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Gewerkschaften Der neue Mr. Verdi will die Arroganz der Macht überwinden

Mit großem Vertrauensvorschuss wählt der Verdi-Bundeskongress Frank Werneke zum neuen Vorsitzenden. Er muss jetzt aus dem Schatten seines Vorgängers treten.
24.09.2019 - 18:41 Uhr Kommentieren
Der kleine und der große Frank: Frank Werneke (l.) mit seinem Vorgänger Frank Bsirske. Quelle: dpa
Der neue und der alte Verdi-Chef

Der kleine und der große Frank: Frank Werneke (l.) mit seinem Vorgänger Frank Bsirske.

(Foto: dpa)

Berlin Der eine Frank geht, der andere Frank kommt. Frank Werneke wird künftig die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi führen. Die rund 1000 Delegierten des Bundeskongresses in Leipzig wählten den 52-jährigen Ostwestfalen am Dienstag mit 92,7 Prozent der Stimmen zum Nachfolger des langjährigen Vorsitzenden Frank Bsirske, der seit der Verdi-Gründung 2001 an der Spitze gestanden war. er verabschiedet sich nun in den Ruhestand.

Er sei mit Stolz Gewerkschafter, weil er im Betrieb erlebt habe, „wie Kollegialität entsteht“ und wie im Kollektiv „die Arroganz der Macht überwunden und gebrochen werden kann“, sagte Werne in seiner kurzen Vorstellungsrede vor den Delegierten, die mit eher verhaltenem Applaus bedacht wurde.

„Ich bin Gewerkschafter geworden, weil ich Unrecht überwinden will“, warb Werneke für seine Wahl. Er werde sich an der Spitze der Gewerkschaft für eine angemessene Besteuerung der Reichen, gegen Niedriglöhne, befristete Jobs oder die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen einsetzen.

Und er wolle einen starken Staat und Sozialstaat, sagte der neue Verdi-Chef, der schon mit 24 Jahren hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär bei der damaligen IG Medien wurde. „Wir wollen Profitgier durch Gemeinwohl ersetzen“, betonte er mit Blick auf die Privatisierung der Pflegebranche.

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    Das Wahlergebnis bedeutet einen erheblichen Vertrauensvorschuss für den Ostwestfalen, der nun erst noch beweisen muss, ob er die Fußstapfen seines prominenten und charismatischen Vorgängers ausfüllen kann. Zu Wernekes Hauptaufgaben wird die Vollendung der Organisationsreform gehören, die Verdi schlagkräftiger machen und wieder näher an die Mitglieder heranführen soll.

    Laut Bsirske ist die Reform eine der „weitreichendsten Veränderungen, die es in den deutschen Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten gegeben hat“. Unter anderem werden die bisher 13 Fachbereiche von Verdi stärker gebündelt, außerdem wird die Arbeit in den Betrieben stärker von der Tarifarbeit getrennt. Wernekes Aufgabe wird es sein, diesen Prozess zu vollenden und nach der Erprobung in drei Pilotbezirken bundesweit umzusetzen.

    Der gelernte Verpackungsmittelmechaniker, der in Schloß Holte-Stukenbrock bei Bielefeld aufgewachsen ist, gehört seit der Verdi-Gründung dem Bundesvorstand an. Seit November 2002 war er einer der beiden Stellvertreter Bsirskes und für die Bereiche Selbstständige, Mitgliederentwicklung, Finanzen und Vermögensverwaltung zuständig.

    Die Rolle des Klassenkämpfers ist noch neu

    In die Rolle des Klassenkämpfers und Rhetorikers, die sein Vorgänger mit Bravour und oft bis an die Schmerzgrenze ausfüllte, muss der neue Verdi-Vorsitzende erst noch hineinwachsen. Auf den Führungswechsel angesprochen, hat er mehrfach betont, dass er in den vergangenen 17 Jahren immer eng und vertrauensvoll mit Bsirske zusammengearbeitet hat.

    Eine grundlegende Neuausrichtung der Gewerkschaft mit ihren noch knapp zwei Millionen Mitgliedern ist vom neuen Vorsitzenden also kaum zu erwarten. Sozialisiert wurde Werneke in der eher linken und kampflustigen IG Medien, wo er die Druckindustrie, die Zeitungsverlage und die Papierverarbeitung verantwortete.

