Gastkommentar Wir haben die Gier legalisiert

Die Deregulierung sorgte dafür, dass Regeln und Schutzvorschriften auf dem Arbeitsmarkt abgeschafft wurden. Die Folge? Rücksichtslose Ausbeutung. Ein Kommentar von DGB-Vorsitzenden Michael Sommer.
  • Michael Sommer
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Michael Sommer prangert die fatalen Folgen der Deregulierung auf den Arbeitsmärkten an. Quelle: dapd

Michael Sommer prangert die fatalen Folgen der Deregulierung auf den Arbeitsmärkten an.

(Foto: dapd)

DüsseldorfDie Gier ist seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts systematisch legalisiert worden. Die Banker und Spekulanten durften Finanzprodukte entwickeln, die kaum jemand verstand und versteht. Sie durften faule Kredite verbriefen, verpacken, eine Triple-A-Schleife drumbinden und damit die Märkte fluten. Sie durften Wertpapiere teuer verkaufen und gleichzeitig auf deren Wertverlust wetten. Alles war erlaubt. Die Folgen können wir jeden Tag in den Nachrichten besichtigen.

Das Zauberwort dabei hieß „Deregulierung“, ein sperriger Begriff, aber mit enormer Wirkung auf den politischen Diskurs. Wer für Deregulierung war, galt als modern und fortschrittlich, wer Zweifel hegte, als Bedenkenträger und Betonkopf. Und das traf nicht nur für die Finanzmärkte zu. Auch auf dem Arbeitsmarkt wurden fleißig Regeln und Schutzvorschriften abgeschafft. Denn nichts anderes heißt Deregulierung. Wie auf den Finanzmärkten galt auch hier das primitive Motto: Mehr Entfesslung durch weniger Regeln. Wohlgemerkt: Mehr Freiheit für die Arbeitgeber. Ihnen wurde erlaubt, Löhne zu drücken, Risiken auf die Mitarbeiter abzuwälzen, Arbeitsbedingungen zu schleifen und sich aus der gemeinsamen Finanzierung der sozialen Sicherung zurückzuziehen.

Die Deregulierung der Finanzmärkte hat die hemmungslose Gier legalisiert, die Deregulierung des Arbeitsmarkts die rücksichtslose Ausbeutung. Nie zuvor stand den Arbeitgebern ein größeres Arsenal an Beschäftigungsformen zur Verfügung, um einer regulären, gerecht entlohnten Vollzeitbeschäftigung von Arbeitnehmern aus dem Weg zu gehen. Zeitlich reichen die Maßnahmen von der Endzeit der Regierung Kohl über Rot-Grün, über die große Koalition bis hin zu Schwarz-Gelb.

Die Finanzbranche hat mit ihren Finanzprodukten, heißen sie nun MBS, CDO oder CDS, die Welt an den Rand des Abgrunds geführt. Die Ordnung auf dem Arbeitsmarkt wurde pulverisiert durch den massiven Missbrauch und die Ausweitung von Minijobs und Leiharbeit, Solo-Selbstständigkeit und Werkverträgen, Dauerpraktika und befristeter Beschäftigung. Und leider macht diese Entwicklung vor bisher guten Jobs nicht halt. Auch der gut regulierte Bereich gerät immer mehr unter Druck. Durch die Verweigerung von Allgemeinverbindlichkeitserklärungen (AVE), durch Tarifflucht oder schlicht durch den Missbrauch von Leiharbeit oder Werkverträgen verschlechtern sich für die Stammbelegschaften die Arbeitsbedingungen.

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42 Kommentare zu "Gastkommentar: Wir haben die Gier legalisiert"

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  • Schon in den 70iger Jahren zeichnete der "Club of Rome" solche Szenarien hat der Club Of Rome in den 70er Jahren gezeichnet. Ich warte immer noch auf die Katastrophe.

    Aber: der demographische Wandel ist meines Erachtens zukünftig das größte Problem der westlichen Industriestaaten. Dieser birgt wirklich immensen sozialen Sprengstoff.

  • Schon die Ueberschrift verraet eine bizarre Denkweise beim DGB. "Gier" war nie illegal; es ist in der Bibel zwar eine Todsünde, war aber nie ein Straftatbestand oder auch nur eine Ordnungswidrigkeit. Ich kann nur folgern, dass der DGB die deutsche Sprache hier absichtlich vergewaltigt.

