Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Gastkommentar Europa muss seine digitale Infrastruktur endlich nutzen

Der Technologiewettlauf mit amerikanischen und chinesischen Unternehmen ist noch nicht in allen Bereichen entschieden. Europa kann noch Standards setzen.
  • Michael Hüther und Boris Otto
Kommentieren
Europa muss seine digitale Infrastruktur endlich nutzen Quelle: dpa, Fraunhofer
Michael Hüther und Boris Otto

Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Boris Otto leitet das Fraunhofer-Institut für Software und Systemtechnik in Dortmund.

(Foto: dpa, Fraunhofer)

Die Digitalisierung zwingt Unternehmen weltweit in einen Wettbewerb, in dem es vor allem drei Disziplinen gibt: Geschwindigkeit, Technologie und Freiraum. Beim Digitalgipfel in Dortmund diskutieren Politiker, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter Ende Oktober, welche Rolle Deutschland im digitalen Wettbewerb spielen wird. Denn nur wer in allen Bereichen punkten kann, hat eine Chance, auch künftig zu bestehen.

Geschwindigkeit bedeutet: Nur wer mit einem neuen Produkt oder einer neuen Dienstleistung der Erste ist, kann Märkte erobern und langfristig Standards setzen; das gilt genauso für einzelne Unternehmen wie für ganze Länder. Der Schnellste hat die Möglichkeit, große Marktmacht aufzubauen und zu bestimmen, wo es in Zukunft langgeht.

Technologien wiederum entwickeln sich in immer kürzeren Innovationszyklen, erreichen schnell Marktreife und werden dann in Unternehmensprozesse integriert – sie sind der entscheidende und am besten sichtbare Teil der Digitalisierung. Damit es solche Technologien bis zur Marktreife schaffen, braucht es innovative Köpfe – und die wiederum müssen den nötigen Freiraum in Forschungseinrichtungen und Unternehmen haben, um nicht nur den alltäglichen Betrieb am Laufen zu halten, sondern auch innovative Ideen entwickeln zu können. Übermäßige Bürokratie ist Gift: Sie schränkt die Handlungsfähigkeit oft ein.

Im digitalen Wettlauf mit den USA und China wirkt es, als hinke Europa in allen drei Disziplinen hinterher. Besonders wenn es um Dienstleistungen für Endkunden geht, bestehe deutlicher Nachholbedarf, so wird häufig testiert. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Indizien: So sitzen Unternehmen mit digitalen, auf den Endkunden gerichteten Geschäftsmodellen wie Uber, Airbnb, Alibaba vor allem in den USA und China. Knapp die Hälfte aller hoch bewerteten Plattformunternehmen befindet sich in China, ein Drittel in den USA, und nicht einmal fünf Prozent befinden sich in Europa.

Das Erfolgsgeheimnis dieser großen Unternehmen: Sie nutzen die Skalenvorteile des Geschäftsmodells Plattform perfekt und sind damit rasant gewachsen.

Starke Abhängigkeit von außereuropäischen Konzernen droht

Ein weiteres Indiz: Daten liefern die Basis für digitale Innovationen und neue Geschäftsmodelle. Auch hier dominieren die großen amerikanischen und chinesischen Plattformen wie Google, Facebook und WeChat: Sie verfügen über Milliarden Nutzer, deren Daten sie teilweise schon seit Jahren sammeln und auswerten – eine wahre Goldgrube.

Und dann sind da auch noch die Europäische Datenschutz-Grundverordnung und die geplante E-Privacy-Verordnung. Sie setzen den Unternehmen in Europa Grenzen für den Umgang mit personenbezogenen Daten – entsprechend bewegen sich die Unternehmen hierzulande in deutlich engerem Rahmen als Unternehmen in den USA und in China.

Europa muss in der digitalen Transformation vor allem im Vergleich zu China und den USA insgesamt, das heißt nicht nur in der B2B-(Business-to-Business)-Welt, wettbewerbsfähig bleiben. Gelänge dies nicht, wären die Folgen alarmierend: Mittelfristig könnte Europa wirtschaftlich in eine starke Abhängigkeit von außereuropäischen Konzernen geraten, die Standards und Rahmenbedingungen festlegen, ohne dass eine Wahrnehmung europäischer Interessen möglich wäre. Europa kann und muss jetzt seine Stärken einsetzen, um das zu verhindern.

Die deutsche und europäische Industrie birgt enormes Potenzial für die Nutzung von Daten, vor allem im B2B-Umfeld. Hier besteht ein deutlicher Vorteil, insbesondere gegenüber den USA, denn dort fehlt schlichtweg die Industrie. In Deutschland macht das Verarbeitende Gewerbe 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, in den USA sind es lediglich rund elf Prozent.

Das Rennen um Plattformen als Geschäftsmodell im B2B-Bereich ist noch nicht entschieden. Das Ziel der Politik muss es sein, den Unternehmen marktkonform Unterstützung zu geben und des Weiteren Leitplanken für die Verwendung von Daten zu setzen. Dies beinhaltet, einerseits die Datennutzung von Unternehmen zu fördern und andererseits auch Standards zu fordern, die Datensouveränität ermöglichen.

