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Gründerförderung Bessere Start-up-Finanzierung: SPD fordert Zukunftsfonds für Deutschland

Risikokapital für deutsche Start-ups kommt fast immer aus dem Ausland. Die Sozialdemokraten wollen mit einem Fonds Unternehmen und Talente halten.
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Junge deutsche Unternehmen haben es schwer, in Deutschland das nötige Kapital für ihr Wachstum zu erhalten. Quelle: dpa
Start-ups

Junge deutsche Unternehmen haben es schwer, in Deutschland das nötige Kapital für ihr Wachstum zu erhalten.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, BerlinSeit einigen Wochen ist die deutsche Start-up-Szene um ein Einhorn reicher: Fast eine halbe Milliarde Dollar sammelten die Gründer von Getyourguide, Johannes Reck und Tao Tao, für ihre Berliner Reise-Plattform ein. Die Idee: Vom Kochkurs bis zum Tauchgang mit weißen Haien sollen Touristen einzelne Aktivitäten schon vor der Reise buchen können, ganz bequem im Netz.

Das Unternehmen könnte eine deutsche Erfolgsgeschichte sein. Doch für den kostspieligen Ausbau in der entscheidenden Wachstumsphase fehlte es an deutschen Investoren. Stattdessen kamen die dreistelligen Millionenbeträge aus Asien, vor allem aus dem Vision Fund des japanischen Tech-Investors Softbank.

Um Deutschland als Start-up-Standort zu stärken, fordert die SPD einen Zukunftsfonds nach dänischem Vorbild. Das erklärt Bernd Westphal, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, in seinem Papier „Wachstumsfinanzierung stärken – Zukunftsfonds Deutschland einrichten“, das dem Handelsblatt vorliegt. Westphal könnte mit der Idee eine breite Mehrheit einen. Doch der Fonds birgt auch Risiken.

Mit dem „Zukunftsfonds Deutschland“ fordert Westphal eine Förderung von Investitionen im der Anlageklasse „Wagniskapital“. Der staatlich kontrollierte Dach-Fonds soll sich aus Einlagen von verschiedenen Kapitalsammelstellen wie Versicherungen speisen und daraus in verschiedene Wagniskapitalfonds (Venture Capitalists, VCs) investieren, so das Papier.

Zumindest für einen Teil der möglichen Verluste könnte der Staat eine Art „Bundesgarantie“ abgeben. Das Risiko soll aber so breit gestreut werden, dass das Ausfallrisiko für den Staat gering bleibt.

Versicherungen sitzen auf hunderten Milliarden

Dabei könne das benötigte Kapital aus Versicherungen, Versorgungswerken und anderen Rentenkassen kommen, die hunderte Milliarden etwa aus Lebensversicherungs-Policen anlegen und entsprechende Investments im Gegensatz zu den meist auf einige Jahre angelegten Fonds der VCs auch langfristig tragen können.

Denn bisher können deutsche VCs besonders deshalb keine wirklich großen Beiträgen zur langfristigen Start-up-Entwicklung leisten, weil das Fondsvolumen hierzulande weitaus kleiner ist als in anderen Staaten. Westphal hat bereits konkrete Vorschläge für die Rolle von Versicherern: Sie sollen „sich freiwillig dazu bekennen, bis zu 1% ihres Anlagevolumens in Wagniskapital zu investieren“.  Das wäre möglich, weil die Versicherer nach Westphals Vorschlag weniger Eigenkapital aufbringen müssten – im Zweifelsfall würde die Bundesgarantie greifen.

Die Idee findet breite Unterstützung, auch unter Experten: Die Unternehmensberatung Roland Berger spricht sich schon seit einem Jahr für einen Zukunftsfonds aus. Ein ähnlicher Ansatz von öffentlich garantiertem Venture Capital ist bereits bei der KfW-Tochter KfW Capital sowie der „Tech Growth Fund Initiative“ von Bund und KfW umgesetzt. Insgesamt sei das Investitionsvolumen aber noch nicht groß genug, findet Westphal.

Dafür müssen die Sozialdemokraten kaum Widersacher überzeugen. So wisse man bereits die CDU/CSU-Fraktion auf der eigenen Seite, eine breite Unterstützung für eine Initiative im Parlament scheint also wahrscheinlich.

Schon im Koalitionsvertrag hatten sich SPD und Union auf die Schaffung eines „großen nationalen Digitalfonds“ gemeinsam mit der deutschen Industrie geeinigt. Ein genaues Anfangsdatum oder die Höhe des Fondsvolumen war damals noch nicht festgelegt worden.

„Gründern ist egal, wo das Geld herkommt“

Westphal hält die Umsetzung des Plans für dringend: „Ich sehe die Gefahr, dass zunehmend Start-ups, die sich neu am Markt platzieren, wegen der Versorgungslücke mit Risikokapital einfach abwandern“, sorgt sich der Wirtschaftspolitiker. Auch Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion CDU/CSU, sieht die Schaffung eines Zukunftsfonds als „Voraussetzung dafür, dass Deutschland ein attraktiver Standort für Unternehmensgründungen bleibt“.

Er weist auf die breitere Bedeutung eines Fonds hin: „Deutschland setzt auf Freiheit, nicht auf Protektionismus. Das gilt auch für die Finanzierung von Start-ups. Mehr Wagniskapital in Deutschland ist wünschenswert und immer anzustreben.“ In den nächsten Monaten müsse man nun „ein besonderes Augenmerk“ darauf legen, mit dem bereits existierenden Tech Growth Fund staatliche Finanzierungsinstrumente in der Wachstumsphase zu ergänzen. „Staatliche Aktivitäten wie die KfW Capital sind Instrumente, die dann privatwirtschaftlich zu hebeln sind“, so Pfeiffer. Dafür sei auch Geld aus dem Ausland herzlich willkommen.

