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Gesundheitspolitik 40.000 unbesetzte Stellen – Pflegenotstand in Deutschland weitet sich aus

Der Fachkräftemangel in der Pflege hat sich 2018 verschärft. Gesundheitsminister Spahn bekämpft den Notstand – doch Entspannung ist nicht in Sicht.
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Die Bundesregierung will bis zum Sommer Vorschläge präsentieren, durch die der Pflegeberuf attraktiver werden soll. Quelle: plainpicture/Maskot
Zu wenige Pfleger

Die Bundesregierung will bis zum Sommer Vorschläge präsentieren, durch die der Pflegeberuf attraktiver werden soll.

(Foto: plainpicture/Maskot)

Berlin Das Bewusstsein für die Probleme bei der Pflege in Deutschland reicht bis in die höchste Regierungsetage. „Wir haben ein großes Fachkräfteproblem“, konstatierte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), als sie im vergangenen Sommer eine Pflegeeinrichtung in Paderborn besuchte. „Der Beruf muss attraktiver werden.“

Die Kanzlerin hatte im letzten Bundestagswahlkampf zu spüren bekommen, wie sehr das Thema die Bundesbürger bewegt. Beschäftigte der Pflegebranche konfrontierten Merkel in Wahlsendungen mit ihren schwierigen Arbeitsbedingungen und beschrieben die Folgen für die Qualität der Betreuung von Pflegebedürftigen. Einen Plan, wie sie die Missstände anzugehen gedenke, hatte die Kanzlerin damals nicht.

Nach der Bildung einer neuen Großen Koalition fiel es Gesundheitsminister Jens Spahn zu, ein Rezept gegen den Pflegenotstand zu finden. Kaum einem Thema widmete der CDU-Politiker mehr Aufmerksamkeit. Im Juli vergangenen Jahres startete er die sogenannte konzertierte Aktion Pflege, gemeinsam mit Arbeitsminister Hubertus Heil und der für Senioren zuständigen Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD).

Bis zum kommenden Sommer sollen konkrete Vorschläge auf dem Tisch liegen, wie der Pflegeberuf attraktiver werden soll. Im November brachte Spahn bereits sein Pflegepersonalstärkungsgesetz durch den Bundestag – ein Milliardenpaket, das unter anderem die Schaffung von 13.000 neuen Stellen in der Altenpflege und die Finanzierung neuer Pflegestellen in Krankenhäusern vorsieht.

Eine Entspannung auf dem Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist nicht in Sicht, für die angekündigten neuen Stellen fehlt es an qualifiziertem Personal. Im vergangenen Jahr verschärfte sich der Fachkräftemangel weiter. Neue Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, zeigen, dass 2018 bundesweit knapp 40.000 Pflegestellen unbesetzt waren.

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Altenpflegedienste verzeichneten demnach 23.862 Vakanzen für Fachkräfte und Helfer, in der Krankenpflege waren im Jahresdurchschnitt 15.707 offene Stellen gemeldet. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 waren 23.300 Stellen in der Altenpflege und 14.700 in der Krankenpflege unbesetzt.

Lage in der Altenpflege angespannt

Vor allem in der Altenpflege habe sich die Situation weiter angespannt, erklärte die Bundesagentur. „Bei Altenpflegern herrscht in allen Bundesländern Fachkräftemangel.“ Gemeldete Stellen für Fachkräfte sind den Angaben zufolge im Schnitt 183 Tage unbesetzt, auf 100 Stellenangebote kamen zuletzt nur 25 Arbeitslose.

Die Personalprobleme in der Pflege nehmen zu, obwohl die Zahl der Beschäftigten in der Branche steigt. In der Altenpflege waren im vergangenen Jahr knapp 583.000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, gut 20.000 mehr als im Vorjahr. In der Krankenpflege stieg die Beschäftigtenzahl von 1,04 auf 1,06 Millionen.

