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Gesundheitsökonom zur Pflege Heinz Rothgang: „Die finanziellen Belastungen werden zunehmen“

Gesundheitsökonom Rothgang warnt davor, den Pflegebedürftigen die Mehrausgaben in der Pflege aufzubürden. Er schlägt eine Bürgerversicherung vor.
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Die Pflegekosten werden in den nächsten Jahren zunehmen, weil die deutsche Gesellschaft weiter altert. Quelle: dpa
Altenpflege

Die Pflegekosten werden in den nächsten Jahren zunehmen, weil die deutsche Gesellschaft weiter altert.

(Foto: dpa)

Berlin Pflegebedürftige in Deutschland müssen zusätzlich zu den Leistungen der Pflegeversicherung einen Eigenanteil tragen. Mit der finanziellen Belastung sind viele überfordert: Mehr als ein Drittel der Pflegeheimbewohner in Deutschland ist auf Sozialhilfe angewiesen, weil Rente, Pflegeversicherung und eigenes Vermögen nicht reichen.

Angesichts steigender Eigenanteile fordert der Pflegeexperte Heinz Rothgang von der Universität Bremen einen Systemwechsel. „Wir brauchen eine grundsätzliche Reform, den sogenannten Sockel-Spitze-Tausch“, sagte Rothgang dem Handelsblatt.

„Bislang tragen die Pflegebedürftigen das volle Risiko für Kostensteigerungen. Besser wäre es, wenn sich die Betroffenen auf einen festen und begrenzten Eigenanteil einstellen können“, sagte Rothgang. „Alles, was darüber hinaus an Kosten anfällt, muss die Pflegeversicherung übernehmen.“

Durchschnittlich über 600 Euro müssen Heimbewohner in Deutschland derzeit zu den Pflegekosten dazu schießen. Dazu kommen weitere Zahlungen für Unterkunft, Verpflegung und Investitionen in den Einrichtungen.
Insgesamt tragen Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen im Schnitt rund 1800 Euro selbst, wie Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherung zeigen. Dabei variieren die Zuzahlungen je nach Bundesland: Während in Sachsen die Gesamtsumme bei durchschnittlich etwa 1200 Euro liegt, werden in Nordrhein-Westfalen über 2300 Euro fällig.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Rothgang, die Pflegeversicherung hat vergangenes Jahr ein Minus von 3,5 Milliarden Euro eingefahren. Die Eigenanteile der Pflegebedürftigen steigen immer weiter. Kommen wir an einer Reform der Pflegefinanzierung überhaupt vorbei?
Nein, ich denke nicht. Mit der Anhebung des Beitragssatzes um 0,5 Punkte zu Beginn diesen Jahres dürften wir in den nächsten zwei, drei Jahren zwar um ein Defizit herumkommen – solange keine weiteren Ausgaben hinzukommen. Tatsächlich stehen aber große Mehrausgaben an, um den Personalnotstand in der Pflege mit höheren Löhnen und mehr Stellen zu bekämpfen. Nach der momentanen Regelung würden diese Kostensteigerungen vollständig auf dem Rücken der Pflegebedürftigen ausgetragen.

Der Gesundheitsökonom warnt davor, die Mehrausgaben in der Pflege nur den Pflegebedürftigen aufzubürden. Quelle: Universität Bremen Socium
Heinz Rothgang

Der Gesundheitsökonom warnt davor, die Mehrausgaben in der Pflege nur den Pflegebedürftigen aufzubürden.

(Foto: Universität Bremen Socium)

Sind Zuzahlungen in der Pflegeversicherung nicht normal?
Es gibt das Teilkostenprinzip. Das wurde bei der Einführung der Pflegeversicherung so definiert: Die Heimbewohner tragen die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, die öffentliche Hand trägt die Investitionskosten und die Pflegeversicherung trägt die Pflegekosten. Der Eigenanteil war also eigentlich nur auf die Unterbringung bezogen.
Mitte der 90er Jahre waren die Leistungen der Pflegeversicherung noch ausreichend, um die Pflegekosten zu decken. Inzwischen müssen aber auch durchschnittlich über 600 Euro zu den Pflegekosten dazugezahlt werden. Wenn jetzt verstärkt Tariflöhne gezahlt werden, könnten sich die Eigenanteile sogar verdoppeln.

Auch bei den Investitionskosten müssen Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen mittlerweile Geld dazu schießen. Eigentlich ist das ja Aufgabe der Länder.
Da kann man schon von einem Versagen der Bundesländer sprechen. Die Länder werden bei Sozialhilfeleistungen für Pflegebedürftige entlastet und sollen mit den eingesparten Mitteln die Investitionskosten in Pflegeheimen decken. Das passiert aber nicht.

Was muss sich denn ändern?
Wir brauchen eine grundsätzliche Reform, den sogenannten Sockel-Spitze-Tausch. Bislang tragen die Pflegebedürftigen das volle Risiko für Kostensteigerungen. Besser wäre es, wenn sich die Betroffenen auf einen festen und begrenzten Eigenanteil einstellen können. Alles, was darüber hinaus an Kosten anfällt, muss die Pflegeversicherung übernehmen.

Mit einem Deckel bei den Eigenanteilen dürfte die Pflegeversicherung erst recht wieder ins Defizit schlittern. Lässt sich das überhaupt bezahlen?
Die finanziellen Belastungen in der Pflegeversicherung werden zunehmen, nicht zuletzt durch die Alterung der Gesellschaft. Das ist unvermeidlich. Die Frage ist: Wie sollen die Kosten verteilt werden? Derzeit sind vor allem die Pflegebedürftigen gefordert, das finde ich problematisch. Wenn man die Kosten auf die viel größere Gruppe der Beitragszahler umlegen würde, könnten die Steigerungen besser verkraftet werden.

Die Folge wären höhere Beitragssätze.
Deshalb plädiere ich für eine Bürgerversicherung, die auch bislang Privatpflegeversicherte umfasst. Bei den Leistungen gibt es zwischen der privaten und der gesetzlichen Pflegeversicherung praktisch keine Unterschiede, dafür aber in der Versichertenstruktur. Weil im gesetzlichen System eher schlechtere Risiken versichert sind, sind dort die Ausgaben pro Versichertem drei Mal so hoch wie im privaten System. Wenn die Lasten und Risiken solidarisch auf alle Schultern verteilt werden, kann auch die Beitragsentwicklung gedämpft werden.

Liegt das Problem nicht in der Umlagefinanzierung der gesetzlichen Pflege? Die private Pflegeversicherung setzt auf den Kapitalmarkt.
Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Kapitaldeckung überlegen ist. Wenn geburtenstarke Jahrgänge im Alter ihre Vermögenswerte auflösen und weniger starke Kohorten nachkommen, entstehen auch hier demografische Risiken. Kapitalgedeckte Zusatzversicherungen für die Pflege sehe ich ebenfalls kritisch. Die werden nur von einem kleinen Teil der Bevölkerung in Anspruch genommen. Für die Absicherung der großen Masse taugen sie nicht.

In der Debatte um eine Finanzreform in der Pflege wird auch ein Steuerzuschuss ins Spiel gebracht…
Davon halte ich nichts. Mit einem Steuerzuschuss erkaufen wir Legitimation durch Intransparenz. Am Beitragssatz werden die Kosten des Systems sichtbar. Wenn nun Steuergeld in die Pflegeversicherung gepumpt würde, wäre das im Wesentlichen eine Verschleierung. 

Vielen Dank für das Interview, Herr Rothgang.

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