GroKo-Bekämpfer Schulz-Posse überlagert No-GroKo-Tour von Juso-Chef Kühnert

Juso-Chef Kevin Kühnert startet seine landesweite Kampagne gegen die Große Koalition – und wird immer wieder vom Postengeschacher seiner Partei unterbrochen.
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Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert spricht vor Journalisten. Quelle: dpa
Jusos starten Kampagne zum Mitgliederentscheid

Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert spricht vor Journalisten.

(Foto: dpa)

PirnaFünf Kamerateams stürmen auf den roten VW Caddy zu, als die jüngste Hoffnung der Sozialdemokratie sich auf die kopfsteinbepflasterte Straße schwingt. Kevin Kühnert baut sich entspannt vor den Linsen auf, schwarze Jacke, schwarzer Schal, dunkelblaue Adidas-Sneakers. Die Hände lässt der 28-Jährige vergraben in seiner dunkelblauen Jeans, nur die Daumen schauen aus den Taschen heraus.

Eigentlich wollte der Juso-Chef heute in Pirna, östlich von Dresden und nahe Tschechien, Werbung für seine Kampagne gegen die Große Koalition machen, seine „No-GroKo-Tour“. Doch in den vergangenen Tagen drehte sich bei der SPD nun mal alles ums Personal. Es ist Freitagmorgen, noch gibt es nur Gerüchte darüber, dass der Parteivorstand Martin Schulz zum Verzicht aufs Außenministeramt drängen will. „Die SPD hat jetzt eine Personaldebatte zum ungünstigsten Zeitpunkt“, sagt Kühnert mit ruhiger, aber klarer Stimme. Die Mitglieder sollten beim Votum Anfang März eigentlich über Inhalte abstimmen. Nun werde diese Debatte überlagert. Er appelliere an alle, auch an die Parteispitze, „jetzt mal das eigene Ego zurückzustellen“. Die Mitglieder bräuchten nun Freiraum, um den Koalitionsvertrag zu bewerten. Er jedenfalls wolle nicht stundenlang Personaldebatten führen, sondern über Inhalte sprechen.

Und das tut er dann auch in Pirna, ohne Kameras. Als Startpunkt seiner Rallye durch die Republik hat er sich das Internationale Begegnungszentrum ausgesucht, direkt im Zentrum der Altstadt. Seit Mitte 2016 engagieren sich Ehrenamtliche hier für Asylsuchende, geben Deutschkurse für alle, die vom Amt keinen Schein für die Integrationskurse bekommen, oder für Frauen mit Kindern, Betreuung inklusive. An den Wänden hängen Fotos aus Myanmar, Reisfelder, eine bunt gekleidete Frau vor einem Tempel, die Fensterscheiben sind noch mit Weihnachtsmotiven bemalt.

Kühnert, grauer Pulli mit V-Ausschnitt, schwarzes Shirt darunter, hat an einem der Holztische Platz genommen. Er versinkt geradezu in dem kleinen Stuhl, hinter ihm steht eine grüne Tafel. Kühnert sieht jetzt aus wie ein Schüler, der zum Gespräch beim Direktor bestellt wird. Doch der Eindruck täuscht. Er ist gut vorbereitet, stellt viele Fragen, nickt, hört aufmerksam zu. Kühnert, erst seit Ende November Bundesvorsitzender der Jusos, seit 2015 deren Vize, spricht klare Worte, nicht verschwurbelt, wirkt locker.

Projektleiterin Marianne Thum erzählt von den Migranten aus Syrien oder Eritrea, die sich in Pirna nicht wohl fühlen. Von Beleidigungen, von Mitbürgern, die die Neuankömmlinge schief anschauen. „Wenn sie anerkannt sind, gehen sie meist in die großen Städte, nach Dresden, Chemnitz oder auch ins Ruhrgebiet, wo vielleicht schon Freunde und Familie auf sie warten“, erklärt Thum. „Sie wissen, dass es ihnen dort besser geht. Da fallen sie nicht so auf.“

Frauke Petry holte hier, im Wahlkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, bei der Bundestagswahl 37,4 Prozent der Erststimmen, gewann das Direktmandant, damals noch für die „Alternative für Deutschland“. Ihr Büro ist nur ein paar hundert Meter weiter. Nun ist die Angst auch bei Marianne Thum und ihren Kolleginnen groß, dass die rechten Parteien bei der nächsten Kommunalwahlen nochmals zulegen können, die AfD vielleicht sogar die Mehrheit bekommt.