„Es gibt immer mehr Pflegekräfte. Aber es sind trotzdem noch nicht genug“, sagt Spahn dem Handelsblatt. „Denn der Bedarf unserer älter werdenden Gesellschaft steigt stärker als die Zahl der Pflegekräfte.“ Große Hoffnungen setzt der Minister in die konzertierte Aktion Pflege. Auf Grundlage der Ergebnisse wolle er beim Kampf gegen Personalmangel „Mitte des Jahres nachlegen“, sagt er. „Wir wollen die Entlohnung verbessern, Ausbildung und Beruf noch attraktiver machen und Möglichkeiten schaffen, neue Pflegekräfte anzulocken.“

An dem Prozess wirken Arbeitgeber und Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und Kirchen, Krankenkassen und Pflegeverbände mit. In fünf Arbeitsgruppen erarbeiten die Beteiligten Empfehlungen für die Politik. Dabei geht es um eine Entlastung von Pflegenden durch mehr Digitalisierung, eine Ausbildungsoffensive und ein besseres Arbeitsumfeld, etwa durch Gesundheitsförderung und berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Ein weiterer Baustein ist die Anwerbung von ausländischen Pflegekräften, Spahn brachte kürzlich sogar den Aufbau deutscher Pflegeschulen im Ausland ins Gespräch.

Die politische Reaktion kam spät und kann den Mangel auch nicht kurzfristig lösen. Franz Wagner, Präsident des Pflegerats

Eine große Bedeutung hat auch das im Koalitionsvertrag gegebene Versprechen der Bundesregierung, für flächendeckende Tariflöhne in der Altenpflege zu sorgen. Die Aufgabe ist angesichts der zersplitterten Arbeitgeberseite kompliziert: Die privaten Pflegeanbieter wehren sich dagegen, dass ihnen ein Tarifgerüst aufgezwungen wird.

Die gemeinnützigen Träger unterstützen zwar das Ziel eines allgemeinverbindlichen Tarifvertrags, stehen aber für weniger als die Hälfte des Marktes. Dazu kommt der Sonderstatus der kirchlichen Arbeitgeber, die ein eigenes Verfahren für die Lohnverhandlungen haben.

Dem Vernehmen nach laufen Vorbereitungen für die Gründung eines Arbeitgeberverbands der gemeinnützigen Pflegeanbieter, der als Vehikel für einen bundesweiten Tarifvertrag dienen könnte. Wolfgang Stadler, Vorsitzender des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt, erklärte jüngst, dass er beim Pflege-Tarifvertrag im Januar mit einem „Durchbruch“ rechne.

Der Deutsche Pflegerat rechnet allerdings nicht mit einer schnellen Entspannung, selbst wenn die Bundesregierung die versprochenen Verbesserungen in der Pflege umsetzt. „Der Personalmangel hat sich nicht zuletzt wegen der schlechten Personalausstattung und damit hohen Arbeitsbelastung über Jahre entwickelt und verschärft“, sagt Pflegerats-Präsident Franz Wagner dem Handelsblatt. „Die politische Reaktion kam spät und kann angesichts der Dimension des Mangels auch nichts kurzfristig lösen.“

Aus Sicht des Pflegerats müsse die Politik die „feste Zusage“ geben, 100.000 Stellen in der Langzeitpflege und im Krankenhaus zu schaffen. „Nur dann werden diejenigen Pflegefachpersonen, die in Scharen den Beruf enttäuscht verlassen haben oder in Teilzeit arbeiten, wieder zurückgewonnen werden“, sagt Wagner.

In einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) gaben 42 Prozent der Alten- und 49 Prozent der Krankenpfleger an, häufig Abstriche bei der Qualität machen zu müssen, um die Arbeitsmenge bewältigen können. Acht von zehn Krankenpflegern und knapp sieben von zehn Altenpflegern fühlen sich bei der Arbeit häufig gehetzt. Nicht einmal jede vierte Pflegekraft ist der Ansicht, ihren Beruf unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen bis zur Rente ausüben zu können.

Kordula Schulz-Asche, pflegepolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, hält die Initiativen von Spahn für nicht ausreichend. „Die Zahlen zum Pflegearbeitsmarkt sind ein Trauerspiel“, sagt sie dem Handelsblatt. „Jede unbesetzte Pflegestelle erhöht weiter den Druck auf die Pflegekräfte, die derzeit im Krankenhaus oder in der Langzeitpflege arbeiten.“ Der Gesundheitsminister habe „viel Tamtam gemacht, aber ohne Erfolg“.