    Er habe erlebt, wie Unternehmen versucht hätten, durch konstruierte Betriebsübergänge „Tarifverträge abzuschütteln wie einen nassen Mantel“, erinnerte sich Werneke vor den Delegierten. Oder wie die Arbeitgeber Streikbrecher per Hubschrauber einfliegen ließen, um den Arbeitskampf zu torpedieren.

    Als die IG Medien dann 2001 in Verdi aufging, kümmerte sich der Gewerkschafter um den Fachbereich Medien, Kunst und Industrie. Wenn Werneke an den bevorstehenden Strukturwandel durch die Digitalisierung denkt, dann nennt er seine Erfahrungen aus der Druckindustrie gerne als abschreckendes Beispiel, wie es nicht laufen sollte.

    „Da haben wir über 15 Jahre einen völlig chaotischen Prozess erlebt mit betriebsbedingten Kündigungen und einer Erosion des Tarifsystems“, sagte er vor seiner Wahl im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bei einer Branche mit in der Hochphase 200.000 Beschäftigten sei das schlimm genug für die Betroffenen, führe aber noch nicht zu gesellschaftlichen Verwerfungen. „Aber wenn die Digitalisierung und die ökologische Transformation in den großen Industrie- und Dienstleistungsbereichen ähnlich chaotisch verlaufen sollte, wäre das für den Zusammenhalt der Gesellschaft problematisch.“

    Es gehört mit zu Wernekes Aufgaben, dafür zu sorgen, dass der Strukturwandel in anderen Branchen weniger chaotisch verläuft. Seine erste große Bewährungsprobe wartet auf ihn in der nächsten Tarifrunde des öffentlichen Dienstes. Hier ist die Verhandlungsführung bei Verdi traditionell Chefsache.

    Größtes Problem ist der Mitgliederschwund

    Werneke wird sich auch daran messen lassen müssen, ob es gelingt, den Mitgliederschwund zu stoppen. Seit der Gründung hat Verdi rund 800.000 Mitglieder verloren. Zwar hat die Dienstleistungsgewerkschaft im vergangenen Jahr 122.000 Mitglieder gewonnen; welche andere Organisation könne das schon von sich sagen, fragt Werneke.

    Doch weil die geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter erreichen, sinkt die Mitgliederzahl unter dem Strich weiter. „Wir brauchen mehr aktive Mitglieder und wir müssen mehr Mitglieder an uns binden“, gab der neue Chef als Marschrichtung aus.

    Werneke, der in Sichtweite der Verdi-Bundeszentrale in Kreuzberg wohnt und anders als sein bei den Grünen engagierter Vorgänger SPD-Mitglied ist, wird künftig von den beiden Stellvertreterinnen Andrea Kocsis und Christine Behle unterstützt.

    Die aus Mülheim an der Ruhr stammende Kocsis ist seit 2007 Vizevorsitzende von Verdi und wurde mit 91,5 Prozent der Delegiertenstimmen wiedergewählt. Sie leitete zuletzt den Fachbereich Postdienste, Spedition und Logistik sowie die tarifpolitische Grundsatzabteilung.

    Zur neuen stellvertretenden Vorsitzenden wurde mit 91,1 Prozent der Stimmen Christine Behle gewählt, die seit 2011 dem Verdi-Bundesvorstand angehört und bisher den Fachbereich Verkehr geleitet hatte.

    52 Prozent der Verdi-Mitglieder sind Frauen, doch hatte sich keine Frau gefunden, die für den Spitzenposten in der Gewerkschaft kandidieren wollte. Als Folge der Organisationsreform und der Bündelung von Fachbereichen wird der Verdi-Bundesvorstand von 14 auf neun Mitglieder verkleinert.

    Neu in den Vorstand eingezogen ist Christoph Schmitz, ehemaliger „Bild“-Redakteur, Pressesprecher von Verdi und zuletzt Leiter des Grundsatzbereichs und Sekretär des Bundesvorstands. Er vertritt künftig die bisherigen Fachbereiche Finanzdienstleistungen, Ver- und Entsorgung, Medien, Kunst und Industrie sowie Telekommunikation und Informationstechnologie im Bundesvorstand.

    Mehr: Was sich der neue Verdi-Chef zu Herzen nehmen sollte

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