Auch deswegen ist Kühnert heute nach Pirna gekommen. Er will den Kitt finden, der die Gesellschaft wieder zusammenklebt, wie er selbst sagt. Aber erstmal muss er Scherben zusammenfegen: Der Kandidat der SPD brachte es bei der Wahl im September auf kümmerliche 7,2 Prozent der Stimmen, auch bei den Zweitstimmen kam die Partei nicht über acht Prozent. Kühnert will in den kommenden Tagen und Wochen dorthin gehen, „wo es wehtut“, sagt er.

Donnerstag bis Sonntag ist er jetzt in den kommenden Wochen unterwegs, quer durch die Republik. Zwei bis drei Tage ist er nur noch in Berlin, im Büro einer Berliner Landesabgeordneten. „Ich muss ja auch irgendwann nochmal arbeiten“, sagt er beim Marsch durch Pirnas Fußgängerzone auf dem Weg zum SPD-Bürgerbüro. Dazu kämen dann noch Termine in der Kommunalpolitik. Nervt ihn der Rummel schon, die ständigen gleichen Fragen? „Nein, das gehört nun mal dazu“, sagt er. „Sonst hätte ich mir ein anderes Hobby suchen müssen.“

Im Bürgerbüro nimmt er wieder an einem Tisch Platz. Links und rechts sitzen zwei Dutzend Jusos, dazwischen ein paar ältere Genossen. Direkt vor Kühnert haben MDR, Reuters und „Welt“ ihre Mikrofone aufgebaut. Es sind noch mehr Journalisten da als beim ersten Termin. „Jetzt mal alle nach hinten“, schreit ein Kameramann, der kein vernünftiges Bild vor die Linse kriegt. „Das ist doch scheiße so“. Kühnert lächelt und sagt: „Da sag noch mal einer, es wird nur in der SPD gestritten.“

An der Wand gegenüber hängt noch ein Wahlplakat, drei Mädchen spielen und lachen zusammen, umrahmt von einem Herz, darüber der Satz: „Meine Stimme für Vernunft“. Wenn es nach Kühnert geht, wäre die Stimme der Vernunft das entschiedene „Nein“ der Mitglieder zur Neuauflage der Großen Koalition. Selbstverständlich seien auch gute Punkte drin im Vertrag, die SPD habe nicht schlecht verhandelt, gerade was die Zuschnitte der Ressorts angeht. „Aber wenn man sich das Papier genauer anschaut, sieht man einen Webfehler, den wir schon aus der letzten Großen Koalition kennen“, meint Kühnert. „Wenn es ans Konkrete geht, dann wird es schwammig.“

Es seien schon wieder 100 Prüfaufträge drinnen, zig Kommissionen, die eingesetzt werden sollen. So gehe das seit zwölf Jahren unter Angela Merkels Kanzlerschaft. „Zwölf Jahre, in denen man etwa keine Antwort auf die Frage bekommt, ob es in 20 oder 30 Jahren noch eine ordentliche Rente geben wird“, sagt Kühnert. Er habe keine Lust mehr, sich diese Tatenlosigkeit der Regierung anzuschauen – und die SPD sollte dabei nicht mitmachen.

Kühnert tritt souverän auf, abgeklärt, wie ein Profi. Wer kurz die Augen schließt und nur seiner Stimme lauscht, glaubt kaum, dass dieser junge Mann erst seit wenigen Monaten in der ersten Reihe der politischen Bühne steht. Ein Kameramann zeigt plötzlich auf seine Smartwatch: „Eilmeldung“, blinkt dort auf: „Martin Schulz verzichtet aufs Außenministeramt.“ Als er die neueste Wende seiner Partei mitbekommt, kann sich Kühnert ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

„Jetzt wird die Diskussion wieder über eine andere Person gehen“, sagt Kühnert. Nun sei sicher wieder Sigmar Gabriel im Fokus. „Die Personaldiskussionen sollte man jetzt mal sein lassen“, betet Kühnert erneut runter. „Wozu haben wir 170 Seiten Vertrag ausgehandelt, wenn es am Ende nur an der Frage des Außenministers hängen soll.“ Es sei nicht sein Eindruck, dass diese Frage gerade die Menschen in Deutschland bewegt. Das sei jetzt gerade keine Pressekonferenz, mahnt ein Parteisprecher. Am Ende muss Kühnert weiter nach Leipzig, zum nächsten Auftritt. Ein Genosse mit weißem Haar tritt auf ihn zu. „Lieber Kevin“, sagt er. „Du hast ein älteres sozialdemokratisches Herz erwärmt.“

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