsorge ist, dass wir Menschen nicht ambitioniert genug sind, was KI angeht. Dass wir unseren unbegründeten Ängsten erlauben, unseren Fortschritt zu begrenzen. Das wiederum führt zu meiner einzigen echten Befürchtung: dass die Automatisierung von Jobs schneller verläuft als die Schaffung neuer Arbeitsplätze, weil wir so langsam vorangehen.

Ist KI Fluch oder Segen?
Ein Segen. Aber wie bei jeder anderen Technologie auch, hängt viel davon ab, was wir daraus machen. Bis jetzt haben die Menschen das Monopol, Böses zu tun, und unsere Technik dient uns. Oft werden neue Technologien zuerst militärisch genutzt oder für schädliche Disruptionen, weil das einfach ist verglichen damit, Werkzeuge zu entwickeln und sie in die Gesellschaft zu integrieren. Wir müssen unseren Fokus auf humanistische KI legen und im Sinn behalten, wie faszinierende neue Technologie unser Leben verändert.

Aber die Menschen sind verunsichert …
Wir sollten uns nicht von ein paar Schlagzeilen über Risiken oder Jobverluste verunsichern lassen. Verglichen mit der Vergangenheit leben die Menschen immer länger, der Lebensstandard steigt. Das verdanken wir alles der Technologie, und KI wird diese Geschichte fortsetzen. Jede Generation fürchtet die Technologie der nächsten Generation. Wie ich gerne sage: Nur weil es Technologie gibt, leben wir so lange, dass wir Gelegenheit haben, uns überhaupt über Technologie zu beschweren.

Ist KI längst ein Bestandteil unseres täglichen Lebens?
Sie ist überall in der entwickelten Welt präsent durch Algorithmen, wie sie für maschinelles Lernen oder andere Formen von KI eingesetzt werden. In einem wirklich weiten Sinne beeinflussen diese Algorithmen das Leben von uns allen – von der Wettervorhersage bis zur Geldanlage. Es geht hier nicht um eine Sache, wie einen Roboter. Es ist eher wie bei der Elektrizität oder dem Internet, die sich schnell verbreitet und alles verändert haben.

Auf welchem Gebiet erwarten Sie die größten Veränderungen durch KI?
Die sichtbarste Veränderung wird überall dort stattfinden, wo sich geistige Arbeit so automatisieren lässt, dass sie menschlicher Arbeit überlegen ist. Das Ergebnis muss nicht perfekt sein, das ist ein verbreitetes Missverständnis. Es muss nur besser sein als das des Menschen. Das gilt für die Krebsdiagnose genau so wie für die Analyse juristischer Akten oder das Steuern von Lastwagen. Ohne Zweifel ist das eine Menge Arbeit. Das Wort Transformation impliziert einen radikalen, sichtbaren Wandel, der sich schnell vollzieht. Das wird nur selten der Fall sein. Neue Felder entwickeln sich und mit ihnen neue Jobs, Werkzeuge und Technologien. Aber wenn Sie mich fragen, wo ich die größten Veränderungen durch KI erwarte, sagen wir in den nächsten 15 Jahren, dann sind das der Transportsektor, die Informations- und Kommunikationstechnologie und – ich hoffe – die Bildung, wo das Potenzial gewaltig ist.

Wie groß ist die Gefahr, dass KI Millionen von Jobs verdrängt?
Es ist ganz schlecht, die Frage so zu stellen. Warum ist es eine Gefahr, wenn stupide Routinetätigkeiten millionenfach von Maschinen übernommen werden? Oder wenn gefährliche Jobs durch Roboter erledigt oder weniger gefährlich gemacht werden können? Vermissen wir die Landwirtschaft so sehr? Oder den Bergbau? All die Schreibkraft- und Buchhalter-Jobs, die verschwunden sind und kreativeren Tätigkeiten Platz gemacht haben? Natürlich sollten wir nicht gefühllos sein gegenüber denjenigen, deren Job überflüssig wird. Disruption hat immer Konsequenzen. Aber es wird so sein wie in der Vergangenheit, dass wir neue Industrien, Jobs und einen höheren Lebensstandard schaffen. Und wenn wir doch von der KI-Entwicklung überrollt werden sollten, wenn wir nicht ambitioniert genug sind, neue Industrien und Tätigkeiten zu entwickeln, die Maschinen nicht übernehmen können, dann werden wir nicht umhinkommen, auch über Dinge wie ein universelles Grundeinkommen oder Arbeitszeitverkürzung nachzudenken. Aber es ist nicht erkennbar, dass sich der Wandel schneller vollziehen würde als, sagen wir, bei der Implementierung des Internets.

