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Gesundheitswesen Das kranke System

Das deutsche Gesundheitssystem wird immer teurer. In diesem Jahr fließen wieder mehr als 260 Milliarden Euro zu Ärzten, Kliniken, Pharmakonzernen. Trotzdem reicht das Geld nicht. Warum eigentlich? Eine Reise auf der Spur des Geldes.
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Der Patient will eine gute Behandlung, der Arzt alles Sinnvolle tun - das ist das Ideal. Häufig aber geht es zuerst um Geld. Quelle: dpa

Der Patient will eine gute Behandlung, der Arzt alles Sinnvolle tun - das ist das Ideal. Häufig aber geht es zuerst um Geld.

(Foto: dpa)

BERLIN/FREIBURG/KÖLN. Die letzten dunklen Reste des Nachthimmels haben sich aufgelöst, als ein hagerer Mann, die Schiebermütze ins längliche Gesicht gezogen, die Haustür hinter sich schließt. Er hat etwas Alltägliches zu erledigen, und doch beschleicht Bernd Quellmalz ein Gefühl, als sei er dabei, den Staat zu betrügen.

"Ich werde Sie zum Orthopäden schicken", sagt wenig später der Doktor, ein Mann mit jungenhaft reinem Gesicht. Quellmalz nickt ausdruckslos. Er wird bald 62, es kommt nicht oft vor, dass er einen Arzt braucht, einmal im Jahr vielleicht. Er ist stolz darauf. An ihm hat nicht gelegen, wovon er ständig in der Zeitung liest: dass den Krankenkassen das Geld nicht reicht.

Nun aber sitzt er zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage in dieser Berliner Arztpraxis, in einem Zimmer mit hellgrünen Wänden, pastellfarbenen Bildern und warmem Licht. Er ist Automechaniker, er hat sich bei der Arbeit die Schulter verrissen, seit Wochen kann er wegen der Schmerzen seinen rechten Arm kaum heben.

Der Patient: ein Kostenfaktor

Während am Empfang der Drucker ein Rezept für ein Schmerzmittel und eine Überweisung ausspuckt, versucht Quellmalz, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass auch er jetzt ein Kostenfaktor ist. Bisher gehörte er zu denen, die den Kreislauf des staatlichen Gesundheitssystems gestützt haben, es selbst aber nur selten brauchten.

Jeden Monat fließen knapp acht Prozent seines Lohns zu seiner Krankenkasse und von dort auf ein Konto bei der Bundesbank in Frankfurt: den Gesundheitsfonds. Dort sammelt sich das Geld von 23 Millionen Arbeitnehmern und drei Millionen Arbeitgebern, bevor es zurückfließt auf Konten der Krankenkassen und von dort weiter an Arztpraxen, medizinische Versorgungszentren oder Krankenhäuser.

Staat muss wieder mit Milliarden-Zuschuss aushelfen

Mehr als 263 Milliarden Euro werden in Deutschland im Jahr für Gesundheit ausgegeben. Das entspricht fast dem Bundeshaushalt des Jahres 2008. Allein die gesetzlichen Krankenkassen, bei denen neun von zehn Deutschen versichert sind, haben 170 Milliarden für Behandlungen und Medikamente gezahlt.

Trotzdem reicht das Geld nicht. Trotzdem muss der Staat in diesem Jahr 15 Milliarden Euro auf das Frankfurter Konto überweisen, vier mehr als geplant. Trotzdem sollen im kommenden Jahr mindestens elf Milliarden Euro fehlen. Trotzdem sollen die ersten Kassen kurz vor der Pleite stehen.

Bisher weiß niemand, was die Bundesregierung vorhat. Seit Monaten streiten Union und FDP darüber, wie sie das System reformieren wollen. Es ist eines ihrer wichtigsten Vorhaben. Heute geht der Bundesgesundheitsminister, Philipp Rösler, mit den Fachleuten der Regierungsparteien in Klausur. Es wird dauern, bis etwas passiert.

