Gesundheitswesen Krankenkassen, Ärzte und Ministerium erzielen Durchbruch bei digitaler Patientenakte

In einer Absichtserklärung regelt die Gesundheitsbranche den Weg zur Patientenakte in einer App. Medizinische Daten könnten so leichter verwaltet werden.
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Ärzte nutzen ein Tablet bei der Besprechung eines Patienten. In anderen Ländern ist das bereits Standard. Quelle: DigitalVision/Getty Images
Digitale Patientenakten

Ärzte nutzen ein Tablet bei der Besprechung eines Patienten. In anderen Ländern ist das bereits Standard.

(Foto: DigitalVision/Getty Images)

BerlinDie Digitalisierungspläne von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) haben einen großen Schritt nach vorne gemacht. Krankenkassen und Ärzte einigten sich bei Verhandlungen mit dem Ministerium auf ein Grundkonzept für die elektronische Patientenakte, die allen gesetzlich Versicherten bis spätestens 2021 zur Verfügung stehen soll.

In einer Absichtserklärung, die dem Handelsblatt vorliegt, verabredeten die Akteure im Gesundheitswesen jetzt gemeinsame digitale Standards. „Ein Zurück ohne Gesichtsverlust gibt es nicht“, sagte AOK-Chef Martin Litsch dem Handelsblatt.

Für die Chefin des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), Doris Pfeiffer, verdeutlicht die Einigung, dass Ärzte und Kassen „gemeinsam an dem weiteren Auf- und Ausbau des sicheren Gesundheitsnetzes und seiner Anwendungen arbeiten“.

Es ist jetzt 15 Jahre her, dass die damalige rot-grüne Bundesregierung den Versuch unternahm, das papierlastige Gesundheitssystem in die Zukunft zu befördern. Dem Gesetzgeber schwebte eine Chipkarte vor, auf der die medizinischen Daten der Patienten gespeichert werden können. Auf die Informationen sollten Ärzte, Krankenhäuser oder Apotheken über ein abgeschirmtes Netzwerk zugreifen können, das den sperrigen Namen Telematikinfrastruktur trägt.

15 Jahre sind in der Zeitrechnung der Digitalisierung eine Ewigkeit. Vor allem, wenn in dieser Zeit so gut wie nichts passiert. Es gebe kaum einen Bereich, „in dem noch so viel gefaxt wird wie im Gesundheitswesen“, klagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kürzlich im Interview.

Bis spätestens 2021, so seine Ansage, sollen alle Versicherten eine elektronische Patientenakte nutzen und auf die Daten auch über mobile Geräte wie Smartphones zugreifen können. Der „Letter of Intent“ sieht eine Aufgabenteilung vor: Die Gesellschaft zum Aufbau der Telematikinfrastruktur (Gematik) soll grundlegende technische Standards und einheitliche Schnittstellen definieren. Darauf setzen die Kassen mit ihren Patientenakten auf.

Ein Arbeitskreis, der vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) koordiniert wird, legt die Struktur der Digitalakten fest. Neben einem Standardbereich für medizinische Daten wie Arztbefunde oder Röntgenbilder soll es einen Kassenbereich für Quittungen oder Informationen zu Bonusprogrammen geben.

Schließlich sollen auch die Versicherten ein eigenes Fach bekommen, in dem sie beispielsweise Fitnessdaten hinterlegen können, die sie mit einer Smartphone-App messen.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Aufgabe, Details zur Speicherung der medizinischen Daten „im Benehmen“ mit anderen Leistungserbringern wie den Krankenhäusern sowie dem GKV-Spitzenverband festzulegen. Die Formate sollen sich dabei an internationalen Standards orientieren. Die Datenhoheit liegt bei den Patienten: Sie entscheiden, wer auf welche Informationen zugreifen darf.

Ergebnisse bis zum Jahresende

Bis zum Jahresende möchte Spahn Ergebnisse sehen. Dem Vernehmen nach hat er intern deutlich gemacht, dass er die Ausgestaltung der elektronischen Patientenakte selbst regeln wird, sollte die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen bei der Digitalisierung weiter auf der Bremse stehen.

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Auch in seinem Handelsblatt-Interview sagte der Minister: „Verzögerungen akzeptieren wir nicht länger.“ Die Vernetzung der auf Ärzte, Krankenhäuser und Kassen verstreuten Patientendaten ist in Deutschland schwer im Verzug. Die Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte und der Aufbau des Datennetzes verschlangen seit 2004 mehr als 2,7 Milliarden Euro.

Die mehr als 70 Millionen Kassenpatienten in Deutschland tragen die Chipkarte bereits seit Jahren mit sich herum, ohne dass sie davon einen Mehrwert hätten.

Ab 2019 sollen Ärzte mit der Karte immerhin die Stammdaten der Patienten, also etwa Anschrift, Versichertennummer und -status, online abgleichen können. Der dafür nötige Anschluss der Praxen an das von der Gematik aufgebaute Datennetz läuft aber nur schleppend.

Aktuell sind lediglich zwei zugelassene Lesegeräte für die Gesundheitskarte am Markt erhältlich. Ende September räumte Spahn den Ärzten eine weitere Fristverlängerung bis Mitte 2019 ein. Erst dann müssen sie mit finanziellen Sanktionen rechnen, wenn sie an die Telematikinfrastruktur nicht angebunden sind.

Über die Gesundheitskarte sollen später auch die verschriebenen Medikamente, medizinische Notfalldaten sowie schließlich die elektronische Patientenakte einsehbar sein.

Diese Pläne scheinen aber von der Realität überholt: Als die Gesundheitskarte erdacht wurde, war Apple mit seinem iPhone noch einige Jahre von der Marktreife entfernt. Mittlerweile gehören Smartphones zum Alltag vieler Bürger.

Auch Spahn glaubt, dass sich beim Zugriff der Patienten auf ihre Daten am Ende die App-Lösung durchsetzen wird. Die Telematikinfrastruktur will der Minister weiter als sichere Datenautobahn nutzen, nur die Anschlussstelle soll sich ändern.

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