In Stanley Kubricks Film „2001 – Odyssey im Weltraum” übernimmt am Ende der Computer HAL die Kontrolle und sperrt den Astronauten aus dem Raumschiff aus. Eine realistische Version?
Nur wenn der Computer durch menschliche Fehler schlecht programmiert ist. Wir sind sehr weit entfernt von einer generellen Künstlichen Intelligenz und noch viel weiter von so etwas wie Bewusstsein oder freiem Willen in unseren Maschinen, wie HAL sie an den Tag legt. Eine Gefahr liegt aber darin, autonomen Maschinen zu viel Entscheidungskompetenz zu geben, etwa bei Waffensystemen. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Verantwortung beim Menschen verbleibt und sich die Vorgänge auch noch durchschauen lassen, so dass niemand am Ende sagen kann: Entschuldigung, aber die KI hat das gemacht.

Sehen Sie die Gefahr einer Entmündigung des Menschen?
Nein, das Gegenteil. Menschen verlieren ihre Würde, wenn sie gezwungen sind, Dinge zu tun, die Maschinen erledigen können. Es sei denn, sie machen etwas als Hobby, Gartenarbeit oder handwerkliche Tätigkeiten zum Beispiel. KI wird uns in die Lage versetzen, menschlicher zu sein, kreativer und sozialer. Und mehr Zeit damit zu verbringen, unser Leben zu genießen – etwas, woran KI kein Interesse hat.

China nutzt KI für sein Sozialkreditsystem. Wie groß ist das totalitäre Potenzial von KI?
Da besteht ein echter Grund zur Sorge. Aber noch einmal: Beschuldigen Sie nicht die Technologie, sondern die Menschen, die sie nutzen! Die Atombombe kam vor dem Atomkraftwerk. Also ist Kernenergie gut oder böse, wegen ihres Potenzials zur Zerstörung? Wir müssen noch viel lernen über die Nutzung von KI und ihre Möglichkeiten, wie sie sich regulieren und für das Gute nutzen lässt. In der Zwischenzeit werden Diktatoren und andere böswillige Akteure sich einen Wettlauf darin liefern, KI für Repression und Aggression zu nutzen, so wie sie es mit allem machen. Und KI ist sehr mächtig, wenn es darum geht, Menschen zu verfolgen oder sie gezielt mit Propaganda zu versorgen. Wir haben da noch kein Immunsystem entwickelt, aber wir werden es tun.

Brauchen wir eine spezielle „digitale Ethik“ für den Umgang mit KI?
Wir sollten den Dialog darüber fortsetzen und ich habe an vielen entsprechenden Diskussionen mit staatlichen und privaten Akteuren teilgenommen. Aber am Ende des Tages lenkt die Debatte über „ethische KI“ von der wirklich entscheidenden Frage ab: ethisch handelnden Menschen. Wir haben ja auch keine „ethische Elektrizität“, oder? KI ist ein Spiegel, der unsere Vorurteile reflektiert. Es gibt einige ernstzunehmenden Sorgen über Künstliche Intelligenz, etwa, was die Aufrechterhaltung der menschlichen Verantwortung angeht. Aber die meisten Debatten darüber sind nur Schall und Rauch. Bessere Menschen werden immer wichtiger sein als smarte Maschinen.

Mehr: „Riesige Auswirkungen aufs Geschäft“ – Wirtschaft warnt vor neuem chinesischen Ratingsystem

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1 Kommentar zu "Garri Kasparov: „Wir sind nicht ambitioniert genug, was Künstliche Intelligenz angeht“"

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  • Was mich in der ganzen KI-Diskussion wundert: alle reden von "Lernenden Algorithmen" und ignorieren, daß die bestenfalls "Big Data" können. Also Probleme, die sich über Zahlen und ähnliche streng formale Strukturen beschreiben und lösen lassen. Deshalb freut es mich, daß Herr Kasparov das genauso sieht.
    Die "wirklichen Probleme" sind doch die, über welche Politiker, Manager, Gesellschaftswissenschaftler und schließlich alle wir ganz normalen Menschen dauernd reden, diskutieren und lösen müssen: als schlechte Kompromisse oder, viel besser, im optimalen Konsens.
    Dazu brauchen wir die Methoden der klassischen Scholastischen Dialektik, die Philosophie, die Ethik. All das geschieht in natürlichen Sprachen, und diese müssen die künstlichen Intelligenzen bitte schön genauso gut und flüssig beherrschen und verstehen wie ihre menschlichen Auftraggeber und Partner auch.
    Seit geraumer Zeit kann das die "Linguistische Künstliche Intelligenz", Sie lernt nicht, wie die "Lernenden Algorithmen", durch Versuch und Irrtum. Sondern im Gespräch mit Menschen und untereinander sowie, wie " wir natürlichen Intelligenzen" auch, durch Lektüre: beliebig viel Material dafür ist im Internet,in den Clouds und sonst wo ja vorhanden.
    Warum ignorieren das fast alle. Bloß weil es ein bißchen schwieriger ist ...?
    Gott sei Dank ist jetzt Herr Kasparov aufgetaucht, der sich vor dem Denken nicht fürchtet.

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