Recherche zur Kosten-Explosion: Muss das sein?

Doch die vielleicht entscheidende Frage lässt sich schon jetzt beantworten: Ist tatsächlich immer mehr Geld nötig, damit Patienten die beste Behandlung erfahren? Oder müsste es nur anders eingesetzt werden, hat Deutschland bloß ein Kreislauf-Problem?

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19 Kommentare zu "Gesundheitswesen: Das kranke System"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @Freidenker

    "in Deutschland hat das Gesundheitssystem kein Einnahmeproblem - sondern ein Ausgabeproblem."

    Noch ein Fehler: Seit Jahren ist der Anteil der Gesundheitskosten am biP quasi unverändert.

    Durch Lohndrückrei, kontinuierlich hohe Arbeitslosigkeit fehlen uns die Milliarden, die der bund zuschießen muß.

    Das teuerste System ist das private: fragen Sie mal die Schweizer, wie die unter den beiträgen (Kopfpauschal) stöhnen.

    Und Amiland, naja, 40 Mio Menschen ohne Krankenversicherung, wer will das?

  • @Freidenker (Nr. 14)
    "d) Die Verwaltungskosten der GKV sind zu hoch. Sie dürften nicht unwesentlich höher sein als bei den Privaten Krankenkassen. Das muss geändert werden."

    Die prozentualen Netto-Verwaltungskosten der Krankenkassen sind in den letzten Jahren durchweg gesunken. im Jahr 2008 lagen sie bei 5,15 % bzw. 117,94 € je Versicherten - die PKV liegt bei 384,20 € je Vollversichertem. ihre Vermutung ist daher falsch.

  • Grundsätzlich haben Rösler (FDP) und die Gesundheitsstrategen der schwarz-gelben Koalition einen Denkfehler:

    in Deutschland hat das Gesundheitssystem kein Einnahmeproblem - sondern ein Ausgabeproblem.

    Hier muss der Rotstift angesetzt werden - stattdessen vereinbart man in der Koalition weitere Einnahmen um kranke Krankenkassen zu retten.

    Eigentlich ein Treppenwitz: die Verwaltungskosten sollen gesenkt werden, dies geht nur mit weniger Krankenkassen. Aber die Koalition will alle notleidenden Kassen retten.

    ich würde sagen den Kompromiss vom Wochenende kann man getrost vergessen und die Herrschaften sollen sich nochmal treffen und diesmal mindestens 15 Mrd € für 2011 einsparen. Dann kann man auf beitragserhöhungen auch für den Versicherten getrost verzichten.

  • @apothekerin. Glauben sie selbst dran? Mit einem "todkranken Kind" fährt heute jeder ins nächste Krankenhaus oder behandlungszentrum. Und die Krankenhäuser haben keine Medikamente zur behandlung ? sie können keine besseren Gründe vorweisen. Meines erachtens kann auf den apothekennachtdienst verzichtet werden.

  • seit ich privatpatient bin, weiß ich, woran das system krankt: es wird betrogen, daß sich die balken biegen:
    - der zahnarzt rechnet zähne ab, die nicht vorhanden sind.
    - der arzt rechnet "mind. 10 min" beratung nach goä ab, wobei es nicht mal 2 min waren.
    - 5 tage krankenhausbetreuung (ohne op, ohne röntgen, ohne visite!) schlagen mit 3000 € zu buche.

    wenn ärzte für eine nicht mal 5 min untersuchung 50€ kassieren dürfen, stimmt was nicht mehr! 600 € stundenlohn muß nicht sein.

    ich habe noch nicht eine einzige abrechnung gesehen, an der man nicht mind. 3 positionen haette kürzen müssen. interessiert das die krankenkasse? nein! und gesetzl. versicherte wissen nicht mal, was angebl. an ihnen alles gemacht worden ist (bzw. in ihrem namen abgerechnet wird).

