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Gesundheitswesen Falsche Abrechnungen der Kliniken steigen auf Rekordniveau

Um ihre Bilanz aufzubessern, rechnen Krankenhäuser häufig falsch ab. Doch der Prüfdienst der gesetzlichen Krankenkassen kommt ihnen auf die Schliche.
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Viele Krankenhäuser rechnen falsch ab, um  ihre Bilanzen aufzuhübschen. Quelle: dpa
Gefäßoperation in einer Klinik

Viele Krankenhäuser rechnen falsch ab, um ihre Bilanzen aufzuhübschen.

(Foto: dpa)

BerlinAls erster Prüfdienst der gesetzlichen Krankenkassen geht der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) Nordrhein mit dem Problem der überzogenen Krankenhausrechnungen an die Öffentlichkeit. Das Thema brennt den Krankenkassen zunehmend unter den Nägeln, denn seit Jahren steigt die Zahl solcher Rechnungen an. Laut den aktuellen Daten des MDK, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen, hat sie im Jahr 2018 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Rund 307 Millionen Euro holte der MDK Nordrhein über die Prüfung auffälliger Rechnungen bei den Krankenhäusern zurück. Hochgerechnet auf das Bundesgebiet bedeutet dies: Die rund 2.000 Krankenhäuser haben im vergangenen Jahr mindestens drei Milliarden Euro zu viel mit den Krankenkassen abgerechnet.

Das waren 20 Prozent mehr als 2017 und 40 Prozent mehr als 2016. Diese Dynamik schätzt Andreas Hustadt, Geschäftsführer des MDK, als bedrohlich ein. Ein Ende ist nämlich nicht in Sicht. Dafür spricht eine weitere Beobachtung des MDK.

Denn die Kassen reichen dem Prüfdienst Jahr für Jahr mehr auffällige Rechnungen zur Prüfung weiter. Zuletzt waren es 17 Prozent aller Rechnungen. Das führt aber nicht, wie man erwarten sollte, zu einer sinkenden Quote von festgestellten Falschabrechnungen.

Die Quote der fehlerhaften Rechnungen liegt im Gegenteil stabil bei knapp unter 65 Prozent. Hustadt ist daher überzeugt, dass die Zahl der Prüfaufträge an den Medizinischen Dienst in Zukunft weiter steigen wird, wenn die Politik nicht gegensteuert.

Hustadt betont, dass es bei den meisten Rechnungen gar keinen Streit mit der Klinik um richtig oder falsch gibt. Der Großteil der besprochenen Rechnungen wird im Konsens erledigt. Das hat auch damit zu tun, dass der MDK in 80 Prozent der Fälle mit seinen Prüfern in die Klinik kommt.

In der Uni-Klinik Köln ist er inzwischen sogar täglich zu Gast wegen der hohen Zahl zu besprechender Rechnungen. Die Klinik hat ihm deshalb einen eigenen Raum reserviert.

Jeder zweite Rechnung wird um 2.000 Euro gekürzt

Dabei wurde 2018 jede zweite Rechnung im Durchschnitt um 2.000 Euro gekürzt. Nur bei einem Prozent kam es zu einer Erhöhung des Rechnungsbetrags. Bei 12,3 Prozent verzichtete der MDK auf Nachforderungen und bei 36,4 Prozent stellte sich die Rechnung als korrekt heraus.

Daraus den Schluss zu ziehen, dass die Krankenhäuser es bei der Stellung der Rechnung schlicht darauf ankommen lassen, ob sie erwischt werden oder nicht, hält der MDK-Mann nicht für abwegig. „Die Krankenhäuser haben ein Interesse, für jeden Fall den größtmöglichen Rechnungsbetrag zu erzielen“, sagt er. „Wir erleben hier seit Jahren eine gegenseitige Aufrüstung. Die Abteilungen in den Kliniken, für die für Rechnungslegung zuständig sind, werden immer größer. Dabei kommt spezielle Software zur Optimierung der Rechnungslegung zum Einsatz.“

Im Gegenzug stockt auch der MDK auf. Allein in Nordrhein wurde seit 2015 die Zahl der Gutachter für den Krankenhausbereich von 70 auf 138 erhöht.

