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Grüne So stehen Cem Özdemirs Chancen auf den Fraktionsvorsitz

Cem Özdemir will sich zusammen mit Kirsten Kappert-Gonther für den Vorsitz der Bundestagsfraktion bewerben. Das gefällt nicht allen in der Partei.
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Die beiden Bundestagsabgeordneten für Bündnis 90/Die Grünen bewerben sich für den Fraktionsvorsitz. Quelle: dpa
Kirsten Kappert-Gonther Cem Özdemir

Die beiden Bundestagsabgeordneten für Bündnis 90/Die Grünen bewerben sich für den Fraktionsvorsitz.

(Foto: dpa)

Berlin Die Fraktion, so viel ist sicher, wurde kalt erwischt. Knapp drei Tage lang saßen die Abgeordneten vergangene Woche in Weimar zusammen, doch was zwei der ihren ausgeheckt hatten, erfuhren sie erst einen Tag später, als alle schon wieder zu Hause waren.

„Liebe Freundinnen und Freunde“, schrieben die Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther in einem Brief an ihre Kollegen, „wir sind die kleinste Oppositionsfraktion, aber tragen sehr große Verantwortung. Diese Verantwortung wollen wir mit Euch zusammen annehmen und bewerben uns als Team bei Euch als Fraktionsvorsitzende.“

Sollte dieser Zeitpunkt aus taktischen Gründen gewählt worden sein, kam das nicht bei allen Abgeordneten gut an. Im Gegenteil. Dass der langjährige Parteichef Özdemir zurück in die erste Reihe strebt, war zwar nicht überraschend. Doch dass die Fraktion in Weimar zusammensitzt, über eine solche Entscheidung aber kein Wort fällt, das empfinden zumindest einige als irritierend. „Das wird eine sportliche Sache für Özdemir“, heißt es.

Das Rennen gilt bislang als offen. Doch welche Dynamik sich bis zur Tag der Wahl am 24. September ergibt, lässt sich kaum vorhersagen. Tatsächlich sind die Abgeordneten nicht hundertprozentig von ihrer derzeitigen Fraktionsspitze überzeugt. Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter führen die Fraktion seit 2013. Zuletzt, bei der Wahl Anfang 2018, hatten sie ein wenig beeindruckendes Ergebnis eingefahren, und das ohne Gegenkandidaten.

Doch die beiden führen die Fraktion problemlos, ohne große Differenzen und Flügelkämpfe. Göring-Eckardt gehört dem Realo-Flügel an, Hofreiter dem linken. Zudem starteten sie keinerlei Versuche, der Parteispitze - also Annalena Baerbock und Robert Habeck - in die Parade zu fahren, sondern ordneten sich klaglos unter. Die Zusammenarbeit zwischen den Vieren funktioniert.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: seit Monaten stehen die Grünen in Meinungsumfragen mit deutlich mehr als 20 Prozent glänzend da, sie überholten die SPD und wurden zweitstärkste Kraft nach der Union. Bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen steigerten sie sich deutlich, die Europawahlen meisterten sie mit Bravour. Und auch wenn sie bei den Wahlen in Brandenburg und Sachsen schlechter abgeschnitten haben als erwartet, verbuchten sie auch hier mehr Stimmen denn je und könnten in beiden Ländern demnächst mit an der Regierung beteiligt sein.

Özdemir hat viele Anhänger

Den zuletzt so geschlossen auftretenden Grünen steht eine schwierige Entscheidung bevor. Der 53-jährige Özdemir ist einer der profiliertesten Grünen. Bereits 1994 zog der Schwabe mit türkischen Wurzeln in den Bundestag ein, saß später im EU-Parlament und kehrte 2013 in den Bundestag zurück. Zehn Jahre lang, bis Anfang 2018, war er zudem Parteichef der Grünen. Vor den Bundestagswahlen 2017 hatte er jedoch angekündigt, nicht noch einmal für den Parteivorsitz kandidieren zu wollen.

Zweifellos hatte er auf das Amt des Außenministers spekuliert, doch die Sondierungen um eine Jamaika-Koalition zwischen Union, FDP und Grünen platzten. Özdemir musste diesen Traum begraben. Auch seine damaligen Ambitionen auf den Fraktionsvorsitz gab er auf, weil er für sich keine Mehrheit sah. Schließlich wurde er Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Bundestags.

Jetzt schätzt Özdemir seine Chancen offenkundig besser ein. Tatsächlich hat der Oberrealo Özdemir viele Anhänger, und dass er der Fraktion neuen Schwung verleihen könnte, gilt als sicher. Nach außen wäre Özdemir sicherlich auch ein Gewinn für die Grünen, heißt es.

Doch ihm wird nicht selten auch der Vorwurf gemacht, kein Teamplayer zu sein, sondern am liebsten seine eigene Agenda zu verfolgen. Andere wiederum verneinen das, sagen, da werde Özdemir etwas angedichtet. Und doch ist die Befürchtung da, dass mit ihm und Kappert-Gonther, die eher weit links steht, die alten Flügelkämpfe wieder aufleben. Darauf hat niemand mehr Lust.

Allein kann Özdemir nicht antreten, er wäre chancenlos. Die Grünen besetzen ihre Fraktionsspitze mit zumindest einer Frau, die auch zuerst gewählt wird. Außerdem legt die Fraktion Wert darauf, dass beide Flügel vertreten sind. Dass Özdemir Göring-Eckardt ersetzt, und Toni Hofreiter Fraktionschef bleibt, ist also nicht denkbar. Dann gäbe es zwei Männer an der Spitze.

So würde also zunächst Kappert-Gonther gegen Göring-Eckardt antreten und dann erst Özdemir gegen Hofreiter. Wenn Göring-Eckardt bestätigt wird, wird es nichts mit Özdemirs Ambitionen, weil beide dem Realo-Flügel angehören. Warum also ausgerechnet die Bremer Bundestagsabgeordnete das Duo vervollständigt, ist eine offene Frage.

Kappert-Gonther sitzt erst seit zwei Jahren im Bundestag und hat noch keine große Erfahrung vorzuweisen. Sie wird fachlich durchaus geschätzt, ist aber bislang eher blass geblieben. Im linken Flügel jedenfalls ist sie kein Schwergewicht. Trotzdem: die Nervosität ist hoch, in beiden Lagern.

Mehr: Die Grünen werden zum Machtfaktor

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1 Kommentar zu "Grüne: So stehen Cem Özdemirs Chancen auf den Fraktionsvorsitz"

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  • Da drücke ich mal Cem Özdemir die Daumen. Es wird schwer gegen den altkommunistischen Strippenzieher Trittin (und Co.) aber es lohnt sich.

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