Die Unternehmen müssen ihre Daten kennen, nutzen und schließlich so handeln, dass sie damit die bestmögliche Position im Digitalisierungswettbewerb einnehmen können. Handlungsbedarf besteht auch im Zusammenhang mit der Speicherung von Daten in der Cloud. Aktuell wird der deutsche Cloudmarkt vor allem von den amerikanischen Unternehmen Amazon, Microsoft und Google beherrscht.

Durch den „Cloud-Act“ vom 6. Februar 2018 können jedoch US-Behörden auch auf die Daten von europäischen Unternehmen zugreifen, die bei diesen Anbietern gespeichert sind. Damit Datensicherheit und Datensouveränität für die europäische Wirtschaft trotzdem weiterhin gewährleistet werden, sind europäische Angebote für Services aus der Cloud dringend notwendig.

Wichtige Bausteine einer digitalen Infrastruktur liegen vor. Beispielsweise ermöglichen die Standards der International-Data-Spaces-Initiative einen souveränen, den europäischen Werten entsprechenden Datenaustausch zwischen Unternehmen. Gerade in Bezug auf die Digitalisierung der Wirtschaft ist inzwischen ein Wettbewerb der Standorte entbrannt, den Länder wie China durch exorbitante öffentliche Investitionen etwa in Künstliche Intelligenz für sich zu entscheiden versuchen.

Daher kommt einer zielgerichteten und vor allem angemessenen öffentlichen Förderung in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle zu. Bis 2025 will die Bundesregierung im Rahmen ihrer KI-Strategie drei Milliarden Euro in KI-Förderung investieren. Das ist einfach zu wenig, gerade im Vergleich zu China, das bis 2030 zur Nummer eins in KI werden will und wo schon einzelne Städte dafür viermal so viel investieren wie die Bundesregierung hierzulande insgesamt.

Auch wenn die Regulierung in der EU einen strikten Rahmen setzt und die Unternehmen dadurch eingeschränkt werden, können so gleichzeitig Standards für den Umgang mit Daten und neuen Geschäftsmodellen entstehen. Da Regulierungsarbitrage wegen der dadurch bedrohten Skalierungsvorteile für die großen amerikanischen Technologiekonzerne zu teuer ist, besteht die Chance, dass der gesetzgeberische „First Mover“ den globalen Standard setzt.

Strengere Regulierung für amerikanische Unternehmen

Beispielsweise wurde die neue Datenschutzregelung in Kalifornien an die DSGVO angelehnt. Zudem bemühen sich die großen amerikanischen Internetkonzerne inzwischen oftmals, durch ihr Geschäftsgebaren einer noch strengeren Regulierung zuvorzukommen. Die europäische Regulierung wirkt so auch über Europa hinaus.

Dass Datenschutz auch international an Bedeutung gewinnt, zeigt der zum diesjährigen G20-Treffen in Japan initiierte „Osaka Track“, dessen Ziel weltweite Regeln für den freien, sicheren Datenaustausch unter Schutz von persönlichen Daten und geistigem Eigentum sowie Cybersicherheit sind.

Der Umgang mit Daten und Geschäftsmodellen im Rahmen der digitalen Transformation beinhaltet normative und ethische Entscheidungen. Konkret bedeutet das: Die Geschäftsmodelle, die zukünftig Wohlstand in Europa generieren, müssen auch zu den europäischen Werten passen. Für Europa kann das zu einem Vorteil werden, wenn Kunden sich bewusst nur für Produkte oder Dienstleistungen entscheiden, die explizit unter der Berücksichtigung gewisser, in Europa kulturell verankerter Normen und Werte entstanden sind.

Ein Beispiel für solches Kundenverhalten ist der Boom der Verkäufe von Bio-Lebensmitteln in den vergangenen Jahren. Konventionelle Lebensmittel sind oft günstiger, aber für nachhaltig hergestellte Produkte greifen die Menschen tiefer in den Geldbeutel. In Bezug auf den Umgang mit Daten ist Datensouveränität ein hohes Gut, das einen europäischen Wert darstellt, den es zu schützen lohnt und aus dem sich ein Wettbewerbsvorteil für die europäischen Unternehmen ergeben kann.

Auch Unternehmen handeln mit Blick auf die gesellschaftlich informell formulierte, aber wirkungsmächtige „Betriebserlaubnis“ zunehmend nach diesem Prinzip. Social Responsibility und Nachhaltigkeit sind für viele Firmen ausschlaggebend, wenn es beispielsweise um die Wahl eines Dienstleisters geht. Das Gleiche lässt sich an der Börse beobachten: „Sustainable funds more likely to be top performers“ (nachhaltige Fonds gehören mit höherer Wahrscheinlichkeit zu den renditestärksten Anlagen), berichtete die „Financial Times“ unter Berufung auf das Analyseunternehmen Morningstar.

Bei diesen drei Beispielen sind die Endkunden die Treiber – sie fordern Nachhaltigkeit und europäische Werte. Genau hier muss Europa in Bezug auf Daten ansetzen – und ist in Bezug auf Digital Responsibility und ethische Fragen der Datenökonomie die ersten richtigen Schritte gegangen.

Mehr: Cyberkriminelle arbeiten inzwischen wie Geheimdienste, warnt das BSI

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Gastkommentar - Europa muss seine digitale Infrastruktur endlich nutzen

0 Kommentare zu "Gastkommentar: Europa muss seine digitale Infrastruktur endlich nutzen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.