  • Und warum sagt Sommer das erst heute?
    Warum hat er denn Gas-Gerd nicht gestoppt? Der hat doch alles dereguliert und in Deutschland die HedgeFonds zugelassen.
    Und warum kritisiert er die Kanzlerin nicht?
    Nein, das tut er nicht, er geht ja bei ihr ein und aus
    Sommer muß wohl erst einmal wieder begreifen, was ein DGB-Chef zu tun hat.
    Im Kanzleramt ein- und ausgehen, ganz sicherlich nicht

  • noch blöder gehts schon nicht mehr.
    Melden Sie sich umgehend bei Merkel die ist ohnehin gerade dabei, die Diktatur Europa einzurichten mit weniger Löhnen, Renten, Gesundheitsfürsorge usw. Sie befiehtl dies ja gerade den Griechen. andere Länder werden in Kürze von ihr aufgefordert werden.
    Viel Spaß
    Kracht es, sind Sie sicherlich einer von denen, die sich flott auf die Seite schlagen die gewinnen wird, also schön das Fähnchen nach dem Wid drehen.
    Solche Leute liebe ich. Von denen ist immer alles Schlechte gekommen

  • Noch im Mittelalter wurden die Überbringer schlechter Nachrichten erschlagen. Heute sind sie Teil der schlechten Nachricht und sitzen in der Kirche oder anderen Großveranstaltungen mit anderen zwielichtigen Gestalten in der ersten Reihe.

  • Soweit ich weiß, verdient Herr Sommer 130-150 T€ pro Jahr. Das finde ich ziemlich gierig, für jemanden produktiv nichts leistet.

  • Wenn wir tatsächlich mit den Chinesen, was die Arbeitsbedingungen betrifft, konkurrieren wollten, würde die folgendes bedeuten.

    1. Es dürfe keine Gewerkschaften mehr geben
    2. Menschen in Arbeit haben keine Rechte, weder auf angemessenen Lohn noch auf das recht auf Unversehrtheit
    3. Zum Wohle des Wachstums dürfen auch die natürlichen Ressourcen rigoros und fast ohne Einschränkung ausgebeutet werden.
    4. Menschen die sich an einer Diskussion wie dieser hier im Handelsblatt beteiligen, würden oftmals von der Bildfläche verschwinden.

  • @nowindnofun: Die Problematik sehe ich für die kommenden 20-30 Jahre nicht, aber für die Zeit danach gebe ich Ihnen Recht.

    Es wird irgendwann der Punkt kommen, an dem das gesamte Wachstums- und Konsummodell in sich zusammenbrechen wird.

    Unser durch keine realen Werte abgesichertes Geldsystem wird sein Übriges tun.

  • @banker79: Tja, es ist doch immer schön, wenn jemand sozialpopulistisch daherschwafelt, nicht? Das fühlt sich dann gleich an wie Weihnachten und Ostern zusammen.

    Nur leider löst der Herr Sommer mit seinem "Wir müssen teurer werden" überhaupt nichts. Im Gegenteil: Er macht uns teurer, und bald sind wir dann überhaupt nicht mehr konkurrenzfähig.

    In Deutschland gibt es so viele Hartz4-Dynastien, die sollten erstmal alle wieder arbeitsfähig werden. Man sollte die Leute mal nach Asien zum Arbeiten schicken. Die wären geheilt.

    Und natürlich müssen wir auch darüber reden, wie das obere 1% an unserem Transfersystem beteiligt werden kann. Die Anhäufung von Milliarden-Vermögen darf sich die Mittelschicht auch nicht mehr gefallen lassen.

  • Sehr geehrter Herr Sammer,
    ihre Ausführungen sind alle leider zutreffend, aber wo bleibt die Reaktion. Ich bin LKW-Fahrer und darf für 1.900.-€ bis zu 270Std arbeiten. Solange dieser Zustand nicht durch einen längst überfälligen Generalstreik beendet wird sind alles nur Lippenbekenntnisse aus dem Elfenbeinturm in welchem Politiker, Gewerkschafter und Millionare treu Seit an Seit stehen.
    mfG W.Moritz

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