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Gesetzliche Krankenversicherung AOK warnt vor „Zeitbombe“ bei Kosten für Arzneimittel

Die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen steigen moderat. Doch die AOK warnt: Neue, hochpreisige Therapien bringen das System an seine Grenzen.
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Wie schon in den vergangenen Jahren beobachten die Ortskrankenkassen vor allem die Preisentwicklung bei patentgeschützten Medikamenten mit Sorge. Quelle: dpa
Arzneimittel

Wie schon in den vergangenen Jahren beobachten die Ortskrankenkassen vor allem die Preisentwicklung bei patentgeschützten Medikamenten mit Sorge.

(Foto: dpa)

Berlin Die Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Arzneimittel sind im vergangenen Jahr erstmals auf mehr als 40 Milliarden Euro gestiegen. Das geht aus dem im Auftrag des AOK-Bundesverbandes erstellten Arzneiverordnungsreport für 2018 hervor, der am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurde.

Wie schon in den vergangenen Jahren beobachten die Ortskrankenkassen vor allem die Preisentwicklung bei patentgeschützten Medikamenten mit Sorge. Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) sprach gar von einer „Zeitbombe, die schnell beitragsrelevant werden kann“.

Die Pharmabranche wies die Kritik zurück. „Die Arzneimittelausgaben entwickeln sich moderat“, erklärte Han Steutel, Vorsitzender des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Das System sei „im Gleichgewicht“.

Tatsächlich fiel der Anstieg der Arzneimittelausgaben geringer aus als in den Vorjahren. Die Kosten für Medikamente in der GKV legten dem AOK-Report zufolge 2018 um 3,2 Prozent auf 41,2 Milliarden Euro zu, inklusive der Zuzahlungen der Versicherten. 2017 hatte das Plus 3,7 Prozent, im Jahr davor 3,9 Prozent betragen.

Außerdem fällt die Kostensteigerung verglichen mit anderen Leistungsbereichen der GKV nicht aus dem Rahmen. Die Gesamtausgaben der Krankenkassen stiegen im vergangenen Jahr mit 3,9 Prozent sogar stärker als die Arzneimittelausgaben.

Fast die Hälfte des Apothekenumsatzes fiel dem AOK-Report zufolge auf patentgeschützte Medikamente, obwohl diese nur für 6,4 aller Arzneimittelpackungen verantwortlich seien. Der durchschnittliche Umsatz je Verordnung habe sich im patentgeschützten Markt im vergangenen Jahrzehnt von 163 Euro auf 471 Euro verdreifacht.

Bei neuen Therapien fahre die Pharmaindustrie in Deutschland eine „Hochpreispolitik“, kritisierte Klauber. Die Preise der 20 teuersten Markteinführungen lagen demnach 2008 zwischen 3000 und 23.000 Euro, im vergangenen Jahr reichte die Spanne von 10.000 bis 320.000 Euro.

Bei einigen Medikamenten erreichen die jährlichen Therapiekosten pro Patient mittlerweile die Millionen-Marke. Ein Ergebnis des Berichts: Das Gros des patentgeschützten Umsatzes verteile sich auf immer weniger Produkte und immer kleinere Patientengruppen.

Die schwindelerregenden Summen hängen auch damit zusammen, dass immer mehr Präparate individuell auf die Patienten zugeschnitten werden. Ein Beispiel ist die Krebstherapie Kymriah des Pharmariesen Novartis, bei der Leukämie-Patienten mit eigenen, gentechnisch veränderten Immunzellen behandelt werden.

Novartis startete im Frühjahr ein Pilotprojekt mit einigen Krankenkassen, bei dem die Kosten der Therapie vom Behandlungserfolg abhängen. Die Pharmabranche präsentiert diese sogenannten Pay-for-Performance-Modelle als Weg, um die Ausgaben der Kassen für innovative Medikamente zu dämpfen.

Diese Modelle seien „Nebelkerze“, erklärte dagegen Sabine Richard, Geschäftsführerin der Geschäftsführungseinheit Versorgung des AOK-Bundesverbandes. „Einzelne Hersteller testen die Grenzen der Zahlungsbereitschaft der solidarisch finanzierten Krankenversicherung immer weiter aus.“

Die Ortskrankenkassen fordern dagegen eine Abkehr von der Praxis, dass ein Hersteller für ein patentgeschütztes Medikament im ersten Jahr nach der Zulassung den Preis in Deutschland völlig frei festlegen kann. Dadurch könnten laut AOK-Report jährlich rund 200 Millionen Euro eingespart werden.

Auch das anschließende Preisfindungsverfahren in der gesetzlichen Krankversicherung, bei dem sich der Erstattungsbetrag nach dem Zusatznutzen für die Patienten richtig, müsse reformiert werden. Dabei sollten nach Ansicht des AOK-Bundesverbandes insbesondere die Arzneimittelpreise in anderen europäischen Ländern als Vergleichsgröße eine stärkere Rolle spielen.

Die Pharmabranche weist dagegen darauf hin, dass die Unternehmen im Zuge der Preisverhandlungen für neue Medikamente den Krankenkassen bereits Rabatte gewähren würden. Die Einsparungen hätten dadurch alleine im Jahr 2018 2,6 Milliarden Euro betragen, so vfa-Chef Steutel.

Mehr: Dieser Pharma-Unternehmer will Schmerzen mit Cannabis bekämpfen.

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