Gewalt-Skandal in der Bundeswehr „Lasst die liegen, die sind nur ohnmächtig, nicht tot!“

Der Gewalt-Skandal von Pfullendorf erinnert an längst vergangene Zeiten bei der Bundeswehr. Während in der Kleinstadt über die Vorgänge noch gerätselt wird, stellen Politiker kritische Fragen an die militärische Führung.
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Wegen zweifelhafter Aufnahmerituale in der Staufer-Kaserne bei Pfullendorf sind Ermittlungen gegen mehrere Soldaten eingeleitet worden. Quelle: dpa
Staufer-Kaserne Pfullendorf

Wegen zweifelhafter Aufnahmerituale in der Staufer-Kaserne bei Pfullendorf sind Ermittlungen gegen mehrere Soldaten eingeleitet worden.

(Foto: dpa)

Pfullendorf Die Anfahrt durch einen Wald endet vor schweren Eisentoren. „Militärischer Sicherheitsbereich, unbefugtes Betreten verboten!“ heißt es auf einem Schild, daneben steht zur Sicherheit nochmal „Stop“. Wer keine Berechtigung hat, in die Pfullendorfer Staufer-Kaserne hineinzufahren, kommt hier nicht weiter. Hinter den Toren soll es zu Gewalt-Exzessen gekommen sein, die die Bundeswehr erschüttern und Fragen aufwerfen.

Zum Beispiel: Wie konnten sexuelle Nötigung, Mobbing, Misshandlungen und Demütigungen an einem Elite-Standort lange weitgehend unentdeckt bleiben? Und: Hat die militärische Führung inklusive Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) angemessen reagiert und informiert? Bundestags-Fachpolitiker von SPD und Grünen meldeten am Sonntag schon mal Zweifel an. Der Verteidigungsausschuss des Bundestages soll der Sache demnächst auf den Grund gehen.

Mali überholt Afghanistan
Bundeswehr in Mali
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Der Bundestag hat die Ausweitung des Bundeswehreinsatzes im westafrikanischen Mali beschlossen. Bereits an diesem Freitag beginnt die Verlegung acht deutscher Kampf- und Transporthubschrauber in den gefährlichen Norden des Krisenstaates. Fünf Gründe, warum Mali damit das wichtigste Einsatzgebiet der Bundeswehr wird.

Truppenstärke:
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Künftig können bis zu 1000 Soldaten an der UN-Mission zur Umsetzung des Friedensabkommens für Mali teilnehmen. Bisher waren es maximal 650. Hinzu kommen bis zu 300 Soldaten, die im Süden des von islamistischen Rebellen terrorisierten Landes die Armee ausbilden. Damit werden in Mali bald so viele Soldaten stationiert sein wie in keinem anderen Land der Welt. In Afghanistan, dem bisher größten Einsatz, liegt die Obergrenze bei 980 Soldaten. Einst waren es dort mehr als 5000.

Rückzug aus Afghanistan
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Der Einsatz im Hindukusch gilt als Auslaufmodell. Die Nato hat dort den Kampf gegen die radikalislamischen Taliban der einheimischen Armee überlassen. Die internationalen Truppen sind nur noch zur Beratung und Ausbildung da. Die meisten der gut 900 deutschen Soldaten werden selbst dafür nicht mehr eingesetzt, sondern betreiben nur noch das Feldlager in Masar-i-Scharif. Hinzu kommt, dass die Fortsetzung des Einsatzes ganz und gar von den USA abhängt, die den größten Teil der Nato-Truppe stellen. Sollte also US-Präsident Donald Trump den Abzug seiner Truppen anordnen, dann ist Schluss am Hindukusch.

Europas Verantwortung
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In Mali ist das ganz anders. Die Amerikaner haben es seit Beginn der Krise den Europäern und Afrikanern überlassen, die Probleme in den Griff zu bekommen. Als der Norden Malis 2012 in die Hände von Rebellen fiel, intervenierte Frankreich. Um die Ausbildung der malischen Armee kümmert sich jetzt die EU. Und an der UN-Friedensmission sind zwar überwiegend Afrikaner beteiligt. Aber hochwertiges Gerät wie Drohnen und Hubschrauber samt Personal stellen Länder wie Deutschland und die Niederlande.

Verantwortung in den vereinten Nationen
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Deutschland ist lange Zeit für mangelndes Engagement in UN-Friedensmissionen kritisiert worden. Die einzige größere Beteiligung an einem Einsatz der Vereinten Nationen gab es bisher bei der Kontrolle des Waffenschmuggels vor der libanesischen Küste. Aber auch dort sind nur 130 deutsche Soldaten eingesetzt. In Mali kann Deutschland jetzt zeigen, dass es auch in den UN bereit ist, mehr militärische Verantwortung zu übernehmen.

Flüchtlingsrouten
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Das ist vielleicht der wichtigste Grund für die große Bedeutung des Mali-Einsatzes: Durch Mali und das Nachbarland Niger laufen die wichtigsten Flüchtlingsrouten zur libyschen Mittelmeerküste. Die Bekämpfung von Fluchtursachen hat in der deutschen Sicherheitspolitik eine sehr hohe Priorität. Deswegen war im vergangenen Jahr auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schon in der Region und besuchte auch Mali. Sie hat Afrika zu einem Schwerpunktthema der laufenden deutschen G20-Präsidentschaft erklärt. Der Kontinent ist also inzwischen ganz klar Chefsache.

Laut „Spiegel Online“, das den Skandal am Freitagabend publik gemacht hatte, gab es bereits 2015 erste Hinweise auf Verfehlungen bei der Ausbildung sowie Mobbing gegen Frauen in der Kaserne bei Sigmaringen. Wo eigentlich nationale und internationale Spezialkräfte für ihren Einsatz geschult werden sollen, kam es dem Bericht zufolge zu „sexuell-sadistischen Praktiken“ und Gewaltritualen.

Am Wochenende sind die Vorwürfe im Zentrum der Kleinstadt Thema Nummer eins. „Es ist eine Schande, was da passiert ist“, sagt eine Anwohnerin. Allerdings blieben die Soldaten des Ausbildungszentrums meist unter sich, in der Stadt bekomme man nicht viel von ihnen mit.

Ein Imbiss-Mitarbeiter in der schmucken Altstadt kennt einige Soldaten, die öfter bei ihm essen. Er warnt zwar vor einem Generalverdacht: „Nur weil ein paar Mist gebaut haben, müssen ja nicht alle gleich schlecht sein.“ Andererseits: „Wenn von der Leyen sich einschaltet, muss ja auch was dran sein.“ Die Ministerin nennt die Vorfälle „abstoßend“ und „widerwärtig“ - sie verletzten „auf das Schwerste die Grundsätze der Inneren Führung“.

Nicht nur in Pfullendorf schwirren Fragen umher, was sich hinter den Kasernenmauern an Unappetitlichkeiten abgespielt hat. Nach den „Spiegel“-Informationen wandte sich im Oktober ein weiblicher Leutnant aus dem Sanitätsbereich an den Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels und auch direkt an von der Leyen. Die Soldatin soll beschrieben haben, dass sich Rekruten bei der Ausbildung vor den Kameraden nackt ausziehen mussten. „Vorgesetzte filmten mit, angeblich zu Ausbildungszwecken“, heißt es. Auch von medizinisch unsinnigen, sexuell motivierten Übungen sei die Rede.

„Du bist so dumm, erschießen sollte man dich“
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