  • Wir haben einen Fehler im System:

    a) Das Gesundheitssystem verwaltet sich selbst. Es wäre vergleichbar, wenn man einem Schwein die Oberaufsicht für einen Schlachthof und einem bauernhof gibt. Ob da ein Schweinemastbetrieb mit effizienter Fleischproduktion draus wird?

    b) Es gibt immer noch viel zu viele "Versicherungsfremde Leistungen" in der Krankenkasse. Diese sollten nach Notwendigkeit (bedürftigkeit) hin untersucht u. vom Staat finanziert werden. Die Krankenkassen sind hier die falschen Adressaten.

    c) Wir haben z.b. im Krankenhausbereich Überkapazitäten aufgebaut. Diese zusätzlichen betten kosten Geld, machen Arbeit, schaffen unbezahlte Überstunden u. bringen nicht einmal einen Qualitätsgewinn. Überflüssig, abschaffen!

    d) Die Verwaltungskosten der GKV sind zu hoch. Sie dürften nicht unwesentlich höher sein als bei den Privaten Krankenkassen. Das muss geändert werden.

    e) Die bürokratiekosten vom Apotheker bis zum Arzt sind unerträglich. Das wäre eine Mamutaufgabe für fleißige Minister, Staatssekretäre und Fachleute - Ziel: 25 % der bürokratie abschaffen.

    f) in D gibt es in der GKV zu wenig Anreiz- u. Sanktionsmechanismen zum Gesundbleiben und Sparen im Gesundheitswesen. Hier sollte sich Rösler etwas einfallen lassen.

    Nur wenn die o.g. Punkte systematisch abgearbeitet werden und Lösungen konstruktiv gesucht werden -kann es für das Strukturdefizit bei den Krankenkassen eine langfristige Lösung geben. Zur Zeit werden nur die Finanzlöcher für 2011 gestopft und mehr Geld in das System Gesundheitsmarkt Deutschland gepumpt - das ist aber keine nachhaltige Lösung!

  • @apothekerlobby: ist Hamburg eine Metropole oder ein Kuhnestim Allgäu?
    @no.7: Jetzt große Töne spucken, aber für das todkranke Kind ist man doch froh, wenn eine Apotheke in der Nähe ist, die nachts Notdienstbereitschaft hat, wo man sein Anitibiotikum sofort bekommt, und nicht erst nach einigen Tagen. Mal den Erlkönig lesen.

  • Unerträglich,

    dass das leichtest verdiente Geld
    (aus Kapitalanlagen jeglicher Art)

    nicht nur nicht
    stärker zur Gesundheitsvorsorge eines Staates bzw. der Welt beiträgt

    als erarbeitetes Geld,

    sondern gar nicht.

    Und gleiches trifft natürlich auf Steuern zu.

  • Die "beste behandlung" ist ein köder der gesundheitslobby- jeder einsparvorschlag soll so als angriff auf den angeblichen Anspruch auf "beste behandlung" hingestellt werden. dabei kann objekriv von "bester behandlung" oft nicht die rede [email protected] 70% sind Apothekerinnen, was soll dieses "Argument" besagen ? -ich könnte auf teure apotheken verzichten, und warum soll eigentlich etwas mit gewalt durchfinanziert werden, was wir in dieser anzahl keineswegs brauchen. Die einzelhandelsgeschäfte sind damals, als die discounter begannen, auch nicht von der Politik subventioniert worden. Sie sind auch verschwunden. Warum sollen die apotheker einen Sonderstatus bekommen ? wir können locker auf die hälfte der apotheken verzichten, und das ohne einbußen bei der Versorgung. in Dörfern gibt es eh keine Apotheke, also muß man sowieso mit dem Auto herumkarren. da kann ich mir das medikament auch online bestellen, das ist wesentlich günstiger für mich.

  • Wie kann ein System funktionieren, in dem, wie in Hamburg blankenese 8 Apotheken auf 500m vom System subventioniert wird?

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