Je älter die deutsche Gesellschaft wird, desto drängender stellt sich die Frage, wie der Pflegebedarf bewältigt werden kann. Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren in der Bundesrepublik im Dezember 2017 bereits rund 3,4 Millionen Menschen als pflegebedürftig eingestuft – eine Zunahme um 19 Prozent gegenüber 2015.

Der Anstieg ist zwar vor allem eine Folge der Pflegereform der vergangenen Legislaturperiode, die den Kreis der Anspruchsberechtigten deutlich ausgeweitet hatte. Doch die demografische Uhr tickt auch im Pflegebereich. Vor einigen Monaten präsentierte das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) eine Simulation, wie sich die Lage bis zum Jahr 2035 entwickeln könnte. Das Ergebnis: Bei unverändertem Gesundheitszustand steigt die Zahl der Menschen, die auf Pflegeleistungen angewiesen sind, auf über vier Millionen. Bundesweit würden dann 130.000 bis 150.000 zusätzliche Pflegefachkräfte benötigt.

Hilfen aus Osteuropa als Notlösung

Wie der langfristige Personalbedarf gedeckt werden soll, ist fraglich. Auch die Finanzierung der Pflege wird die Sozialkassen vor große Herausforderungen stellen. Zum 1. Januar stieg der Beitrag zur Pflegeversicherung um 0,5 Punkte auf 3,05 Prozent des Bruttoeinkommens, Kinderlose zahlen 3,3 Prozent. Die Mehreinnahmen werden allerdings vor allem dafür benötigt, die teurer als geplant ausgefallene Pflegereform der vergangenen Legislaturperiode zu finanzieren.

Schon heute greifen Deutsche, die für ihre Angehörigen keinen Platz im Seniorenheim oder keine Betreuung durch einen ambulanten Pflegedienst finden, auf Notlösungen zurück. Oft sind das Frauen aus Osteuropa, die mit im Haushalt leben, und sich um den gebrechlichen Vater oder die demente Mutter kümmern.

Für die Gewerkschaften und die Linkspartei öffnet die sogenannte 24-Stunden- oder Live-in-Pflege Lohndumping und Ausbeutung Tür und Tor. Eine Rund-um-die Uhr-Betreuung sei mit dem deutschen Arbeitsrecht nicht vereinbar, argumentieren sie. Außerdem würden viele der Osteuropäerinnen als Scheinselbstständige in den Haushalten beschäftigt.

Über die Situation der oft als Haushaltshilfen angestellten Frauen weiß die Bundesregierung wenig. Das geht aus der Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Pia Zimmermann hervor, die dem Handelsblatt vorliegt. So liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse darüber vor, wie viele Live-in-Pflegekräfte überhaupt in Deutschland arbeiten und wie viele angestellt oder selbstständig sind.

Auf die Frage, wie viele Agenturen mit Sitz in Deutschland und im Ausland Pflegerinnen an Familien vermitteln, muss die Regierung ebenso passen wie auf die Frage nach der Zahl der Überprüfungen durch die Finanzkontrolle Schwarzarbeit. Auch Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz ließen sich nicht beziffern, da die zuständigen Arbeitsschutzbehörden der Länder ihre Kontrollstatistik nicht nach 24-Stunden-Pflegekräften aufschlüsselten.

„Es ist ein Skandal, dass die osteuropäischen Pflegekräfte, die zu Hunderttausenden in deutschen Pflegehaushalten arbeiten, von der Bundesregierung derart im Stich gelassen werden, kritisiert Zimmermann, die Sprecherin für Pflegepolitik der Linksfraktion ist. Wissenschaftler gehen von 100.000 bis 200.000 Live-in-Pflegerinnen in Deutschland aus, einige Quellen sprechen laut Zimmermann sogar von einer halben Million.

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1 Kommentar zu "Gesundheitspolitik: 40.000 unbesetzte Stellen – Pflegenotstand in Deutschland weitet sich aus"

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  • "40.000 unbesetzte Stellen – Pflegenotstand in Deutschland"

    Dann sollen diese Jobs endlich mal ANGEMESSEN BEZAHLT WERDEN, dann ist das "Problem" sehr schnell geloest. Dann gehe sogar ICH in einen Pflegeberuf!

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