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Globale TrendsKernbrennstäbe aus Tomsk: Die unglaubliche Abhängigkeit Europas von Russland

Trotz Putins Krieg hält Frankreich unbeirrt an enger Kooperation mit Rosatom fest. Das Bundesumweltministerium fordert erstmals Sanktionen. Diese Wende ist überfällig.Thomas Hanke 31.10.2022 - 11:05 Uhr Artikel anhören

Handelsblatt-Autor Thomas Hanke analysiert in der Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt.

Foto: Klawe Rzeczy

Atomkraft erscheint manchen als Alternative zu russischem Gas. Doch Strom aus Kernkraft führt Europa vom Regen in die Traufe. Einer Studie des österreichischen Umweltbundesamts zufolge „erhöht die Nutzung der Kernenergie keineswegs die Versorgungssicherheit, sondern hat die Betreiberstaaten in eine Abhängigkeit von Russland gebracht“.

Einen großen Unterschied zu anderen Energien gibt es allerdings: Der Atomsektor ist von allen EU-Sanktionen ausgenommen, „auf französisches Betreiben hin“, heißt es in der Bundesregierung.

Alle Wege führen nach Moskau, wenn es um Betrieb und Neubau von Atomkraftwerke geht. Rosatom und seine 300 Tochterunternehmen betreiben und bauen weltweit mehr Atomkraftwerke (AKW) als irgendein anderer Staat.

Von russischem Uran sind in der EU der Wiener Studie zufolge „Bulgarien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien zu 100 Prozent abhängig“, die EU insgesamt zu 20 Prozent – das ist mehr als der russische Anteil an der Gasversorgung. Rund die Hälfte des von Rosatom angereicherten Urans landet in EU-Ländern und Großbritannien.

Seinen Erfolg verdankt das Unternehmen geschickten internationalen Allianzen, vor allem mit Frankreich. Mit dem staatlichen Versorger EDF, dem Brennstofflieferanten Orano und dem Anlagenbauer Framatom, der auch die französische Nuklearrüstung trägt, hat Rosatom in den vergangenen Jahren unzählige Abkommen geschlossen.

Einer der Geschäftsführer von Rosatom Western Europe studierte sogar an der zum französischen Militär gehörenden Elitehochschule Ecole Polytechnique.

Aus der engen Kooperation resultiert eine Abhängigkeit, die vierfacher Art ist: Erstens bezieht Frankreich angereichertes Uran aus Russland, oft über die Framatom-Tochter ANF im norddeutschen Lingen. Allein zwischen März 2020 und September 2022 trafen dort 26 Lieferungen von Uran-Pellets und dem Vorprodukt Uranhexafluorid ein.

Zweitens exportiert Frankeich abgebranntes Uran aus seinen AKWs nach Russland, teils über Lingen. Im russischen Tomsk wird es erneut angereichert, weil Orano selbst keine derartige Anlage hat. Der frische Brennstoff kommt in den stärksten EDF-Reaktoren zum Einsatz, die gerade modernisiert werden.

„Die Verträge sehen meist vor, dass der nicht mehr zu verwendende Teil, mengenmäßig das meiste, in Russland verbleibt“, sagt ein Kenner der Materie. Abgeschieden wird auch waffenfähiges Plutonium.

Die EU verbietet den Export von Atommüll, doch abgereichertes Uran gilt als Wertstoff: eine geschickte Umgehung, die Frankreichs aus den Nähten platzende Zwischenlager entlastet. Orano hat Anlagen für die Konditionierung von abgereichertem Uran in Russland gebaut.

Die dritte Form der Abhängigkeit: Rosatom nimmt Framatom, EDF oder auch Schneider Electric mit, wenn es im Ausland neue AKWs baut. Die Franzosen können dann Turbinen, Steuerungstechnik oder Sicherheitseinrichtungen liefern. Für im Bau befindliche Reaktoren in Ungarn und Ägypten steuern Framatom und Siemens die Leittechnik bei.

„Französische Unternehmen beteiligen sich am Bau russischer Reaktoren und verdienen gut daran“, beobachtet Roger Spautz von Greenpeace Frankreich. Frankreich zeigt sich dankbar: 2018 haben Rosatom und Framatom vereinbart, dass die Franzosen einer Rosatom-Tochter dabei helfen, EU-Zertifizierungen zu erhalten.

Eine vierte Abhängigkeit entsteht gerade: Im vergangenen Jahr haben Air Liquide und EDF mit Rosatom abgesprochen, „grünen“ Wasserstoff herzustellen, in Frankreich, Russland und anderswo. EDF sagte dem Handelsblatt, man lasse das Abkommen vorübergehend ruhen.

Die russische Energiestrategie ist clever

Clever besetzen die Russen also einen weiteren Schlüsselsektor für Europas Energieversorgung. Mit dem Bau von Magneten für Windräder, einer raren Komponente, haben sie ein weiteres Ass im Ärmel.
Framatom weigerte sich trotz mehrfacher Nachfrage, zu seinen Kooperationen mit Rosatom Stellung zu nehmen. Anders die deutsche Rosatom-Tochter Nukem, die 125 Mitarbeiter hat. Deren Geschäftsführer Thomas Seipolt sagte dem Handelsblatt: „Seit dem Beginn des Ukrainekrieges wurde nur eine verschwindend geringe Zahl von Aufträgen storniert.“

Um die Kooperation mit den Russen zu festigen, wollte Framatom ihnen sogar eine Beteiligung an ihrem deutschen Werk in Lingen verkaufen. Die Bundesregierung machte informell klar, sie halte das für keine gute Idee. Offiziell läuft der Antrag aber noch.

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Rosatom ist auch an der russischen Atomrüstung beteiligt und an Putins Raubkrieg in der Ukraine, wo russisches Personal das Atomkraftwerk Saporischschja besetzt hält. Staatspräsident Emmanuel Macron, der in seiner Rhetorik mehr Souveränität der EU fordert, hält dennoch am Pakt mit Rosatom fest.

Die Bundesregierung dagegen geht inzwischen auf Abstand: Das Bundesumweltministerium sagte dem Handelsblatt, es sei für „die Erweiterung der EU-Sanktionsmaßnahmen auf die kerntechnische Industrie Russlands. Dies wird mit den europäischen Partnern abzustimmen sein.“ Das wäre eine überfällige politische Wende.

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