Dabei profitieren die Krankenhäuser davon, dass sie bei einer fehlerhaften Rechnung kein Bußgeld zahlen müssen. Dagegen müssen die Krankenkassen für jede geprüfte Rechnung, die sich als richtig herausstellt, 300 Euro Strafe zahlen.

Das ist ein Vielfaches der durchschnittlichen Prüfkosten von 70 Euro je Rechnung, die der MDK ohnehin zu tragen hat. Allein in Nordrhein verteuerte das die Prüfkosten im vergangenen Jahr um 34 Millionen Euro.

Seit 2003 werden Krankenhausleistungen über sogenannte diagnosebezogene Fallpauschalen abgerechnet, kurz DRG.  In dem Bemühen, die Behandlungswirklichkeit in den Kliniken richtig abzubilden, hat das für die Weiterentwicklung des Vergütungssystems zuständige Institut die Zahl der DRG immer weiter erhöht. Waren es 2003 noch 666 Fallpauschalen so erreicht die Zahl in diesem Jahr 1318.

Klinikaufenthalt rechnet sich mehr als ambulante Therapie

Jede Differenzierung aber bietet den Rechnungsabteilungen auch neue Ansatzpunkte für eine Optimierung der Rechnung. Wie sieht so etwas aus? In 14 Prozent der geprüften Fälle rechnete die Klinik einen Krankenhausaufenthalt ab, obwohl die Behandlung ambulant erfolgen könnte.

Typisch ist hier der Fall eines 68-jährigen Krebspatienten, der bei einer Kontrolluntersuchung stationär für eine Magenspiegelung aufgenommen wurde. 870 Euro stellte die Klinik dafür in Rechnung. Die Rechnung wurde vom Prüfdienst am Ende um den vollen Betrag gekürzt.

Um noch mehr Geld ging es mit 2.465 Euro bei einem Rheuma-Kranken, der für ein MRT zu Unrecht für zwei Tage stationär aufgenommen worden war. In zwei Fünftel der erfolgreich beanstandeten Rechnungen war der Patient länger im Krankenhaus als erforderlich. Typisch ist hier, dass Patienten einen oder zwei Tage vor einem geplanten operativen Eingriff aufgenommen werden.

Richtig viel Geld aber lässt sich mit der Wahl der Hauptdiagnose verdienen, weiß Klaus Peter Thiele, leitender Arzt des MDK Nordrhein. Das DRG System erweist sich hier offenbar als Trigger für eine Optimierung der Abrechnung. So steigt die Vergütung für einen Beatmungspatienten auf der Intensivstation um mehr als 9.800 Euro an, wenn er länger als 249 Stunden beatmet werden muss.

Da bleibt ein Patient zumindest auf dem Papier schon einmal länger unter dem Beatmungsgerät als er eigentlich müsste.

Kliniken optimieren Rechnungen auch aus finanzieller Not

Ein weiterer Ansatzpunkt sei aber, so Hustadt, auch die ökomische Not vieler Krankenhäuser. Und die hat ganz viel damit zu tun, dass die Länder seit Jahren ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, die Kliniken mit dem nötigen Geld für Investitionen auszustatten.

„Alle diese Faktoren führen dazu, dass das Ziel der richtigen und gerechten Vergütung im Krankenhaus verfehlt wird“, sagt Hustadt. Leidtragende seien alle Kliniken, die korrekt abrechnen. Zudem binde die wachsende Zahl der Prüfungen Personal und Geld, das am Ende für die Versorgung der Patienten fehlt.  Die Politik müsse bestehende Fehlanreize beseitigen, fordert er.

Aber wie? Der Bundesrechnungshof hat dazu bereits im vergangenen Sommer eine Mitteilung an das Bundesgesundheitsministerium gemacht. Darin schlägt er neben strafferen und systematischeren Prüfverfahren vor, dass in Zukunft auch Krankenhäuser bei fehlerhaften Rechnungen Strafe zahlen müssen.

Für angemessen hält er einen Strafzuschlag von 50 Prozent auf die zu viel abgerechnete Summe. Der MDK Nordrhein will es erst mal im Guten versuchen: „Wir suchen das Gespräch mit den Kliniken und laden in diesem Jahr die Medizin-Controller der 175 Krankenhäuser in unserem Zuständigkeitsbereich zum Gespräch ein.“

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