Auch beim Bundesverband Deutsche Start-ups findet die Idee Anklang: „Der Zukunftsfonds wäre für Deutschland eine super Lösung, um auch mal die richtig großen Tickets zu schreiben“, meint Paul Wolter, der dort für den Bereich Politik zuständig ist.

Besonders besorgt sieht auch Wolter auf das Abwandern junger Talente ins Ausland: „Für die Gründerinnen und Gründer ist es erst mal egal, wo das Geld herkommt. Aber wollen wir die Ideen, die Leute, die Lizenzen und Patente nicht für uns in der eigenen Volkswirtschaft halten?“

Auch Peter Fricke, Leiter des Venture Networks der Deutschen Börse, spricht in letzter Zeit vermehrt mit Politikern über die Idee eines Zukunftsfonds: „Es herrscht durchweg großer Konsens über die Parteigrenzen hinweg, dass das Dachfonds-Modell für Deutschland eine gute Sache ist. Das hat uns positiv überrascht“, sagt Fricke.

Deutsche haben Angst für Risikoinvestments

Zweifel dürften eher aus einer anderen Richtung kommen – Lebensversicherungsbeiträge für Start-ups? Das klingt erstmal riskant. „Es gibt natürlich Zurückhaltung in der Bevölkerung“, räumt Westphal ein. „Dabei sind die Gründe für die Risikoscheu hierzulande ein Stück weit verständlich“, meint er.

So hätten das Platzen der Dotcom-Blase und das Zusammenbrechen des Neuen Marktes Anfang der 2000er-Jahre sowie die Finanzkrise in Deutschland zu Angst vor Geschäften mit Risikokapital geführt, hinzu käme eine traditionelle Zurückhaltung bei großen Investments in Start-ups mit vergleichsweise unsicherer Zukunft.

 Laut Fricke sei das Risiko bei Investitionen in den Dachfonds aber durchaus breit gestreut, außerdem hätte Risikokapital als Anlageklasse seit 2009 besser abgeschnitten als oft angenommen. Für ihn beginnt der entscheidende Zeitraum demnach erst nach der Finanzkrise. Genau das könnten viele Bürgerinnen und Bürger im Rückblick auf die Finanzkrise kritisch sehen.

Dessen zeigt sich Fricke bewusst: „Die größte Herausforderung bleibt: Wie kann der Staat sicherstellen, dass am Ende nicht der Steuerzahler das Risiko trägt?“ Dennoch findet er: „Unabhängig davon, was am Ende umgesetzt wird: Die gefühlte Sicherheit bei den Kapitalgebern ist letztendlich wichtiger.“

Auch parteipolitisch ist das Vorhaben pikant. Denn es ist zugleich eine Kritik an den eigenen Reihen gegen Finanzminister Olaf Scholz, dessen Haltung gegenüber der Start-up-Szene oft kritisiert wird. Westphal will deshalb zunächst alle Akteure an einen Tisch bringen: „Man muss da eher miteinander als übereinander reden.“

Die EU entscheidet mit

Er wolle zeigen, „dass es eben nicht immer nur um Industrie, sondern auch um solche wirtschaftlichen Strukturen wie Start-ups geht.“ Da sich das Finanzministerium die Verantwortung aber mit dem Wirtschaftsministerium teilt, richtet sich die Initiative auch gegen Wirtschaftsminister Peter Altmaier.

Die ersten Schritte sieht Westphal nun in der Bundespolitik, erst danach müsse man schauen, wie es auch auf europäischer Ebene weitergehe. „Was ist politisch national möglich? Das ist jetzt erst mal die Priorität“, so Westphal.

Auch, wenn der Vorschlag im Bundestag breite Zustimmung findet, hängt die Umsetzung auch von EU-Recht ab. Ob Stabilitäts-Abkommen wie Solvency II, das in Deutschland erst 2016 in Kraft getreten ist, zu ändern sein, „wäre dann auf europäischer Ebene zu prüfen“, so Westphal.

Trotzdem müsse man langfristig auch europäisch denken: „Wir wollen dabei ausdrücklich nicht den Zugang zu ausländischem Kapital und zu ausländischen Märkten begrenzen.“ Denn nach wie vor bräuchten viele Unternehmen auch den globalen Markt, um entsprechend wachsen zu können. Das betont auch Pfeiffer: „Grundsätzlich und selbstverständlich sind auch ausländische Investoren hierzulande willkommen.“

Denn Risikokapital ist knapp in Deutschland, das im internationalen Vergleich weit hinter Staaten wie Israel, den USA, Kanada oder Korea zurückfällt. 2016 wurden hierzulande nur 0,05 Prozent des Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Anlageklasse investiert, allein in Israel war es achtmal so viel.

Doch die Investitionen sind dringend nötig, um die jungen Unternehmen zu fördern und zu halten. Viele Jungunternehmer wandern aus, in die USA, nach Israel und sogar nach China. Und selbst wenn sie in Deutschland bleiben, profitieren von ihrem Erfolg mehr und mehr Fonds aus dem Ausland.

Mehr: Interview mit Getyourguide-Gründer Johannes Reck.

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